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ein kleines Städtchen angelegt, welches sich nachmals znm Hauptort der Vendoe emporschwang.
Und als die Allmacht nnd der Ruhm des sieggekrvnten Imperators im Zenith ihres strahlenden Glanzes standen und die vergötternngs- süchtigen Franzosen in kriechender Demuth und in plumpen Schmeicheleien für den Gewaltigen wetteiferten, da siel auch der gute alte Name La Roche-snr-Jon dieser Manie znm Opfer und das Städtchen hieß hinfort Napoloon-Ville.
Als aber die Sonne von Austerlitz zur Rüste gegangen, als der ferne wogcnnmbrandete Fels dem entthronten Kaiser zur letzten Ruhestätte geworden war nnd die entthront gewesenen Bourbons wieder den etwas wurmstichigen Thron ihrer Ahnen bestiegen hatten, da konnte man es doch dem höchst loyalen Ludwig XVIll und seinem noch viel loyaleren Bruder, dem frommen Grafen Karl von Artois, unmöglich znmnthen, in ihrem eigenen Lande und obenein in der königstrenen Vendee solch ein beständiges inomsnto nrori, solch eine bleibende back- steinerne Verherrlichung des verhaßten „korsischen Thronräubers" zu dulden.
Schon bei Gelegenheit der ersten Restauration wurde deshalb Napoläon-Ville in Bourbon-Vendoe nmgetauft, und während der Hunderttage hatte der von Elba wiedergekehrte Kaiser natürlich zu viele andere Dinge im Kopf, als daß ihm Muße genug geblieben wäre, um diese Nothtaufe schon wieder rückgängig zu machen. Es erlebte daher glücklich die zweite Restauration als Bonrbon-Bendoe und findet sich so bereits ans einer im Jahre 18!8 bei Gonjon in Paris erschienenen, von Brno, „Hofgeographen Seiner Königlichen Hoheit des Grafen Artois" entworfenen Karte von Frankreich bezeichnet.
Doch auch die Tage der Bourbons in Frankreich waren bekanntlich gezählt!
Der kluge Herzog von Orleans manövrirte 1830 mit Hilfe des kleinen Thiers seinen lhenren Vetter Karl X glücklich vom Thron herab und sich selbst als Ludwig Philipp hinauf. Aber der biedere Bürgerkönig hatte schließlich die Rechnung ebenfalls ohne den Wirth gemacht; nach achtzehn Jahren mußte er der Frau Republik weichen, und dieser wiederum war es kaum gelungen, ihre Existenz mühsam drei Jahre hindurch zu fristen, als sie eines Morgens fand, daß der Neffe, als Affe des Onkels, sie über Nacht mittelst eines bedeutenden Aufwandes von Gold nnd Kartätschen in ein Kaiserreich metamorphosirt hatte — Geschwindigkeit ist keine Hexerei!
Dem Neffen als Kaiser behagte nun natürlich wieder seinerseits der royalistische Name Bourbon-Vendve nicht im mindesten; und da es ihm noch weniger, als seinen Vorgängern im Amt, an unterthünigen Geschöpfen fehlte, denen die schätzbare Gabe verliehen war, auch die leisesten Wünsche ihres Gebieters schon von fern zu wittern, so dauerte es gar nicht lange, und Bourbon-Bendöe war unversehens in Napoläon- Vendee verwandelt.
Aber da kam Sedan nnd der 4. September 1870. Die nen- erstandene Republik sah sich selbstredend bemüßigt, von dem verhaßten vierten Namen der Stadt wieder auf den ersten znrückzugreifen, nnd so heißt letztere denn heute abermals, wie vor 80 Jahren, La-Roche- sur-Jon.
Wie lange sie diesen Namen führen und ob sie sich vielleicht noch einmal in Napoloon-Ville, oder Bourbon-Vendse, oder Napoloon-Vendoe verwandeln wird — wer mag das sagen?
Ein Engländer über Elsaß-Lothringen.
Wir vernehmen gerne unparteiische Stimmen, welche über die deutsche Herrschaft im Reichslande reden nnd die Zustände dort objektiv beurtheilen. Ein solcher unparteiischer Zuschauer ist S. I. Capper, der in der „Times" seinen Besuch in Elsaß Lothringen erzählt, und dabei an das „Daheim" anknüpft, dessen Kriegskorrespondent Max von Schlägel 1870 in der kleinen lothringischen Festung Bitsch gefangen saß. Capper war zu jener Zeit auch als Vertreter einer englischen Wohlthätigkeitsgesellschaft in Bitsch nnd sah die Verwüstungen, welche die baierischen Kanonen in dem Städtchen angerichtet hatten. „Die sieben Jahre, welche seitdem vergangen sind," sagt Herr Capper, „haben eine wunderbare Veränderung hervorgcbracht — mit jener Zeit verglichen, war unser heutiger Besuch eine recht prosaische Sache. Die Eisenbahnstation liegt gerade vor der Stadt, und eine deutsche Schildwache fleht vor dem Thore. Alles athmet Frieden, und von den Spuren des Krieges ist nicht das geringste mehr zu sehen. Ein großer Theil der Stadt ist neu anfgebant worden, doch hat sich das alte Hotel de Ville de Metz nicht verändert. Im Speisesaal, wo wir frühstückten, hängt noch das alte Bild „die Erstürmung des Malakoff", und die einzige in die Augen fallende Veränderung sind die deutschen Offiziere statt der Franzosen. Der Wirth, ein kleiner Franzose, zuckt mit den Achseln, als ich ihn frage, wie er mit den neuen Zuständen zufrieden sei. Was sich aber nach dem Aeußern der Stadt beurtheilen läßt, so ist sie in einem blühenden Zustande, und die Deutschen haben eine starke Garnison hierher verlegt. Als ich den steilen Weg zum Fort Hinanstieg, kamen die deutschen Truppen gerade zum Exerziren heraus; es waren prächtig aussehende Bursche. Das Innere des Forts, das 1871 in seiner ganzen Zerstörung vor mir lag, erkannte ich kaum wieder. Fest und stark standen die Kasernen da, und auch die großen Löcher, welche die Bomben und Granaten der Deutschen in die Mauern gerissen hatten, waren ausgefüllt.
Als ich nach Metz kam, fand ich alles, Gefühle, Sprache, Manieren echt französisch; hat doch nur ein ganz speziell militärisches Interesse Deutschland veranlaßt, diese Stadt zu annektiren. Kurze Zeit nach der Annexion wurde es in den höheren Ständen Elsaß-Lothringens Mode, nur französisch zu reden, und etwas davon ist übrig geblieben, jedoch im Aus sterben begriffen. Daß dieses Gefühl indessen nicht blos auf die reicheren Klassen beschränkt bleibt, kann man aus dem folgenden Beispiel entnehmen. Ein alter Mann fuhr in einem Wagen dritter Klasse mit seinen Großkindern, das eine sechs, das andere zwei Jahr alt. Als ich ihn fragte, wie er mit dem neuen Zustande der Dinge zufrieden sei, antwortete er mit dem üblichen Achselzucken, und sagte mir mit Stolz, daß, obgleich er kein Wort französisch verstehe, doch sein sechsjähriges Enkelchen recht gute Fortschritte in dieser Sprache mache. Ein Straßburger, der einen gut deutschen Namen trägt, und dessen Familie in der Geschichte dieser Stadt eine Rolle spielte, sagte mir: „Meinetwegen könnte die ganze Welt in Flammen aufgehen, wenn wir nur wieder französisch würden." Andere, die friedlicher gesinnt sind, meinen, daß die beiden Provinzen auf gütlichem Wege wieder an Frankreich kommen würden. Wer aber etwas von Deutschland weiß und die Gefühls des deutschen Volkes kennt, weiß wie vergeblich diese Hoffnung ist. Ein Herr, der mir 1871 in Metz bei weinen Liebeswerken sehr behilflich gewesen war, lud mich damals ein, in sechs Jahren wieder zu kommen, um der Belagerung von Metz durch die Franzosen beizuwohnen. Aber die sechs Jahre sind bereits verflossen, meine französischen Freunde haben Metz verlassen, die starke Festung ist noch ungleich stärker geworden, und ein Drittel der Bevölkerung besteht aus ciugewandertcn Deutschen.
So viel ich beurtheilen kann, gibt es nur eine Chance, daß die beiden eroberten Provinzen wieder französisch werden können. Diese tritt dann ein, wenn das neue deutsche Kaiserreich jemals in moralischer Beziehung so corrupt wird, wie das zweite französische Kaiserreich; wenn seine Soldaten und leitenden Staatsmänner so pflichtvergessen werden, wie sie im Frankreich Napoleons III waren. Dann würden die mächtigen Festungswerke von Straßburg und Metz allerdings nichts helfen.
Ich bin bemüht gewesen, alles anznführen, was die alte Loyalität gegen Frankreich in günstigem Lichte erscheinen läßt, muß aber auch gestehen, daß die Gemüther sich unter der neuen Regierung mehr beruhigen, als anfangs angenommen werden konnte. In jedem Jahre kehren Optanten ins Elsaß zurück, weil sie die deutsche Herrschaft für permanent ansehen, nnd in diesem Jahre betrug ihre Anzahl allein schon 700. Und die Elsäßer Jünglinge, welche iu der deutschen Armee gedient haben, helfen mehr als alles, die Bande zwischen Alt nnd Neu fest knüpfen.
Die Gründung der Straßburger Universität war eine weise nnd staatsmännische That, und obgleich von den 700 Studenten die meisten aus Altdeutschland stammen, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß diese Hochschule mehr und mehr auch die Elsäßer anzieht Ich glaube, es wird keine Generation darüber hingehen, daß Elsaß zu einer der loyalsten Provinzen Deutschlands wird, wie es durch seinen fruchtbaren Boden, sein sonniges Klima, die malerische Schönheit seiner Berge nnd Thaler, den Fleiß und die Thatkraft seiner Bewohner stets ein Juwel des kaiserlichen Diadems sein wird.
Himmelfahrt.
Gen Himmel! klingt's in aller Welt,
Es lockt und zieht nach oben,
Seit unser großer Siegesheld Der Erde ward enthoben.
Gen Himmel reckt sich Baum und Strauch,
Und jedes Grüschen hebet
Sich hoch empor im milden Hauch,
Der's frühliugsfrisch dnrchbebet.
Gen Himmel geht des Vögleins Flug;
Komm mit! erschallt sein Singen,
Komm mit! von allein Lug und Trug Dich siegreich aufzuschwingen.
Geu Himmel! hallt mein Herz zurück,
Und mitten durchs Getümmel,
Durch tiefes Weh, durch solches Glück Schaut's sehnend auf gen Himmel!
O. Molitor.
Inhalt: Elchanan, eine jüdische Papstsage. Bon G. H. Händler. — Die Eisberge im atlantischen Ozean. Mil Illustration. — Die Deutschen in Paris, ll. — Die Tabaksfrage im deutschen Reich. Von Franz Mehring. — Vor dem Sturm. (Fortsetzung.) Roman von Theodor Fontane. — Friedrich Preller. Mit Porträt von B. Woltze. — Am Fämilientisch. Ein geographisch-politisches Chamäleon. Von K. Lerwil. — Ein Engländer über Elsaß-Lothringen. - Himmelfahrt. Gedicht von O. Molitor.
Herausgeber: Oi Aokert Kocnig und Theodor Kermann I>a»tenius in Leipzig. Für die Redaktion verantwortlich Kilo Klaling in Leipzig. Verlag der Iaheiur - Krpcdition tAelßage» ck Klaflngi in Leipzig. Druck von K. H. TcuSncr in Leipzig.