Heft 
(1878) 24
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Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Renate:Und nun geh. Ich habe ja nun Schutz. Laß nur die Seitenthür aus, daß mich Maline hört."

Gute Nacht, Renatchen!"

Gute Nacht, liebe Schorlemmer!"

XXVII. Ein Rabennest.

Der nächste Tag war Sylvester.

In aller Frühe schon brach Hoppenmarieken auf, um wo­möglich bis Mittag wieder zurück sein, alles putzen und scheuern, und demnächst ihre Vorbereitungen zu einem Sylvesterpunsch treffen zu können. Sie machte heute die kurze Tour und schritt auf Küstrin zu. Es war erst sieben Uhr, als sie an dem Herrcnhause vorbeikam und über den Hof hin sich mit Jeetze begrüßte, der eben die nach beiden Seiten hin einklappenden Laden des großen Eckfensters öffnete. Aus der Unbefangenheit ihres Grußes ließ sich erkennen, daß ihr die Gefangennehmung der beiden Strolche, von der sic aller Wahrscheinlichkeit nach nur zu sehr mitbetroffen wurde, nicht bekannt geworden war. Erst nach Mitternacht von einer Wanderung quer durch das Bruch in ihre Wohnung znrückgekommen, hatte sie, selbst bei den Forstackersleuten, die doch sonst wohl die Nacht zum Tage zu machen liebten, niemand mehr wach getroffen, und war, als sie aufstand, wahrscheinlich die einzige Person in ganz Hohcn- Vietz, die von dem Ereigniß des vorigen Tages nichts wußck.

Erst zwei Stunden später versammelten sich Wirth und Gäste des Herrenhauses am Frühstückstisch. Auch Bcrndt, wenn ihn nicht Geschäfte riefen, war kein Frühauf. Tante Schor- lemmcr, bei Renate festgehalten, erschien noch etwas später und beantwortete die Fragen, die über das Befinden der Kranken an sie gerichtet wurden.

Das Gespräch, nachdem auch noch Doktor Leists beruhigende Worte mitgetheilt worden waren, wandte sich dann dem am Abend vorher in Hohen-Ziesar gemachten Besuch zu, dessen einzelne Momente in dem Hin und Her einer immer muntrer werdenden Plauderei noch einmal durchlebt wurden. Aus allem ging hervor, daß Drosselstein sich als der liebenswürdigste der Wirthe, voll Entgegenkommen gegen Berndt, voller Aufmerk­samkeiten gegen Kathinka gezeigt hatte. Als diese, die sich zum ersten Mal in Hohen-Ziesar befand, ihre Verwunderung über die sonst nirgends in der Mark vorkommende Großartigkeit der Schloßanlage geäußert hatte, hatte der Graf ohne Rück­sicht auf die späte Stunde noch Veranlassung genommen, sie sammt den anderen Gästen durch die lange Zimmerflucht des ersten Stockes: den Ahncnsaal, die Rüstkammer und die Bilder­galerie zu führen, während zwei Diener mit Armleuchtern voran schritten. Unter dieser halb düsteren Beleuchtung war alles, an dem man bei Hellem Tageslicht gleichgiltig vorüber zu gehen pflegte, zu einer Art Bedeutung gekommen und die seitab stehenden Ritter mit halbgeschlossenein Visir, die über Kreuz gelegten Lanzen, dazu die Ahnenbilder selbst, die zu fragen schienen:was stört ihr unser stilles Beisammensein?" hatten eines tiefen Eindrucks auf Kathinka nicht verfehlt. Vor allem ein jugendliches Franenporträt, das ihr seitens des Grafen als das Bildniß Wangeline von Burgsdorffs, einer nahen Anverwandten seines Hauses, bezeichnet worden war, war ihr in der Erinnerung geblieben.

An dies von einem Niederländer aus der Vandyckschule herrührende Bildniß, dessen unheimlich hellblaue Augen schon manchen früheren Besucher von Hohen-Ziesar bis in seine Träume hinein verfolgt hatten, knüpften die am Abend vorher nur flüchtig beantworteten Fragen Kathinkas wieder an, und Berndt, ein wahres Nachschlagebuch für alle Schloß- und Familiengeschichten der ganzen Umgegend, war eben im Be­griff, die Neugier der schönen Fragstellerin durch eingehende Mittheilungen überWangeline", die von vielen märkischen Forschern als der historisch beglaubigte Ursprung derweißen Frau" angesehen werde, zu befriedigen, als ein Klopfen an der Thür das kaum begonnene Gespräch unterbrach. Ein ält­licher Mann mit spärlichem nach hinten gekämmten Haar, den sein spanisches Rohr, und mehr noch der lange blaue Rock mit einem Wappenblech auf der Brust, als Gerichtsdiener

kennzeichneten, trat ein, übergab einen Brief an den alten Vitzewitz und machte dann wieder einige Schritte zurück, bis in die Nähe der Thür. Alles verrieth den alten Soldaten. Berndt erbrach das Schreiben und las:Hochgeehrter Herr und Freund. Ich säume nicht, Ihnen von dem Resultat eines ersten Verhörs, das ich gestern Nachmittag noch mit der durch Ihre Umsicht entdeckten und eingelieferten Diebessippschaft an­gestellt habe, Kenntniß zu geben. Aus den beiden Strolchen, hinsichtlich deren sich Hohen-Clessin und Podelzig in den Ruhm der Geburtsstätte theilen, war, aller Kreuz- und Querfragen unerachtet, nichts zu extrahiren; die Frau aber, die jenen beiden erst seit kurzem zugehört, und mehr noch durch anderer als durch eigene Schuld unter die Rohrwerder Sippschaft gerathen ist, hat umfassende Geständnisse abgelegt, die sich einmal auf die zumeist in den Küstriner Vorstädten ausgeführten Dieb­stähle, sodann aber auch auf die Hehlereien beziehen, die dieses Treiben unterstützt haben. Am schwersten belastet ist unsere Freundin Hoppenmarieken. Ich bitte Sie, eine Haussuchung bei ihr veranlassen oder selbst leiten zu wollen, wobei ich mit Rücksicht auf die besondere Schlauheit der vorläufig unter Ver­dacht stehenden, Ihre Aufmerksamkeit auf Dielen und Wände des Hauses hingelenkt haben möchte. Der Einlieferung des geraubten Gutes, an dessen Auffindung ich nicht zweifle, sehe ich ehemöglichst entgegen. Ob es geboten oder in Erwägung ihrer Geisteszustände auch nur zulässig sein wird, der Bezich­tigten gegenüber die volle Strenge des Gesetzes walten zu lassen, darüber seheich seinerzeit Ihrer gefälligen Rückäußerung entgegen. Turgany."

Berndt legte den Brief, den er mit halblauter Stimme gelesen hatte, vor sich nieder und sagte dann, zu dem alten Gerichtsdiener sich wendend:Lieber Rysselmann, mein Com- pliment an den Herrn Justizrath, und ich würde nach seinen Angaben verfahren." Dann zog er die Klingel.Jeetze, sorge für einen Imbiß. Frankfurt ist weit, und unser Alter da wird wohl die Mitte halten zwischen Dir und mir. Nicht wahr, Rysselmann, sechszig?" Der Alte nickte.Und dann schicke Krist zu Kniehase; er soll Nachtwächter Pachaly rufen lassen und mich auf dem Forstacker erwarten."

Da klagt nun Renate," fuhr der alte Vitzewitz fort, als Jeetze und Rysselmann das Zimmer verlassen hatten,über öde Tage in Hohen-Vietz! Sage selbst, Kathinka, leben wir nicht, seit Du hier bist, wie im Lande der Abenteuer? Erst ein Raubanfall auf offener Straße, dann ein Einbruch in unser eignes Haus, dann ein regelrechtes Diebestreiben unter Jnnehaltung taktisch-strategischer Formen, und nun eine Haus­suchung im Revier einer Zwergin nenne man einen fried­lichen Ort in der Welt, wo in drei Tagen mehr zu ge­wärtigen wäre! Im übrigen bin ich neugierig, ob sich die Aussagen Muschwitzens und seines Complicen bewahrheiten werden."

Ich zweifle nicht daran," bemerkte Lewin.Nach allein, was mir Hanne Bogun gestern sagte, und noch mehr nach dem, was er mir verschwieg, könnt' ich kaum etwas anderes erwarten, als was Turgany jetzt schreibt. Wann willst Du nach dem Forstacker hinaus?"

Gleich, oder doch bald. Es darf nicht über den Vor­mittag hinaus dauern."

Dürfen wir Dich begleiten?"

Gewiß. Je mehr Augen, desto besser; wir werden sie der Schlauheit der alten Hexe gegenüber ohnehin nöthig haben."

So trennte man sich. Berndt empfahl sich mit einigen ! Worten bei Kathinka, die sich nunmehr ihrerseits treppauf be­gab, um mit Renaten über die wunderlich widersprechendsten Themata, über Graf Drosselstein und den alten Rysselmann, über Wangeline v. Burgsdorff und Hoppenmarieken zu plaudern.

Eine Viertelstunde später brach der alte Vitzewitz auf, in ! seiner Begleitung Tubal und Lewin. Sie gingen rasch. Noch j

ehe sie Miekleys Gehöft erreicht hatten, überholten sie Knie- >

Hase und Pachaly, die schon ans dem Wege waren, und bogen nun gemeinschaftlich mit ihnen in den Forstacker ein. Gleich ' darauf standen sie vor Hoppenmariekens Haus. Man war schon vorher übereingekommen, ganz regelrecht vorzugehen, das heißt !