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und, da er selbst schon eine Reihe von Jahren am Orte lebte, Neues aus dem letzten Jahrzehnte von der deutschen Erde zu hören. Wir hatten, wie jeder anständige Mensch unter diesem glücklichen Himmelsstriche, ein wohleingerichtetes Landhaus inmitten eines kleinen Parkes zu unserer Verfügung und eine Dienerschaft von ich weiß nicht wie viel braunen Köpfen. Während ich den Vormittag über auf der Veranda saß und meine Vermessungsregister in Karten umsetzte, fuhr mein liebenswürdiger Wirth zur Stadt, um seinen Handelsgeschäften nach- zugehen. Von Mittag ab trennten wir uns nicht mehr; wir nahmen unser Diner gemeinschaftlich, wie hielten unsere Siesta, wir sahen des Abends die Gesellschaft junger Männer bei uns, wenn wir nicht eine Einladung in eine befreundete Familie hatten, alles gemeinschaftlich, unzertrennlich.
Heute Abend hatten wir fröhliche Gesellschaft bei uns, drei junge Männer, zwei Deutsche, ein Holländer, dem unsere Sprache geläufig war, Kaufleute aus der Stadt, deren karriolartige leichte Fuhrwerke hinter dem Hause hielten. Wir hatten eine kalte Bowle konstrnirt, deren Geheimniß mich in der Gesellschaft von Weltevreden in bedeutenden Ruf gebracht hatte, und beschäftigten uns mit einem Gegenstände, der in der Stadt gegenwärtig das allgemeine Tagesgespräch bildete.
„Haben Sie die Nummer bei sich, Voet?" fragte mein Wirth.
„Natürlich!" antwortete ein junger Mann mit stattlichem braunen Vollbarte, indem er in die Rocktasche griff und ein Zeitungsblatt entfaltete.
„Ah, lesen Sie doch, Voet!" forderte ein anderer von der Gesellschaft auf.
„Mit Vergnügen!" erklärte sich der Holländer bereit. Dann las er ans dem Blatte folgende Stelle vor: Bekanntmachung.
Seit einigen Wochen ist in der Kolonie eine Reihe schwerer Diebstahle verübt worden, deren Urheberschaft mit großer Wahrscheinlichkeit auf einen Neger unbekannten Namens znrückzuführen ist, ohne daß es bis jetzt gelungen wäre, des Thäters habhaft zu werden. Die bezeichnte Person ist von außergewöhnlicher Größe und Körperkraft und bedient sich geläufig der englischen Sprache. Sie ist wiederholt gesehen worden in der Gesellschaft eines Weißen mit dunklem Haar und rasirtem Gesichte, der ein schwarzes Pflaster auf dem linken Auge trägt, dessen Theilnahme an den Diebstählen jedoch nicht erwiesen ist.
Es wird demjenigen, welcher eine dieser Personen auf der That ertappt und an die Kolonialpolizei abliefert, oder zur Ergreifung und Bestrafung derselben wichtige Beihilfe leistet, eine Belohnung von fünftausend Gulden zugesichert.
Der Generalgouverneur.
Der Vorleser faltete das Blatt wieder zusammen und ließ es in der Rocktasche verschwinden.
„Schöne Gelegenheit, Strübing, Ihre Finanzen zu verbessern!" sagte er dann zu seinem Nachbar. Wir lachten, auch der Angeredete.
„Wenn es wahr ist," sagte dieser, „was alle Welt über dies Wunder von Kraft redet, dann kann der Gouverneur seine fünftausend Gulden, wenigstens was den Nigger betrifft, sofort wieder auf das Ersparnißkvnto übertragen; ich möchte meine leidlich gesunden Knochen bei der Sache nicht zu Markte tragen."
„Ich auch nicht!" meinte unser Wirth. „Wenn der Mann mich am Hellen Tage auf der Straße um ein Darlehn anspräche, würde ich stumm meine Börse ziehen. Bei dem letzten Einbrüche bei Nackel und Bronnemaker soll er einem Malayen, der ihn festhalten wollte, das Genick mit den bloßen Fäusten zerbrochen haben."
„Wenn Sie das für die neueste Geschichte halten, so täuschen Sie sich, lieber Freund!" verbesserte Voet. „Das Allerneueste ist freilich erst von gestern, aber diese fünftausend Gulden" — der Sprecher tippte dabei auf die Tasche, in welcher das Zeitungsblatt steckte — „sind die nächste Folge davon. Diesmal hat der Generalgouverneur persönlich die Ehre gehabt."
„Erzählen Sie doch, Voet!" drängten wir alle.
Der Holländer feuchtete sich im voraus an dem Reste
seines Glases die Kehle an, ließ sich von den in den Winkeln hockenden Malayen eine Lunte an die Spitze seiner erloschenen Cigarre halten und begann, da wir alle gespannt auf ihn sahen, seine Erzählung.
„Nun, der Gouverneur ist bekanntlich vor drei Tagen von Buitenzorg heruntergekommen; weshalb weiß ich nicht. Vorgestern ist wegen dieser beiden Strolche große Konferenz gewesen, und ich weiß ans guter Quelle, daß zu einem Aufgebote der öffentlichen Hilfe, natürlich gegen eine anständige Belohnung, dringend gerathen wurde. Der Gouverneur wollte aber nicht, da er meinte, die braune Polizei müßte die Kerle über kurz oder lang dingfest machen. Gestern hatte er eine Einladung angenommen zu dem reichen Backheer an der Bnitenzorger Straße; vorsichtig, wie der alte Herr ist, versieht er sich mit einem Coltschen Revolver, ladet das Ding und steckt es in die Rocktasche und fährt mit seinem Einspänner hinaus. Natürlich passirt nichts; sie wandern in den Kaffeepflanzungen umher, essen und trinken so gut, wie man das bei Backheer bekanntlich haben kann, und kurz vor Abend fährt der Gouverneur den Weg wieder zurück. Es ist noch Heller Tag; kein Mensch denkt etwas Arges, aber wie der Wagen eine Krümmung passirt, stiegt wie der Blitz eine schwarze Gestalt aus einer Tamarindengruppe heraus und fällt dem Pferde in die Zügel. Der Gouverneur weiß ganz genau, warum er in seiner Bekanntmachung die Körperkräfte des Negers erwähnt; er hat selbst erzählt, daß das Pferd aus den ersten Ruck wie angewurzelt stand; der Wagen bekam von dem plötzlichen Widerstande ordentlich einen Stoß. Natürlich war der Kutscher, einer dieser nichtsnutzigen Malayen, im Augenblicke vom Sitze herunter und wie eine Schlange in den Büschen verschwunden. „Verzeihung, Excellenz, wegen der Störung," sagte der Schwarze und grüßte sehr höflich; „ich konnte nicht unterlassen, Ihnen meinen Dank dafür auszusprechen, daß Sie von meiner unbedeutenden Person kein Aufheben machen wollen. Mit fünftausend Gulden wäre ich sicher über den Werth bezahlt." — „Und nun, was wollen Sie jetzt?" fragt der Gouverneur. — „Ah, Excellenz, ich hatte ein Bedenken," sagt der Kerl mit dem freundlichsten Gesichte von der Welt. „Ich befürchtete, Sie möchten sich am Ende durch ihr Pflichtgefühl dennoch zu diesem Schritte verleiten lassen, der mit meiner Bescheidenheit gar nicht zu vereinigen wäre. Ich glaube Ihnen im voraus diese fünftausend Gulden abnehmen zu müssen, nur damit kein schlechter Gebrauch davon gemacht wird. Ihre Börse, Excellenz, und sonstige Kleinigkeiten, wenn ich bitten darf!" — Der Gouverneur greift also, ohne eine Wort zu erwidern, in die Tasche, aber anstatt der Börse zieht er den Revolver heraus, dessen er sich gerade rechtzeitig erinnerte. Der Nigger verfolgt mit lächelndem Gesichte alle diese Bewegungen, ohne sich vom Platze zu rühren. „Keinen unnützen Aufenthalt, Excellenz!" sagt der Kerl und winkt mit der Hand; „ich fand bei Ihrem ehrenwerthen Freunde Backheer nichts anderes zu thun und habe mich mit dem Dinge bereits beschäftigt. Ein wahres Prachtstück, das ich mir zum Andenken an dies angenehme Zusammentreffen erbitten werde. Die Patronen habe ich bereits in der Tasche." Dabei zieht der Kerl die Hand aus den Hosen und läßt die sechs Messinghülsen auf- und niederrollen. Der Gouverneur drückt am Abzug, aber natürlich vergebens, die Waffe ist wirklich nicht mehr geladen. Was blieb ihm anderes übrig, als diesmal die Börse herauszuholen; er seufzt noch heute, wenn er an den Inhalt dieser Börse denkt; dann forderte der Kerl die Uhr mit einer ansehnlichen Kette, dann ein Taschenbuch mit Banknoten; er bezeichnet^ sogar die Seidenstickerei, die auf dem Umschläge angebracht war; schließlich erbat er sich nochmals den Revolver, bedankte sich freundlich, grüßte und verschwand wieder in den Gebüschen, genau in dem Augenblicke, als ein Trupp Soldaten um die Ecke der Straße bog. Natürlich wurde sofort die ganze Gegend abgesucht, aber wie man sich denken kann vergeblich. Die Geschichte spielte am Hellen Tage und auf der belebten Straße nach Buitenzorg."
Ich sah in lauter lachende Gesichter; so unangenehm die Sache für den Betroffenen sein mochte, wer davon erzählen hörte, mußte die Methode des Mannes humoristisch stnden.