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ich um einen Kaffee, das heißt mit Permission um einen Cognackaffee. Den Milchkaffee habe ich abgefchworen. Das ist nichts für einen alten Doktor mit Landpraxis."
Tante Schorlemmer ging, nm das Gewünschte hcrbeizu- schaffen; der alte Leist aber, der wie alle Doktoren, auch wenn sie nicht beim Feldscheer begonnen haben, gerne sprach und Anekdoten erzählte, um das ewige Einerlei der Krankengeschichten los zu werden, wiederholte, als die Schorlemmer hinaus war, seine letzten Worte und setzte dann erklärend hinzu: „Sehen Sie, mein Renatchen, mit dem milcherncn ist es nichts. Ich ineine den Kaffee. Sonst laß ich auf das Milchernc nichts kommen, denn es ist die höhere Stufe. Aber was ich sagen wollte. Sehen Sie, dies Franzosenvolk ist sonst nicht mein Gnstus, und ihre Guillotinenwirthfchaft, was sie damals „La Terreur" oder wie nur sagen, den Schrecken oder den Terrorismus genannt haben, das kann ich ihnen nicht vergessen; aber der Wahrheit die Ehre, mit dem Cognaekaffee, da haben sie's getroffen. Es gibt so Sachen, worin sie uns überlegen sind."
In diesen: Augenblick trat die Schorlemmer wieder ein, und die Krügerssrau mit dem geforderten Kaffee folgte. Neben der Tasse stand ein Glas. Der Doktor liebäugelte damit, schwankte zwischen Anstand und Begehrlichkeit, unterlag aber wie gewöhnlich der letztem, und leerte das Glas auf einen Zug. Der Mifchungsprozeß war unterblieben.
Renate, deren anfängliche Ungeduld bei dem Geplauder des Alten eher geschwunden als gestiegen war, sah ihm lächelnd zu und sagte dann, ihre Hand aus seinen Arm legend:
„Aber nun, lieber Doktor Leist, wie steht es mit unserem Kranken? Ist Gefahr?"
„Gefahr, Gefahr," antwortete der Alte in: Tone scherzhaften Vorwurfs, „werde doch nicht von Cognackaffee sprechen, wenn Gefahr wäre! Nein, mein Renatchen, wenn dem alten Leist so was Bitteres aus der Zunge liegt, da schmeckt ihm nichts, und wenn cs ein Cognaekaffee wäre. Wie es mit ihm steht? Gut steht es. Er schläft sich gesund. Nichts von Gefahr: Ueberreizung der Nerven. Das ist alles."
Renate schwieg. Sie wollte nicht weiter forschen, da sic den Zusammenhang der Dinge zu ahnen begann. Die Schorlemmer aber, die nichts von solchen Zuständen wußte, fragte halb ärgerlich: „Nervenüberreizung; was soll das? Woher?"
„Ja, mein liebes Tantchen," antwortete Leist, „das ist mehr als ein armer Doktor wissen kann. Der muß schon froh sein, wenn er erkennt, was er vor sich hat. Woher es kommt, darauf kann er sich nicht einlassen. Das weiß nur der Kranke selbst. Und unser Lewin wird es schon wissen und sich eines Tages unser aller Neugier erbarmen, denn eine rechte Neugiersgeschichte ist es, dessen bin ich sicher."
Und dabei schmunzelte der Alte so listig vor sich hin, als ob er den ganzen Liebesroman von Anfang bis Ende gelesen hätte.
„Aber nun Verhaltungsbefehle!" sagte Renate, „was thun wir?"
„Wir warten. Das ist überhaupt das Beste, was der Mensch thun kann. Zeit, Zeit. Die Zeit bringt alles. Dem Kranken bringt sie Gesundheit. Wir warten also."
„Und wie lange noch?"
„Ja, das ist nun wieder so eine Frage. Aber rechnen wir nach. Heute ist der dritte Tag. Ich denke den fünften Tag, also übermorgen. Uebermorgen wird er ansgeschlafen haben und wird irgend etwas wollen, vielleicht einen gerösteten Speck oder ein Zwiebelfleisch. Was es aber auch fein mag, er muß cs haben, denn was dann spricht, das ist die Stimme der Natur, die durchaus gehört werden will."
„Ach, wie freue ich mich," sagte Renate, „meinen Brief mit so guten Nachrichten schließen zu können! Ich schrieb, als Sie vorfuhren, eben an Marie Kniehase. Wissen Sie, Doktor, Sie könnten mir die letzten Zeilen diktiren."
„Das will ich," sagte der Alte, „und will auch den Briefträger machen, denn ich fahre über Hohen-Bietz. Haben Sie alles?"
„Alles."
„Also schreiben wir: „Eben ist Doktor Leist hierund versichert uns, es sei keine Gefahr. In zwei Tagen wird unser
Kranker außer Bett und in einer halben Woche so gut wie genesen sein. Dies alles schreib' ich nach dem Diktat des Alten, der diesen Brief selbst mitnehmcn will. Punktum, Gedankenstrich. Deine Renate."
Renate sprang auf, schob in heiterer Laune dem Doktor das Blatt zu und sagte: „So, nun haben wir es schwarz auf weiß, und Sie müssen nur noch darunter schreiben „beglaubigt" und Ihren Namen. Aber keinen Doktorkrikelkrakel, sondern deutlich und leserlich für Jedermann."
Der Alte that, wie ihm geheißen. Dann erhob er sich, und während ihm Renate wieder in seinen schweren und viel- kragigen Mantel hineinhals, schloß er seinen Besuch mit den Worten: „Und nun noch eines, Ihr Damen. Ich muß die Gesunden bitten, sich über den Kranken nicht zu vergessen. Sonst vertauschen wir blos die Rollen. Also keine Allotria wie Nachtwachen und andere Ueberslüssigkeitcn. Tantchen, ich mache Sie verantwortlich. Und übermorgen sehe ich wieder nach. Und nun Gott befohlen."
Sie begleiteten ihn treppab bis an den Wagen, der unter den: Vorbau hielt. Bald zogen die Pferde an, und Renate und die Schorlemmer grüßten dem Alten nach. Eine rechte Sorge war von ihnen genommen; er hatte so zuversichtlich gesprochen. Gegen Abend kam eine alte Wartesrau, um sie am Bette des Kranken abzülösen, und beide gingen nun in ihre Giebelstuben hinüber, um nach zwei schlaflosen Nächten eine ruhige Nacht zu haben.
Die Sonne des nächsten Vormittags schien hell auf die Bohlsdorfer Dächer. Renate war bei der Amtmannsfrau gewesen, nm ihr einen Gegenbesuch zu machen, und kam eben von dem Gutshofe zurück, als sie ein herrschaftliches Fuhrwerk vor dem Kruge halten sah. Der Herr, dem cs gehörte, ging inmitten der Dorfgasse auf und ab. Er war von hoher Gestalt, trug Pelzrock und Pelzsticfel, und sah von Zeit zu Zeit nach dem Kirchthurm hinauf, dessen grotesk geformte Schnee- Haube seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen schien. Im Näherkommcn erkannte Renate den alten Geheimrath.
„Onkel Ladalinski!" rief sie und eilte ihm entgegen.
Der Geheimrath war ersichtlich befangen, und eine kurze Pause folgte den ersten Begrüßungsworten, bis Renate fragte: „Du bist auf dem Wege nach Guse?"
„Ja, liebe Renate; zum Begräbnis; der Tante. Aber was führt Dich in dieses Dorf? Ich erwartete, Dich in Guse zu sehen, Dich und Lcwin und den Papa."
„Du wirst nur den Papa in Gifte treffen; Lewin ist hier."
„Lewin ist hier?"
„Ja, krank und bewußtlos; nun schon den vierten Tag. Die Leute schickten uns einen Boten. Es war denselben Morgen, wo die Nachricht von dem Tode der Tante kam. Papa fuhr nach Guse, ich nach hier. Die Schorlemmer begleitete mich, und wir fanden, Lcwin, wie wir nach allem, was uns der Bote gesagt hatte, erwarten mußten. Er lag in tiefem Schlaf. Alles ist in Dunkel, nnd wir rathen hin und her, was ihn in naßkalter Nacht von Berlin fort und hierher geführt haben mag. Ein Knecht fand ihn wie todt neben den Chanfseesteinen."
Der Geheimrath schwieg eine Weile; dann nahm er Renatens Arm und sagte: „So weißt Du von nichts? Ach, Kind, welche Tage haben wir durchlebt! Kathinka ist fort, und wir werden sie nicht Wiedersehen."
Das also war es. Renate sah nun klar, schien aber weniger überrascht, als der Geheimrath erwartet haben mochte.
„Kann ich Lewin sehen?" fragte dieser.
„Ja; er liegt oben."
Sie stiegen nun die schmale Treppe hinauf und fanden die Schorlemmer am Bette des Kranken. Sie wollte das Zimmer verlassen, aber der Geheimrath bat sie, zu bleiben. Lewin schlief mit einem Ausdruck, als ob er sich dieses Schlafes freue. Der alte Ladalinski war durch diesen Anblick erschüttert. Ueber ihn war seit jenem Tage kein erquicklicher Schlaf gekommen. Er nahm des Kranken Hand nnd sagte: „er wird genesen," und in dem schmerzlichen Ton, in dem er diese Worte sprach, klang es begleitend mit: „ich nicht".