Heft 
(1878) 39
Seite
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HanLe Agathe.

Aus dem Skizzenbuche eines Vielgewanderten.

Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 7».

Wenn ich meine Gedanken znrückwandern lasse in meine Knabenzeit, so verweilen sie mit ganz besonderer Vorliebe bei Tante Agathe. Nicht als ob Tante Agathe gerade einen im Guten oder im Bösen besonders tiefgreifenden Einfluß auf mich ausgeübt hätte, davon war die gute Alte weit entfernt, wohl aber hat sie ihr redlich Theil dazu beigetrageu, mir heitere Stunden zu bereiten, und es schmälert ihr Verdienst in meinen Augen keineswegs, daß das ganz unfreiwillig geschah.

Ich habe Tante Agathe gegen fünfundzwanzig Jahre ge­kannt, aber sie hatte sich in dieser Zeit so wenig verändert wie der Fliederbusch in unserem Garten, unter dem ich meine ersten Träume träumte und zu dem ich schlimmstenfalls wenig­stens in Gedanken so oft znrückkehre.

Als ich geboren wurde, war sie schon ein uraltes Fräulein mit grünlichen lebhaft blickenden Aeugleiu, spärlichem grauen Haar, einer Adlernase und einem Gesicht so voll Runzeln, daß man sich billig darüber verwundern konnte, wie eine menschliche Haut nur so zusammenschrumpfen könne. Ich zweifle nicht daran, daß sie zu meiner Taufe in einem grün bezogenen halb enthaarten Fuchspelz ging und derselben in einem hell­grünen Kleide und einer gewaltigen Haube mit gelben Rosetten beiwohnte. Ich zweifle ferner nicht daran, daß während dieses Aktes an ihrem rechten Arme eine sehr bunt gestickte Damen­tasche hing, die ihrem Umfange nach sehr wohl eine Reisetasche hätte vorstellen können, während rechts und links von ihr je ein überaus fettes Hündchen lagerte mit räudigem Rücken und einem kurzen Schwänzchen, das von Zeit zu Zeit hart gegen den Fußboden schlug. So aber, wie sie schon damals aller Wahrscheinlichkeit nach im Familienkreise erschienen ist, blieb sie bis an ihren Tod. So besuchte sie die weiblichen Mit­glieder unserer Sippe, so ging sie jeden Sonntag Vormittag in die Kirche, wo sie ihren eigenen Stuhl hatte. Auf diesem schlief sie bei dem zweiten Verse des ersten Liedes ein und schlummerte sanft, bis sie beim letzten Vers des Schlußgesauges instinktiv erwachte.

Warum gehst Du denn eigentlich in die Kirche, wenn Du da doch nur schläfst?" fragte sie einmal eine Verwandte.

Ich hör' ihm an," war die Antwort.

Tante Agathe wohnte alle die Jahre in einer kleinen Parterrewohnung in der Stallstraße. Trat man vom Hofe aus auf die Flur, so hatte man wenigstens wenn man ein kleiner Junge war zunächst ein Rencontre mit einem sehr großen und sehr bösartigen Hahn, der durch das ungewohnte Geräusch aufmerksam gemacht, zornig aus der Küche hervorstürzte. Ihm folgte glücklicherweise sofort Malchen, Tantens Faktotum, eine lange hagere Person mit einem mißtrauischen Gesichtsausdruck, welche auch die mittlerweile ebenfalls laut werdenden und heftig kläffenden Hündlein Amis und Bella beruhigte. Darüber kam dann Tante Agathe selbst, und nun war man gerettet, wenig­stens wurde man nur noch von Zeit zu Zeit berochen und miß­trauisch angeknurrt. Letzteres galt bis zu einem gewissen Grade auch von Tante selbst, denn sie pflegte mich stets mit einer Art Hast zu fragen:Was willst Du, mein Junge? Was, bringst Du?" und sich erst zu beruhigen, wenn ich versicherte daß mich nur verwandtschaftliche Theilnahme zu ihr geführt Hube. Das war nun insofern auch wahr, als die Alte selbst und ihre Wohnung einen nicht geringen Zauber auf mich aus­übten. Um mit letzterer zu beginnen, so befand sich in ihr unter anderem ein weißer Ofen, auf dessen Kacheln in lila-blauer Farbe Scenen aus dem alten Testament dargestellt waren. Nicht minder fesselnd waren die uralten Kommoden und Schreib­tische, die mit Messingzierrathen überladen waren und eine Menge geheimer Fächer in ihrem weiten Schoße bargen. Auf diesegeheimen Fächer" war Tante Agathe unendlich stolz. Sie zeigte sie mir gern und sie versäumte nie hinzuzufügen, daß noch eine ganze Anzahl vorhanden seien, welche sie mir zwar zeigen könne, welche sie mir aber nicht zeigen werde. Ich habe infolge dessen mein ganzes Knabenalter hindurch

schwer unter der Thatsache gelitten, daß ich auch nicht über ein einzigesgeheimes Fach" verfügte. Ich kam mir ohne ein solches sehr arm vor.

Nicht minder interessant als die geheimen Fächer war die Bibliothek. Diese, welche die abenteuerlichsten und seltsamsten Einbände aufwies, bestand zum Theil aus Manuskripten. Tante Agathens Vater der eine sehr viel ältere Schwester meines Großvaters zur Frau gehabt hatte war in einem armen Stranddorf Geistlicher gewesen und hatte sich die viele Lange­weile damit zu vertreiben gesucht, daß er denAnzeiger" für unsere Provinz, den ihm ein benachbarter Rittergutsbesitzer alle vier Wochen einmal schickte, wörtlich abschrieb. Andere Bände enthielten ein Verzeichniß sümmtlicher Prediger, die seit der Verkündigung des lauteren Evangeliums irgendwo in der Provinz ein Pfarramt bekleidet hatten u. s. w., alles ohne jede Kritik aber mit erstaunlichem Fleiß gearbeitet.

Die Krone der Bibliothek bildete aber immer Tante Aga­thens Album, in welches sich lange, lange vor der Franzosen­zeit ihre Freundinnen mit Stift und Feder verewigt hatten. Einiger dieser Aufzeichnungen entsinne ich mich noch. Ein Blatt zeigte z. B. auf der einen Seite eine Pyramide mit einer von vier Säulen getragenen Eingaugsthüre. Links trauerte ein einsamer Palmbaum. Darunter stand: älsmento mori. Die andere Seite wies folgenden Vers auf:

O süßer Augenblick, da man die Tugend übt,

Er wird von allen stets geachtet und geliebt. ^

Deine Betty Schnansc.

Ein anderes Blatt zeigte ans der Bildseite einen blauen, roth und goldfarbig geraudeten Schmetterling, während die Textseite die Worte zeigte:

Grane Erbsen mit Speck,

Die Johanna ist weck!

Wenn Dn diese Zeilen liest, ist Deine treue Zoü schon in Königsberg.

Bei besonders guter Laune holte Taute Agathe wohl ans einem ihrer geheimen Fächer ein ledernes Bcutelchen hervor und schüttete vor meinen erstaunten Blicken eine Anzahl Gold­stücke auf den Tisch: halberblindete holländische Dukaten, alte Friedrichsd'or, schwedische, polnische und russische Münzen. War das alles durchgeseheu, so saßen wir am Fenster und blickten aus die schläfrige Stallstraße hinaus. Bei dieser Gelegenheit wurde mir dann regelmäßig erzählt, daß der dicke Schneider, der im Hause gegenüber am Fenster saß und nähte, ein ganz schlechter Mensch sei. Er hatte nämlich die Alte in einer schwachen Stunde dazu vermocht, ihm eine nicht ganz unbe­deutende Summe gegen eine Leibrente zu übergeben, und zahlte nun die versprochenen Zinsen nicht.

Waren so schon die Stunden, die wir allein mit Tante Agathe verbrachten, höchst ergötzlich, so ging ihr Stern doch !

erst recht aus, wenn sie sich in Gesellschaft erwachsener Ver­wandter befand. Die gute Alte litt nämlich an der Kleptomanie, !

d. h. sie konnte obgleich sie in guten Verhältnissen lebte !

das Mausen nicht lassen. Da wir das nun alle wußten, !

so gab es die spaßhaftesten Scenen. Man sah mit mühsam j

unterdrücktem Lachen zu, wie die Alte allmählich den halben !

Inhalt der Zuckerdose und des Brotkorbes, Teller, silberne Löffel und was sonst noch nicht niet- und nagelfest war, in ihre Tasche verschwinden ließ, und nahm sie ihr dann, ehe sie davon ging, zu ihrem großen Jammer wieder ab. Ihre Ver­suche, die Aufmerksamkeit von dem von ihr ins Auge gefaßten Objekt abzulenken, waren dabei höchst Possirlich. Zunächst wurde die Zuckerdose herangezogen und handgerecht gestellt. Dann !

trommelte die Rechte unbefangen näher und näher. Endlich hieß es:Seht doch, was da für ein Vögelchen fliegt!" Wir blickten gewissenhaft zum Fenster hinaus und schwupp ^

war die Hand voll Zucker in der Tasche. Als eine ihrer Groß­nichten heirathete, mauste sie der Mutter derselben erst ein halbes