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im Ernst feierlicher Formen, so prägt sich der Charakter engster Geschlossenheit auch im leichten Humor der Jugend aus, der nirgends fröhlicher blüht als hinter den alten Klostermauern, der sich namentlich in einem herkömmlichen Jargon einer Terminologie kundgibt, die nur der Eingeweihte versteht. Die Außenwelt bringt der neuen Eindrücke weniger, so muß sich der erfinderische Witz an der Innenwelt üben.
Alle diese Einwirkungen, die neue Sitte und Zucht, die rastlose Arbeit, die frische Erholung, die Jugendfreundschaften, der Stolz der Zugehörigkeit zu einem solchen Ganzen, der zu erlernende und zu übende niockus vivsncli bringen bald eine merkliche Umwandlung in den jungen Geistern hervor. Gleich- giltig kann keiner diesem neuen Leben gegenüber bleiben. Es ist ein zweckvolles, angespanntes, stählendes Leben, das sich scharf auf ein hohes Ziel richtet und den einzelnen zwingt, sich seiner Wirkung hinzugeben oder andere Wege zu suchen.
Ziehe ich aus allen diesen Vordersätzen, denen eben so viele Selbsterfahrungen zu Grunde liegen, ans Licht und Schatten den Schluß, so stellt sich das Endurtheil doch so: Besitzen Eltern in ihrem Wohnort eine wohlgeordnete höhere Bildungsanstalt, und sind sie, wie es ein normales Familienleben soll, in der Lage, die Neberwachung ihrer Söhne selbst in der Hand zu halten, so ist in erster Linie dieser Weg für Erziehung und Bildung zu empfehlen, weil auf diesem das Gleichgewicht der leiblichen, seelischen und geistigen Kräfte am besten gewahrt scheint, ja weil es der Weg der Natur selbst ist. Ist das Familienleben' nichts zufälliges und entbehrliches, sondern etwas primitives, unersetzliches, so ist es das richtigste, seine Einwirkungen in den Jahren der Unselbständigkeit den Söhnen so lange als möglich zu erhalten. Selbst wenn jene geschlossenen Anstalten für die wissenschaftliche Ausbildung größere Bürgschaften böten, die Einbuße an dem Segen des Familienlebens würde auch durch diesen Vortheil nicht ausgewogen. Treffen aber diese Vorbedingungen nicht oder nur halb zu, so ist es unbedingt räthlicher, Heranwachsende Söhne, wenn das möglich ist, einer jener großen geschlossenen Anstalten anzuvertrauen, als sie einer offenen Anstalt am fremden Orte mit dem Znfall einer beliebigen Unterbringung zu übergeben. Denn überall sind gedeihliche häusliche Verhältnisse die Vorbedingung für ein gedeihliches Schulleben. Nur unter einem Vorbehalt ist dies gesagt, dem nämlich, daß sich eine Unterkunft fände, die wirklich ein Ersatz des Hauses sein könnte. Aber wo finden sich solche, und wie oft täuscht da der Schein!
Gewisse individuelle Eigenschaften aber fordert der Eintritt in jene Anstalten, denn auch hier heißt es: „Eines schickt sich nicht für alle." Ein nicht gewöhnliches Maß von Geistes- und Willensanlage, ein innerer Beruf zu wissenschaftlichen Studien, auch wenn dieselben später ins praktische Leben ausmünden, ist unumgänglich. Mangel an Energie nach diesen beiden Seiten ist der Anspannung, wie sie dort verlangt wird, nicht gewachsen. Aber auch für kontemplative und poetisch angelegte, zarte und sinnige Geister eignen sich jene Schulzustände weniger, und wenn so geartete Knaben und Jünglinge durch den Zwang der Verhältnisse doch in dieselben verpflanzt werden, so wird in der Regel von der ursprünglichen Eigenart das beste verwischt. Für robustere Naturen aber sind diese Anstalten Asyle, wo in der Stille die Thatkraft früh reift, ein lebender Protest gegen die erschlaffenden Einwirkungen städtischer Umgebung.
Nach allem dürfen wir uns freuen, daß dem deutschen Leben diese ehrwürdigen Reliquien einer großen Vergangenheit geblieben sind. Sie haben, dem berechtigten Zeitbedürsniß unverschlossen, durch ihr zähes Leben selbst den besten Beweis für die Gesundheit ihrer Grundlagen gegeben. Ringsum ein Entstehen und Vergehen neuer Versuche; sie sind geblieben und blühen bis auf diesen Tag. Trotzdem wird niemand von vorn
herein sagen dürfen, daß man eben darum ähnliche Anstalten neu ins Leben rufen solle. Nicht immer verdient das, was der Erhaltung Werth ist, auch Nachahmung und Vervielfältigung. Ja gerade solche Bauwerke, an denen die Jahrhunderte gearbeitet haben, sind unnachahmlich und lassen sich nicht im- provisiren. Aber ein Bedürfniß für eine Vermehrung scheint mir deshalb vorzuliegen, weil die beträchtliche Zahl der Studienaspiranten vom Lande, aus kleinen Städten — und es sind dies oft die berufensten Elemente — unmöglich alle in den wenigen geschlossenen Anstalten Unterkunft finden können, eine Erweiterung dieser Anstalten aber aus pädagogischen Gründen vom Uebel ist. Können also an die offenen Gymnasien der Städte nicht völlig zuverlässige Alumnate angeschlossen werden, so wäre nichts willkommener, als wenn z. B. jede Provinz Preußens wenigstens eine geschlossene, ländlich gelegene Anstalt von mäßigem Umfange erhielte, wesentlich oder ausschließlich als Vorbereitungsanstalt für die Universitätsstudien. Lebten wir in einer pädagogisch schöpferischen Periode (wie wir dies ganz gewiß nicht thun), so wäre es vielleicht an der Zeit, über ein Problem nachzudenken, wie man in neuzugründenden Erziehungshäusern und Bildungsanstalten innerhalb der Massengemeinschaft das Bedürfniß individueller Erziehung und familiärer Befriedigung besser pflegen könne. Und es wäre hier die Aufmerksamkeit auf das System der großen englischen Schulen hinzulenken, in denen die Schülermasse in die einzelnen Lehrerhäuser, gleichsam wie Familien im Staate, vertheilt werden. Allerdings würde das nur der Form nach ein Vorbild sein können, und die ganze Einrichtung müßte erst „ins Deutsche übersetzt", d. h. mit deutschem Geist und Gemüth durchdrungen werden. Denn es fehlt viel, daß die großen englischen Schulen bei ihrer Ueberfreqnenz in Wahrheit ein auch nur annäherndes Abbild des Familienlebens darstellen könnten. Daruin könnte auf deutschem Boden nur in geschlossenen Schulen mit sest- begrenzter niedriger Frequenz jenes englische System seinen wahren und der Idee nach beabsichtigten Segen bringen. Aber, wie gesagt, solche Pläne werden noch lauge fromme Wünsche bleiben. Das Bedürfniß gymnasialer Bildung namentlich ist in Deutschland gegenwärtig gedeckt durch die Vermehrungen und Besserungen während der letzten Jahrzehnte, und was die Mängel der Unterbringung betrifft, so behilft man sich, wie es eben geht. Aber es fehlt neben den erforderlichen Geldmitteln auch ans diesem Gebiet an dem produktiven Trieb, an der nachhaltigen Idealität und Begeisterung, den solche Einrichtungen in weiteren Lehrerkreisen voraussetzen müßten. So gilt es auch hier auf den rechten Moment zu warten und im Blick auf das Vorhandene auch hier dem Dichter beizustimmen: „Dies ist unser, so laßt uns sagen und so es behaupten!"
Die heutigen Gymnasien brauchen sich angesichts der gestellten Bildungsaufgaben trotz aller Berbesserungsfähigkeit nicht zu schämen. Sie besitzen im ganzen das Vertrauen der Nation bis hinauf zu den Fürstenhöfen, die ihre Söhne ihnen anzuvertrauen beginnen. Aber sie vermögen nicht alles. Hausrecht und Hauspflicht weisen in Familien darauf hin, das gottgegebene Amt der Erziehung nicht auszugeben, sondern es Hand in Hand mit der Schule in weiser Theilung der Arbeit als die ursprünglichste ihrer Ausgaben treu zu üben. Wenn in den höheren Ständen Englands die geschlossene Anstalt als die mustergiltige Erziehungsform bevorzugt wird, so erinnert diese Einseitigkeit zugleich an die durchgreifende Macht des Familiengeistes, der dort kirchlich und politisch auch in der Ferne wirksam und bestimmend bleibt. Man vertraut auf diese sittliche Macht und darf darauf vertrauen. Dem dürste bei uns nicht so sein. Aber dort fehlt auch ein Zug, ein Charakterzug, den wir hier nicht missen wollen, Gott sei Dank ein nationaler Zug, das deutsche Gemüth, das auch seine Pflege und Entfaltung verlangt.
Die Schützlinge.
Eine Episode aus Rietschels Jngendleben von Moritz von Nrichenboitz.
Nachdruck dcrbotni. Gri, v. i l. VI. 7».
II. > in Dresden emporstieg, um in seine Wohnung zu gelangen,
Es war gegen Mittag des anderen Tages, als Rietschel > welche wie ein Schwalbennest unmittelbar unter dem Dache die vier Treppen eines Hinterhauses der Wilsdruffer Straße . lag. Er theilte das kleine Zimmer, welches er hier inne hatte,
XIV. Jahrgang. L5>. I.*