Heft 
(1878) 25
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kuppen der rauhen Alb oder die Gelände des Jagst, dem Jlselder die Thalgründe und Laubwälder des Südharzes, dem Pförtner die Saalhöhen mit ihren Buchen und Reben, dem Afraner in Meißen das anmuthige Elbthal mit seinen Seiten­gründen zn vertrauten Freunden, und in die enge Schulwelt tritt freundlich das befreiende Element der reichen Gotteswelt. Und was die Hauptsache ist, von den meisten Zöglingen, die schon lange zuvor auf den Eintritt in diese Anstalten hin­gearbeitet haben und von ihren Einrichtungen durch andere wissen, wird die klösterliche Zucht kaum als Druck und Unnatur empfunden; sie erscheint wie selbstverständlich. Koulmt hierzu die rechte persönliche Einwirkung, wie sie von begeisterten und begeisternden Lehrern, von treuer Jugendfreundschaft aus­gehen, so hat doch auch das Herz seinen Theil.

Gerade diese Anstalten sind in der Auswahl ihrer Lehr­kräfte günstiger als viele andere gestellt, und noch mehr darin, daß die Lehrer unzerstreuter, ausschließlicher dem Dienst und der Arbeit der Schule gehören. Die Schüler selbst aber sind doch eine Art Elite der Jugend, ein Auszug der bessern Elemente wenigstens, soweit strenge Aufnahmeprüfungen und vorsichtige Erkundigung der Antecedentien einen solchen erreichen lassen. So weiß der Würtemberger Theologe von den Schrecken desLand­examens" zu sagen, da wo die dreißig besten aus einer doppelt und dreimal so starken Konkurrenz zur Aufnahme in die Seminarien ausgesucht werden, und die alten Fürstenschulen wissen auch von Sorgen und Seufzen vor dem errungenen Eintritt. Gleichwohl bleibt es auch unter den allergünstigsten Bedingungen wenn Ge­schichte, Natur, eine persönlich fördernde Umgebung, gesteigerter Lerntrieb Zusammenwirken wahr, daß die Gemüthsentwickelung der Jugend in solchen Anstalten kaum gleichen Schritt mit der in­tellektuellen halten kann. Das Elternhaus, wenn es anders ein normales ist, kann eben durch nichts ersetzt werden. Mutterliebe und der sittigende Verkehr mit Schwestern und innerhalb einer edeln Geselligkeit muß als miterziehender Faktor entbehrt werden. Es fehlt das Element unmittelbarer Liebe und unbedingten Vertrauens. Ein geschlossener Schülerstaat, und wenn er aus der Elite der Jugend bestehen sollte, brütet immer auch charak­teristische Untugenden aus. Der Reiz zur Uebertretung der Gesetze ist gegenüber einer strengeren Gesetzlichkeit um so größer; die soli­darische Lüge, in verwandten englischen Anstalten noch eine un­rühmliche Ausnahme, ist ein böser Feind, gegen den auch die besten deutschen Schulen der Art immer wieder ankämpfen müssen.

Allerdings wird die Entfremdung vom Familienleben da­durch in etwas gemildert, daß jene großen Schulen, von denen ich rede, erst im reiferen Knabenalter Zöglinge aufnehmen, und daß lange Ferien wenigstens ein zeitweises Wiedereinleben in die Familie ermöglichen. Immerhin ist der Schüler, der so selten heimkehrt, dann mehr ein Gast als ein Haussohn. Auch der eifrigste Briefwechsel, so heilsam und nothwendig er ist, vermag hier nur schwachen Ersatz zu geben. Es bleibt eine Lücke, die oft tief in das Leben hineinreicht.

Um so reicher freilich sind die Mittel dieser Anstalten zur Geistes- und Charakterentwicklung, soweit es auf Uebung des Geistes und auf Stählung des Willens im Selbsthandeln und Selbstver­leugnen ankommt. Es geht ein Geist männlicher Zucht durch die ganze Schulsitte, und manches Muttersöhnchen hat die Macht des Glockenschlags, den unerbittlichen Ruf zur Arbeit, den Zwang des Frühaufstehens als ein heilsames und oft für die ganze Lebenszeit fortwirkendes Kommando kennen gelernt. Es ist für den Erzieher interessant genug, die Metamorphose zu beob­achten, die jeder Neuling in solchen Schulstaaten allmählich er­fährt, wie das Weiche sich härtet, die Unsicherheit fest wird und Selbstverleugnung zur Selbständigkeit führt. Und noch ganz anders wirkt die Wechselerziehung der Schüler unter einander. Denn hier ist bei völliger Gemeinschaft des Lebens die Reibung und Befehdung, wie die Annäherung und Be­freundung der jungen Geister eine ungleich größere als in geschlossenen Anstalten. Zunächst ist der geistige Austausch ein weit lebhafterer. Es kann die Thatsache nicht gleich- giltig sein, daß der Durchschnitt der Begabung hier ein gün­stigerer sein muß, die wechselseitige Anregung also unter allen Bildungssaktoren vielleicht der wirksamste eine größere

ist. Auf einzelnen Schulen der Art setzt sich die Schar der Zöglinge nicht aus einer Provinz zusammen, sondern alle Gaue des Vaterlandes stellen ihr Kontingent, und eine bunte Mischung der Stände versteht sich ohnehin von selbst. Diese große Mannigfaltigkeit, dienend doch einem Zwecke darin liegt an sich schon die Bürgschaft einer reichen Lebensentfal­tung. Freilich erzeugt dieser Zustand, wo begabte junge Geister, bewegt von den verschiedensten Lebenseindrücken, im engen Raum auf einander stoßen, auch mancherlei Mißbildungen und Ver­schrobenheiten, die den Erzieher befremden, mitunter erschrecken können. Unverdauter Darwinismus, Materialismus, Hartmanns Philosophie des Unbewußten, Straußischer Nihilismus u. dgl. moderner Niederschlag spuken ab und zn in erregten und un­reifen Köpfen, und der Lehrer ist nicht immer in der Lage, berichtigend und zurechthelsend eingreifenzu können. Auf religiösem Gebiet erweisen sich kirchliche Ordnungen, so unentbehrlich und wesentlich sie sind, als solche durchaus unzureichend, ja sie können bedenklich werden und eine ganz gegenteilige erstarrende Wir­kung üben, wenn sie nicht durch persönliche Kräfte immer wieder im lebendigen Fluß erhalten werden. Hier, in den hei­ligsten Lebensbeziehungen würde der Glaube an die zulängliche Macht der Sitte und der Tradition eitel Aberglauben sein; die Jugend vor allem will in Lehre und Leben vorbildliche Per­sönlichkeiten. Aber auch die sittlichen Wechselwirkungen greifen ! hier weiter, dringen tiefer, die vorbildlichen wie die verführeri- ! scheu. Denn auch eine Verführung durch die schlimmen Elemente ist hier natürlich eine ungleich leichtere, und es wird darum stets Aufgabe solcher Anstalten sein, das sittlich Ansteckende mit ^ unnachsichtiger Strenge herauszuschneiden. Was hier nach außen manchmal als Härte erscheint, ist nur das Gebot einfacher Noth- wehr und geschieht zur Selbfterhaltnng des Ganzen.

Jene alten geschlossenen Anstalten stehen gewissermaßen in der Mitte privater Erziehungshäuser und offener Gymnasien.

Mit diesen haben sie im ganzen den Lehrplan und die Bil- duugsziele, mit jenen die erzieherischen Zwecke gemein. Auf die erstere Verwandtschaft einzugehen, hat hier kein unmittelbares Interesse, aber den Privatanstalten gegenüber ist zu betonen, daß hier nie die Versuchung gewaltet hat, die Arbeit in ein ^ Spiel zu verwandeln; daß mit der Erziehung zur Arbeit, dieser großen Mitgift ins Leben, hier stets Ernst gemacht wurde ein Streben, das die Charaktere mindestens eben so bildet wie die Geister. Ja auch vor den besten offenen Schulen haben jene ehrwürdigen Anstalten, so vieles sie von ihrem ursprünglichen Charakter kräftiger Einseitigkeit verloren haben, das voraus, daß hier mehr denn anderswo das Wissen in ein i Können verwandelt wird. Nicht an letzter Stelle trägt hierzu ! das System der Repetitionsstunden bei, in welchen die älteren Schüler zu Lehrern der jüngeren werden ein Verhältniß, welches beide Theile so wesentlich fördert und um die verschie­denen Altersstufen ein Band schlingt, das oft über das Interesse ! des Lehrens und Lernens weit hinausreicht. Ja, man kann sagen, daß eine relative Betheiligung der erwachsenen Schüler ^ an der (geistigen und sittlichen) Autorität, trotz aller Bedenken, ! vornehmlich dazu wirkt, dem Gauzen Halt und Geschlossenheit zn geben. Der Neuling weiß mitten im Gehorchen und Eingewöhnen, ^ daß er in diesem wohlgegliederten Organismus auch einmal die ^ Stufen ersteigen wird, auf denen er seine Vordermänner sieht.

Läßt man allein die Anhänglichkeit im späteren Leben als den Prüfstein für die Güte einer Jugendbildungsstätte ! gelten, so sprechen solche Zeugen mit lauter Stimme für diese ) Anstalten. Die Pietät, z. B. der alten Fürstenfchüler ist fast ) sprichwörtlich geworden. Gewiß liegt der tiefste Grund dieser !

erquicklichen Erscheinung in dem Zauber eines so vollen und -

festen Gemeinschaftslebens, das die verschiedensten Jahre der Knaben- und Jünglingszeit ganz erfüllt und bestimmt. Diese Jugendwelt fühlt sich nach innen freier, nach außen abgeschlossen. Formen, feierlicher als anderswo, umgeben und schmücken diese Gemeinschaft, die solenne Verpflichtung bei der Aufnahme, die Schul- und Stiftungsfeste, die Formen der Versetzung und Censur, der Abiturienteneutlassung und endlich die des Ecce, des Erinnerungsfestes an die abgeschiedenen älteren Zöglinge, dessen ernste Feier kein jugendlicher Zeuge leicht vergißt. Und wie