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Berühmtheit zu verleihen: Uarda und Homo snm. Es ist, als ob Krankheit Ebers nicht schwächt, sondern nur vertieft und bereichert.
Bei beiden Erzählungen fällt zunächst in die Augen, daß der Dichter die Zeit, die er schildert, jetzt ganz beherrscht und mit dem Material des Gelehrten frei schaltet und waltet. Das Archäologische ist nun, zumal in Homo 8nm, ganz abgestreist, wir stehen dem Reinmenschlichen im historischen Gewände gegenüber. Pentaur und Bent Anat sind Aeghpter, Paulus ist ein Alexandriner, Sirona eine Gallierin, aber sie alle sind vor allem Menschen, und das Schwergewicht liegt nicht auf ihrer Landsmannschaft, nicht in der Zeit, in welcher sie auftreten, sondern in ihnen selbst, in ihrem Charakter, ihrer seelischen Eigenart. Spielten diese Erzählungen nicht in Aegypten oder auf der Sinaihalbinsel, sondern etwa am Rhein — sie wären uns genau so — sie wären nicht wenigen noch mehr willkommen. Diese Dichtungen spielen nicht in der Vergangenheit und in der Fremde, weil der Schriftsteller uns diese vorführen wollte, sie sind vielmehr in dieselben verlegt, weil die Phantasie des Dichters — der zufällig auch ein Gelehrter ist — sich mit Vorliebe mit jenem fernen Lande und jener weit zurückliegenden Vergangenheit beschäftigt.
Dieser Umstand würde meiner Auffassung nach schon allein genügen, um den historischen Charakter derselben vollständig zu rechtfertigen; es kommt aber noch hinzu, daß Ebers Stoffe gewählt hat, welche die sie beherrschenden Ideen eben in jener Zeit am allervollsten zum Anstrag brachten. Das gilt von der Uarda vielleicht nicht ganz, denn man kann vielleicht annehmen, daß sich die Idee der Priesterherrschaft in ihrer edelsten Gestalt in der Zeit der großen Päpste des Mittelalters noch reiner ausgeprägt und den Konflikt zwischen der menschenverachtenden Priesterweisheit und der Wahrheitsliebe des edel gearteten Einzelnen noch energischer zum Austrag gebracht hat — das gilt jedenfalls aber ganz und voll von llorno snro, denn nie ist der Versuch, noch als Mensch den Menschen abzustreifen, wieder so energisch gemacht worden, wie in der Zeit der ersten Anachoreten.
Sind so schon die gewählten Stoffe im höchsten Grade
interessant, werden Fragen behandelt, die so alt sind als die Menschheit und die so lange leben werden wie die Menschheit, so ist auch die Art, wie sie behandelt werden, höchsten Lobes Werth. Ein edler, durch und durch humaner Geist hat sich an ihre Darstellung gemacht, und Gerechtigkeit und Maß führen die Feder. Da wird auch das Fremdartige vertraut, und das Abschreckende erscheint begreiflich. Alles erscheint im Lichte jener Milde, welche die Kenntniß des Menschenherzens verleiht, und zu der angeborenen tritt die erkämpfte Menschenliebe.
Ich habe es schon einmal an dieser Stelle gesagt und ich muß es wiederholen: die Ebersschen Dichtungen sind keine Leihbibliothekenromane, die man in faulen Mußestunden durchblättern kann und mit denen man fertig ist, wenn man sie durchblättert hat. Sie bieten ja um ihrer reichen Handlung willen und wegen der fremdartigen Welt, in der sie spielen, auch solchen Lesern ein gewisses Interesse, sie bieten aber mehr als das, viel mehr. Wie sie das Werk sorgfältigster, Überlegtester Arbeit eines Mannes sind, der kein Buch in die Welt zu schicken braucht, wenn er nicht selbst mit ihm zufrieden ist, so wollen sie auch mit Verständniß und liebevollem Verweilen gelesen sein. Wer an sie mit der Voraussetzung herantritt, daß der Dichter z. B. Sittlichkeit und Religion mit dem Pinsel des Stubenmalers auf die Leinwand geklext hat, der wird von ihnen bei Ebers nichts wahrnehmen, aber nicht, weil sie nicht vorhanden sind, sondern weil er blind ist. Und doch ist das der höchsten Vorzüge einer, daß die Eberssche Dichtung auf dem Boden eines kerngesunden sittlichen Gefühls und einer tiefinnerlichen Frömmigkeit ruht, einer Frömmigkeit, die sich nirgend vordrängt, die aber den satten Untergrund abgibt für alle die Farbenpracht, die uns fesselt und entzückt.
Möchte Ebers uns bald wieder mit einer neuen Dichtung beschenken, möchten doch auch die Tage der Gesundheit, denen er ja — Gott sei Dank dafür — nun entgegen geht, nicht nur der Gelehrsamkeit gehören. Ihm ward ja eine Arbeitskraft verliehen, die das eine thun kann, ohne darum das andere zu lassen. Theodor Hermann Pantenius.
Am Aamitienlislüe.
- Paulus und Tirana.
(Zu dem Bilde auf Seite 381.)
Unser Bild stellt den Augenblick dar, in dem Paulus durch das ! Windspiel aufmerksam gemacht, die den Nachstellungen ihres Gatten
j entflohene Sirona findet. „Sie stand, heißt es, dicht an dem Rande
eines sich jäh und hoch aus der Tiefe erhebenden Abhanges und bot einen seltsamen, Entsetzen erregenden Anblick. Ihr langes goldenes Haar hatte sich verwirrt und wallte halb geflochten, halb aufgelöst über ihre Brust und Schulter hernieder. Nur mit einem Fuße stand sie auf der Felsenplatte, der andere, an dem eine feine von dem scharfen ! Gestein zerrissene Sandale hing, schwebte in der freien Luft über dem Abhange. Bekanntlich gelingt es Paulus, die Unglückliche davon zu überzeugen, daß er nicht zu ihren Verfolgern gehört, und sie zu retten. „Wie ein Mädchen, dem sein Vogel aus dem Käfig geflogen und das sich ihm, um ihn wieder einzufangen, mit zager Behutsamkeit nähert, war Paulus während seiner Rede auf Sirona zngegangen, hatte ihr die Rechte entgegengestreckt, sie, sobald er ihre Hand in der seinen ! fühlte, behutsam aus ihrer furchtbaren Lage errettet und auf den ! sichtbaren Boden der Hochfläche gezogen "
: Der moderne Aberglaube.
Es ist ein wunderlich Ding um. den Aberglauben! Niemand erkennt ihn an, jeder verleugnet ihn — mehr noch — jeder verhöhnt z ihn, und doch sitzt er in aller Brust, und wir können ihn so wenig ganz los werden wie unseren Schatten. Bei dem religiösen und von der Vernunft beherrschten Menschen macht er sich nur geltend wie eine kleine Schwäche nach fast ganz überwundener Krankheit, während er bei dem der Religion und der Vernunft entbehrenden sein ganzes Wesen beherrscht. Da werden dann die wüsten Gesetze der Kinder- und Dienst- botenstnbe zu einem religiösen Kanon, dessen Bestimmungen so sorgfältig beobachtet werden, wie nur je der fromme Jude die Bestim- i mungen des Gesetzes einhielt. Ich kenne den gebildeten Bevölkerungsschichten angehörende Personen, von denen dieser Satz buchstäblich gilt, Personen, die um keinen Preis am Montag eine Reise antreten würden; die der Meinung sind, daß, wenn sie jemand das Salzfaß reichen wollten, sie sich mit ihm Überwerfen würden: die nicht dulden können, daß 13 Personen bei Tische sitzen, weil sie der festen Ueberzengung sind, daß einer der Anwesenden sterben müsse. In der Praxis kleiden sich diese düstern Vorstellungen in der Regel in das Gewand des Scherzes oder der zartfühlenden Rücksichtnahme ans etwaigen Aberglauben des Nächsten, in Wahrheit sind sie aber eben Ausgeburten einer schmachvollen Verweichlichung einer angeborenen Schwäche.
Wenn nun aber selbst gebildete Personen sich nicht ganz davon losmachen können, einen Zusammenhang von Ursache und Wirkung auch da anzunehmen, wo die Vernunft von einer solchen nichts weiß, was sollen wir da erst von den Rohen und geistig Ungeschulten erwarten? So treibt denn auch wirklich rings um uns her der Aberglaube sein wüstes Wesen, und selbst wer wie ich auf das strengste darauf hält, daß derselbe aus seiner Familie, seinem Hanse verbannt bleibe, muß z. B. erleben, daß er in dem Jäckchen seines Kindes Dill eingenüht findet, weil die Kindermuhme der Meinung ist, daß dieses unschuldige Gewächs wesentlich dazu beitrage, das Kind vor den Folgen etwaigen Lobes (des sogenannten „Beschreiens") zu schützen.
So lange der Aberglaube sich noch auf diesem Gebiete bewegt, ist er mehr verächtlich als verderblich, anders aber wird es, wenn er ans Gebieten hervortritt, in denen die Dummheit oder die Leidenschaft ihm die Hand zu verhängnißvollem Bunde reichen. Was er hier anrichtet, davon berichtet uns eine hochinteressante Broschüre des berühmten Gelehrten, Dr. W. Mannhardt in Danzig: „Die praktischen Folgen des Aberglaubens (Berlin, Karl Habel, 1878. Deutsche Zeit- und Streitfragen 97—98), die wir unseren Lesern warm empfehlen.
Der Verfasser behandelt das Thema nicht theoretisch, sondern ganz praktisch. Er führt uns in die Hütte des Armen, in die Kammer des Landraths, in den Saal der Geschwornen und macht uns mit lauter Fällen bekannt, die sich in der jüngsten Zeit ereignet haben. Er berücksichtigt vorzugsweise die Provinz Preußen, aber er versäumt es nicht, auch Analogien aus andern deutschen Gauen herbeizuziehen.
Und was für Vorgänge lernen wir da kennen! Zunächst von Ei»- falt. Da verurtheilt das Kriminalgericht zu Danzig die Arbeiterfrau Groß, weil sie unter dem Vorgeben, mit Hilfe einer Gräfin, welche die fünf Bücher Mosis auswendig wisse, verschiedenen Arbeiterinnen die untreu gewordenen Bräutigame wieder zu schaffen, dieselben um ver- hältnißmäßig bedeutende Geldsummen geprellt habe; da klopft ein in weiße Laken gehüllter Knecht an die Fenster der Wittwe eines Jnst- mannes und verlangt und erhält als heiliger Petrus 50 Thalcr Lösegeld für die Seele ihres in der Hölle schmachtenden Mannes; da prellen russische Bärenführer die liebe Einfalt um ihre spärliche Habe, weil von ihnen das Gerücht geht, daß sie behexte Ställe wieder zauberfrei machen können.
Aber die abergläubische Thorheit leidet nicht nur, sie handelt auch. Zu Rostasin im Kreise Lauenburg stirbt am 5. Februar 1870 ein Gutsbesitzer, dem am 28. ein Sohn in den Tod folgt, während mehrere Verwandte erkranken. Da verbreitet sich das Gerücht, der Verstorbene