Heft 
(1878) 25
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mich nur bis an die Hausthür. Im ganzen Hause wohnt nun aber keine Frau Malchen Schulz"

Frau Malchen Schulz das ist Ihre Großmutter?" rief Rietschel erstaunt.O, dann bringe ich Sie sofort hin, daun sind Sie ja Jungfer Dora, die wir schon lange erwarten"

Nein, Herr, ich heiße Dörte."

Das ist egal, wir haben beschlossen, Sie Dora zu nennen, weil das hübscher klingt, und wir haben uns schon recht auf Sie gefreut."

Aber Sie kennen mich doch gar nicht?"

O, die Großmutter hat uns von Ihnen erzählt, und ich und noch zwei Freunde von mir, wir wollen Ihre Pflegebrüder sein, liebe Dora. Sie wollen uns doch als solche annehmen?"

Er streckte ihr die Hand entgegen. Sie schlug schüchtern ein.

Wenn Sie mein Pflegebruder sein wollen, so laß ich mir's gern gefallen, Herr," sagte sie;Sie sehen so freundlich und gut ans und haben mir gleich geholfen. Aber die andern

beiden, die muß ich erst sehen, ehe ich sage, ob ich sie haben will." Rietschel war entzückt über dieses naive Geständniß.

Und nun kommen Sie," rief er lebhaft,Frau Malchen wohnt Nr. 23, und dies Haus ist Nr. 32, da haben wir die ganze Verwechselung."

23 und 32, ja wahrhaftig, das hat der Vetter nicht unterscheiden können," lachte Dora, und beide verließen mit einander plaudernd und lachend wie alte Bekannte das Haus, um sich zu Frau Malchen zu begeben.

Rietschel träumte in dieser Nacht, daß eine weiße Marmor­figur unter seinen Händen plötzlich blonde Haare bekommen und ihn mit blauen Augen angeblickt habe, und am andern Morgen erwachte er mit einem Glücksgefühl wie ein Kind am Weihnachts­tage. Dennoch wußte er sich über den Grund dieses Gefühls keine Rechenschaft zu geben. Er hatte auch gar keine Zeit, dar­über nachzudenken, denn sein erster Gedanke beim Erwachen flog sofort zu seinem neuen Schützling. (Schluß folgt.)

Die öerden frühesten Wildnisse Kaiser Wilhelms.

Zum 81 . Geburtstage des Kaisers.

Nach französischem Vorgang und Muster war im Jahre i verwüstet. Gegenüber solcher Verachtung des Familienlebens 1770 gleichzeitig in Leipzig und in Göttingen ein Musen- ! ließ nun der große Dichter seinepisches Idyll vom deutschen

Bürgerhanse" in die

almanach erschie­nen: eine neue lite­rarische Mode, die sich bald allgemeiner Beliebtheit erfreute.

Altes und Neues kam in diesen zier­lichen Büchlein zum Abdruck: Jahrzehn­te lang spiegelt sich darin der Entwick­lungsgang unserer Dichtung, ja man könnte sagen, un­serer Kultnrzustän- de, ab. Eine Ab­art der Almanache waren dieTafchen- bücher, die mit allerhand Zusätzen (zum geselligen Ver­gnügen für Frauenzimmer für Liebe und , Freundschaft u.s.w.) oder auch mit poe­tischen Haupttiteln (Cornelia Mi­nerva Vergiß­meinnicht Ge­denkemein rc.), oft auch ohne irgend einen Zusatz erschienen. Kaum aber hat je eine dieser Neujahrsgaben solches Aufsehen gemacht, wie dasTaschenbuch für das Jahr 1798", das in Berlin bei Friedrich Vieweg dem älteren erschien für gewöhnliche Sterbliche in buntem Umschlag, für die elegante Welt in ge­wirkter Seide oder Hl Maroquin, letzteres die Arbeit zweier kurz zuvor in Berlin eingewanderter Emigranten.

Außer dem üblichen Kalender enthielt dasselbe nämlich den ersten Abdruck von GoethesHermann und Dorothea" und dazu als Titelkupfer das von uns oben reproducirte Fami­lienbild des preußischen Königshauses, von der Künstlerhand Cho dowieckis meisterhaft ausgeführt. Es war ein doppeltes prophetisch hoffnungsvolles Wahrzeichen für unseres Vater­landes Zukunft. In dem deutschen Hause und in unseres Volkes Familienhaftigkeit hatte von jeher unsere Kraft gewurzelt beides war ins Schwanken gekommen und war namentlich in den hohen und höchsten Ständen fast durchweg zerrüttet und

Die königliche Familie von Preußen im Jahre 1797. Mit dem frühesten Bilde Kaiser Wilhelms.

Nach dem Titelkupfer Chodowieckis zur ersten Ausgabe von GoethesHermann und Dorothea" im Taschenbuche für 17O8. Berlin, bei Friedrich Vieweg dem älteren.

«) Prinz Ludwig, zweiter Sohn Friedrich Wilhelms II. -) Gemahlin Prinz Ludwigs. e) Amme. Kron­

prinzessin, spätere Königin Luise, mit ihrem zweiten Sohne, späterem Kaiser Wilhelm ans dem Arm. Vor ihr stehend ihr ältester Sohn, späterer König Friedrich Wilhelm IV. e) Kronprinz Friedrich Wilhelm, später König Friedrich Wilhelm III. /) König Friedrich Wilhelm II. §) Prinz Heinrich, dritter Sohn Friedrich Wilhelms II. /-) Prinzessin Auguste, dritte Tochter Friedrich Wilhelms II. /) Elisabeth, Wittme Fried richs des Großen. I-) Prinz Wilhelm, vierter Sohn Friedrich Wilhelms II. r) Gemahlin Friedrich Wilhelms II.

Welt hinansklin- gen; in einer sitt­lich angefressenen Zeit zeigte er Ehe und Familie in ihrer sittlichenWür- de, und daneben wies der Künstler auf ein jüngst frisch erblühtes deutsches Hans, das könig­lich auf hoher Warte thronend doch schlicht bürgerlich sich bis­her entwickelt und die bedrohten Gü­ter in vorbildlicher Weise wieder er­obert hatte.

So scheint uns denn dieses merk­würdige Bild einen symbolischen Cha­rakter zu haben: es soll den beginnen­den Wiederauf­bau des deut­schen Hauses an Deutschlands höch­ster Stätte dar­stellen. Historisch ist es ungenau; denn Prinz Ludwig von Preußen, der gleichzeitig (1793) mit seinem Bruder, dem damaligen Kronprinzen, den Ehcbund mit Friederike von Mecklenburg-Strelitz, der jüngeren Schwester seiner Schwägerin Luise schloß, war bereits am 28. Dezember 1796, also drei Monate vor Prinz Wilhelms Geburt gestorben; fünf Tage darauf war Friedrich des Großen greise Wittwe Elisa­beth Christine erkrankt und hatte am 13. Januar 1797 ebenfalls ihren irdischen Lauf vollendet. Mit vollem Recht ge­hört dagegen das Haupt des hier versammelten Familienkreises, König Friedrich Wilhelm II noch in diese Gruppe, denn er hat das Geburtstagskind des 22. März 1797, denpräch­tigen kleinen Prinzen", wie die Oberhofmeisterin, Gräfin von Voss, in ihren Tagebuchblättern ihn jubelnd nennt, noch auf den Armen gewiegt und hat ihn am 3. April als sein erster Pathe zur Taufe gehalten. In dem Jahre freilich, für welches Chodowieckis Bild bestimmt war, wandelte er nicht mehr unter