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mit großem Fleiß, aber es bedurfte nicht langer Zeit, um die Freunde darüber aufzuklären, daß eben nur der Fleiß, aber nicht das Genie seine Hand leitete. Sie gestanden cs sich gegenseitig noch nicht ein, aber Rietschel sowohl als Thäter waren schmerzlich enttäuscht über diese Entdeckung.
Eines Tages saßen sie allein zusammen bei ihrer Arbeit.
Sie hatten Erlaubniß erhalten, sich im Gypssaäl der Akademie über Mittag,- wenn die andern nach Hause gingen, einschließen zu lassen, um ungestört bei der Arbeit bleiben zu können. An solchen Tagen bestand ihr Diner in einem Stück Brot und etwas Obst, und sie blieben dann gewöhnlich bis zur Dämmerstunde beisammen. Auch heute hatten sie diese Erlaubniß benutzt und eine Weile schweigend neben einander gesessen.
Endlich sagte Rietschel, dessen Gedanken sich schon den ganzen Tag mit Friedrich beschäftigt hatten:
„Wir haben Unglück mit unseren Schützlingen, die Dora bleibt ganz aus, wie es scheint, und Friedrich —"
Er stockte. Thäter blickte schnell auf.
„Und Friedrich?" wiederholte er. „Was meinst Du?"
„Hin, ich weiß nicht, aber ich glaube, ich fürchte —"
„So hast Du es auch gemerkt? Er hat kein Talent, nicht wahr?"
„Nein, ich glaube cs wenigstens nicht, und Du bestätigst meine Ansicht?"
„Ja, entschieden. Ich bin dem Burschen herzlich zugethan, und habe allen Respekt vor seinem Fleiß; aber ich begreife eigentlich gar nicht, warum er durchaus Künstler werden will, da seine Eltern so entschieden dagegen sind."
„Ich glaube, seine Eltern sind selbst schuld daran, daß er sich das Künstlerwerden so fest in den Kopf gesetzt hat," meinte Rietschel. „Er hat mir einmal erzählt, daß er der einzige Sohn seiner Eltern und als solcher von früh an als Wunderkind betrachtet worden sei. Da haben sie wahrscheinlich auch seine ersten Zeichenstriche gleich als Meisterwerke ausgeschrieen und ihm so den Glauben an sein Talent selbst beigebracht, der sie nun wahrscheinlich unglücklich macht und der ihm, fürchte ich, auch keine Freuden bringen wird."
„Ja, cs geschähe wahrscheinlich Friedrich und seinen Eltern der größte' Gefallen, wenn dem armen Kerl jemand die Augen öffnen wollte," fing Thäter nach einer kleinen Pause wieder an.
„Ja, etwas ähnliches habe ich auch schon gedacht. Könntest Du nicht einmal mit ihm sprechen, Julius?"
„Ich? Nein, Ernst, ich mit meiner poltrigen Art würde ihn zu sehr verletzen. Ich würde diese kitzliche Sache nicht zart genug anfangen, Du bist viel geeigneter zu solch einer Unterredung, glaube mir."
„Aber Du bist der ältere, auf Dein Urtheil muß er mehr i geben als auf das meine."
! Nach dieser gegenseitigen Versicherung schwiegen beide und
! beschäftigten sich eifrig mit ihrer Arbeit. Endlich sagte Rietschel: „Am Ende sehen wir die Sache doch nicht richtig an. Es wäre doch möglich, daß er es mit seinem Fleiß zu Erfolgen brächte, die ihn befriedigten."
Thäter schüttelte den Kopf.
„Ich ärgere mich über uns beide," sagte er, „denn wir ^ lassen ihn in ein wirkliches Unglück hinein rennen, blos weil wir uns fürchten, ihm jetzt einen Schmerz zu bereiten, den er doch au: Ende wieder überwinden würde. Mit seiner Arbeitskraft und seinem Fleiße kann er in jedem andern Fach etwas Tüchtiges leisten; aber die Kunst läßt sich einmal nicht erzwingen."
„Recht hast Du schon, und einer von uns wird es ihm ! doch zuletzt sagen müssen," meinte Rietschel. Dann sprang er plötzlich ans und schob seine Arbeit von sich.
„Weißt Du, wir wollen loosen, wer den Auftrag übernehmen soll," rief er.
Thäter schwieg, was Rietschel für eine Zustimmung hielt.
Das Loos entschied für Thäter.
Die übrigen Arbeitsstunden dieses Tages verliefen ziemlich schweigsam, und als es endlich anfing dämmrig zu werden, drückte Thäter seinem Freunde mit einem Seufzer die Hand und sagte: „Wenn es denn sein muß,so will ich nur auch gleich hingehen."
„Der arme Junge, er wird sehr unglücklich sein, aber es ist wirklich zu seinem Besten," meinte Rietschel.
Die Freunde stiegen zusammen die Treppe hinab. Dann drückten sie sich nochmals die Hand und entfernten sich nach entgegengesetzten Richtungen.
Rietschel hatte noch bei einem Bekannten in der Wilsdruffer Straße eine Bestellung zu machen. Er trat in das Hans und wollte eben die Treppe emporsteigen, als er aus dem untersten Absätze derselben eine zusammengekauerte weibliche Gestalt erblickte, welche, das Gesicht in die Schürze drückend, bitterlich zu weinen schien.
„Warum weinen Sie?" frug er, stehen bleibend.
Die Fremde, welche so in ihren Schmerz vertieft schien, daß sie sein Näherkommen gar nicht gehört hatte, sprang bei dieser plötzlichen Frage erschrocken auf, ein Bündel, das neben ihr gelegen hatte, kollerte die Treppenstufen hinab, der Knoten, der es zusammenhielt, löste sich dabei, und Wäsche und Kleidungsstücke, ein Brot und verschiedene Früchte ergossen sich in malerischer Unordnung über den Boden.
„Ach Gott, ach Gott!" jammerte die Fremde, ihren Sachen nacheilend und dieselben znsammenraffend, so gut das in der Eile gehen wollte. Dabei glitt ihr das verhüllende Tuch vom Kopfe, und ein trotz aller Thränenspuren noch reizendes Mädchengesicht, von dicken blonden Flechten eingerahmt, wurde darunter sichtbar. Rietschel bückte sich unwillkürlich, um der Fremden behilflich zu sein.
„O ich danke, bitte, lassen Sie nur die Sachen liegen," rief diese, so schnell und ängstlich nach den von Rietschel erfaßten Gegenständen greifend, als fürchte sie beraubt zu werden.
„Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten," sagte er lächelnd. „Ich nehme Ihnen Ihre Sachen nicht, und wenn ich Ihnen helfen kann, bin ich gern bereit dazu."
„Sie blickte ihn mit ihren großen thränenfeuchten Kinderaugen an, und als habe ihr diese kurze Prüfung ihres neuen Bekannten Muth gemacht, sagte sie zögernd:
„Ich bin so fremd hier und weiß nicht, was ich anfängen soll, und nun wird es bald Abend, und der Vetter hat gesagt, er könne erst morgen früh wieder nach mir sehen. Wenn ich aber die ganze Nacht hier in dem fremden Hause auf der Treppe bleiben soll, so fürchte ich mich zu Tode!" Erneuertes Schluchzen unterbrach ihre Worte.
„Wer ist denn Ihr Vetter?" frug Rietschel theilnehmend.
„Der Händler Anton Wolf aus Grünsdorf ist er, und ich war ihm übergeben. Bis hierher ging auch alles ganz gut, aber nun führt er mich hier in ein fremdes Haus und läßt mich mutterseelenallein! Und daß nun auch noch mein Bündel aufgeht, und die schöne reine Wäsche in den Staub fällt, und die Aepfel, die ich selbst sorgfältig vom Baume gepflückt habe, nun von dem Stoßen und Fallen Flecke bekommen werden, das ist doch zu viel Unglück auf einmal," rief die Fremde, welche die Mittheilung ihres Kummers sichtlich zu erleichtern schien. „Was wird nun die Großmutter sagen, wenn ich so bei ihr ankomme." — „Ah, Sie wollten zu Ihrer Großmutter?"
„Freilich, aber bitte, mein Herr, halten Sie einmal den Zipfel des Tuches fest; so, nun wollen wir die Sachen hineinpacken, daß es doch wieder ordentlich aussieht. Ah, da unter der Stufe liegen noch Aepfel, bitte, geben Sie mir die jetzt." Das Mädchen schien über dem Ordnen ihrer Sachen ihre Verlassenheit ganz zu vergessen, und Rietschel holte die Aepfel, hielt das Tuch nach ihrer Angabe und dachte dabei, daß es doch hübscher sein müßte, einmal ein -Profil wie das dieser Unbekannten nach der Natur zu modelliren, als wenn man immer nur die Antike zum Vorbild habe.
Indes war das Bündel wieder fertig gepackt und zugeschnürt. „Was soll ich nun machen?" frug das Mädchen, Rietschel anblickend, als sei sie überzeugt, daß er Rath wissen werde.
„Ja, warum hat Ihr Vetter Sie denn nicht gleich zu Ihrer Großmutter gebracht?" frug er.
„Ach, das ist's ja eben," war die Antwort. „Zur Großmutter wollte er mich ja bringen und hier in diesem Hause sollte sie wohnen. Weil es aber vier Treppen hoch zu steigen gab, wollte der Vetter sich nicht so lange aufhalten und brachte