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charakterisiren, in dem derartige Haiducken mit den politischen Führern der Bulgaren, mit den wenigen hervorragenden und gebildeten Elementen dieses Volkes, sowie mit den Führern des Slaventhums überhaupt standen. Da war zunächst Ra- kowski (jetzt verstorben), der den Haiducken in seiner Zeitschrist „Dunawski Lebed" (der Donauschwan) zurief: „Bulgarische Brüder, tapfere Helden in den Bergen, höret meine Worte! Seid brav, seid zur Hand, seid fröhlich. Bleibt bis St. Peter in euren Alpen und harret der Zeit, der wir alle entgegensehen. Rüstet euch. Unser Vaterland wird bald frei sein. Bereitet euch vor!" Die Blätter wurden unter den Haiducken vertheilt und zündeten allemal. Auf Serbien, aus Rumänien, auf Rußland setzten die Bulgaren ihre Hoffnungen, und in Bukarest waren zahlreiche bulgarische Emigranten thätig, die Panajot aufzusuchen beschloß, als ihm wieder einmal der Boden unter den Füßen zu heiß geworden war. Rakowski empfing den Panajot aufs brüderlichste, und beide beriethen über die Bildung einer Legion, was sie mit der rumänischen Polizei in Konflikt brachte. Sie begaben sich daher zunächst nach Galatz, wo ihnen der russische Konsul rieth: „Fliehet nach Rußland, denn in Rumänien gibt es heutzutage weder Ordnung, noch Ehrlichkeit, noch Gerechtigkeit." So ergriffen sie denn, damals das politische und militärische Haupt Bulgariens repräsentirend, abermals den Wanderstab, setzten über die Grenze und kamen in das von bulgarischen Mönchen bewohnte St. Cyprianskloster bei Kischenew, wo Panajot blieb, während Rakowski weiter eilte, um in Odessa bei den dortigen reichen Bulgaren Geld für den Aufstand zu holen. Bei dieser Gelegenheit erhalten wir tiefe Einblicke in das Treiben der bulgarischen Emigration, und diese Einblicke sind ebensowenig erfreulich, wie diejenigen in die polnische Emigration. Jntriguen, Anschuldigungen, Eifersucht, persönliche Feindschaft der Führer, Anschuldigung des Berraths re. spielen bei den Herren Führern eine große Rolle, und man gewinnt die Ansicht, daß es den Bulgaren schwerlich ohne fremde Hilfe gelungen wäre, das Türkenjoch abzu- > schütteln.
Nachdem Fürst Karl von Hohenzollern in Rumänien zur Regierung gelangt war, konnten die Bulgaren sich wieder freier in Bukarest bewegen. Panajot erhielt dort Geld, rüstete eine neue Bande aus und machte nun seinen Einfall von 1867.
Er hatte eine hohe Meinung von sich, denn einmal hielt er an eine Schar bewaffneter Bauern bei Kasanlyk eine Anrede, in welcher es heißt: „Schon ist, wie ich bemerke, in den Kon- stantinopler Tagesblättern von mir die Rede. Die Hohe Pforte ! weiß, daß ich längst im Balkan bin, und fürchtet, daß ich einen Aufstand errege. Macht euch darum keine Gedanken, denn die Türken haben allen Muth verloren; sie fürchten sich vor der
Revolution wie vor dem Feuer." Diese hochtrabenden Worte wurden aber bald zu Schanden; Panajot mußte vor den Häschern fliehen, wobei er einen seiner Leute, der erkrankt war, niederschießen ließ', damit er den Türken nicht lebend in die Hände fiel. Eine andere Haiduckenbande unter Tokio wurde niedergemacht, und auch Verrath riß ein. Da war Dortscho Effendi, der bulgarische Bischof von Berkowitza, der es mit den Türken hielt und gegen den Panajot die Worte schleudert: „Wie ist es nur möglich gewesen, daß sich bis heutigen Tages noch kein Patriot gefunden, der diesem bulgarischen Türken zur letzten Oelung verholfen! Oder gibt es unter uns keine Kühnheit, keine Mannesehre, keinen Heldensinn mehr? Wer dem Dortscho Effendi das Lebenslicht ausbläst, der geht geraden Weges in das Paradies, denn er erlöst fein Volk von den größten Plagen. Es ist noch nicht zu spät."
Bald war der neue Einfall in die Türkei ansgespielt, und Panajot flüchtete abermals nach Serbien, wo man damals schon den Krieg gegen die Türkei plante, der erst 1876 ansbrechen sollte. In Belgrad wurde eine bulgarische Legion errichtet und einexerzirt. „Was die serbische Regierung sich damals gedacht hat," schreibt der Haiduck, „weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß diese Regierung sich noch kindischer benommen hat, als die zweihundert bulgarischen Jünglinge der Legion." Sie war einfach noch nicht fertig oder hatte, was wohl richtiger, von Rußland noch nicht die Erlaubniß zum Losschlagen. Damals hatte Panajot eine Unterredung mit dem serbischen Regenten Blaznawatz, der ihm von neuen Aufstandversuchen abrieth; aber der Haiduck warf sich in die Brust und sprach: „Wenigstens mit fünfzig Mann werde ich losgehen." Und als ihm der Regent erwiderte, mit fünfzig Leuten mache man eine solche Sache nicht, bramarbasirte Panajot: „Ich brauche nur zu wollen, um sofort 50,000 Mann zu haben."
Damit schließen die persönlichen Aufzeichnungen des Haiducken. Die 50,000 Bulgaren find auch jetzt nicht, wo die russischen Armeen ihnen zur Seite gestanden hätten, ans dem Kriegsschauplatz erschienen. Was aus Panajot Hitow geworden, wissen wir nicht. Seine Aufzeichnungen erschienen 1872. Jedenfalls gewahren sie einen tiefen Einblick in die unseligen Verhältnisse Bulgariens und geben uns Aufschlüsse über die Zustände, welche schließlich zum Kriege Serbiens und zu dem Rußlands gegen die Türkei führen mußten. Der Boden war unterwühlt, die ganze Organisation des osmanischen Reiches faul, und zu wünschen bleibt nur, daß die Neugestaltung, welche dort sich anbahnt, Ordnung, Zucht und Gesittung im Gefolge habe, damit ein schönes und reichgesegnetes Land ans dem Zustande der Halbbarbarei, in dem es sich bis jetzt noch befindet, emporgehoben werde.
Wersönttche Erinnerungen aus den Jahren 1848—1850.
Nachdruck verboten Ges. v. 11./VI. 70.
IV.
Obschon Preußen für sich den Ruhm in Anspruch nehmen > durfte, den revolutionären Aufstand und die republikanische Bewegung nicht minder in der Pfalz und Baden als in Sachsen niedergeschlagen zu haben, so gelang es doch nicht, diese Erfolge für Preußen und dessen deutsche Politik nutzbar zu machen.
! Man rechnete aus die Dankbarkeit der betreffenden Staaten und ! Regierungen, welche letzteren selbstverständlich in demselben Maße, als sie sich von ihren inneren Nöthen befreit fühlten, die rauhe Seite ihrer Selbständigkeit und Unabhängigkeit nach außen hervorkehrten und ihren Dank nur dadurch bethätigten, daß sie allmählich und im Geheimen das Band zerschnitten, welches sie sehr wider ihren Willen an Preußen geknüpft. Zugleich trat Oesterreich, sowie es ihm gelang des Ausstandes in Italien und Ungarn — des letzteren mit russischer Hilfe — Herr zu werden, um so offener mit seinen Gedanken und Plänen hervor, und ließ insbesondere auch darüber keinen Zweifel, daß die deutschen Mittel- und Kleinstaaten gegenüber einem etwaigen Versuche Preußens, die Erfüllung der geschlossenen Verträge mit Waffengewalt zu erzwingen, unbedingt auf Oesterreichs Hilfe rechnen dursten.
Unter diesen Umständen war der weitere Verlauf und der endliche Abschluß der deutschen Bewegung mit ziemlicher Gewißheit voraus zu sehen. Dreikönigsbündniß, Gothaer Parlament, der bayerische Vorschlag, das Interim, die dazwischen laufenden Zollverhandlungen, das Erfurter Parlament: alles verlief im Sande. Nicht was Preußen, nicht was Oesterreich, nicht was die übrigen deutschen Staaten wollten, nichts von alledem; nur was Rußland wollte, geschah. Kaiser Nikolaus beherrschte die Situation, indem er Preußen durch Oesterreich und die Mittelstaaten, Oesterreich durch die Mittelstaaten und Preußen und die Mittelstaaten durch Oesterreich und Preußen überstimmte. Hieran vermochten auch die wiederholten Entrevuen mit dem Kaiser von Rußland in Warschau nichts zu ändern, weder die erste, wo von preußischer Seite der Prinz von Preußen erschien, noch die zweite, welche durch den Grafen Brandenburg beschickt wurde. Oesterreich, welches einer Zustimmung Rußlands sicher war, berief des preußischen Protestes ungeachtet zuerst das Plenum des Bundestages und demnächst unter dem 2. September den alten echten Bundestag, welcher letztere auch alsbald Preußen durch die Aufforderung, seine Truppen aus Kurhessen zu ziehen und seinen engeren Bund,