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nicht, wo wir Zuflucht nehmen sollten," denn die Türken waren hinter den Haiducken her.
In einem verborgenen Dörfchen fanden sie Aufnahme, und keiner verrieth sie, ja sie erhielten sogar Verstärkung und führten dabei einige gelungene Streiche aus, welche ihr Treiben charak- terisiren. In dem Dorfe Mogila hatte sich ein reicher Tscher- kesse mit zahlreichem Gefolge niedergelassen, wodurch die Bulgaren verdrängt wurden. „Wollten wir überhaupt hier unserer Aufgabe genügen, so hatten wir rasch und energisch vorzugehen. Noch denselben Abend sattelten wir unsere Pferde, überfielen die Tscherkessen in ihrem Lager und brachten ihnen eine vollständige Niederlage bei. Ihr Anführer, der reiche Bey, rettete sich, wenn auch verwundet, mit seinem Sohne durch die Flucht; die übrigen wurden genvthigt, das Dorf zu verlassen und nach Jambol überzusiedeln. Ich darf nicht vergessen anzuführen, daß wir dem Tscherkessen 2000 Stück Polimperial (Fünfrubelstücke in Gold) abnahmen."
Der nächste Streich galt dem Kadhi von Sliwen, Ali Esfendi mit Namen, „welcher vielen Christen Unrecht gethan, viele Wittwen und Waisen beraubt und Groß und Klein in Jammer versetzt hatte." Er sollte aus der Welt befördert werden. Nächtlicherweile versammeln sich nun die Haiducken im stillen Zigeunerquartier Sliwens, rücken vor das Haus des Kadhi, reißen die Mauer ein, dringen in das Harem und knebeln den Mann, seine Frauen und Kinder. „Dann nahmen wir alles, was uns vor Augen kam, Geld, viele Geräthe von Silber und Gold und einige Säckchen mit Dukaten. Meine Meinung ging nun dahin, daß wir den Kadhi selbst sammt Weibern und Kindern, die ganze Hausgenossenschaft, tödten müßten, weil, wenn wir sie leben ließen, sehr leicht der eine oder andere unserer Kameraden von ihnen erkannt und dem Gericht angezeigt werden könnte; meine Freunde waren aber von der Zahl derer, die gern verdienen, ohne einen Einsatz zu wagen. Sie waren gewohnt mit Gleichmuth zuzusehen, wenn die Türken unser einen umbrachten, selbst aber einen Türken niederznstcchen hatten sie Angst." So ließ man den Kadhi am Leben. Diese beiden, wörtlich nach Panajots Auszeichnungen mitgetheilten Ueberfälle beweisen aber auf das schlagendste, wie gemeines Räuberwesen sich in das bulgarische Haiduckenthum hineindrängt.
Natürlich wurden die Türken nun aufmerksam und sandten Militär gegen die Haiducken aus, die alle Wochen zwei- oder dreimal Kämpfe zu bestehen hatten. In einem solchen zwischen Tiruowa und Elena — den jetzt so viel genannten Orten — fiel Georg Trhnkin, der Wojwode der Bande, die nun an seiner Statt den Panajot zu ihrem Führer erwählte, nachdem „der theure Held" der Erde übergeben war. Die ganze Gesellschaft bestand aus zwölf Mann, lauter rüstigen jungen Leuten, von denen der Führer selbst schreibt: „In der That war meine Bande, von deren Mitgliedern die Stadt Sliwen und ihre nächste Umgebung das stärkste Contingent geliefert hatte, damals einer Schnur erlesener Perlen zu vergleichen." Für den Unterhalt brauchte sie nicht groß zu sorgen, denn die Bulgaren an der Südseite des Balkans unterstützten die Haiducken, in denen sie ihre Rächer gegenüber den Türken sahen, nach Möglichkeit. Einmal kam Panajot in ein Dorf und sprach einen Bauern um etwas Mehl und Käse an, und als er, nachdem sein Sack gefüllt war, dafür bezahlen wollte, wehrte der Bauer ab und sagte: „Du hast es nöthiger als ich; Gott gebe Dir Heil und Gesundheit." Andere unterstützten ihn mit Geld, damit er Pulver für seine Leute kaufen könne.
Bald ergaben sich dem neuen Haiduckenwojwoden Gelegenheiten, bei denen er sein Rächeramt ausüben konnte. Am Maraschkaflusse hatte die Regierung eine Kolonie Krimtatarcn auf bulgarischem Gebiete angesiedelt, die sich als Mohammedaner allerlei Uebergriffe gegen die Christen erlaubten. Gegen sie rückte Panajot heran und stellte sie zur Rede; wie sie sich erfrechen könnten, Geldstrafen von den Bulgaren zu erheben. Als nun Streit ausbricht, läßt unser Haiduck seine Gewehre sprechen; sechszehn Tataren werden erschossen, zehn verwundet. Ein anderer Fall: Türkische Gendarmen haben die Hochzeitsfeier eines armen Bulgaren überfallen und dabei allerlei
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Schändlichkeiten begangen. Auch hier wirft sich Panajot zum Rächer auf. Doch an wem übt er das Wiedervergeltungsrecht? Etwa an dem Gendarmen — nein, an beliebigen anderen Türken; er will „die gestimmte Nation" für die Schandthat einzelner züchtigen. Wie er das machte, erzählt er selbst.
„Es kamen eben einige in der nördlichen Bulgare! ansässige Türken von Karnabad zurück, die sich über das Gebirge in ihre Heimat begeben wollten. Dieselben fielen bis auf den letzten Mann und hinterließen uns 36000 Piaster (6000 Mark). Ich darf hier nicht unerwähnt lassen, daß wir im Laufe von drei Tagen gegen sechszig des Weges ziehende „Gläubige" umbrachten." Natürlich handelt es sich um Meuchelmorde, nichtsdestoweniger moralisirt Panajot viel über die Ehrenhaftigkeit seines Berufes und läßt einen alten Haiducken sagen: „Wir sind von Gott gesandt, um die Armuth zu beschützen und die Uebelthäter zu züchtigen; deshalb aber müssen wir auch ehrsam sein, gerecht und treu. Die bulgarische Nation hat keinen Kaiser, keinen Hort, keinen Helfer, sie hat nur die Hoffnung auf Gott und auf der Haiducken Heldenarm. Darum muß der Haiduck die eigene Ehre Hochhalten, damit er die Wittwen und Schutzlosen behüten und trösten könne."
Diese Mordthaten im großen veranlaßten auch besondere Maßregeln der Türken, und eine allgemeine Haiduckenhetze brach aus. Die nächste Folge war eine Trennung der Bande, der eine Theil derselben schlug sich unter dem Fahnenträger in die Srednja Gora und wurde vernichtet; der andere Theil, gehetzt wie ein Wild, blieb unter Panajot in der Matejska-Planina. Es muß dem Haiducken damals sehr schlimm ergangen sein, denn als ihn ein Freund traf, rief dieser aus: „O Panajot, was bist Du bleich und bekümmert geworden, seit ich Dich zuletzt gesehen! Hat Dir die Kälte das Gesicht verbrannt oder bist Du von den Strapazen angegriffen? Und sage, wo ist Dein Fahnenträger und wo sind Deine Burschen?"
Es sollte aber noch schlimmer kommen. Die Matejska Planina wurde umstellt, und wohin die Haiducken schauten, sahen sie Menschen durch die Wälder ziehen. Alle Dörfer der Nachbarschaft mußten an dem Treiben theilnehmen, man fand das Lager der Haiducken, die noch warme Glutasche, in welcher sie ihr Brot gebacken hatten. Die Vögel selbst aber waren ausgeflogen. „Wie die Schlangen auf dem Bauche kriechend" waren sie zwischen den Verfolgern durchgekrochen. Dem Führer der Hetze aber erging es übel, als er vor dem Pascha in Sliwen erschien mit der Nachricht, daß Panajot entwischt sei. „Wenn die Giaurs Dich an den Bart fassen, schrie der Pascha, da bereitest Du ihnen noch Spiegeleier mit Pfeffer und Salz. Was für ein Boluk-Baschi bist Du, daß Du mit 3000 Mann ein paar Giaurs nicht hast erwischen können!" Und damit entließ er den Boluk-Baschi des Dienstes.
In Bulgarien konnte Panajot fürs erste nicht mehr bleiben; er trat daher über die serbische Grenze, erhielt dort von den Behörden Pässe ausgestellt, und begab sich nach Kragujewatz, wo er in verschiedene kleine Konflikte mit der Polizei gerieth und gegen einen Lohn von etwa 32 Mark monatlich reitender Postillon wurde. Zwei und einen halben Monat hielt es Panajot hier aus, „dann war längeres Warten unnütz, und ich mußte wieder hinaus". Das alte Rauben und Morden beginnt wieder, diesmal zunächst am Lom und in der Widdiner Gegend, wo ein Albanese die Leute zur Zwangsarbeit Preßte und Kinder am Spieß briet. Er wurde ergriffen und von den Haiduckeu mit schwerer Kopfwunde auf das Gebirge gebracht. „Auf dem Wege dahin stellten wir ein Verhör mit ihm an, warum er sich gegen die bulgarische Nation vergangen, die ihn doch genährt und gekleidet habe. Es war widerlich zu sehen, wie dieser Bluthund nun vor uns zitterte und uns um Verzeihung bat. In den Taschen und dem Geldbeutel des Unholds fanden wir goldene Arm- und Halsbänder, sowie Frauenringe. Wem gehörten diese Sachen, und wie waren sie in diese Hände gekommen? Uns blieb es ein Geheimniß, denn der Unhold konnte schon keine Auskunft mehr geben. Er wurde zu Allah expedirt."
Wir können hier nicht alle einzelnen Raub- und Mord- züge Panajots verfolgen und wollen lieber den Zusammenhang