Heft 
(1878) 39
Seite
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Dutzend Kaffeelöffel und schenkte sie dann neu gravirt und aufgeputzt, der Braut als Hochzeitsgeschenk.

Wie alles an Tante Agathe wunderlich war, so war es auch ihr Tod, ja ihr Testament rief eine so ausgelassene Heiter­keit hervor, wie nur irgend eine ihrer Willensäußerungen bei Lebzeiten.

Der Rath der guten Stadt erließ eines Tages eine Ver­ordnung, nach welcher alle Hunde vom ersten künftigen Monats an mit einem Maulkorb versehen sein mußten, widrigenfalls sie der Hand des Nachrichters verfallen sein sollten. Diese Verordnung, die in allen Straßen nach einem vorhergegangenen Trommelwirbel verlesen wurde, und damit in Kraft getreten war, versetzte, wie man sich denken wird, die ganze Bürger­schaft in nicht geringe Unzufriedenheit. Niemand aber war entrüsteter und aufgeregter als Tante Agathe, die nicht ohne Grund fürchtete, daß Amis und Bella sich mit dem Maulkorb nimmermehr befreunden würden. Diese Befürchtungen erfüllten sich. Da griff die geängstete Frau zu einem heroischen Mittel. Lieber sollten die Getreuen an Gift sterben, als den Keulen­

schlägen roher Leute erliegen. Matchen mußte Arsenik herbei- schaffen, und die Thiere wurden vergiftet. Diese jähe That hatte aber die traurigsten Folgen. Die arme Alte verfiel darüber nämlich in eine Geisteskrankheit, die ihrem Leben ein schnelles Ende bereitete.

Als man ihr Testament öffnete, fand sich darin unter anderem ein Paragraph vor, der etwa so lautete: Und ver­mache ich meiner treuen Magd, Matchen Schulze, die Summe von Thalern. Da, wo man hier einen Gedankenstrich sieht, befand sich ein kreisrundes Loch. Ueber diesem stand:Dieses Loch soll doch gelten."

Das hing wahrscheinlich so zusammen. Tante Agathe hatte ihrer Magd vielleicht 100 Thaler zugedacht gehabt. Nachher hatte sie sich über dieselbe geärgert, beschlossen, sie zu enterben und die Ziffer mit einer Scheere ausgeschnitten. Später wieder versöhnt, hatte sie dann die Worte über das Loch geschrieben.

Es versteht sich von selbst, daß für Malchen Schulze trotz dieser Lücke im Testament ihrer Herrin ausreichend gesorgt wurde

Kdisorrs Kfionograph.

Dieses neueste Produkt amerikanischen Erfindungsgeistes ist in An­betracht einerseits der fast märchenhaften Eigenschaften, welche ihm vor seinem Bekanntwerden zugeschrieben wurden, und andererseits der un­geheuren Einfachheit seiner Konstruktion wohl geeignet, Aussehen und regstes Interesse hervorzurufen. Der Zweck des Apparates ist: in den­selben Hineingesprochenes in accentuirter und artikulirter Weise dem menschlichen Ohre nach beliebiger Zeit zu reproduziren. Die Grund­idee, welche der ganzen Erfindung unterlegt ist, besteht in einer Nach­bildung der menschlichen Gehörorgane (Gehörgang, Trommelfell und Gehörknöchelchen), welche den Apparat befähigen, Töne, Silben und Worte zu fixiren.

Eine hölzerne Fußplattc a trägt zwei Lagerungen ch und 1>2, in denen eine Welle o ruht. Das eine Lager 1>, enthält an Stelle glatter Lagerschalcn ein Muttergewinde, in welchem sich der eine mit Schrau- bengcwinde versehene Theil der Welle o fortbewegt, während das andere Lager li^ ein Fortgleiten der Welle gestattet. Die Drehbewegung der Welle v wird durch eine Handkurbel <t bewirkt und durch das Schwungrad o zu einer möglichst gleichmäßigen gestaltet. Auf der Welle o sitzt außerdem noch eine Messingwalze t von ca. 105 Milli­meter Durchmesser fest, welche auf ihrer Oberfläche mit 00 feinen, ge­windeartigen Riefen von derselben Steigung als das Schranbengewinde versehen ist. Auf diese Walze wird ein Staniolblatt mittelst Leinöl­firniß aufgezogen, welches den ganzen Umfang derselben bedeckt. Vor der Walze 1 ist ein durch die Mikrometerschraube o verschiebbares Po­stament 8' angebracht, welches einen Hohlcylinder tr aus Blech trägt. In diesen ist das Sprachrohr in von Messingblech eingesteckt und auf der andern Seite nach der Walze 1 zu trägt er einen kleinen hölzernen Schallbecher i. Derselbe ist behufs Konzentrirung des Schalles mit einer Scheidewand versehen, welche eine Oeffnung von kleinerem Durch­messer als derjenige des Sprachrohres hat. Am Kopfende des Schall­bechers i ist eine Papiermembrane aus englischem Banknotenpapier aufgespannt, welche genau im Mittelpunkt einen kleinen Stahlstift t, der mit Siegellack befestigt ist, trägt. Dieser Stift berührt das auf der Walze 1 aufgezogene Staniolblatt und ist vermöge der unter diesem liegenden Riefen der Walze befähigt, tiefer in das Staniol einzudringen. Wird nun in das Sprachrohr hineingesprochen, so geräth die Papier­membrane und mithin auch der Stahlstift vermöge der Luftschwingun­gen in Vibration und wenn das Postament 8 uahe genug an die Walze herangeschoben ist, so wird der Stahlstift abwechselnv in das Staniolblatt eindringen und wieder zurückweichen. Setzt man nun gleichzeitig die Walze mittelst der Kurbel in Bewegung so wird die­selbe vermöge des Schraubengewindes in ganz gleichmäßiger Weise an dem Stifte Hingleiten und dieser wird ganz analog der Fortbewegung der Walze den auf dieser befindlichen Riefen folgen. Da nun immer ein neuer Umfang der Walze sich vor dem Stifte abwickelt, so hat dieser Gelegenheit, die ihm durch die Membrane mitgetheilten Schwingungen als Reihen von kleinen Vertiefungen auf dem Staniolblatt einzngraben.

Will man das Gesprochene durch den Apparat wieder zu Gehör bringen, so stellt man zunächst das Postament 8 um so viel von der Walze zurück, daß der Stift 1 das Staniol nicht mehr berührt. So­dann führt man die Walze durch entgegengesetzte Drehung der Kurbel wieder in ihre Anfangsstellnng zurück und stellt hierauf den Stift wieder so nahe heran, daß er in die erste von ihm gemachte Vertiefung zu liegen kommt. Dreht man nun die Walze wieder in der zuerst an­gewendeten Weise an dem Stift vorbei, so muß dieser, seiner eigenen Niederschrift folgend, bald in die Vertiefungen eindringen, bald zurück­weichen und wird hierdurch in ganz dieselben Schwingungen gerathen, welche ihm vorher durch die Membrane mitgetheilt wurden. Genau in umgekehrter Weise fängt nun letztere an zu schwingen und bringt dadurch dieselben Töne hervor, die sie vorher durch das Hineinsprechen in Bewegung gesetzt hatten. Der Schallbecher und das Sprachrohr dienen jetzt gewissermaßen als Resonnanzboden und ermöglichen es so­

mit dem menschlichen Ohre, die Schwingungen der Membrane zu em­pfinden. Ganz in derselben Stärke kann natürlich der Apparat die Töne nicht wiedergeben, als sie unser Ohr beim Hineinsprcchen wahr­genommen hat, da dieses doch noch empfindlicher ist als die Papier­membrane, jedoch sind die einzelnen Laute recht wohl zu unterscheiden. Wie manche Personen gegen gewisse Geräusche eine Abneigung em­pfinden, so ist auch der Phonograph für gewisse Laute weniger em­pfänglich. Namentlich sind es die Hellen Vokalei" unde" und die Zischlaute, welche er in weniger vollkommener Weise wiedergibt, wohin­gegen er besonders für die französischen Nasallaute sehr geeignet ist. Auch das Lachen gibt der Apparat in ganz trefflicher Weise wieder. Um einen taktmäßigen Gesang zu reproouziren bedürfte der Phono­graph wohl noch einer Vorrichtung, welche eine vollständig gleichmäßige Bewegung der Walze ermöglichte. Ein in das Sprachrohr hinein- gesungciier Akkord klingt bei schnellerer Drehung höher, bei langsamerer aber tiefer aus dem Apparat heraus. Wenn schon der Phonograph in seiner jetzigen Gestalt einer wirklich praktischen Benutzung noch nicht wohl füh'.g ist, so steht doch nicht zu bezweifeln, daß durch Verbesserun­gen, zu welchen dieser erste Fingerzeig ganz sicher Anlaß geben wird, dem Apparat noch eine bedeutende Zukunft gesichert werden kann.

C. Biedermann.

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Ter Erfinder des oben beschriebenen Instrumentes ist jedenfalls einer der interessantesten Männer unserer Zeit, einselbstgemachter" Amerikaner, der die merkwürdigsten Erfindungen nur so aus dem Aermel schüttelt und doch erst im ui. Lebensjahre steht. Thomas A. Edison lebt zu Menlo-Park, einem kleinen Weiler in der Nähe Ncw- Uorks, und dort, wo er unbeirrt von dem Treiben der großen Stadt sich ganz der Wissenschaft widmet, macht er in seinem Laboratorium die merkwürdigsten Experimente. Ein Deutsch-Amerikaner Paul Ocker, der ihn jüngst besuchte, schildert Edison imNew-Aorkcr Belletristischen Journal" als einen Mann mit barllosein, knabenhaftem Gesicht und schüchternem Blicke. Vergebens würde man in seinem ganzen unge­schminkten Wesen nach äußeren Spuren geistiger Größe suchen; aber seine Herzensgute und Selbstlosigkeit wird von allen denen gepriesen, die mit ihm näher bekannt wurden. Seine glänzendsten Entdeckungen hat der übrigens halbtanbe Mann, der des Nachts zu arbeiten Pflegt, in den frühen Morgenstunden gemacht. Als er am Elektromotographen, einer seiner wichtigsten Erfindungen arbeitete, verließ er tagelang nicht den Arbeitstisch und schlief im Stuhle an demselben, neben sich einen Haufen Bücher über Elektrizität und ein ganzes chemisches Laboratorium.

Edison begann feine Laufbahn als Zeitungsjunge. An den Bahn­zügen Michigans verkaufte er den Reisenden die neuesten Zeitschriften, und im vierzehnten Lebensjahre besaß er bereits das Privileg des ausschließ­lichen Verkaufs von Zeitungen und Drucksachen auf einer großen Eisen­bahn Canadas. Gleichzeitig redigirte und druckte er ganz allein mittelst einer kleinen Handpresse und eigens dazu angeschaffter Typen eine wöchentliche Eisenbahnzeitnng, ,,Oraml-'i'miM-Hornläch die einen Ab­satz von 450 Exemplaren erreichte. Das war jedoch nicht das Gebiet, auf dem er Lorbcern ernten sollte. Edison wandte sich der Telegraphie zu und machte nun, im Besitze der Apparate und nöthigcn Chemikalien, die eigenthümlichsten Versuche. Im Nachttelegraphendienstc thätig, gönnte er sich am Tage wenig Ruhe, sondern experimentirte fort, bis er un­abhängig von europäischen Entdeckungen darauf kam, auf einem Drahte gleichzeitig nach beiden Seiten telcgraphiren zu können. Nachdem er denOolct- and LtocR-Inckicmtor" erfunden und zahlreiche Patente er­worben hatte, die ihm schöne Summen einbrachten, zog er sich aus dem Telegraphendienst zurück und richtete sein Laboratorium in Menlo-Park ein. Hier auch konstruirte er feinen Phonographen und verbesserte dann denselben zur sogenanntenDiktirmaschine", bei welcher die in Schwingung versetzte Nadel auf dem Staniolblatte vierzigtausend Worte