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und lieben. — In der Liebe zu Otto standen sie sich immer klar und offen gegenüber. Louisens Briefe flössen über von den innigsten Liebesnamen für den Knaben, und Ernst hatte keine Ahnung davon, daß das gequälte Herz sie eigentlich nur für ihn niederschrieb.
So war Jahr um Jahr verstrichen. Ernst hatte lange Berlin verlassen, hatte bei einem Oberförster den praktischen Dienst erlernt, hatte dann die Forstakademie besucht und schon Reisen als Feldjäger gemacht. Seine einzige Freude und Erholung blieb es aber, wenn er seinen Koffer schnüren und zum Besuch nach Hasselrode fahren konnte. — Er war in die Jahre getreten, in denen ein Mann sich nach einem Wesen sehnt, über das er die ganze Fülle seiner Liebe ausschütten kann, und da ihm Louise immer mehr zu einer Schwester wurde, so hatte er sich gewöhnt, in seinem kleinen, wirklich liebenswürdigen Otto sein ein und alles zu finden.
Otto war der Sonnenschein des Predigerhauses. Stundenlang saß er beim Großpapa und wurde nicht müde, die Bilderbücher zu besehen, die ihm Onkel Ernst geschickt hatte und die der Großpapa nun erklärte. Der Großmutter erzählte er Geschichten, wenn diese keine mehr wußte, und mit der Mama schweifte er durch Wald und Flur. Dann brachte er stets Blumen oder Steinchen mit nach Hause und legte aus ihnen eine Sammlung an, um sie Onkel Ernst zu schenken. — Onkel Julius kam wohl öfter, war wohl auch liebevoll und zärtlich gegen ihn, aber ein Kinderherz unterscheidet scharf. Die Stunde, in der Otto einmal in Heller Kinderinnigkeit ausgernfen hatte: „Onkel Ernst, alle haben mich lieb, aber Du am aller, allerliebsten!" zählte Ernst Römer zu den glücklichsten seines Lebens.
Ernsts Verhältniß zu seiner Mutter hatten die Jahre wenig geändert. Beide standen sich eigentlich fremd gegenüber.
Katherine führte wie vorher die Wirthschaft und war beruhigt über das Schicksal ihrer Tochter, die sie als Näherin bei dem Prediger Sternberg in guten Händen wußte. Freilich bedrückte sie oft die lange Trennung von dem geliebten Kinde, aber überzeugt, daß das Pflichtgefühl jedes andere überwiegen müsse, ließ sie gern die Gründe gelten, mit denen Louise ihr Nichtkommen motivirte.
Leider war im letzten Jahr der Grund von Louisens Seite kein erfundener gewesen. Pastor Sternberg war ernstlich erkrankt und starb, nachdem er ein Jahr dahin gesiecht hatte.
Die Pastorin, die nach ihrem Geburtsland, der Schweiz, zurückkehrte, hatte Louise mitnehmen wollen, aber Ernst hatte energisch dagegen protestirt. Da er hoffte, bald eine Ober- sörsterstelle zu erhalten, bewog er Louise, sich in E. eine kleine Wohnung zu miethcn, wo sie mit Hilfe des Ertrages ihrer Stickereien und Ernsts Zuschuß einen bescheidenen kleinen Haushalt führte.
Nach absolvirtcm Examen hatte Ernst zum ersten Male seiner Mutter seinen Entschluß mitgetheilt, Louisen zu heirathen, aber er war damit ans den heftigsten Widerstand gestoßen. Sie erklärte ihm rund heraus, sie wolle davon ein- für allemal nichts wissen, und sie war nicht die Frau, die dergleichen zwei Mal zu sagen brauchte. Als Ernst nach Buchenhaide kam, gab sie ihm Katherine, die von nichts ahnte, in der allsgesprochenen Absicht mit, ihm durch die eventuelle künftige Schwiegermutter die Tochter zu verleiden.
IV.
Die Briefe, welche Römer in der Hand hielt, mußten sehr gute Nachrichten gebracht haben, denn er sah höchst vergnügt ans und pfiff ein Liedchen vor sich hin, was sonst nicht seine Art war, so daß Katherine ihr altes treues Gesicht von außen durch das geöffnete Fenster steckte, um zu sehen, was es eigentlich gäbe.
Als sie ihren Herrn ruhig am Schreibtisch sitzen sah, ging sie zu Franck zurück, der emsig beschäftigt war, Bohnen in die Furchen zu legen. Katherine trippelte hin und her; ihre alten Beme bewegten sich fast nach dem Takt des gepfiffenen Liedes.
Endlich hielt sie es nicht länger aus. Sie kehrte zum Fenster zurück und sagte mit schüchterner Stimme: „Entschuldigen Sie, gnädiger Herr, aber ich wollte nur fragen, ob Sie
wirklich dabei bleiben, daß das ganze Stück mit Bohnen belegt wird? Gar zu gern möchte ich doch noch an dem einen Ende ein Blumenbeetchen haben."
„Mach es, wie Du willst, Alte!" antwortete Römer vergnügt, „aber sorge mir für Bohnen, die brauche ich in diesem Jahre."
Katherine sah ihren Herrn groß an, in so heiterer Stimmung hatte sie ihn seit langen Jahren nicht gesehen.
„Aber wozu brauchen Sie denn Bohnen?" platzte sie heraus.
„Alles zu wissen macht Kopfschmerzen! Aber glaubst Du nicht auch, daß eine junge Frau Oberförstern: mir gern mein Lieblingsgericht kochen wird?"
„Eine junge Frau Oberförsterin?"
Pantz, da lag die Schüssel mit Bohnen, die Katherine in der Hand hielt, aus der Erde. Nein, solch ein Schreck! Noch nie vorher hatte der gnädige Herr vom Heirathen gesprochen!
„Nun, Katherine, fasse Dich," lachte Römer, der durch das Erstaunen der Alten höchlichst ergötzt wurde. „Morgen kommt sie noch nicht, aber so Gott will, in ein paar Monaten, und daß sie Dir eine liebe Frau Oberförsterin wird, dafür will ich schon sorgen. Nun laß das verblüffte Gesicht! Gib mir meinen guten Rock und eine reine Halsbinde, ich muß in Geschäften nach Lichterselde."
Die Alte that, wie ihr geheißen. Wonnethränen standen ihr in den Augen, als sie ihren Liebling hinter der Biegung des Waldweges verschwinden sah.
Buchenhaide war nur eine Meile von Lichterselde entfernt; wählte man den Fußweg, der quer durch den Wald führte und eine große Biegung der Fahrstraße abschnitt, so konnte ein tüchtiger Fußgänger cs in einer guten Stunde erreichen. Römer hatte die Besuche, die er in den letzten vier Wochen öfters dort gemacht, meist zu Fuß abgestattet. Seitdem mehrere Uebelstände zur Sprache gekommen, die während der Verwaltung des vorigen stets kränkelnden Oberförsters in Buchenhaide eingerissen waren, und Ernst die auf Erfahrung gestützten freundlichen Nathschläge des alten Kollegen mit Dank angenommen, hatte sich zwischen ihm und Baum bald ein freundschaftliches Verhältniß gebildet, und die freundliche Aufnahme, die er in Lichterselde stets gefunden, hatte es ihm bald zum Bedürfniß gemacht, die lieben Menschen zu sehen. Die Stunden, in denen er mit Gertrud musizirte, waren Lichtpunkte in seinem einförmigen Leben geworden, und in heftigeren Schlägen fühlte er sein Herz erbeben, als er sich unwillkürlich bei dem Geständniß ertappte, daß diejenigen noch genußreicher seien, in denen er mit dem alten Elternpaar zusammen ihrem Spiel, vor allem aber ihrem seelenvollcn Gesang lauschen konnte.
Hatte sie geendet, so war ihm stets zu Muthe gewesen, als müsse er zu ihr gehen und ihr aus der Fülle seines Herzens danken — aber ein unbestimmtes Gefühl hielt ihn stets davon zurück. Nie gab er sich Rechenschaft darüber, denn diese Empfindung wurde so schnell durch den Gedanken an seinen Wirkungskreis und durch die Hoffnung der Erfüllung seines Lebenswunsches verscheucht, daß sie ihm, fiel sie ihm je späterhin einmal wieder ein, wie der Traum aus einer andern unbekannten Welt erschien.
Heute dachte er nun nicht im entferntesten daran. Seine Gedanken waren bei Louise, vornehmlich bei seinem Knaben und ergingen sich in den schönsten Zukunftsbildern.
„Das ist der erste vernünftige Brief, den ich von ihr erhalten habe," murmelte er halblaut vor sich hin, „endlich gibt sie nach und läßt ihre alten Gedanken wie: daß die Mutter mir fluchen könne, und daß sie zu dumm und unbedeutend für mich sei, fahren. Ob ich das wohl dem Einfluß der Frau Jordan zu verdanken habe? Ich kenne Louise gut genug, um zu wissen, daß sie kein Wort von unserem Geheimniß verrathen hat, daß sie in deren Augen immer noch eine junge Wittwe ist, aber kann die alte Frau ihr nicht klar gemacht haben, daß Otto der männlichen Leitung bedarf? O, daß diese Lüge, diese endlose Lüge doch endlich aufhören könnte, daß wir doch endlich, endlich wieder frei und wahr dastehen könnten! Mein Otto!" rief er