Heft 
(1878) 31
Seite
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farbig, nämlich weiß, waren sein Untergewand und sein Turban. Einfarbig, nämlich pnrpurblan, waren die fünfzig Schleifen, welche die zehn vierfarbigen untersten Teppiche des Stiftszeltes verbanden, die Schnur, mittelst welcher das Amtsschild an das Schulterkleid, und die Schnur, mittelst welcher das Diadem mit der InschriftHeilig Jehoven" am Turban angeheftet war. Einfarbig, nämlich theils und zwar vorherrschend pnrpnrblau, theils purpnrroth, waren auch die Tücher, mit welchen die hei­ligen Geräthe während der Wanderung bedeckt wurden, und einfarbig, nämlich weiß, die Kleider der untergeordneten Priester, mit Ausnahme nur etwa des, wie Josephus bezeugt, bunt­farbigen Gürtels. Nehmen wir noch hinzu die purpurblaue Schnur, welche nach gesetzlicher Vorschrift in die sogenannten Schaufäden am Kleide des Israeliten eingeschlagen oder an sie angesetzt sein soll, so liegt die Verwendung und Vertheilnng der vier gottesdienstlichen Farben im Ueberblick vor uns.

Sie ist durchaus originell. An ägyptisches Vorbild läßt sich nicht denken, denn nicht einmal die Namen des Purpurs und Scharlachs sind bis heute in der Denkmalsprache Aegyptens aufgefunden worden. Daß die Auswahl der vier Farben nicht bloß von Geschmack, sondern von Absicht bestimmt ist, zeigt sich daran, daß sowohl Schwarz als Gelb (abgesehen von: Gold) und Grün ausgeschlossen sind. Schwarz ist die Finsterniß und der Hades, das Heiligthum aber ist die Stätte dessen, von dem die Gemeinde bekennt: Bei dir ist die lebendige Quelle und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Schwarz ist die Klei­dung und Stimmung der Trauer, der Grundton aber des Rufes in Gottes Hans lautet: Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken. Gelb aber und Grün sind die Farben der Erde, sie passen nicht dorthin, wo Gott zwischen den Cheruben thront und also der Himmel auf Erden ist, nicht dorthin, wo, wie der Hebräerbries sagt, alles Vorbild und Schatten der himmlischeil Güter und also gen Himmel gerichteter Fingerzeig ist. Aber nicht allein daß Schwarz und Gelb und Grün ausgeschlossen sind, ist bedeutsam, sondern die ausgewählten Farben sind auch, für sich betrachtet, bedeutsam. Es läßt sich schon daraus schließen, daß das Purpnrroth nur in einem ein­zigen Falle und der Scharlach in keinem Falle vereinzelt aus- tritt; isolirt vorkommende Farben sind ausschließlich das Pnrpnr­blau und das zu allen anderen Farben die Grundirung bil­dende Weiß.

Indem wir aber nach der symbolischen Bedeutung der vier Farben fragen, schicken wir den Satz voraus, daß keine Farbe an und für sich symbolische Bedeutung hat, sondern diese immer erst durch Apperceptivn gewinnt, d. h. indem sich in unserem Bewußtsein mit dein abstrakten Farbenbild die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes verbindet, welcher für uns dermaßen Repräsentant dieser Farbe ist, daß sic uns unwillkürlich daran erinnert. Es ist wahr, daß die verschiedenen Farben je nach dem Grade ihrer Lichtstärke und ihrer Wärme (d. i. ihres Verhältnisses zum Getbroth) in der Seele bei ruhigem und klarem Spiegel derselben verschiedene Stimmungen Hervorrufen: Roth wirkt erregend und, wenn hochgradig, beunruhigend; Gelb wirkt erheiternd; Grün, sei cs daß man es mit Goethe als Gleichgewicht von Gelb und Blau oder als Gleichgewicht von Licht und Wärme betrachtet, regt an, ohne anfznregen; Blau wirkt so kalmirend, daß, wie man neuerdings beobachtet hat, Tobsüchtige in blauen Zimmern sich beruhigen und Hysterische ihre Krämpfe verlieren; Ultramarin und Braun zusammen stimmen elegisch und eignen sich deshalb zu Kleiderfarben der Natsi- ckotorosa. Aber diese Stimmungen stempeln die Farbe noch nicht zu Symbolen. So heißt z. B. Gelb mit Recht die Farbe der Heiterkeit und des Scherzes. Wenn sie aber der Neuzeit als Farbe des Neides gilt, so läßt sich das nicht als Folge ihres Eindrucks begreifen, sondern nur als Folge des verfallenen und vergilbten Gesichts des Neidischen, welches wir damit znsammendenken. Diese Symbolik hat ihre Geschichte, denn sowohl die Eindrücke der Farben als die dadurch bedingte Apperceptivn sind nach Zeiten und Völkern sehr verschieden. Grün gilt dem Alterthum meistens als fahl, es ist den Aegyp- tern neben Schwarz, Bräunlich und Gelb eine Farbe der auf den Tod und die Todten bezogenen Gottheiten, und war also

ungeeignet, für sie Sinnbild der Hoffnung zu werden. Weiß ist bei den Mandingos in der Gegend von Sierra Leone die Farbe des Friedens, bei den Aschantis und manchen Neger­völkern die Farbe der Freude, bei den Feuerländern dagegen ist es die Farbe des Krieges und Roth dagegen die Farbe des Friedens und der Freundschaft. Wollen wir also den Sinn der alttestamentlichen Kulturfarben so deuten, wie sie wirklich ge­meint sind, so müssen wir, ohne moderne oder sonst fremdartige Apperzeptionen in sie hineinzntragen, uns innerhalb des alter- thümlichen und insbesondere des israelitischen und biblischen Vorstellungskreises halten.

Ausgehend von der Voraussetzung, daß die vier Farben der Priesterkleider auf dasjenige hindeuten, was die Priester berufsmäßig zu leisten gewürdigt und verpflichtet sind, also auf die eigenschaftlichen Bethätigungen Gottes, deren Mittler­ste und vor allem der Hohepriester sein sollen, beginnen wir mit dem Weiß; denn weiß sind die Kleider der Priester ins­gemein, auch der Hohepriester trug die sogenannten goldenen Kleider (Talar, Schnlterkleid, Brustschild und Diadem) über den weißen, und weiße Kleider zu tragen verstattete David, wie der Chronist erzählt, und später König Agrippa, wie Jo­sephus erzählt, auch den levitischen Musikern; in dem visionären Tempel Ezechiels besteht die Priesterkleidung ohne Unterschied mit Ausschluß des Farbenbuuts lediglich aus weißem Linnen. Weiß also ist die Grundfarbe der priesterlichen Amtstracht. Weiß aber ist das Licht; die Kleider Jesu auf dem Verklärnngs- berge wurden wie Matthäus (17, 2) sagt,weiß wie das Licht". Und was das kreatürliche Licht für die Natnrwelt ist, das ist Gott über aller Kreatur und für alle Kreatur: er ist Licht und spendet Licht oder was dasselbe: er ist heilig und zwar heilige Liebe, die Priester sind in Weiß gekleidet als Diener des Heiligen, als welche sie der Gemeinde in Heiligkeit voranlenchten sollen, und als Mittler der heiligen Liebe, als welche sie die Gemeinde segnen und sprechen:Der Herr lasse dir sein Antlitz leuchten und sei dir gnädig."

Mit Weiß paart sich als sein Gegensatz das Getbroth des Scharlach. Getbroth ist Fetterfarbe; die dunkelrvthen Rosse in der ersten Vision Sacharjas bringen blutigen Krieg und die gelbrothen bringen verheerendes Feiler. Licht und Feuer sind in der ethischen Betrachtungsweise der heiligen Schrift Gegensätze: das Licht Bild der mittheilsamen Liebe und das Feuer Bild des verzehrenden Zorns. Die Eifersucht, und auch Gottes Eifer ob der Berschmähung seiner Liebe, hat im Hebräischen den Namen von dem Hochrotst der Glut, in die sie versetzt. Und indem Jesaia (1,18) die Sünde malen will, welche das Zorngericht heransfordert und schon in sich trägt und aus sich heranssetzt, nennt er sie nicht roth wie Purpur, was ganz unpassend wäre, sondern roth wie Scharlach. Luther sagt dafür:Wenn eure Sünde gleich blutrotst ist . . und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe." Mit Rosinfarbe meint er Scharlach­rotst. Wenn aber unsere alten Kirchenlieder das Blut des Ver­söhners gern als rosinfarbig bezeichnen, z. B.:

Sein rosinfarbes thenres Blut

Ist mein Erbtheil und höchstes Gut

so denken sie dabei unmittelbar an das Roth der Rose; denn Scharlach ist nicht Blntfarbe, sondern Feilerfarbe, Farbe des Feuers und deshalb der Sünde und des Zornes, welchen sie anrichtet. Die Scharlachfarbe neben dem Weiß in der Hohepriesterkleidung, will also sagen, daß er Diener des nicht allein in seiner Liebe, sondern auch in seinem Zorne heiligen Gottes ist, dessen der von sich selbst sagt: ich der Herr dein Gott bin ein eifriger Gott, und von dessen in Zorn über sein abtrünniges Volk sich wandelnder heiligen Liebe Jesaia (10, 17) sagt: Das Licht Israels wird zum Feuer und sein Heiliger zur Flamme. Wenn eine Ueberlieferung sagt, daß über der Tempelthür ein Scharlachstreifen hing, der wenn der Asaselbock die Wüste erreicht hat, weiß wurde, daß er aber in den letzten Jahren vor der Katastrophe Jerusalems seine Farbe behielt; so deutet sich darin an, daß der Dienst des Hohenpriesters am großen Versöhnungstage entweder Gnade vermittelte, welche die scharlachrothe Sünde tilgt, oder Zorn, welcher sie ungetilgt läßt und heimsucht.