61 t
„Signore!"
Ich war aufgesprungen und mußte wohl in sehr herausforderndem Tone gerufen haben — er wurde roth vor Unwillen und Verlegenheit.
„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, gnädiges Fräulein; ich wurde hier eingeführt, die alte Dienerin nannte laut meinen Namen; ich wartete zunächst dort an der Thür und ging erst nach geraumer Zeit mit meinem wenigst sylphenhasten Schritt bis hier in die Mitte des Zimmers. Als ich dann jedoch bemerkte, daß Ihre Aufmerksamkeit ausschließlich jenem Liede galt, beschloß ich geduldig zu warten und mich nach Schluß der Piece in Erinnerung zu bringen. Sie sehen, ich bin ganz schuldlos."
Ich mußte nun doch lächeln; sagte ihm, daß die Mama jedenfalls von Giovanna benachrichtigt fei, und bald saßen wir einander an der Balkonthür gegenüber. Zwischen uns stand das Tischchen mit den verhängnißvollen weißen Blumen.
Anfangs drehte sich das Gespräch um meine Reise, um die Gesundheit der Mama, endlich — es war nicht mehr zu vermeiden, mußte auch sein Unfall berührt werden, umsomehr, als er sich hier, d. h. vor diesem Fenster ereignet hatte. Unwillkürlich stockte ich, und es trat eine kleine Pause in der Unterhaltung ein. Ob der Capitano mein Verstummen für etwas anderes hielt als eine leichte Verwirrung, ob mein Blick, mein unbefangenes offenes Wesen ihm offenbart hatte, was ich erst später zu meinem Schmerz entdeckte — ich weiß es nicht. Genug, er wurde plötzlich sehr ernst, blickte mich groß und bittend an und sprach lange und beredt von allerlei Dingen, die ich vor Ueberraschung erst nur halb verstand, denen ich dann aber in fast fieberhafter Aufregung zuhörte.
Er habe an sich bestätigt gefunden, sagte der Capitano, was er bis dahin aufs eifrigste bekämpft habe — die Liebe auf den ersten Blick. Von der Stunde, da unsere Augen einander zuerst begegnet seien, habe er ein Gefühl für mich genährt, dessen Stärke er erst wahrend meiner Entfernung, zur Zeit seiner Krankheit in ganzem Maße erkannt habe. Er sage mir nicht, daß er meine Schönheit bewundere, er habe mir das Wohl auch nie gesagt, vielleicht nicht einmal darüber nach- gedacht; aber der Eindruck, den mein Erscheinen, meine Gegenwart auf ihn übe, sei ein solcher, wie alle Schönheit der Welt ihn nicht Hervorbringen könne. Er habe daun das Gefühl, als sei ihm nach der qualvollen Existenz, die das Fernsein von mir für ihn in sich schließe, das unaussprechlichste Glück, die tiefste innigste Freude geworden, und er sage sich immer von neuem: dies ist das einzige Weib, dem Du — nächst den: Vaterlands — Dein Leben widmen möchtest. Entwickelte sich ihr Geist an der Seite eines Mannes, den sie liebte, der sie wahrhaft liebt, sie würde eines der herrlichsten Geschöpfe auf Gottes Erde werden. „Halten Sie nicht für eine Ueberschätzung meiner selbst, für eine hohle Eitelkeit von mir, was ich jetzt sagen will," fuhr er fort; „so wenig Sie selbst in Ihrer unbefangenen Sorglosigkeit sich dessen vielleicht bewußt geworden sind — auch in Ihnen schlummert der Keim zu einem tieferen Gefühl für mich, und diese Ueberzeugnng hat mich aufrecht erhalten in mancher schweren Stunde, die mir in letzter Zeit be- schieden war."
Empört wollte ich ihn unterbrechen; diese beleidigende Sicherheit, diese Arroganz, wie ich seine ernsten Worte nannte, konnte, wollte ich keinen Augenblick länger ertragen.
„Hören Sie mich noch zwei Minuten lang an, nur zwei kurze Minuten, und antworten Sie mir dann nicht sofort, ich flehe Sie an. Ich hätte den Keim jenes Gefühls in Ihnen sich zeitigen lassen sollen; es war mein Wille so; aber mancherlei Befürchtungen bemächtigten sich meiner — es hat sich anders gefügt. Ich bringe Ihnen ein ganzes ungetheiltes Herz, eine Liebe, heilig, stark und unzersplittert entgegen. Ach, und ich wollte so gern, so gern, daß die Blüten Ihres Geistes und Gemüths sich an meiner Brust, unter meinen Händen entfalteten. Gott möge einst Rechenschaft von mir fordern, ob ich sie gehegt und gepflegt habe im Sonnenschein meiner Liebe, wie man die holdeste Blume hegt und pflegt. Sie wissen, daß die kleinen Künste der modernen Gesellschaft meinem ernsten Wesen fern liegen; aber nie habe ich Ihnen Ihre rothen
Nelken bringen können, ohne des Spruches zu gedenken, denen man diesen Blumen in den Mund legt: Utim so to vom, plus so t'nimk!" Und er hatte meine Hand ergriffen und schaute mir tiefbewegt in die Augen.
Es entstand eine Pause; ich konnte kein Wort Hervorbringen vor widerstreitenden Empfindungen. Er hatte zu mir gesprochen, meinte ich, wie zu einem unentwickelten Geschöpf, zu einem Kinde! Er hatte mir, dem schönsten Mädchen Ales- sandrias, gesagt, er habe nie auch nur darüber nachgedacht, ob ich schön sei! Er hatte meine Liebe mit Sicherheit vorausgesetzt, und das alles glaubte er sich herausnehmen zu dürfen, weil er selbst bis dahin kein Mädchen geliebt und geküßt hatte; weil er — o wunderliche Mitgabe! — ein unentweihtes Herz mir brachte! Ich entzog ihm unsanft meine Hand. Gestraft mußte er werden für diese Kühnheit. Nicht bitter genug, nicht kalt genug konnten die Worte sein, die ich ihm zurückgeben würde. Ich wollte ihm zeigen, daß ich kein kleines Mädchen sei!
Und wie ein Kind mit dem Händchen in die brennenden Nesseln fährt, unbewußt der schmerzenden Wunde, die es selbst sich schlägt, so griff ich in den weißen Nelkenflor vor meinen Augen. Zwei, drei, vier der vollen Blüten riß ich ab mit schonungsloser Hand und warf sie vor den ernsten Mann dort auf die dunkle Marmorplatte des Tisches:
„Da, da und da! Wissen Sie, was die Nelken, die weißen Nelken sagen? Ulns so to vom, ^Um so ts ckoto8to! sagen sie, und mein Herz sagt es ihnen nach, Wort für Wort — zu Ihrem stolzen Herzen!"
Eine tiefe Stille war meinen leidenschaftlichen Worten gefolgt — da riß ein scharfer Zugwind plötzlich die gegenüberliegende Thür aus dem Schloß und warf die hohen Fensterflügel zum Balkon klappend auf. Ich wollte wehren; der Arm fuhr über den Tisch; ein Fall, ein Krach — der Nelkenstock lag zerbrochen am Boden.
Und der Mann mir gegenüber? Weshalb hatte er die Hand über seine Stirn, seine Augen gelegt? Weshalb war er so still geworden? Weshalb schaute er so seltsam bleich und matt, als er sich jetzt hoch ausgerichtet vor mir verneigte? Er wollte wohl etwas sagen; seine Lippen bebten so eigen und schlossen sich dann wie im Schmerz, so fest und bitter. O Gott! was war das?
Er hatte sich von mir gewandt und schritt langsamen, gleichmäßigen Schrittes der offenen Flügelthür zu.
Er würde die Thür schließen und znrückkehren; ich wußte ja, daß er mich nie und nimmer im Zorn verlassen konnte, wenn ich ein unbedachtes Wort gesagt oder ihn gekränkt hatte. Aber nein; sein fester Schritt hallte über die Marmorfliesen des Korridors, ich hörte, wie er Stufe auf Stufe der Steintreppe Hinabstieg; jetzt fiel die schwere Hansthür ins Schloß. Ich war allein und würde ihn nie mehr hier Wiedersehen, seine Stimme nie mehr hören, er würde sich nie mehr znueigungs- voll zu mir hinabbengen! Die Augen — ach, jetzt fiel mein Blick auf die Nelken am Fußboden, und ich schrie auf vor tiefem, erkennendem Schmerz. Das war ja wie seine Augen, wie der todcswunde, matte Blick, mit dem er mich angeschaut! Ja, so hatten seine Augen zu mir hinübergesehen, wie jetzt die armen, blassen Nelken aus ihrem verschütteten Häufchen Erde zu mir aufklagten in stummem Vorwurf.
Giovanna eilte hinein: Der Herr habe sie hinaufgeschickt; lind gleich kniete sie auf dem Fußboden, um die Scherben zu beseitigen. „Wie schade, gnädiges Fräulein, der Nelkenstock ist gerade über der Wurzel abgebrochen — da ist keine Hilfe — es ist aus!"
„Es ist aus!" Warum sagte ich das so laut vor mich hin? Ich hatte es ja gewollt! Ja, hatte ich es denn gewollt?
Ich saß in dem kleinen Sessel und sammelte meine Erinnerungen an ihn, und dachte jeder Stunde, die wir miteinander verlebt hatten.
Giovanna trat ins Zimmer und setzte ein Wasserglas mit den abgebrochenen einzelnen Nelken vor mich nieder.
^ ^ ^
Von diesem Tage, dieser Stunde an konnte ich meine frühere sorglose Heiterkeit nicht mehr wiederfinden. Ich fühlte, wie sich mehr und mehr eine nervöse Unruhe meiner bemäch-