Heft 
(1878) 34
Seite
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großer hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und tiefliegen­den Augen, unverkennbar ein Südfranzose. Lewin faßte sich ein Herz, trat an ihn heran und sagte:Vorm vorm?....," aber die Stimme versagte ihm, undäs ta, Lrmsis" ergänzte der Korporal, während er die Hand an den Czako legte.

Im nächsten Augenblick war der Trupp vorüber, ein Leichenzug, der sich selber zu Grabe trug. Lewin sah ihm minutenlang nach, und Empfindungen, wie sie seine Seele nie gekannt, dnrchwühlten ihn.

Das sind sie, denen wir aufpassen und Fallen legen und die nur dann hinterrücks erschlagen sollen. Nein, Papa, das wäre schlimmer als den Schlaf morden, schlimmer als das Schlimmste."

Er hing seinen Gedanken noch eine Weile nach, dann wandte er sich wieder vorwärts, um das Rendezvous am Lichten- bergerweg zu erreichen.

Aber er hielt bald wieder inne. Ein tiefes Mitleid über­kam ihn, zugleich ein unendliches Verlangen, diesen Unglücklichen ein Rath, ein Hülfe zu sein, und Rendezvous und Schnater- mann, Delwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens auf­gebend, beschloß er, wieder in die Stadt zurückzukehren.

Der Vorsprung, den der kleine Trupp gewonnen hatte, war nicht groß, und schon am Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben wieder ein. Er sah hier, daß viel Volks nur die einzelnen her war, beruhigte sich aber als er wahrnahm, daß es meist Neugier und Theilnahme war, was sie begleitete. Nur einzelne Hassesworte wurden laut; Hohn und Spott schwiegen. Er hielt sich deshalb zurück und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge, der erst über den Alexanderplatz in die Königsstraße, dann über den Schloßplatz in die Behrenstraße ging. Hier befand sich die französische Kommandantur, in deren großen Hof, nachdem sie zuvor leise gepocht, diese Rückzugsavantgarde der ehemaligengroßen Armee" eingelassen wurde. Die Menge, die bald des Wartens müde wurde, verlies sich in die Nachbarstraßen.

Nur Lewin blieb. Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause aus- und abgeschritten sein, als die große Portälthür sich von innen öffnete und fünf von den weißmänttichen Kürassieren wieder ans die Straße traten. Die Sättel hatten sie in der Kommandantur zurückgelassen. Mit den: scharfen Auge, das die Noth gibt, erkannten sie Lewin sofort wieder, traten an ihn heran und hielten ihm fragend und bittend die Quartier- billets entgegen, mit deren Inhalt sie nichts anznfangen wußten. Lewin las die Zettel, die sämmtlich ans ein und dasselbe kasernen­artige Haus amRondeel", wie damals noch der jetzige Belle- Allianceplatz hieß, ausgestellt waren.

8uivs/.-moi," sagte er, und trat rechts neben den vordersten. Sie folgten ruhig, ohne daß ein Wort gesprochen wurde.

Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passirt und den Eck­punkt erreicht hatten, wo die Statue Winterfeldts steht, hörten sie kriegerische Musik, die, wenn das Ohr nicht täuschte, vom Potsdamer Thor oder aus der Nähe desselben Herkommen mußte. Lewin, solchen Klängen nicht gut widerstehend, setzte sich in ein schnelleres Marschtempo, hielt aber wieder inne als er wahr­nahm, daß es den ermüdeten Kürassieren schwer wurde, ihm zu folgen. Er wandte sich, wie um durch Freundlichkeit seinen Fehler wieder gut zu machen, an den unmittelbar neben ihm gehenden und sagte, mit dein Finger nach der Richtung hin­zeigend, von wo die Musik kam:bwtsnckM-vorim?"

Und über die matten Züge des Angeredeten flog ein Lächeln, und er antwortete:('s sont äs8 olairoim tranyam!"

Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Withelms- nnd Leipzigerstraße gekommen und sahen vom Thore her, denn ! der Zug schien endlos, eine ganze französische Division im An- ,

marsch. Die Musik schwieg eben, wahrscheinlich um Athem zu schöpfen; auf dem Bürgersteige aber, zu beiden Seiten der heranmarschirenden Kolonne, drängten sich dichte Volksmassen, ja waren theilweis weit voraus, um rascher nach dem Lust­garten zu kommen, wo, wie man wußte, Truppeneinzüge und andere militärische Schauspiele abzuschließen pflegten. Lewin sammt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Thorwcg ge­treten und konnte den lauten Aeußerungen der dicht an ihm vorüberslutenden Menge mit Leichtigkeit entnehmen, daß es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei, was da jetzt in allem militärischen Pomp die Leipziger Straße herauf­komme. Er hörte auch, daß General Augereau, der Gouverneur von Berlin, der Division bis Schöueberg entgegen geritten sei, um sie feierlich einzuholen und den Berlinern in beherzigens- werther Weise zu zeigen, daß der Kaiser nach wie vor unerschöpfte Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe.

Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen, die laut wurden; jetzt aber schwieg alles, denn die Spitze der Kolonne, General Augereau selbst, war heran, ein großer starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick. Er trug die Uniform eines Marschalls von Frankreich. Die demontirten Kürassiere, als sie seiner ansichtig wurden, rückten sich zurecht, und einer, der ihn schon vom italienischen Feldzug her kannte, flüsterte den andern zu:VoilL Is Uno äs 6a.8tiKlioiis!"

Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar, und erst als auch diese vorüber war, ließ sich die Front des an der Töte marschirenden Bataillons niit Deutlichkeit erkennen. Es war italienische junge Garde. Vorauf ein Tambourmajvr, klein und mager, aber mit einem fnchsfarbenen Schnurrbart, der bis an die rothen Epanletten reichte. Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr, nur mit Kopf und Hals über die hochauf- geschnallte Regimentspauke hinwegragend, und neben demselben ein vierzehnjähriger Hornist, ein bildschöner, und wie sich leicht erkennen ließ, von allen Weibern verhätschelter Junge, der lachend und kokett seine weißen Zähne zeigte. Er trug ein kleines silbernes Clairon in der Rechten, und sah nach den Fenstern hinauf, um wahrzunehmen, ob er auch beobachtet werde.

Die Musik schwieg noch immer. Aber jetzt, keine dreißig Schritt mehr von der Wilhelmsstraßenecke entfernt, hob der Tambourmajor seinen Stock, warf ihn in die Luft und sing ihn wieder. Im selben Moment gab der Mohr einen Panken- schlag, und der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und schmetterte die Signale. Dann wieder ein Paukenschlag; das Clairon schwieg und die ans vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmnsik fiel ein. Im Ge­schwindschritt ging es vorüber; Sappeurs folgten, dann Grena­diere, und unablässig liefen Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter.

Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah, standen sie abgewandt. Von ihrem alten Stolze war nichts übrig geblieben als die Scham über ihr Elend. Er wollte nicht sehen, was er nicht sehen sollte, und richtete deshalb sein Auge wieder ans die Kolonne, die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilirte. Erst als auch dieses vorüber war, legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm Zunächststehenden und sagte:sb bisn, llütoim norm!"

So schritten sie, ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre, die Wilhelmsstraße bis nach dem Rondeel hinunter.

Als sie eine Viertelstunde später hier schieden, stellten sich die fünf Weißmäntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutirend die Hand an den Korb ihres Pallasch. In ihrem Auge aber lag, was ein edles Herz am meisten er­schüttert: der Dank des Unglücks. (Fortsetzung folgt.)

Am Aamittenlische.

Ein geographisch-politisches Chamäleon.

Von K. Lerwil.

Im vorigen Jahrhundert lag in Frankreich, inmitten der Vendse, am Flüßchen Jon, das dem königlichen Hause der Bourbons gehörige alterthümliche Schloß La-Roche-sur-Jon.

Das alte Gemäuer vermochte den mächtigen Wogen der Revolution nicht zu widerstehen, und unter dem ersten Kaiserreich wurde, um die erzroyalistische, stets gährende und zum Aufruhr geneigte Vendse besser im Zaum halten zu können, ans den Trümmern des einstmaligen Königs­schlosses eine moderne großmächtige Kaserne erbaut und um diese herum