Heft 
(1878) 24
Seite
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Er gehorchte nicht gern, da es ihm gegen die Ehre war, an Hellem lichten Tage mit einer Kiepe über die Dorfstraße zu gehen; der Dienst aber ließ ihm keine Wahl, und seinem Aerger in kurzen Selbstgesprächen Luft machend, that er schließlich, wie ihm geheißen.

Berndt und Kniehase, von den beiden jungen Männern unmittelbar gefolgt, hatten inzwischen die Auffahrt zum Herreu­hause erreicht und waren eben im Begriff, von der Dorfgasse her auf den Vorhof einzubiegcn, als sie keine dreihundert Schritt mehr entfernt, Hoppenmarieken auf der großen Küstriner I Straße herankommen sahen. Die kleine Figur, der rasche Schritt und die lebhaften Bewegungen ließen sie leicht erkennen.

!!Da kommt sie," sagte Berndt, und sich an Pachalp

; wendend, der schon vor dem Pfarrhause die Voranschreitenden ^ eingeholt hatte, fügte er hinzu:Nun eile Dich; schiebe zwei, ! drei Stühle vor meinen Schreibtisch oben und baue auf, was Du hast."

Hoppenmarieken grüßte schon von weitem. Sie schien in sehr guter Stimmung und überreichte, als sie heran war, ihrem Gutsherrn einen Brief, den sie schon, als sie der Gruppe an­sichtig geworden war, aus ihrem Mieder hervorgezogen hatte.

!Js hüt' dis een man," sagte sie, und setzte wie zur Er­

klärung hinzu:De Berlinsche Post is uich to rechte Tid inkamen."

^ Sie wollte weiter und hatte schon einige Schritte gemacht,

als ihr Berndt nachrief:Hoppenmarieken, ich habe noch was für Dich. Aber oben in meiner Stube, komm."

Es mußte wider Willen des Sprechenden etwas Fremd­klingendes in seiner Stimme gelegen haben; jedenfalls war der Ausdruck der Sicherheit aus dem Gesichte der Zwergin fort, als sie über den Hof hin und dann treppauf ihrem Guts­herrn nachschritt. Kniehase und die beiden Freunde folgten.

Pachaly hatte mittlerweile in der nothdürftig wieder in Ordnung gebrachten Gerichtsstube seinen Aufbau beendet. Von den Bändern und Tüchern war nicht viel zu sehen. So recht ins Auge fiel nur das große, noch regelrecht auf ein Brett gewickelte rothe Friesstück, ebenso die aus Seifenstangen und dem Lichterbündel aufgebaute Pyramide.

Nun, Hoppenmarieken," sagte Berndt,wie gefällt Dir der rothe Fries?"

Jut, Jnädjeherr. Wat füll he mi nich jefallen? Et is ja von den ingelschen; de Ell' seben Groschen."

Hast Du dies Stück Fries vielleicht schon gesehen?"

Ick weet nich."

Besinne Dich."

Ick seh so viel, Jnädjeherr; ick mag et wol all sehn hebben."

Wo?"

Bi Jud' Ephraim."

Oder bei Dir!"

Bi mi? Jo, Wettstang, bi mi, hohoho. Nu seh ick ihrst. Se sinn bi mi west und hebben min kleen Tunsch- und Kram­geschäft utfunnen. Unner de Deel, en beeten beschwierlich;

! awers ick bin nich sicher sünnst."

' ,Dut, Hoppenmarieken, Du mußt vorsichtig sein. Es gibt

jetzt so viel Gesindel . . ."

O, so veel!"

Nun gut. Aber Du nimmst ja den Kaufleuten das Brot. Hast Du denn einen Gewerbeschein?"

'Ne, Jnädjeherr, den hebbe ick nich."

Ja, da werden wir Dich am Ende in Strafe nehmen müssen."

^ Bei diesen mit einem heftigen Anfluge gesprochenen Worten

> kehrte ihr ihre frühere Sicherheit zurück. Sie hatte plötzlich

! das Gefühl, daß alles einen guten Verlauf nehmen werde,

^ und sagte halb grinsend, halb bittend vor sich hin:Dat wer'en de Jnädjeherr jo nich dohn."

Ja wer weiß, Hoppenmarieken. Sieh mal hier; da ist noch 'was zum Auswickeln für Dich!" und dabei nahm er das Päckchen, das er bei der Haussuchung zu sich gesteckt hatte, aus seiner großen Ueberrockstasche und legte es dicht vor ihr auf den Tisch.

Sie fiel sofort auf die Knie und schrie:Ick weet von nischt."

Aber wir wissen genug."

Ick weet von nischt. De kämen beed' in bi mi. . ."

Wer?"

Muschwitz und Rosentreter . . . un seggten, ick füll et man verwohren. Awers ick wull jo nich, un ick schreeg. Do nähm Muschwitz sin Tascheuknif und seggte to mi:Wif, ick schnid Di de Kehl ab, wenn Du schreegst!" Un da nohm ick et."

Du lügst, Hoppenmarieken; Du bist Hehlerin, was Du immer warst. Du hast ihnen Geld gegeben; ich vermuthe, nicht genug; darum haben sie sich neulich auf der Landstraße noch etwas nachholen wollen. Sie waren sicher, daß Du sie nicht verrathen würdest. Aber sie haben Dich verrathen."

Jo, dat hebben se. Se Wullen rut ut de Schling, un ick fall rin. Awers ick will nich, un ick bruk nich. Schwören will ick; ick kann schwören. Rusens Seidentoppen in; ja, Seidentopp fall koomen... O, Du lewe Herrjott, Wat et för Minschen jewen deiht! Dat is, weem eens sülwsten to good is. O Jott, o Jott." Und dabei rutschte sie auf den Knieen näher zu Berndt heran und küßte ihm die Rockschöße."

Steh auf."

Der zwergige Unhold aber, immer noch auf den Knieen, fuhr fort:Et is allens nich so. O, dis Muschwitz, un de anner von Podelzig! Se hebben logen as de Düwels. Schwören will ick; ick kann schwören. Pachaly, holens'ne Bebel in. Un hier sinn mine Finger; um schwören will ick, in de Kirch un ut de Kirch, un wo se sunst Wullen."

Du sollst nicht schwören, denn Du schwörst falsch. Was machen wir mit ihr, Kniehase?"

Hoppenmarieken, die nicht anders dachte, als daß man ihr ans Leben wolle, schrie jetzt jämmerlich auf und rang die kurzen stummelhaften Hände. Zuletzt sah sie Lewin, der an der Thür stehen geblieben war. Sie wollte rutschend auf ihn los, muthmaßlich, um die Scene zu wiederholen, die sie eben vor dem alten Vitzewitz gespielt hatte. Aber Pachaly hielt sie zurück.

Laß es hiugehen, Papa," rief jetzt Lewin mit lauter Stimme, als ob der Unhold, dessen Unzurechnungsfähigkeit für ihn feststand, gar nicht zugegen wäre.Sieh sie Dir an; es ist der Mensch auf seiner niedrigsten Stufe. Droh ihr; das ist das einzige, was sie versteht. Ihr ganzer Rechtsbegriff ist ihre Furcht. Und Turgany weiß das so gut wie wir; er wird nichts an die große Glocke hängen. Wenn es aber sein muß, so wird er sie schildern wie sie ist. Und das ist ihre beste Vertheidigung. Ich bitte Dich, laß sie laufen."

Hast Du gehört?" fragte jetzt Berndt zu der Zwergin hinüber, die, während Lewin sprach, endlich aufgestanden war.

Sie zwinkerte mit den Augen und sagte:Ick hebbe allens hürt; ick weet, ick weet. Jo, de junge Herr, he kennt mi, un ick keen een. Un ick hebb' en all kennt, as he nah so lütt wihr, so lütt. Jo, de junge Herr...!"

Er bittet für Dich," fuhr Berndt fort,und will, daß ich Dich laufen lasse. Warum, weil Du Hoppenmarieken bist. Ich aber kenn' Dich besser und weiß, Du hörst das Gras wachsen. Schlau bist Du und taugst nichts, das ist das Ganze von der Sache. Nimm Deine Kiepe; wir wollen diesmal noch ein Auge zudrücken. Aber paß Achtung, wenn wir Dich wieder ertappen, ist es mit Dir aus. Und nun geh und bessere Dich fürs neue Jahr."

Sie sah sich nach Stock und Kiepe um, die sie beide beim Eintritt ins Zimmer neben der eisenbeschlagenen Truhe nieder­gesetzt hatte. Als sie wieder marschfertig war, glitt ihr Auge noch einmal über die auf den Stühlen ausgebreiteten Sachen hin. Es war ersichtlich, daß sie Lust hatte, Besitzrechte daran geltend zu machen. Berndt sah den Blick und empfand jetzt, daß Lewin doch Recht habe.

Geh," wiederholte er,alles bleibt hier und wird nach Frankfurt abgeliefert. Vielleicht Du auch uoch!"

Sie nahm das letzte Wort als einen Scherz und grinste wieder.

Eine Minute später schritt sie, mit ihrem Stock salutirend, über den Hof hin, in einem Tempo, als ob nichts vorgefallen sei, oder eine ganz alltägliche Streitscene hinter ihr läge.

(Fortsetzung folgt.)