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mich nur bis an die Hausthür. Im ganzen Hause wohnt nun aber keine Frau Malchen Schulz —"
„Frau Malchen Schulz — das ist Ihre Großmutter?" rief Rietschel erstaunt. „O, dann bringe ich Sie sofort hin, daun sind Sie ja Jungfer Dora, die wir schon lange erwarten —"
„Nein, Herr, ich heiße Dörte."
„Das ist egal, wir haben beschlossen, Sie Dora zu nennen, weil das hübscher klingt, und wir haben uns schon recht auf Sie gefreut."
„Aber Sie kennen mich doch gar nicht?"
„O, die Großmutter hat uns von Ihnen erzählt, und ich und noch zwei Freunde von mir, wir wollen Ihre Pflegebrüder sein, liebe Dora. Sie wollen uns doch als solche annehmen?"
Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie schlug schüchtern ein.
„Wenn Sie mein Pflegebruder sein wollen, so laß ich mir's gern gefallen, Herr," sagte sie; „Sie sehen so freundlich und gut ans und haben mir gleich geholfen. Aber die andern
beiden, die muß ich erst sehen, ehe ich sage, ob ich sie haben will." Rietschel war entzückt über dieses naive Geständniß.
„Und nun kommen Sie," rief er lebhaft, „Frau Malchen wohnt Nr. 23, und dies Haus ist Nr. 32, da haben wir die ganze Verwechselung."
„23 und 32, ja wahrhaftig, das hat der Vetter nicht unterscheiden können," lachte Dora, und beide verließen mit einander plaudernd und lachend wie alte Bekannte das Haus, um sich zu Frau Malchen zu begeben.
Rietschel träumte in dieser Nacht, daß eine weiße Marmorfigur unter seinen Händen plötzlich blonde Haare bekommen und ihn mit blauen Augen angeblickt habe, und am andern Morgen erwachte er mit einem Glücksgefühl wie ein Kind am Weihnachtstage. Dennoch wußte er sich über den Grund dieses Gefühls keine Rechenschaft zu geben. Er hatte auch gar keine Zeit, darüber nachzudenken, denn sein erster Gedanke beim Erwachen flog sofort zu seinem neuen Schützling. (Schluß folgt.)
Die öerden frühesten Wildnisse Kaiser Wilhelms.
Zum 81 . Geburtstage des Kaisers.
Nach französischem Vorgang und Muster war im Jahre i verwüstet. Gegenüber solcher Verachtung des Familienlebens 1770 gleichzeitig in Leipzig und in Göttingen ein Musen- ! ließ nun der große Dichter sein „episches Idyll vom deutschen
Bürgerhanse" in die
almanach erschienen: eine neue literarische Mode, die sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute.
Altes und Neues kam in diesen zierlichen Büchlein zum Abdruck: Jahrzehnte lang spiegelt sich darin der Entwicklungsgang unserer Dichtung, ja man könnte sagen, unserer Kultnrzustän- de, ab. Eine Abart der Almanache waren dieTafchen- bücher, die mit allerhand Zusätzen (zum geselligen Vergnügen — für Frauenzimmer — für Liebe und , Freundschaft u.s.w.) oder auch mit poetischen Haupttiteln (Cornelia — Minerva — Vergißmeinnicht — Gedenkemein rc.), oft auch ohne irgend einen Zusatz erschienen. Kaum aber hat je eine dieser Neujahrsgaben solches Aufsehen gemacht, wie das „Taschenbuch für das Jahr 1798", das in Berlin bei Friedrich Vieweg dem älteren erschien — für gewöhnliche Sterbliche in buntem Umschlag, für die elegante Welt in gewirkter Seide oder Hl Maroquin, letzteres die Arbeit zweier kurz zuvor in Berlin eingewanderter Emigranten.
Außer dem üblichen Kalender enthielt dasselbe nämlich den ersten Abdruck von Goethes „Hermann und Dorothea" und dazu als Titelkupfer das von uns oben reproducirte Familienbild des preußischen Königshauses, von der Künstlerhand Cho dowieckis meisterhaft ausgeführt. Es war ein doppeltes prophetisch hoffnungsvolles Wahrzeichen für unseres Vaterlandes Zukunft. In dem deutschen Hause und in unseres Volkes Familienhaftigkeit hatte von jeher unsere Kraft gewurzelt — beides war ins Schwanken gekommen und war namentlich in den hohen und höchsten Ständen fast durchweg zerrüttet und
Die königliche Familie von Preußen im Jahre 1797. Mit dem frühesten Bilde Kaiser Wilhelms.
Nach dem Titelkupfer Chodowieckis zur ersten Ausgabe von Goethes „Hermann und Dorothea" im Taschenbuche für 17O8. Berlin, bei Friedrich Vieweg dem älteren.
«) Prinz Ludwig, zweiter Sohn Friedrich Wilhelms II. -) Gemahlin Prinz Ludwigs. e) Amme. Kron
prinzessin, spätere Königin Luise, mit ihrem zweiten Sohne, späterem Kaiser Wilhelm ans dem Arm. Vor ihr stehend ihr ältester Sohn, späterer König Friedrich Wilhelm IV. e) Kronprinz Friedrich Wilhelm, später König Friedrich Wilhelm III. /) König Friedrich Wilhelm II. §) Prinz Heinrich, dritter Sohn Friedrich Wilhelms II. /-) Prinzessin Auguste, dritte Tochter Friedrich Wilhelms II. /) Elisabeth, Wittme Fried richs des Großen. I-) Prinz Wilhelm, vierter Sohn Friedrich Wilhelms II. r) Gemahlin Friedrich Wilhelms II.
Welt hinansklin- gen; in einer sittlich angefressenen Zeit zeigte er Ehe und Familie in ihrer sittlichenWür- de, und daneben wies der Künstler auf ein jüngst frisch erblühtes deutsches Hans, das königlich auf hoher Warte thronend doch schlicht bürgerlich sich bisher entwickelt und die bedrohten Güter in vorbildlicher Weise wieder erobert hatte.
So scheint uns denn dieses merkwürdige Bild einen symbolischen Charakter zu haben: es soll den beginnenden Wiederaufbau des deutschen Hauses an Deutschlands höchster Stätte darstellen. Historisch ist es ungenau; denn Prinz Ludwig von Preußen, der gleichzeitig (1793) mit seinem Bruder, dem damaligen Kronprinzen, den Ehcbund mit Friederike von Mecklenburg-Strelitz, der jüngeren Schwester seiner Schwägerin Luise schloß, war bereits am 28. Dezember 1796, also drei Monate vor Prinz Wilhelms Geburt gestorben; fünf Tage darauf war Friedrich des Großen greise Wittwe Elisabeth Christine erkrankt und hatte am 13. Januar 1797 ebenfalls ihren irdischen Lauf vollendet. Mit vollem Recht gehört dagegen das Haupt des hier versammelten Familienkreises, König Friedrich Wilhelm II noch in diese Gruppe, denn er hat das Geburtstagskind des 22. März 1797, den „prächtigen kleinen Prinzen", wie die Oberhofmeisterin, Gräfin von Voss, in ihren Tagebuchblättern ihn jubelnd nennt, noch auf den Armen gewiegt und hat ihn am 3. April als sein erster Pathe zur Taufe gehalten. In dem Jahre freilich, für welches Chodowieckis Bild bestimmt war, wandelte er nicht mehr unter