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„Jeetze hatte sich Krisis grauen Mantel angezogen und einen alten Säbel darüber geschnallt. Es war zum Lachen. Als der gnädige Herr ihn sah, wurd' er ärgerlich und sagte: „Das ist nichts für Dich, Jeetze. Du hast Deine Zeit gehabt." Und dann trat er zu Krist und Pachaly und befahl ihnen, daß sie sich immer in Nähe des Hauses halten sollten. „Krist, Du nimmst die Parkseite, und Pachaly, Ihr nehmt die Dorfseite, und bei dem großen Mittelfenster des alten Saales trefft ihr zusammen. Und haltet Euch immer so, daß Ihr Euch anrufen könnt." Das alles hört' ich noch mit meinen eigenen Ohren. Aber das andere Hab' ich von Pachaly."
„Nun?"
„So gingen sie denn wohl zwei Stunden. Es war ganz still. Nur vom Krug her, wo man noch nichts wußte, hörten sie Musik. Krist, den jetzt zu frieren ansing, trat in die Hofthür und schlug Feuer an, um sich eine warme Pfeife zu stopfen. Dadurch kam es, daß sie sich für dies eine Mal bei dem großen Mittelfenster nicht trafen, und daß Pachaly den langen Querbatt allein passiren mußte. Als er an das letzte Fenster kam, sah er Licht; er trat näher heran und hob sich auf die Fußspitzen. Da sah er, daß das alte Bild erleuchtet war, und vor dem Altar kniete einer und betete. Er hatte aber keine Stimme zum Rufen. Indem kam Krist heran und er winkte ihm. Dieser sah auch noch den Schein; als er aber an die Stelle treten wollte, wo Pachaly eben gestanden hatte, losch alles aus und es war wieder dunkel. Sie hörten nur noch Schritte und ein Knistern im Stroh, das vor den Stufen lag."
Renate hatte sich höher aufgerichtet. Die Wand, au der sie lag, war die Giebelwand, an deren anderer Seite sich, nur eine Treppe tiefer, der alte Altar befand. Eine Herzensangst befiel sie. Sie hatte das Bedürfniß eines Zuspruchs, den ihr Maline nicht geben konnte; so sagte sie: „Du solltest mir Tante Schorlemmer rufen."
Maline ging. Als sie eben die Thür öffnen wollte, rief ihr Renate nach:
„Nein, bleibt" Aber ihrer Furcht sich schämend, setzte sie hinzu: „Nein, geh; ich will mich bezwingen."
Es vergingen Minuten. In dem nur matt erleuchteten Zimmer bewegten sich die Schatten hin und her; ihr fiebriges Auge folgte diesem Tanz und haftete zuletzt auf der Bilderreihe, die an der anderen Wand des Zimmers hing. Es waren englische Buntdruckbilder, eines ein gothisches Portal darstellend, in dem eine Ampel hing, und durch das hindurch man auf einen Altar blickte. Alles in vorzüglicher Perspektive und der Altar nur ein Punkt. Sie sah ihn nicht, sie wußte nur, daß er da war. Und vor ihrem Auge wuchs jetzt das Portal, und der Altar wuchs, und vor den Stufen des Altars kniete wer. Es schlug ihr das Herz, und sie konnte doch von dem Bilde nicht lassen.
Da hörte sie Schritte draußen und gleich darauf trat Tante Schorlemmer ein, noch die Wirthschastsschürze vor, ein sicheres Zeichen, daß sie von Herd oder Küche abgerufen worden war. Maline, die wegen ihrer Spukgeschichte ein schlechtes Gewissen haben mochte, war zurückgeblieben.
„Wie gut, daß Du kommst, liebe Schorlemmer. Ich habe eine rechte Sehnsucht nach Dir gehabt. Du mußt ein bischen mit mir plaudern. Aber erst gib mir Deine Hand; so — und nun gib mir zu trinken."
„Gott, wie Du fieberst, Kind. Man darf Euch auch keine halbe Stunde allein lassen. Und ich mußte doch die Hasen spicken. Auf Stinen ist kein Verlaß; das nennt sich Köchin und weiß kaum, daß der Hase sieben Häute hat. Nun trink, mein Renatchen. Ich sivrrde noch einen Löffel Himbeereffig Hineinthun; das kühlt. Hast Du denn auch eingenommen?"
Renate leerte das Glas, das ihm Tante Schorlemmer gereicht hatte, und sank dann erschöpft in ihre Kissen. Aber die Angst, die sie bis dahin beherrscht hatte, war doch von ihr gewichen, und als ob sie plötzlich im Schutze guter Geister sei, sagte sie ruhig: „Glaubst Du an Gespenster?"
„Dacht' ich's doch. Hat die Maline wieder nicht reinen Mund halten können. In der Küche plappert das auch den ganzen Tag schon. Und da ist einer wie der andere. Nur
den Pachaly hätt' ich für gescheidter gehalten. Denn er hält sich zu Uhlenhorst; und das muß mau den Altlutherischen lassen, daß sie von solcher Schwachheit und Narrheit nichts wissen wollen. Sie haben eben den Glauben, und der läßt den Aberglauben nicht aufkommen."
„Liebe Schorlemmer," sagte Renate, „Du bist so gut, aber einen kleinen Fehler hast Du doch. Alles, was Dir reicht paßt, das ist für Dich nicht da, und wenn es doch da ist, so glaubst Du es mit einem guten Spruch aus der Welt schaffen zu können."
„Ja, mein Renatchen, das kann ich auch. Mit einem guten Spruch ist viel auszurichten. Und wer an Gott und Jesum Christum glaubt, der fürchtet keine Gespenster."
„Du mußt mir nicht ausweichen wollen. Ich will nicht wissen, wer sich vor Gespenstern fürchtet und wer nicht; ich will nur wissen: Gibt cs Gespenster?"
„Nein."
„Und doch lebst Du hier unter uns, die wir seit hundert Jahren, wie so viele alte Häuser, ein Hausgespenst haben. Wenigstens erzählen es die Leute. Lewin ist überzeugt, daß sie Recht haben; Du lächelst; nun gut, das soll nicht viel bedeuten. Aber auch der Papa glaubt daran, und Du weißt besser als ich, daß er fest im Glauben steht. E's ist keine sechs Wochen, daß wir den Fall mit Krisis Wilhelm hatten. Und nun Pachaly! Er ist doch ein verständiger Mann. Ich sage nicht „ja", wo Du „nein" sagst, aber ich mag wenigstens die Möglichkeit nicht bestreiten."
„Ich thue es. Wo es nicht Lug und Trug ist, ist es Sinnentäuschung. Die Todten sind todt."
„Laß Dir etwas erzählen. Ich fand einmal ein Buch, in dem las ich, daß nichts unterginge, und daß an einem bestimmten Tage alles wiederkäme, die große und die kleine Welt, Mensch und Thier, auch die sogenannten leblosen Dinge. Ich würde also nicht nur Dich Wiedersehen und Maliueu, auch Hektor und den englischen Buntdruck mit dem gothischen Portal und dem Altar, der dort drüben an der Wand hängt, lind diese durch ein Reinigungsfeuer gegaugeue Welt, diese verklärte Spiegelung von allem, was je da gewesen ist, würde die Seligkeit sein. Es war ein frommes Buch, in dem ich das alles fand und, ich habe nichts gelesen, das einen tieferen Eindruck auf mich gemacht hätte. Und nun frag' ich Dich, was ist ein Gespenst anders, als ein vorausgesandter Bote dieser verklärten Welt?"
„Es ist doch wie ich sage: die Todten sind todt. Und die verklärte Welt, die kommen wird, ist eben keine Welt von dieser Welt. Sie harret unserer, aber nicht hier, nicht in der Zeitlichkeit. Nur einer ist, der wieder unter den Menschen erschienen, das war auf dem Wege nach Emmaus. Aber dieser eine war Christus der Herr, der Sohn des allmächtigen Gottes. Sieh, Renatchen, es muß doch einen Grund haben, daß sich die Gespenster nur an bestimmten Orten finden. In Hohen- Vietz gibt es ihrer, in Herrnhut nicht. Und auch da nicht, wo Herrnhut am Nord- oder Südpol seine Hütten und Häuser baut. Wenigstens in diesen Hütten und Häusern nicht. So Hab' ich selbst erfahren. In Grönland, rings um uns herum, sahen die Grönländer, die wohl hundert Spuke haben, ihre Gespenster ruhig weiter, aber in unserem Missionshause hat sich keins blicken lassen. Ein Herrnhuter und ein Spuk, das verträgt sich nicht. Und das, mein Renatchen, machen doch die Sprüche, von denen Du meinst, daß ich mir einbildete, alles Böse damit aus der Welt schaffen zu können."
Renate ergriff die Hand ihrer alten Freundin und sagte: „Du hast recht, liebe Schorlemmer, ach wie ich Dir danke! Es ist nun alle Furcht wie verflogen und ich fühle mich, als hätt' ich nie von Spuk und Gespenstern gehört. Und nun will ich schlafen. Aber sage mir noch erst den Spruch von den vierzehn Engeln. Wir wollen ihn zusammen sprechen:
Abends bei Zubettegehn Vierzehn Engel bei mir stehn; Zwei zu Häupten,
Zwei zu Füßen,
Zwei zu meiner rechten Seit',
Zwei zu meiner linken Seit', Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich strecken,
Zwei, die schließen mir zugleich Auf im Traum das Himmelreich.