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Nachdruck verboten. Ges. v. ii./VI. 7».
Are Deutschen in Henris.
Von einem in Paris ansässigen Deutschen.
II.
Wir wenden uns jetzt zu den deutschen Tagelöhnern und Handwerkern. Da stößt uns sogleich eine eigenthümliche Klasse ans, die der deutschen Straßenkehrer. Sie stammen, wie im ersten Artikel erwähnt, meistens aus dem Großherzogthum Hessen und aus Rheinbaiern, und sind seit 1870 von 10,000 aufvielleicht 2000 vermindert. Gleich nach dem Kriege kehrten ihrer einige Hundert zurück. Sie mußten aber, um Anstellung zu finden, sich das „äroit äs clomioils" erwerben, was mit einer Ausgabe von ca. 180 Fr. verbunden ist. Dadurch wurde der Zuzug aufgehalten. Seitdem man aber nicht mehr darnach sieht, sind sie in größerer Menge wiedergekehrt. Manche müssen aber, da die Stadt immer nur einzelne anstellt, monatelang auf Verdienst warten und gerathen in bitterste Noth. Denn ohne einen Centime in der Tasche kommen meistens die Leute hier an, zuerst die Männer allein. Oft sind sie zu Fuß vom Hessenlande hierher gewandert. Hier angekommen, bitten sie beim deutschen Hilfsverein oder bei den deutschen Pfarrern flehentlich um einige Franken, um einen Besen kaufen zu können. Bei einer befreundeten Familie geben sie sich als „Schläfer" in Kost und Logis, bis sie sich mit äußerster Sparsamkeit so viel verdient haben, um Frau und Kinder Nachkommen zu lassen. Dann miethen sie sich in einem der großen schmutzigen Höfe, wie sie sich in 5a Villotte oder an der Lariiöos Uovtaiiioblsaii finden, für 160—210 Fr. ein Zimmerchen, meistens so niedrig, daß ein erwachsener Mann nicht aufrecht darin stehen kann. Die Zimmerchen dient zu gleicher Zeit als Wohnzimmer, Küche, Keller, Bodenraum und als Schlafzimmer von Vater, Mutter, oft 6 — 8 Kindern und — verschiedenen Schläfern. Daß die Luft in solchem Raume keine frische, gesunde sein kann, braucht nicht gesagt zu werden. Noch weniger ist es meistens die sittliche Luft, die dort weht. Denn das Unwesen der „Schläfer" führt meistens zu ehelichen Zwistigkeiten, zu Ehebruch und den grauenhaftesten Unzuchtssünden. Das äußere Leben der Kehrer ist jammervoll. Morgens um 3 Uhr müssen Vater, Mutter und die älteren Kinder mit dem Kehrbesen auf die Straße. Wer auf dem Kontrollplatze zu spät eintrifft, verliert den halben Tagelohn. Je grauenhafter das Wetter, desto härter und angestrengter ist die Arbeit. Je mehr der Regen strömt, je stärker und wilder der Schnee treibt, desto länger müssen die Kehrer arbeiten. Gewöhnlich kehren Mutter und Kinder um Vz 10 Uhr heim. Da müssen die jüngeren Kinder zur Schule fertig gemacht und dem Vater das Essen angerichtet werden. Um I I hat derselbe Pause bis gegen 1 Uhr. Dann geht es wieder hinaus bis gegen 5 Uhr, bei schlechtem Wetter bis gegen 7, ja 10 Uhr — und dafür verdient er 3/^ Fr., Frau und Kinder Ih) Fr. Sollte man nicht denken, daß die Leute in Deutschland ebenso viel erwerben könnten mit anderer Arbeit? Aber sie sind stolz auf ihr Geschäft. Wir kommen wieder, „die könne ja net kehre!" sagte im Jahre 1870 am Tage der Ausweisung ein Kehrer mit verächtlicher Handbewegung auf die Franzosen hin, die damals anstatt der Hessen eingestellt waren. Die Hessen unter den Straßenkehrern pflegen von ihren paar Franken, wenn nicht Krankheit und andere Unglücksfälle sie treffen, in einigen Jahren sich eine für sie bedeutende Summe zu erübrigen. Während die Pfälzer nämlich durchgängig, was sie verdienen und mehr als das verzehren, sich gern einen vergnügten Tag machen und ein Glas über den Durst trinken, sind die Hessen durchweg äußerst sparsam, ja geizig. Mit der allermagersten Kost, häufig nur aus den Abfällen bereitet, die die Frauen auf den Gemüsemärkten aufgelesen, sind sie zufrieden. Gar selten werden sie sich Wein kaufen, während hier sonst auch der gewöhnliche Arbeiter täglich seinen Wein trinkt. Häufig werden Frauen und Kinder infolge der zu schlechten Nahrung krank. Beide aber, Hessen und Pfälzer, haben eine Leidenschaft gemein, das Betteln; der Hesse thut es aus Geiz, der Pfälzer aus Hang zum guten Leben. Der deutsche Hilfsverein wie die deutschen Pfarrer haben in dieser Hinsicht ihre liebe Noth mit den Leuten.
Bei den Hessen besonders treten dabei noch andere übele
Eigenschaften zu Tage: ein grenzenloser Neid, der sich in Ver- länmdungen und Schmähungen der anderen ergeht, ein Argwohn, der auch dem Freunde das Schlimmste zutraut, und daraus erwachsen oft Händel und Raufereien der ärgsten Art. Das um so mehr, als die Hessen in ganzen Kolonien zusammen zu wohnen pflegen. Vor dem Kriege gab es Häuser, in denen 25 — 30, ja bis 40 hessische Familien mit 150—180 Seelen lebten, und unter 6 Familien findet man sie auch heute nirgend beisammen. Die französische Sprache bleibt ihnen deshalb durchgängig völlig fremd. Sie eignen sich eigentlich nur die Worte 0 U 1 und non, innsobtli (inonsionr) und inaclains an. Diese gebrauchen sie aber um so regelmäßiger, und wohl nie wird eine Frau, die von ihrem Manne spricht, sagen: mein Mann, sondern stets „der niu86böb Looüor oder Llüllorch und der Mann ehrt umgekehrt seine Frau stets durch die Bezeichnung: die inaäams Loobor oder blnllki'. Wo die Leute dem Französischen nicht ganz entfliehen können, z. B. bei der Bezeichnung der Straßen, da formen sie dasselbe nach ihrem Ver- ständniß um. Die Boulevards sind ihnen die Bullwagen, die riio cks l'Looik cks llisckoomo die goldene Metze, die Bastille der goldene Engel, die Champs Elisöes die Schandliese, die rno cko 8övi'68 die rothe Seife, Niiosouiü (Bezeichnung der Leute, welche in den öffentlichen Gärten die Rasenflächen und Blumenbeete besprengen) übersetzen sie ganz poetisch mit Rosenmacher.
Neben den Straßenkehrern finden sich noch tausende von anderen deutschen Tagelöhnern oder Fabrikarbeitern in Paris, von denen die letzteren zum großen Theile in Zuckerfabriken beschäftigt sind. Sie kommen hauptsächlich, eine Anzahl Hannoveraner abgerechnet, die früher zur hannoverschen Legion gehörten, aus dem preußischen Regierungsbezirke Trier und sind mit nicht vielen Ausnahmen ein leiblich und geistig elendes Volk, das dem deutschen Namen wenig Ehre macht. Zeitweise verdienen sie weit mehr als die Straßenkehrer, aber dann kommen Wochen, Monate, wo die Arbeit stockt und der Verdienst gering wird, zu gering für die täglichen Bedürfnisse. In besseren Zeiten ist nicht gespart worden, und so muß dem Mangel, ja dem Hunger durch Bettel abgeholfen werden.
Von den deutschen ansäffigen Handwerkern sind manche lehr gut situirt, besonders die Kürschner, deren Geschäft fast ganz in deutschen Händen ist, und die Schreiner. Auch unter den Schneidern und Schustern haben manche es zu einem guten sorgenlosen Auskommen, einige sogar zu Reichthum gebracht. Ja, es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn behauptet wird, daß alle, die vor dem Kriege schon längere Zeit hier gewesen, ihr gutes Auskommen haben müßten, es sei denn, daß Krankheit oder sonstiges unverschuldetes Mißgeschick sie zurückgebracht. Aber leider haben sehr viele in den guten Zeiten bei sehr großem Verdienst auch sehr viel verbraucht, und die Folge davon ist, daß ein großer Theil der kleinen Schuster und Schneider, älter geworden, in großer Dürftigkeit, ja in Elend dahin lebt. Bei einigen hat die Ar- muth auch ihren Grund darin, daß sie nichts Rechtes gelernt haben und sich nur vom Flicken nähren müssen, oder in Folge ihrer mangelhaften Kenntnisse von größeren Geschäften nur so lange in Arbeit genommen werden, als die Saison dauert. Tritt aber die Laison morto ein, die zweimal im Jahre fast drei Monate dauert, so sind sie ohne Arbeit, ohne Verdienst, und der Mangel hört nicht mehr auf.
Es ist hier überhaupt um die Arbeit der Handwerker ein eigenthümlich Ding. Glaube niemand, daß er hier mit leichter Mühe reich werden oder mit wenig Arbeit viel verdienen und viel Annehmlichkeit sich verschaffen könne. Nein, es ist erstaunlich, was quantitativ und qualitativ von dem Handwerker verlangt wird. So lange die Saison dauert, muß er unermüdlich, ohne eine Stunde zu versäumen, arbeiten von morgens 6 Uhr bis Mitternacht und darüber, und das nicht einen Tag, sondern Wochen, Monate lang. Dann ist mit einem Schlage die Arbeit zu Ende; nur ausgezeichnete Arbeiter