füllen, durch die dichterische Produktion zu entledigen. Für den dichterisch Begabten gibt es da keine Wahl: Träumer oder Dichter lautet die Loosung, trübes Siechthum des Träumers oder frische Gesundheit des Dichters.
Ebers wurde ein Dichter; im Jahre 1863 entstand „eine ägyptische Königstochter". Es war ein echtes Dichterwerk, eine That poetischer Selbsterlösung von den Resultaten der Studien des Gelehrten, und es wurde allgemein als solches erkannt, trotz der Konzessionen, die der Dichter dem Gelehrten noch gemacht hatte, trotz der störenden Noten und der natürlichen Aengstlichkeit in der Bearbeitung des Stoffes.
Das Jahr 1865 führte Ebers nach Leyden, wo er die ägyptischen Sammlungen eingehend studirte. Im darauf folgenden Jahre heirathete er und habilitirte sich zunächst in Jena, in dem er nun bis 1870 erst als Privatdozent, dann als Extraordinarius thätig war. Ein befriedigender Beruf, ein beglückendes reiches Familienleben und volle Gesundheit machten diese Jahre zu ebenso glücklichen als fruchtbaren. Die Dichtung wurde mit Fug und Recht gewaltsam niedergehalten, es galt zunächst sich in der Wissenschaft, die doch den Lebensbernf bilden sollte, ganz einzuleben, sie zu beherrschen und zu fördern.
Es kann nicht meine Aufgabe sein, dem Aegyptologen Ebers auf seiner Bahn zu folgen. Ein hervorragender Berufsgenosse desselben spricht sich auf unsere Bitte folgendermaßen über die gelehrte Thätigkeit desselben aus:
„Die Lage der wissenschaftlichen Erforschung des alten Aegyptens," schreibt dieser Herr, „war zu der Zeit, als Ebers seine erste Bekanntschaft mit ihr machte, und diesem frisch aufsprossenden, noch sehr jugendlichen Zweige der Alterthumswissenschaften seine Neigung und Thätigkeit zuwandte, nicht im entferntesten mit der heutigen zu vergleichen. So eng umgrenzt äußerlich immerhin das Gebiet eines Aegyptologen erscheinen mag, so weit dehnt sich jetzt vor den Blicken desjenigen, welcher ihm näher getreten ist, das Arbeitsfeld aus. Vertreter fast aller europäischen Nationen wetteifern, die Geheimnisse, welche die Reste dieser ehrwürdigen Vorzeit noch decken, zu ergründen. Die Zahl der Untersuchungen und die Fülle des Stoffes häuft sich von Jahr zu Jahr, und die Vorbedingung zum Verständnisse dessen, was des Nilthals rührige Bewohner uns hinterlicßen, die Entzifferung ihrer Schriftarten, ist als gelöst zu betrachten. Der Lernende kann gegenwärtig also nicht mehr verlegen sein, wo er über die Fragen, die sich ihm aufdrängen, sich Raths erholen, sondern wird sich sogar zu entscheiden haben, welchem Gebiete der ägyptischen Wissenschaft er sich zuwenden soll, um nach Maßgabe seiner individuellen Beanlagung sich entweder in die chronologischen Fragen, oder in die grammatischen Probleme der Sprache, in die phantastische Glaubenswelt, oder in die häuslichen und staatlichen Verhältnisse zu versenken. Dieser wird sich daher schwer eine zureichende Vorstellung von einer Zeit machen können, in welcher diejenigen ihre Studien begannen, welche jetzt die Führer der ägyptischen Forschung sind, von der Lage eines Gelehrten, dem nnr provisorisch gültige Grammatiken und Wörterbücher zu Gebote stehen, und der das, was anderen Wissenszweigen ein längst erprobter Besitz ist, vorsichtig und mühsam sich selber erst zu erarbeiten hat.
Es bedurfte damals einer selbstlosen vollen Hingabe an ein noch wenig lohnendes, dazu keinerlei äußerliche Anerkennung verheißendes Studium, und Ebers widmete sich ihm mit demjenigen Enthusiasmus, welchen gerade unbekannte Gebiete durch die immer deutlichere Aussicht ans ihre Erschließung zu erzeugen und zu nähren im Stande sind. Seiner ersten lateinisch geschriebenen Abhandlung über das XXVI. ägyptische Herrschergeschlecht, mit welcher er seine Lehrthätigkeit an der Universität Jena 1865 begann, ließ er bald eine umfassendere, größer angelegte Schrift folgen. „Aegypten und die Bücher Moses" betitelte sich dieses Werk, in welchem er unternahm, seine besonders durch längeren Aufenthalt in Paris und in Leyden geförderten Untersuchungen zur Erklärung, zunächst des ersten Buches Moses zu verwerthen. So wichtig auch das Werk dem Bibelerklärer ist und bleiben wird, so kamen seine Ergebnisse doch der Aegyptologie nicht weniger als der Theologie zu Gute. Denn wenn er darin den Nachweis führte, in wie überraschen-
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der Weise Bibel und Denkmäler sich bestätigen und ergänzen, so konnte er das nur aus Grund sehr eingehender Erörterungen über meist erst wenig erforschte Gebiete des äygptischen Alterthums unternehmen. Es waren daher besonders die darin gegebenen Erläuterungen zu der sogenannten „Völkertafel der Genesis" und zu der Geschichte Josefs, welche auch für die Kenntniß Aegyptens werthvolle Aufschlüsse enthielten.
Die Vorarbeiten zu einem ähnlichen Kommentare des zweiten Buches Mose veranlaßen ihn, zu deren Ergänzung durch eine lebendige, im Lande selbst erworbene Kenntniß eine Reise in die westlichen Gebiete Unterägyptens und die Sinaihalbinsel zu unternehmen. Der Bericht, welcher über diese uns in seinem Buche „Durch Gosen znm Sinai" vorliegt, ist allein schon wegen seiner anziehenden Schilderungen der persönlichen Erlebnisse berechtigt, unter der gesammten deutschen Reiseliteratnr eine fast vereinzelte Stellung einznnehmen. Seine wissenschaftliche Bedeutung beruht besonders in dem äußerst gründlichen Nachweise, daß nicht der seit den Zeiten Kaiser Justinians mit dem Namen Sinai belegte Berg, sondern derjenige, welcher gegenwärtig Serbäl heißt, als der Berg der Gesetzgebung anzusehen ist. Die vertraute Kenntniß der nicht immer sehr unterhaltenden ältesten christlichen Literatur über diese Gegenden ermöglichte Ebers, diese Frage in endgiltiger Weise zu behandeln. Die in diesem Buche außerdem niedergelegten Forschungen über diejenigen ägyptischen Oertlichkeiten, an welchen das Volk Israel bei seinem Zuge in die Wüste rastete, haben durch neuere Entdeckung nnr ihre Bestätigung, keine wesentliche Aenderung erfahren.
Sogleich nach Abschluß dieses Werkes begab Ebers sich aufs neue nach Aegypten zu einer längeren, der Erforschung des ganzen Nilthales gewidmeten Reise. Zu dem wichtigsten, was er heimbrachte, gehört zunächst die von ihm entdeckte Grabinschrift eines ägyptischen Kriegshauptmanns, des Ame- nemheb, in der uns dieser von den Feldzügen Bericht erstattete, auf welchen er mit seinem königlichen Gebieter, Thotmes Itl, Syrien und die Gegenden am oberen Euphrat durchzog und uns dabei kundthnt, wie lange dieser energische und kriegerische Monarch regiert hat. Neben dieser wesentlichen Ergänzung unserer Geschichtskenntniß aber gelang es Ebers, einen noch viel kostbareren Schatz zu heben und für die Wissenschaft zu erschließen, mit welchem, so lange es eine ägyptologische Forschung geben, sein Name dauernd verbunden bleiben wird. Es ist das der „Papyros Ebers". Von allen in den ägyptischen Museen bewahrten Papyrosrollen darf hinsichtlich der vollkommenen Erhaltung und der eleganten Schönheit der Schriftzüge, aber auch in Bezug auf die bisher unerreichte musterhafte Veröffentlichung, sich dieser keine ebenbürtig an die Seite stellen. Erst theilweise sind die Bereicherungen, welche der ägyptischen Sprachkundc aus ihr erwachsen, ausgebeutet, und dabei doch schon mehrere grammatische Gesetze und Worterklärnngen mit ihrer Hilfe erschlossen worden. Die höchste und nachhaltigste Förderung unseres Wissens aber, welche wir dem „Papyros Ebers" verdanken, liegt jedenfalls in seinem Inhalt; seine Eigenschaft als ältestes Handbuch der Arzeneimittellehre, als die älteste Schilderung menschlicher Krankheiten wird es voraussichtlich immer erheischen, daß jede Geschichte der Medizin mit ihm als mit ihrer ehrwürdigsten Urkunde zu beginnen hat.
Von den übrigen wissenschaftlichen Arbeiten Ebers will ich hier nur noch seiner Darstellung der ägyptischen Schrift und ihrer Entzifferung, seiner Bctheiligung an Riehms „Handwörterbuch des biblischen Alterthums" und dem Handbuche für Aegypten Erwähnung thnn, da der mir zngemessene Raum zu einer allseitigen Besprechung seiner ägyptologischen Thätigkeit nicht reichen würde."
Unterdessen war Ebers im Jahre 1870 einem Rufe nach Leipzig gefolgt, wo er seine gelehrte Thätigkeit mit gleicher Energie fortsetzte. Da traf ihn um Ostern 1876 ein harter Schlage Eine Erkältung, die er sich auf einer Reise zngezogen hatte, rief sein altes Uebel wieder wach und warf ihn wieder ans das Krankenlager. Aber dieser Geist ist Herr über seinen Körper. Gerade in dieser Zeit entstanden jene beiden Dichtungen, die allein schon hingereicht hätten, seinem Namen europäische