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war er? Er tappte sich auf das Fenster zu und sah auf die Straße hinunter. Er fühlte nun, daß eine stickige Luft in dein Zimmer war, und daß der betäubende Geruch des Epheus und der Lichterblak ihm einen dumpfen Kopfschmerz zugezogen hatten. Was thnn? Er öffnete den Fensterflügel, an dessen einem Riegel er sich mechanisch gehalten hatte, und athmete erst wieder freier, als die kalte Nachtluft in sein Zimmer zog. Dann klopfte er, und Frau Hulen kam.
„Wie spät ist es?"
„Acht Uhr."
„Ei, da Hab' ich mich verschlafen. Und dies Kopfweh. Ein Glas Wasser, Frau Hulen, und Licht. Ich muß mich eilen."
Die Alte lief hin und her; die Kommodenkästen flogen auf und zu, und eine Stunde später stieg Lewin die breite Steintreppe hinauf, die an Nischen mit drei, vier Perrücken- Kursürsten vorüber in das erste Stock des Ladalinskischen Hanfes führte. Er warf den Mantel ab, hörte, während er in dem Garderobenzimmer seine Toilette ordnete, den gedämpften Strich der Geigen und schritt dann über den mit Orangerie besetzten Vorflur in das offenstehende Entröe, das zwischen den beiden großen Gesellschaftssälen gelegen, gerade die Mitte der ganzen Zimmerflucht bildete. Es war im übrigen ein EntNe wie andere mehr, schmucklos, mit einem einzigen hohen, zugleich als Balkonthür dienenden Fenster, und zeichnete sich durch nichts aus als durch sein Deckenbild: Venus bei dem Untergange Trojas ohnmächtig in die Arme des Zeus sinkend. Es war das beste der alten Plafondgemälde, und zugleich das wohl- erhaltenste.
Unser Freund, wenig heimisch in der Welt der bildenden Künste, würde zu keiner Zeit ein begeistertes Auge für die Linien dieser Komposition gehabt haben, am wenigsten hatte er es heute, wo Kopsweh, Mißstimmung und ein gerade an dieser Stelle stattfindendes Gedränge ohnehin an einer eingehenden Beobachtung hinderten. Nach links hin lag der Tanzsaal. Lewin sah hinein und bemerkte, daß zwölf oder vierzehn Paare zu einer Anglaise angetreten waren; aber Kathinka fehlte. Wo war sie? Und bei dieser Frage stürmten Bilder und Gedanken auf ihn ein, die dem Versuche, sie Thorheit zu nennen, nur zögernd und widerstrebend nachgaben. Er ließ nun sein Auge die Sitzreihe niedergleiten, auf der an der Längswand des Saales hin die älteren Damen Platz genommen hatten; aber auch hier vergebens.
In der Mitte dieser Reihe saß die alte Gräfin Reale, Oberhofmeisterin der Prinzessin Ferdinand, eine Dame von siebzig oder darüber, mit einer gebogenen und doch spitz anslausenden Nase. Alles an ihr war grau: die Robe, das hoch- aufgethürmte Haar, und sie glich einem bösen Kakadu, besonders als sie jetzt ein schwarzes Lorgnon mit zwei großen Krystall- gläsern aufsetzte und Lewin, dessen hastiges Suchen ihr ausgefallen sein mochte, verwundert und beinahe strafend zu mustern begann. Dieser schlug die Augen nieder und richtete sie ziemlich verwirrt auf die Nachbarin der alten Gräfin. Dies war das Fräulein von Bischosswerder, Tochter des ehemaligen Ministers und Dame d'Atour der Königin-Wittwe. Sie trug das wenige blonde Haar, das sie hatte, in zwei Locken gelegt, die jetzt aber von der Hitze des Saales ihre ohnehin spärliche Federkraft verloren hatten und in dünner ungebührlicher Länge bis an den Gürtel hinunter hingen.
Er gab endlich alles weitere Suchen und Forschen aus und schritt in den nach rechts hin gelegenen Saal hinüber, in dem Erfrischungen gereicht und in dicht umher stehenden Gruppen die Neuigkeiten des Tages ausgetauscht wurden. Es waren meist ältere Herren: Adjutanten und Kammerherren der verschiedenen prinzlichen, damals sehr zahlreichen Hofstaaten, Gesandte kleinerer Höfe, Excellenzen aus dem auswärtigen Departement und Abtheilungschefs des Oberfinanzdirektoriums, wie der Kriegs- und Domänenkammer.
Auch Universitätsprofessoren, Aerzte, Geistliche und Berliner Stadtcelebritäten waren erschienen; in der ersten Fensternische standen Hofprediger Eylert und der Oberkonsistorialrath ! Sack in eifrigem Gespräch, während in unmittelbarer Nähe von Lewin Professor Dr. Mursinna, der damalige berühmteste Chi
rurg der Stadt und der Schauspieler Fleck ein lebhaftes Gespräch führten. Lewin verstand jedes Wort und hörte deutlich, daß Mursinna das Hinken Richards I!I nicht korrekt finden wollte. Es hätte ihn unter andern Umständen auf das lebhafteste interessirt, dem Gange dieser Unterhaltung folgen zu können, aber in der Unruhe seines Gemüths fühlte er sich nur bedrückt, auch in diesem Saale keinem näher befreundeten Gesicht zu begegnen. Von jüngeren Männern war niemand da, den er kannte.
Lewin trat endlich in das uns wohlbekannte Arbeitszimmer des Geheimraths, das aber heute, um es als Gesellschastsraum mit verwenden zu können, eine vollständige Umgestaltung erfahren hatte. Wo sonst das Windspiel und die Goldfischchen ihre bevorzugten Plätze hatten, standen Blumenkübel mit eben damals in die Mode gekommenen Hortensien, während vor dem hohen, jeder Wegschaffung spottenden Aktenrealen dunkelrothe, mit einer schwarzen griechischen Borte besetzte Gardinen ausgespannt worden waren. Nur das Bild der Frau von Ladalinski war geblieben. Der große Schreibtisch hatte einem vielfarbigen Divan und einer Anzahl zierlich vergoldeter Ebenholzstühle Platz gemacht, die sich um einen chinesisch übermalten Tisch gruppirten. Hier saßen Lewins Freunde vor einer unverhältnißmäßig großen Zahl leerer Gläser der verschiedensten Form und Farbe, und empfingen Lewin mit einem so freudelauten Zuruf, wie die gesellschaftliche gute Sitte nur irgendwie gestattete. Hauptmann Bummcke und Rittmeister von Jürgaß, die sich es ans dem Divan selbst bequem gemacht hatten, nahmen ihn in die Mitte; Tubal, auf einem der Ebenholzstühle, saß gegenüber; Baron Geertz und ein Kammerherr Graf Brühl rückten ein und schlossen den Kreis. Bmnmcke, der vor einer Viertelstunde schon, ehe die Anglaise begann, mit Kathinka gewalzt und dem beständigen Fächeln mit seinem Battisttnch nach zu schließen, die gehabten Anstrengungen noch immer nicht überwunden hatte, hatte das Wort.
„Es will nicht mehr gehen, Tnbal, und doch tanzt es sich mit Ihrer Schwester wie mit einer Fee."
„Wo sie nur sein mag," warf Graf Brühl ein, „ich suche sie seit zehn Minuten. Aber umsonst."
„Sie kleidet sich um für die Marzurka," erwiderte Tnbal.
„Und wie sie mich abgeführt hat," fuhr Bummcke fort, einen Diener heran winkend, der mit einem Sherrytablett eben in der Thüre erschien. „Ich wollte ihr etwas Verbindliches sagen — deliciöser Sherry, Baron Geertz, lassen Sie die Gelegenheit nicht vorüber gehen — und so sagt' vH ihr, mein gnädigstes Fräulein, sagt' ich, wenn ich so ihren vollen Namen höre: Kathinka von Ladalinski, da ist es mir immer wie Ja- nitscharenmusik, ja auf Ehre, es tingelt und klingelt wie das Glockenspiel vom Regiment Alt-Larisch."
„Und was antwortete sie?" fragte Jürgaß, während Lewin und Tnbal Blicke wechselten.
Nun sie antwortete kurz: „Da passen wir ja zusammen," und als ich, nichts Gutes ahnend, etwas verlegen anklopfte: „Darf ich fragen: wie, mein gnädigstes Fräulein?" Da sagte sie: „Aber, Hauptmann Bummcke, es überrascht mich einigermaßen, Ihr feines Ohr auf die musikalische Bedeutung von anderer Leute Namen beschränkt zu seheu. Muß ich Ihnen wirklich das Instrument erst nennen, das sozusagen von Ihrer ersten Namenssilbe lebt?" Und dabei nahm sie meinen Arm, und ich mußte ihr schließlich noch dankbar sein, in dem eben wieder beginnenden Tanze meine Verlegenheit verbergen zu können."
Die ganze Tafelrunde stimmte lachend in die Heiterkeit des sich selbst persiflirenden Erzählers ein, und kehrte dann in den Tanzsaal zurück.
Sie hätten den Moment nicht glücklicher wählen können; die vier Mazurkapaare, Bninski und Kathinka, die schlesischen Grafen Matuschka, Scherr-Thoß und Zierotin mit ihren jungen und schönen Frauen waren eben zum Tanze angetreten, beide, Herren und Damen, in einem Kostüm, das, ohne streng national zu sein, das polnische Element wenigstens in quadratischen Mützen und kurzen Pelzröcken andeutete. Es waren jene vier Paare, deren Tnbal in seinem Billet erwähnt und die schon