Heft 
(1878) 25
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mit noch zwei anderen jungen Künstlern, Georg und Schilde, diese waren aber augenblicklich nicht anwesend, und nur das freundliche runzelvolle Gesicht seiner alten Wirthin empfing ihn in der Thür.

Gut, daß Sie kommen, Herr Rietschel," rief sie ihm entgegen,ich habe Sie schon sehr erwartet, denn ich habe nothwendig mit Ihnen zu sprechen."

Was gibt es denn, Frau Matchen?" frug er, in das Zimmer tretend, in welches ihm die Alte sogleich folgte.

Es ist eigentlich sonderbar, daß ich gerade mit Ihnen mich besprechen will, da Sie doch noch so ein junger Herr sind," sagte sie,aber sehen Sie, von Ihnen habe ich noch nie etwas schlechtes gesehen oder gehört, und ich habe gleich gedacht: Du mußt mit dem Herrn Rietschel darüber sprechen und erst hören, was der meint."

Das freut mich, daß Sie so gutes Zutrauen zu mir haben, Frau Matchen, aber um was handelt es sich denn?"

Die Alte zog einen Brief aus der Tasche und glättete ihn über dem Knie.

Ach sehen Sie, ich habe doch meinen Sohn, den Schul­meister, der ist sein Lebtag so ein braver Kerl gewesen wie nur einer, aber zu einer guten Stelle hat er es nie ge­bracht. Und nun hat er vier Kinder, und seine Aelteste, die Dörte, ist jetzt 16 Jahre alt geworden und soll ein sauberes geschicktes Mädchen sein. Aber ihre Mutter ist noch gut bei Wege, und das Mädchen ist ihnen überflüssig im Hause. Nun wollten sie es zu mir geben, daß sie nähen und stricken lernen soll, um einmal ihren Unterhalt zu verdienen. Ich habe aber immer nichts davon wissen wollen, denn sehen Sie, meine Miether kann ich deshalb nicht aufgeben, und so ein junges Mädel und die jungen Herren Künstler in so einer engen Wohnung zusammen, wo man sich kaum ausweichen kann, na, das thut niemals gut. Jetzt schreiben sie mir aber, ich müßte die Dörte nehmen, wenn ich ein Herz in der Brust hätte. Sie wäre ein gutes braves Kind, aber fort von Hause müßte sie. Sie würden mir alles einmal mündlich erzählen, schreiben ließe sich das nicht so, aber ich möchte mich nur erbarmen und das Kind zu mir kommen lassen. Was soll ich nun thun, Herr Rietschel ? Wenn Sie mir alle versprechen wollten, dem Kinde aus dem Wege zu gehen, glauben Sie nicht, daß es dann gehen würde?"

Sie blickte fragend zu Rietschel hinüber. Dieser sah ganz ernst und nachdenklich aus, denn er war viel zu gewissenhaft, um einer flüchtigen Regung sogleich nachzugeben. Endlich aber sagte er doch:Für meine Freunde glaube ich einstehen zu können, Frau Matchen, und diejenigen unter meinen Kameraden, welche ich nicht genügend kenne oder die mir nicht zuverlässig scheinen, die werden wir von unserer Wohnung fern halten. Lassen Sie Ihre Enkeltochter getrost kommen."

Nun, wenn Sie meinen, Herr Rietschel, dann will ich gleich heute noch schreiben."

Draußen hörte man die Schritte von Rietschels Stuben­kameraden. Er ging ihnen entgegen, um sofort die versprochene Verabredung mit ihnen zu treffen. Sie gingen bereitwilligst darauf ein, mit Hand und Mund zu versprechen, eine Art von Pflegevaterschaft über den neuen Schützling zu übernehmen.

Die Schützlinge schienen förmlich aus der Erde zu wachsen, und während Thäter mit Friedrich umherlief, um eine Woh­nung für ihn zu finden und ihn seinen eigenen Gönnern vor­zustellen, saß Rietschel mit den beiden Freunden in dem Man­sardenstübchen der Wilsdruffer Straße und setzte förmliche Ver­tragsartikel im Interesse des zu erwartenden neuen Schütz­lings auf.

Da stand auf einem großen weißen Bogen zu lesen, daß die Unterzeichneten sich verpflichteten, die erwartete Jungfer Dörte ganz wie eine Schwester zu betrachten. Freundlich und höflich wolle man gegen sie sein, aber strengstens alle Galan­terien vermeiden, niemals schäkernd, sondern immer nur ernst und gemessen mit ihr reden und alles von ihr fern zu halten suchen, was ihr Gemüth oder ihr Herz verwirren oder erregen könnte. Dieses wunderliche Dokument wurde von allen Dreien unterschrieben, und als sich am Abend Rietschels nähere Freunde,

wie dies öfter geschah, in dem Mansardenstübchen zu gemein­schaftlicher Lektüre klassischer Dichtungen zusammenfanden, da wurde ihnen auch sogleich der Schützlingsvertrag vorgelegt. Befriedigt überlas Rietschel die Unterschriften.Ich werde s das Dokument noch liegen lassen, bis Friedrich kommt, der muß !! auch seinen Namen darunter schreiben," sagte er. !

Thäter zog die Augenbrauen zusammen, wie er immer ! that, wenn er mit etwas nicht ganz einverstanden war.

Friedrich," sagteer,ist uns denn doch noch etwas fremd.

Er hat mir zwar heute bei den Vorstellungen und überhaupt bei allem, was er that und sagte, ziemlich gefallen, aber wie er über die Frauen denkt, das kann man doch noch nicht wissen, und wenn wir uns einmal mit diesem neuen Schützling ein- ? lassen wollen, was ich übrigens im ganzen für einen ziemlichen Unsinn halte, so müssen wir auch gründlich sein und einen Menschen, den wir noch so wenig kennen, auch nicht gleich ins - Vertrauen ziehen."

Rietschel drehte den Vertrag nachdenklich in den Händen herum.So Unrecht hast Du eigentlich nicht," sagte er,denn wenn dieser Friedrich auch seiner oktroyirten Braut davon­gelaufen ist, so kann man doch nicht wissen, wie er sich anderen Weibern gegenüber benehmen würde."

Nein, gar nichts können wir über diesen Punkt wissen, also packe Deinen Vertrag ein und laß uns erst näher bekannt mit ihm werden, ehe wir ihm etwas von dem Mädchen sagen."

Halt, ehe Du den Vertrag einpackst, möchte ich noch einen Vorschlag machen," rief Georg.Der Name Dörte will mir für unseren Schützling nicht gefallen. Dörte, Dörte, das klingt so respektwidrig, so, als könnte man den Namen immer nur scherzend oder scheltend nennen. Ta macht man so leicht Törtchen oder Dörtelchen daraus, der Name hat sogar keinen ernsten Klang. Wollen wir sie nicht lieber Dora nennen?"

Gut," sagte Rietschel,außerdem ist das auch hübscher und klangvoller, also nennen wir sie Dora, wenn die Groß­mutter einverstanden ist."

Frau Matchen hatte gegen diese Aendernng nichts einzu­wenden und nahm knixend und dankend den sauber geschriebenen Vertrag in Empfang. Nach Erledigung dieses Zwischenfalles ! ging man an die Lektüre Shakespeares.

Friedrich Müller kam etwas spät in der Begleitung des jungen Malers, welcher ihn als Stubengenossen ausgenommen hatte. Er war erfüllt von den Erlebnissen des Tages. Pro­fessor Seifert hatte ihm die Aufnahme in die Akademie in Aussicht gestellt, und er erklärte, daß er gleich morgen zu Hause anfangen würde Zeichenstudien zu machen, um ja keine Zeit zu ! verlieren. Er sagte das alles mit einer fast nervösen Hast, und es schien ihm sichtliche Ueberwindung zu kosten, daß er ruhig sitzen und zuhören mußte, als man endlich die Lektüre wieder begann. Seine Angen hingen an dem Vorleser, aber mit einem Ausdruck, der es zweifelhaft erscheinen ließ, ob er das Gelesene auch hörte und verstand, und als er um seine Meinung in s Betreff der äußeren Erscheinung der Julia gefragt wurde, er­klärte er im Widerspruch mit allen anderen sofort, daß er sich l

dieselbe nur blond und blauäugig vorstellen könne. Ueberhaupt f

machte er einige so sonderbare Aeußerungen in Betreff der !

Liebe im allgemeinen und blonder Frauen insbesondere, daß Rietschel und Thäter wieder einen stummen Blick des Einver- ^ ständnisses wechselten, welcher in Worte übersetzt, ungefähr ge­lautet hätte:Dieser Friedrich scheint ja allerlei Erfahrungen gemacht zu haben, und wir thaten sehr weise daran, daß wir ihm nichts von Jungfer Dora sagten. Vollends, wenn sie !

blond sein sollte, so wollen wir diesen Don Juan in einiger Entfernung zu halten suchen."

III.

Einige Wochen waren seit der Unterzeichnung des Schütz­lingsvertrages vergangen, aber die Paragraphen desselben hatten noch nicht in Kraft treten können, da Jungfer Doras Mutter erkrankt war und die Abreise der Tochter in Folge dessen auf unbestimmte Zeit hatte hinausgeschoben werden müssen.

Inzwischen hatten die Freunde Zeit und Ursache, über ihren Schützling Friedrich nachzudenken. Derselbe arbeitete