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in Preußen der Tabak ganz überwiegend nur für den persönlichen Konsum der Pflanzer, in den süddeutschen Staaten da- ^ gegen vornehmlich als Handelsartikel kultivirt wird. Hier wirst also auch der föderative Charakter des deutschen Reiches ein schweres Gewicht in die Wagschale, denn bei einer Reichssteuer muß natürlich der oberste Grundsatz sein, daß sie wenigstens annähernd die einzelnen Staaten gleich trifft, nicht die einen vielleicht schwer verwundet, während sie die anderen nur leise streift.
Nicht weniger verwickelt liegen die Dinge bei der Tabaksindustrie. Bei ihr wie beim Tabakshandel fehlt es noch an ausgiebigem statistischen Material; dieses soll bekanntlich erst durch das dem Reichstage vorliegende Enquetegesetz beschafft ! werden, allein so viel steht außer Zweifel, daß die Zahl der
^ Existenzen, welche mittelbar und unmittelbar mit der Tabaks
industrie Zusammenhängen, sich in die Hunderttausende beläuft. Nach der letzten Gewerbezählnng vom 1. Dezember 1875 waren 10,266 Hauptbetriebe mit 110,951 Arbeitern vorhanden; dabei ist aber selbstverständlich die nicht geringe Reihe anderer ! Gewerbe, wie Kisten-, Papier-, Nägelfabrikation rc. nicht berücksichtigt, auf welche der Umsang der Tabaksindustrie maßgebenden Einfluß hat. Auch hier ist als entscheidender Umstand hervorzuheben, daß diese Industrie vorwiegend Kleinbetrieb ist — namentlich die Hausarbeit ist überaus entwickelt — und zwar wiederum ans sachlichen Gründen. Rauchtabake und Cigarren können ohne größeres Kapital, ohne eigentlich technische Bildung, ohne besondere mechanische Hilfsmittel und ohne Arbeits- theilung in einer für die große Masse genügendeil Qualität hergestellt werden, so daß jeder gute Arbeiter, der nur einigen Kredit findet, selbst Fabrikant werden kann. Diese Thatsache ist von großer sozialer Bedeutung. Wenn die gewerbliche Entwickelung unseres Jahrhunderts namentlich infolge des Maschinenbetriebs in gewissen Industrien zur Großindustrie drängt, und nur Thoren mit ohnmächtigem Wollen in das Rad dieser heilsamen und unaufhaltsamen Umwälzung fallen können, so hat dieselbe doch insofern eine große Schattenseite, als sie für die Hilfsarbeiter die Möglichkeit vermindert, selbständig zu werden. Die abnehmende Aussicht der Befriedigung dieses in jeder menschlichen Brust unausrottbar wurzelnden Triebes ist eine Hanptquelle der sozialistischen Bewegung geworden, und es ist deshalb dringend wünschenswerth, daß die Erhaltung des Kleinbetriebs in den Industrien, in denen sie möglich und nützlich ist, ans alle Weise gefördert werde. So also namentlich bei der Tabaks- und Cigarrenfabrikation. Schon 1848 haben sich die deutschen Tabaksarbeiter mit wenigen Ausnahmen durch fortgesetzte Arbeitsamkeit und ruhiges Verhalten ausgezeichnet, und bereits damals haben kompetente Urtheiler diese Erscheinung ans dem Wesen ihres Geschäftes erklärt, welches ihnen erleichtere, selbständig zu werden; heute wird jeder genauere Kenner der deutschen Sozialdemokratie bestätigen, daß so weit Tabaksarbeiter in ihren Reihen stehen, dieselben zu den besonnensten und maßvollsten Elementen der Partei gehören.
lieber den Tabakshandel liegt wie erwähnt gleichfalls noch keine erschöpfende Statistik vor; nach der letzten Gewerbezählung beschäftigen sich 8237 Personen mit Cigarren- und Tabaksverschleiß. Dabei können aber unmöglich die Handelsgeschäfte berücksichtigt sein, in welchen der Tabak nur ein Nebenverlag ist; auch diese reichen vermuthlich in die Hunderttausend^ Hier handelt es sich aber nicht allein um den Klein-, sondern noch weit mehr um den Großhandel. Die Tabaksausfnhr aus Deutschland ist nicht ganz unbedeutend; wegen der hohen Blüte unserer Tabaksindustrie wird sogar vielfach Tabak eingesührt, um fabrizirt und dann wieder ansgeführt zu werden. Sehr viel umfangreicher aber ist die Einfuhr. Von dem deutschen Tabaksverbrauch, der sich im großen Durchschnitt etwa auf 1,500,000 Centner jährlich belaufen mag, werden durchschnittlich nur 30 bis 40 Prozent durch die inländische Produktion, 60 bis 70 Prozent durch die Einfuhr ausländischen Tabaks gedeckt. Wie sensibel infolge dessen der deutsche Tabaksbau gegen die Schwankungen der Tabakspreise ans dem Weltmärkte ist, wurde bereits angedeutet; die befriedigende Regelung des Verhältnisses zwischen dem Zoll vom ausländischen und der Steuer auf den
XIV. Jahrgang. 34. I *
inländischen Tabak bildet eine der schwierigsten und wichtigsten Aufgaben zur Lösung der Tabaksfrage. In Bremen und Hamburg besitzt das deutsche Reich zwei große internationale Tabaksmärkte; namentlich für Bremens Stellung als Weltplatz ist die Erhaltung seines Tabakshandels eine absolute Lebensfrage. Das Quantum Rohtabak, welches jährlich nach Bremen ein- und ausgeführt wird, beträgt ca. 1,100,000 Centner; der Werth dieses Im- resp. Exports bewegt sich durchschnittlich zwischen 60 bis 70 Millionen Mark. Daß eine Vernichtung oder tödt- liche Verletzung des Bremer und Hamburger Tabakshandels eine tiefe Erschütterung des deutschen Gesammthandels überhaupt nach sich ziehen müßte, liegt ans der Hand; gilt doch mehr, wie sonst irgendwo, vom Welthandel Goethes Wort:
.ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Schisflein herüber, hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.
So hat das deutsche Volk nicht nur den zweifelhaften Vorzug, der größte Tabakskonsument der Welt zu sein, sondern das merkwürdige und seltsame, unser nationales Wesen so anheimelnde Kraut häuft auch ehrenvollere Qualitäten ans den deutschen Namen. Wir haben einen blühenden Tabaksban, eine blühende Tabaksindustrie, einen blühenden Tabakshandel; in den beiden letzteren Beziehungen marschiren wir an der Spitze Europas, vielleicht der Welt. Einem unendlich seinen und unendlich verzweigten Gewebe, von dem hier selbstverständlich nur die gröbsten Fäden aufgezeigt werden konnten, steht der deutsche Gesetzgeber gegenüber, der auf eine Erhöhung der Tabakssteuer sinnt. Trotzdem sollte man glauben, er könne nicht lange in Verlegenheit sein, denn es gibt eine reichliche Anzahl von Rezepten, die Staatsfinanzen durch Tabakssteuern zu heilen. Es seien hier nur die sechs hauptsächlichsten Systeme angeführt: die Flächen-, die Gewichts-, die Werthsteuer, das englische Zollsystem, die amerikanisch-russische Fabrikatsteuer und endlich das Tabaksmonopol. Eine kurze Messung dieser verschiedenen Systeme an den oben skizzirten Verhältnissen wird am schnellsten und sichersten die letzten Schleier von dem eigentlichen Wesen der deutschen Tabaksfrage aufrollen.
Die denkbar schlechteste aller Tabaksstenern ist die Flächensteuer, und doch haben wir das Glück, uns gerade ihrer zu erfreuen. Sie ist von einer groben Ungerechtigkeit, denn sie trifft den Umfang des mit Tabak bebauten Areals nach einem völlig gleichen Steuersätze, während Qualität und Quantität der Ernte je nach dem Boden in den mannigfachsten Abstufungen variirte; dieser Unterschied beträgt bei einer gleichen Fläche des besten und schlechtesten Ackers nicht weniger wie vierhundert Prozent; mit andern Worten, die Flächenstener trifft den schlechtesten Acker viermal stärker wie den besten. Zudem kann sie nicht mit dem Grenzzoll ans ausländischen Tabak organisch regulirt werden, da ein Centner ausländischen und ein Morgen inländischen Tabaks keine vergleichenden Gesichtspunkte darbieten. Wenn die Flächenstener trotzdem zehn Jahre lang im deutschen Zollgebiete bestanden hat, so war dieser relative Erfolg nur durch ihre minimalen Steuersätze ermöglicht, welche für die Tabaksproduktion und den Tabakshandel wenig in Betracht kommen; sobald man eine höhere Besteuerung des Tabaks durchführen will, tritt ihre innere Unhaltbarbeit sofort ins hellste Licht, und sie ist denn auch thatsächlich von allen Seiten ausgegeben.
Die Reichsregierung hat statt ihrer dem Bnndesrathe eine Gewichtssteuer vorgeschlagen, von welcher sie beiläufig einen Mehrertrag von 30 Millionen Mark über den jetzigen Ertrag von rund 14 Millionen Mark hinaus erhofft. Diese Steuer korrigirt bis zu einem gewissen Grade die Gebresten der Flächensteuer. Sie gestattet einen harmonischen Einklang mit dem Grenzzolle, obgleich hier freilich der kleinste Fehler vermieden werden muß, wenn nicht gelegentlich die ausländische Konkurrenz der einheimischen Produktion die schwersten Wunden schlagen soll. Ferner trifft sie die Quantität, wenn auch noch nicht die Qualität der Ernte. Diesen halben Fortschritten stehen große Nachtheile gegenüber. Die Gewichtssteuer erheischt die lästigste und penibelste Kontrole des Tabaksbaues, um zu