384
Eine Audienz öei Mus IX.
Von Professor Karl Witte in Halle.
Nachdruck verboten. Ges. v. li./VI. 7».
Nachstehendes Gespräch, der Inhalt einer mir am 30. September 1868 gewährten Audienz, wurde alsbald nach meiner Rückkehr in die Casa Tarpea so vollständig und genau als eben mein Gedächtniß es sestgehalten hatte, niedergeschrieben. Befreundete, denen ich später in der Heimat Mittheilung davon machte, fanden es interessant genug, um dessen Veröffentlichung zu wünschen; doch lehnte ich, wenigstens für des Papstes Lebenszeit, die Aufforderung ab. — Nun ist auch dies an Jahren und an Gehalt so reiche Leben geschlossen und ich sehe nicht nur keinen Grund, jene römische Aufzeichnung ferner zurückzuhalten, sondern hoffe im Leser wenigstens ein Echo des wohl- thuenden Eindruckes zu wecken, den jene kurze halbe Stunde in mir zurückgelassen hat.
Unvermeidlich ist es indes, über das jener Audienz Vorausgegangene einleitend kurz zu berichten.
Das vielgenannte Organ des Jesuitenordens, die CiviltL Cattolica, hatte im Jahre 1863 eine ebenso ausführliche als eingehende Benrtheilung meiner kritischen Ausgabe der vivina L'ollirosäia. vom Pater Francesco Berardinelli geliefert, dessen schon vier Jahre zuvor erschienenes, sehr tüchtiges Buch (6oa- eotbo ätzlla viv. 6orrim.) mir damals noch unbekannt war. Statt den Schriftsteller mit einigen Lobesphrasen abzufinden, lieferte diese Rezension, bei richtigem Verständniß der von mir eingeschlagenen Wege, eine nicht geringe Anzahl zutreffender Ausstellungen und eine noch größere sehr erwägenswerther Bedenken im Einzelnen. Es war zweifellos unter den damals erschienenen die für mich bei weitem lehrreichste, also mir willkommenste Rezension.
Ich fühlte mich verpflichtet, dem Kritiker auf das wärmste zu danken und zugleich über einige seiner Bedenken weiter mit ihm zu verhandeln. So entstand eine anregende, mich immer mehr für den Mann einnehmende Korrespondenz, die erst nach einigen Jahren einschlief.
Noch etwas vor dem Erscheinen jener Rezension hatte ich, bewogen durch eine mir von Rom ans zugegangene Anregung, Pius IX meine Danteausgabe gesandt, und in Erwiderung ein Breve erhalten, dessen eigenthümliche, von der bei uns in ähnlichen Fällen gewohnten, so verschiedene Fassung mich lebhaft erfreute.
Während ich nun im Herbst 1868 in Florenz weilte, ergriff mich unwiderstehliches Verlangen nach der ewigen Stadt, die ich seit länger als anderthalb Jahrzehnten nicht wiedergesehen hatte. Die Umstände nöthigten mich, meinen Aufenthalt auf wenig länger als eine Woche zu beschränken, und erst nach ein paar Tagen kam ich dazu, meinen Rezensenten in der Leoninischen Stadt auszusuchen. Nach längerem Gespräch frug er: „Wollen Sie nicht Pater Piccirilli sehen? Er ist es, der dem Papst über Ihre Arbeit Bericht erstattet hat, und er wohnt hier im Hause." Auf meine Bejahung trat nach kurzen Worten eine ernste imponirende Gestalt, wie ich vernahm, der Beichtvater des Papstes, mit freundlicher Begrüßung ein. — „Sie sind also, wie Sie sagen," erwiderte er, „durch das Schreiben Seiner Heiligkeit vor einigen Jahren erfreut worden. Wollen Sie ihm denn nicht persönlich dafür danken?" — „Gern hätte ich das gethan," entgegnete ich, „aber die Kürze meines Aufenthaltes macht es unmöglich." — Auf seine Frage nach dem letzten Termin meiner Abreise nannte ich den Donnerstag, und nun ging er die einzelnen dazwischen liegenden Tage durch, um zu prüfen, an welchem der Papst vielleicht die erforderliche Zeit frei haben könne. „Mittwoch," rief er aus, „da wird es sich machen. Versprechen kann ich nichts; Sie erhalten aber Bescheid."
Daß der Pater über die Zeit des Hauptes der katholischen Christenheit so verfügen könne, wollte mir nicht so recht einleuchten, und ich zweifelte kaum, daß es bei der guten Absicht bewenden werde. An einem der nächsten Tage fand ich indes bei der Heimkehr von Frascati eine gedruckte, handschriftlich ausgefüllte Anweisung vor, mich am Mittwoch lO^Z im Vatikan einzufinden.
Um nicht in Äußerlichkeiten zu verstoßen, erbat ich mir von einem in Rom einheimisch gewordenen Landsgenossen Belehrung. „Der Papst wird Ihnen die Hand reichen," sagte er, „und die küssen Sie." — „Ich, als Protestant, soll ihm die Hand küssen?" frug ich. — „Warum denn nicht," fiel die schöne Com- tesse ", die bisher am Gespräche keinen Antheil genommen, ein. „Habe ich sie ihm doch geküßt, und das recht herzlich. Da wird es Ihnen auch nichts schaden."
Zur bestimmten Stunde stieg ich die Treppe hinan, die zum Damasushofe führt und von zwei Glasfenstern mit den Kolossalbildern der Apostel Petrus und Paulus, die König Max von Baiern geschenkt hat, ihr Licht erhält. Dann ging es in dem neueren östlich gelegenen Flügel eine Anzahl prächtiger
Treppen hinan und oben wieder durch eine lange Reihe von Sälen, in denen sich Schweizer mit Hellebarden und buntem mittelalterlichen Kostüme bewegten. Endlich trat mir ein Geistlicher in violettem Anzuge entgegen und hieß mich Hut und Handschuhe in dem letzten jener Vvrsäle zurücklassen. Er führte mich in einen größeren Saal mit prachtvoller Aussicht auf ganz Rom und hinweg über die Campagna bis zu den fernen Sabinergebirgen. Ein mit stylvollen Marmorzierrathen geschmücktes Kamin kontrastirte mit einer Anzahl recht unbedeutender Freskobilder.
Wachen in glänzenden Uniformen, den Epauletten und zahlreichen Orden nach von höherem Offiziersrang, standen zum Theil mit gezogenen Degen umher. Dazwischen bewegten sich Geistliche in schwarzen, violetten und dunkclrothen Gewändern. Der beweglichste aber war ein jüngerer Mann, ich vermuthe ein päpstlicher Kammerherr, in spanischer Tracht des sechszehnten Jahrhunderts. Von der linken Schulter hing, durch dreifache goldene Kette gehalten, eine schwarzseidene Mantille. Den Hals umgab eine steifgefältelte umfangreiche Halskrause. Die Aermel trugen an den Knöcheln breit übergeschlagene Spitzen. Die Linke war mit schwerem Stahldegen bewehrt und auf den Schuhen, deren auffallend hohe Absätze den Herrn erheblich größer erscheinen ließen, glänzten von seidenen Rosetten umrahmt, brillantirte Schnallen.
Außer mir warteten zwei Geistliche und ein Franzose der Audienz; alles schien mir aber scheu und besangen, so daß jeder Versuch, ein irgend dauerndes Gespräch anzuknüpfen, erfolglos blieb. Ab und zn brachten päpstliche Diener mit Rosenkränzen und Medaillen reichlich beladene Präsentirteller, die dann in jedem neuen Saal von einem anderen Diener in Empfang genommen wurden, und binnen kurzem, vom Segen des heiligen Vaters geweiht, wieder zurückkamen. Hin und wieder drangen ans den inneren Räumen die Laute einer helltvnen- den Klingel. Endlich kam der Spanier auf mich zu und sagte ohne weitere Bezeichnung: „llei!" (Sie!) Noch drei Zimmer hatte ich zu durchschreiten; im vierten, verhältnißmäßig kleinen, völlig schmucklosen, stand ich Pius gegenüber.
Gänzlich in weiße Wolle gekleidet, mit einer ähnlichen Calotte auf dem Scheitel, saß der Papst aus einer kaum einen halben Fuß hohen Estrade. Vor ihm ein viereckiger Tisch, bis zum Boden herab mit einer ledernen Decke überkleidet, in deren eingepreßten Zierrathen das päpstliche Wappen mehrfach widerkehrte. An der vorderen Ecke des Tisches, rechts von dem Sitzenden stand ein reichlich anderthalb Fuß hohes Cruzifix von Ebenholz und Elfenbein.
Der Papst reichte mir die weiche wohlgepflegte Rechte, und während ich sie an die Lippen drückte, glaubte ich auf dem „Fischerringe" nicht, wie ich vorausgesetzt, Petrus im Nachen, sondern einen Christuskopf zu erkennen. Der hohe Herr wies mich auf einen bereitstehenden Sessel, und so saß ich, nur durch den schmalen Tisch geschieden, ihm gerade gegenüber. Die freundlich-ernsten Gesichtszüge und der wohlwollende Ausdruck der Augen waren mir die beste Aufforderung zu reden.
„Heiliger Vater, ich schätze mich glücklich, Ihnen meine Ehrfurcht bezeugen und zugleich für die so wohlwollende, auch in huldreichen Worten ausgesprochene Aufnahme danken zu