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werden behalten. Darnm lasse sich niemand blenden durch die scheinbar hohen Löhne, wenn es heißt, der Tischler, Kürschner, Schneider verdient in Paris 7, 10 ja 12 Fr. den Tag, in anderen Monaten verdient er eben nichts oder nur sehr wenig und muß von dem in der Saison Erübrigten leben, und wie viele sind es, deren Gesundheit die oft übermenschliche Anstrengung der Saison nicht zu ertragen vermag, die an der Auszehrung jung dahin sterben.
Wir wenden uns nun zu der letzten großen Klasse der hier ansässigen Deutschen, zu denjenigen, die sich zu den Gebildeten, den Honoratioren der deutschen Kolonie zählen. Es gehören dazu die Vorsteher einiger großen Institute, verschiedene deutsche Aerzte, Künstler, Bankiers und endlich eine große Zahl deutscher Kaufleute, die hauptsächlich in den Faubourgs St. Denis, Poisson- uisre und Montmartre wohnen, und viele kleine Fabrikanten im sogenannten Marais.
Die Kaufleute, meistens Kommissionäre, sind am stärksten vertreten. Es sind Leute aus allen Gegenden des deutschen Vaterlandes, doch Hai Frankfurt a. M. verhältnißmäßig das bedeutendste Kontingent geliefert. Sie vermitteln durchweg den Großhandel zwischen den Fabrikanten und dem Auslande. Alles was man nur denken mag: Schmucksachen und Nürnberger Tand, Seiden- und Sammetwaaren und Eisenwaaren, Möbeln und Porzellan, dazu Millionen Flaschen von sau äs I^ouräss werden nach Konstantinopel und St. Petersburg, Japan und Südamerika, Indien und England von ihnen versandt. Mit Ausnahme der Schweizer macht ihnen eigentlich niemand dieses Gebiet streitig. Die gute Schule, die sie meistens genossen, die dem Deutschen eigenthümliche Fähigkeit sich fremde Sprachen anmeignen, ihr Eifer und ihre Energie, ihre Umsicht und Geschäftsgewandtheit, die sie sich meistens durch langen Aufenthalt in fremden Ländern, Nord- und Südamerika, Australien und Indien angeeignet haben, macht sie zu solchen Geschäften besonders geschickt und den Franzosen überlegen. Viele unter ihnen haben sich denn auch in verhältnißmäßig kurzer Frist ein bedeutendes Vermögen erworben. Ihre Wohnungen sind hie und da mit beinahe fürstlicher Eleganz eingerichtet, hübsche Landhäuser dienen ihnen zum Sommeraufenthalt. Leider lassen sich manche unter ihnen von dein materiellen Sinn ganz und gar beherrschen, so daß es ihnen selbst schwer wird, ein Zwanzigfrankenstück für wohlthätige Zwecke, z. B. für die Bedürfnisse des deutschen Hilfsvereins herzugeben, während sie sich nicht besinnen, für ein einziges Diner Hunderte von Franks hinauszuwerfen.
Neben diesen Kommissionären steht eine nicht unbedeutende Anzahl derer, die wir unter dem Namen „Künstler", im weiteren Sinne als Verfertiger von Kunstwerken gebraucht, zusammenfassen möchten. Es gehören dahin verschiedene namhafte Zeichner, Photographen, Juweliere, Edelsteinhändler und Graveure. Manche gehören zu den Größen in Paris und haben durch ihre Arbeiten auf fast allen Ausstellungen die erste Medaille davon getragen. Dahin zu zählen ist zuerst der Photograph Reut- linger aus Karlsruhe, der vor 30 Jahren ohne weitere Mittel hierher gekommen, durch seine Tüchtigkeit sich den Ruf eines der ersten Pariser Photographen erworben hat und dessen eleganter Salon in künstlerischer Vollendung die Porträts einer großen Anzahl der bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Zeit aufweist, dann der Graveur Bissiuger durch seine Kameen. In seinem großartigen Atelier werden die Bildwerke alter und neuer Meister auf die sauberste vollendetste Weise plastisch in edle Steine geschnitten, und gehen von dort als Ringe und Broschen gefaßt in alle Welt.
Wir haben unsere Rundschau über die einzelnen Stände der deutschen Kolonie vollendet und fragen: wie ist denn diese unter sich verbunden? Die Antwort muß leider heißen: gar nicht. Obwohl die Deutschen nach dem Kriege vielmehr isolirt, auf sich angewiesen dastehen, existirt kein Baud, das die deutsche Kolonie als zusammengehörig erscheinen ließe. Die Angehörigkeit zu den verschiedenen deutschen Staaten, die Verschiedenheit der Stände, die Zerstreutheit in der großen Stadt, hie und da auch die Furcht, als Deutsche zu erscheinen, lassen es zu einer Gemeinschaft unter den Deutschen, wie sie z. B. in St. Peters
burg besteht, nicht kommen. Um einen Theil der deutschen Kolonie schlingt ein, wenn auch nur loses Band der früher unter der Leitung des ehemaligen königlich bairischen Geschäftsträgers, Herrn von Rudhardt, stehende deutsche Hilfsverein. Leider ist innerhalb dieser Gemeinschaft die Zahl der Empfangenden weit größer als die der Geber, deren Zahl leicht ums doppelte steigen könnte, wenn nicht der erwähnte materielle, hier und da auch der deutschfeindliche Sinn mancher wohlhabenden Deutschen im Wege stände. Für die Spitzen der deutschen Kolonie ist ein Bereinigungspunkt das Hotel des liebenswürdigen deutschen Botschafters, des Fürsten Hohenlohe.
Dann bestehen noch verschiedene deutsche Vereine, unter denen der deutsche Turnverein und der Mäunergesangvereiu Teutonia, die beide ihre wöchentlichen Zusammenkünfte haben, mehrere hundert Mitglieder zählen. Verschwindend klein erscheint dagegen der Jüugliugsverein, 9 Rue de Bondy, der wohl infolge seines ausgesprochen christlichen Charakters nie über 25 ordentliche Mitglieder gezählt hat, zu denen dann noch einige Passanten kommen. Ebenso wenig macht von sich reden der damit verbundene kirchliche Gesangverein, obgleich den betheiligten Familien das durch denselben geknüpfte Band sehr werth geworden ist. Das führt uns dazu, von einem anderen Bande zu reden, welches freilich nur einen kleinen Theil der deutschen Kolonie, diesen aber auch um so fester verbindet, von dem kirchlichen Bande. Die katholischen Glieder der deutschen Kolonie haben ihren Vereiuigungspuukt in verschiedenen französischen Kirchen, z. B. dem Pantheon, daun hauptsächlich in einer Kirche am oberen Ende der Rue Lafayette, in denen sofort nach dem Kriege mit richtigem Verständniß deutsche Messen und Predigten eingeführt wurden. Neben der Kirche in der Rue Lafayette wurde zugleich eine deutsche katholische Schule eröffnet unter dem Namen: seols ,)oai- Iss sutants äs lu 4i0iu'uir>s.
Die evangelischen Glieder der deutschen Kolonie fanden nicht gleich dieselbe Fürsorge. Während vor dem Kriege in fast allen Stadttheilen von Paris, theilweise von elsäßischeu, theilweise von deutschen Predigern deutscher Gottesdienst gehalten wurde, blieb den deutschen Evangelischen nach dem Kriege nur der von einem elsäßischen Viear abgehaltene Nachmittagsgottesdienst in der Billetteskirche, der seit Jahrzehnten bestehend, hauptsächlich von elsäßischen und deutschen Arbeitern aus dem Quartier St. Marcel und dem Faubourg St. Antoine und deutschen Bonnen fleißig besucht wird. Derselbe ist auch während des Krieges und der Commune fortgehalten worden unter dem Titel: „6ults äss ^lsaoisus st iOori-uius".
Die deutsche Kolonie in den nördlichen Faubourgs, in den reichen westlichen Stadttheilen, für welche vor dem Kriege von einem deutschen Hilssprediger in der Redemptionskirche deutscher Gottesdienst gehalten wurde, blieb ohne deutsche Predigt. Die Bitte des deutschen Missionskommittees an das französische Konsistorium Augsburgischer Konfession um Ueberlassung dieser Kirche blieb unberücksichtigt, wie man sagt aus Abneigung der mächtigen elsäßischen Partei im Konsistorium. Man war deshalb gezwungen, in einem Konzertsaale, 4 Rue Clary, den Gottesdienst zu eröffnen. Seit fünf Jahren wird derselbe dort nun regelmäßig an den Sonn- und Festtagen morgens um 10 Uhr gehalten, und erfreut sich einer von Jahr zu Jahr wachsenden Theilnahme. Nicht allein haben sich Arbeiter- und Handwerkerfamilien, wie dies früher der Fall war, sondern auch eine Reihe deutscher Kaufleute und die evangelischen Glieder der deutschen Gesandtschaft der jungen Gemeinde an- geschlosseu. Viele der Kaufleute halten sich freilich aus völligem Jndifferentismus fern. Da an den Festtagen der Saal nicht mehr ausreicht, und auf der anderen Seite es unmöglich erscheint, von dem französischen Konsistorium das Recht zur Mitbenutzung der Redemptionskirche zu erlangen, trotzdem die deutsche Gemeinde die größten Zugeständnisse gemacht, trotzdem der insxsotsar ssslssiustigas jener Kirche aufs wärmste die Sache der deutschen Gemeinde vertreten hat, so wird der Wunsch derselben immer dringender, sich eine eigene Kapelle bauen zu können.
Für die Kehrer und Fabrikarbeiter von La Billette und