(Fortsetzung von S. 548, '
schweren Fenstergardinen, die kleinen mit Krystallglas gezierten Wandleuchten angezündet worden. In dem blanken englischen Kamin, der als Schmuckstück der Wohnung in den großen Ofen hineingebaut worden war, brannte ein Helles Feuer, und um den Sophatisch herum, den ein golddurchwirktes türkisches Tuch bedeckte, standen an den frei gebliebenen Seiten hohe Lehnstühle und gepolsterte Sessel, Der Kaffe wurde servirt, und während Wirth und Gäste um den Tisch her Platz nahmen, rückte sich von Meerheimb einen Doppelleuchter zurecht, bis er ihm eine bequeme Beleuchtung gab, und las dann: „Borodino"
XXXVII. Durch zwei Thore.
An die vortreffliche Schilderung der Schlacht bei „Borodino" knüpften sich hundert Fragen, und von Meerheimb, während er diese Fragen beantwortete, blieb der Mittelpunkt des Kreises. Er erzählte von dem Marsche über das nnaufgeräumte, die entsetzlichsten Scenen bietende Schlachtfeld, von dem Einzug in Moskau, von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen, endlich von dem Aufgeben der verödeten und mittlerweile zu einer Brandstätte gewordenen Hauptstadt, Mit dem Bilde, das er von diesem Elend entwarf — eine Woche später war er verwundet worden — brachen seine Schilderungen ab. Es konnte dabei nicht fehlen, daß einzelner französischer Heerführer, Neys oder Nansoutys, noch häufiger Murats und des Vicekönigs' mit wenig verhehlter Vorliebe gedacht wurde; aber die Verhältnisse lagen damals in Preußen und ganz besonders in seiner Hauptstadt so eigenthümlich, daß solcher Vorliebe ohne die geringste Besorgniß vor einem Anstoß Ausdruck gegeben werden konnte. Niemand wußte, wohin er sich politisch, kaum wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen hatte, denn während unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer besten Offiziere in russische Dienste getreten waren, um nicht für den „Erbfeind" kämpfen zu müssen, standen eben diesen Dreihundert, in dem Hilfskorps, das wir demselben „Erbfeinde" hatten stellen müssen, ihre Brüder und Anverwandten in gleicher oder doppelter Zahl gegenüber. „Wir betrachteten uns im wesentlichen als Zuschauer, erkannten deutlich die Bortheile, die uns und unserer eigenen nationalen Sache aus dem Siege Rußlands erwachsen mußten, und wünschten deshalb diesen Sieg, waren aber weitab davon, uns mit Kntusow oder Woronzow derart zu identifiziren, daß uns eine Schilderung französischer Kriegsüberlegenheit, an der wir gewollt oder nicht gewollt, einen hervorragenden Antheil hatten, irgendwie hätte verletzlich sein können."
Es schlug eben sechs, als von Meerheimb sich erhob, um den Beginn einer Opernvorstellung — die „Vestalin" wurde gegeben — nicht zu versäumen. Als sich herausstellte, daß er keine Verabredung mit anderen Kameraden getroffen hatte, wurde beschlossen, ihn in die Vorstellung zu begleiten; nur Hausen-Grell und Lewin lehnten ab und schritten auf verschiedenen Wegen ihrer Wohnung zu.
Zu Hause fand Lewin alles hell und licht, Frau Hnlen mußte sich die Stunde seiner Rückkehr genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt haben, jedenfalls brannte schon die kleine grüne Studirlampe auf seinem Schreibtisch und schien ihn zn sich einznladen. Er ließ auch nicht lange auf sich warten, nahm Platz und warf einen Blick auf die Bücher, Blätter und Briefe, die noch ebenso lagen wie er sie am Vormittage, als er sich für das Jürgaßsche Frühstück rüstete, zurückgelassen hatte. Renatens Brief überflog er noch einmal, ohne daß sich der Eindruck sonderlich gesteigert hätte; es blieb wie es war; der äußere Schaden durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kommen. Andererseits trieb es ihn auch wieder, seinen Gedanken, die das Sorgenvolle eines zweiten Brandunglücks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist nicht verkennen konnten, womöglich eine freundlichere Richtung zn geben und die zur Hand liegenden Bücher sollten ihm dabei behülflich sein. Zu oberst lag noch immer der Baud Herders Als er ihn wieder aufschlug, fiel sein Auge auf dasselbe Lied, dessen Schlußzeilen ihn am Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten, und abergläubisch wie er war, sah er darin ein Zeichen von wenig guter Vorbedeutung. Er schloß verdrießlich
das Buch, das ihm die Freudigkeit nicht geben wollte. Da klopfte es, und Frau Hnlen trat ein. Sie brachte den Thee, Er nickte zerstreut, Frau Hnlen, die ihn nicht stören wollte, suchte die Rückzugslinie zn gewinnen, und erst als sie die Thürklinke schon in der Hand hatte, sagte sie: „Ach, da war auch der junge Schnatermann hier. . ."
„Von Lichtenberg?"
„Ja, von Lichtenberg, Er brachte eine Empfehlung von seinem Vater, und sie hätten morgen ein Dachsgraben in der Dalwitzer Forst. Es kämen noch andere Berliner Herren. Ob der junge Herr auch vielleicht Lust hätte? Elf Uhr am Lichten- berger Weg."
Lewin nickte.
„Das trifft sich gut; Donnerstag ist ein freier Tag. Wecken Sie mich früh, Frau Hulen,"
Und damit wünschten sie sich eine gute Nacht.
Lewin war zu guter Stunde auf, und da nur mäßige Kälte herrschte, so bedurfte es für ihn, der ohnehin gegen Wind und Wetter abgehärtet war, keiner sonderlichen Vorbereitungen, um sich für die Partie zu rüsten.
Der Weg bis zum Rendezvousplatz war nicht allzu weit und hielt sich vom Frankfurter Thore aus auf derselben Pappelallee, die Lewin auf seinen Besuchs- und Ferienreisen nach Hohen-Vietz ungezählte Male passirt hatte. Er kannte bis nach Lichtenberg und Friedrichsfelde hin jedes einzelne Etablissement und versäumte selten, wenn er an der „Neuen Welt", einem vielbesuchten Vergnügungslokal, vorüberkam, ein Glas Bernan- sches zu trinken und mit dem alten blauschürzigen Wirth, der immer selbst bediente, einen langen Diskurs zu halten. Heute gebot es sich aber doch, auf solche Diskurse, die leichter anzufangen als abzubrechen waren, Verzicht zn leisten, und so schritt er denn an dem Etablissement vorüber, vor dem eben ein mit zwei großen Hunden angeschirrter Brotwagen ab- geladen wurde.
Er war noch kaum dreihundert Schritt drüber hinaus, als er auf dem breiten Fahrdamm, auf dem er Bequemlichkeits- halber selber ging, einen ungeordneten Trupp Menschen auf sich zukommen sah, vierzig oder fünfzig, soweit es sich in der Entfernung abschätzen ließ. Es schien, daß auch er bemerkt worden war, denn der Trupp, sei es auf ein Kommandowort oder ans Antrieb jedes einzelnen, begann sich plötzlich militärisch zn ordnen, und Lewin, der nicht wußte, was er aus dieser Erscheinung machen sollte, trat auf die Seite, um die Näherkommenden an sich vorbei zu lassen. Er hatte jedoch noch eine Weile zu warten, denn es waren keine raschen Fußgänger mehr, die da heran marschirten. Endlich ließen sich die vordersten deutlich erkennen. Sie trugen graue Mäntel sammt einem Czako, und konnten auf den ersten Blick noch als eine unifor- mirte Truppe gelten, aber bei genauerer Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes. Die Stiefel, so weit sie deren hatten, waren ausgeschnitten, um die verschwollenen Füße minder schmerzvoll hineinzuzwängen, und wenn der Wind den Mantel auseinander schlug, sah man wie die Gamaschen herab- hingen oder völlig fehlten. Alles desolat. Ihre theils frost- starren, theils längst erfrorenen Hände waren in Tuch- und Zeuglappen gewickelt und von Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr. Sie sahen nach Lewin hin und grüßten ihn artig, aber scheu.
Nach dieser Jnfanterieabtheilung kam Kavallerie, Kürassiere, zehn Mann oder zwölf, die Reste ganzer Regimenter, Sie waren in besserem Aufzug, hatten noch ihre weißen Mäntel, zum Theil auch noch die hohen Reiterstiefel, und trugen zum Zeichen, daß sie durch Mißgeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren hätten, die Sättel derselben über die eigenen Schultern gelegt. Einige hatten noch ihre Helme mit den langen Roßschweifen, und diese wider Willen herausfordernden Ueber- bleibsel aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer Erscheinung etwas besonders grausiges.
Den Schluß machte wieder Infanterie, die von einem am linken Flügel 'marschirenden Korporal, in zerschlissener, aber noch vollständiger Equipirung geführt wurde. Es war ein