Heft 
(1878) 43
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dann aus, und es lag ein so leidenschaftlicher Schmerz in dem Ausruf, das er selbst im Innersten davor erbebte.

Unter solchen Gedanken hatte er den Wald verlassen und eine abseits stehende Fichte erreicht. Wie freundlich erschienen von hier aus das mit wildem Wein umrankte Oberförsterhaus, die in vollem Frühlingsschmnck prangenden Bäume und Fluren! Wie friedlich war es dort, wie rein, wie wahr! Fern blieb hier die Schuld und ihre schreckliche Tochter die Lüge.

Aber jetzt sollte ja auch für ihn und Louise die Stunde schlagen, wo sie das Vergangene gut machen konnten, so weit es sich gut machen ließ, wo der Frieden einziehen sollte in ihre Brust und sie ihr Haupt wieder freudig erheben konnten. Der Brief des Onkels hatte fast so gelautet, als ob seine Bestäti­gung als Oberförster schon erfolgt wäre.

Römer riß sich von seinen Gedanken los und eilte dem Hanse des Oberförsters zu. Da er diesen in seinem Arbeits­zimmer nicht fand, begab er sich nach der Veranda, wo die Familie jetzt viel zu verweilen pflegte. Als er die Hand aus den Drücker der Glasthüre legte, glaubte er zu hören, daß die beiden Damen lebhaft debattirten, und die Erregung, in der sich dieselben bei seinem Eintritt sichtlich befanden, bestätigte nur seine Vermuthung.

Sie kommen gerade zur rechten Zeit," sagte Frau Baum, um zwischen uns als Schiedsrichter zu fnngiren. Gertrud be­hauptet nämlich, daß eine Frau, um eine wirkliche Gefährtin ihres Mannes sein zu können, ebenso gebildet sein müsse wie er. Darnach müßte die Frau eines Arztes ein Gymnasium durchgcmacht und Medizin studirt haben."

Gertrud erröthete über und über.

Das habe ich nie verlangt," sagte sie.Ich habe nur behauptet, daß ein Mann nicht glücklich sein könne, wenn seine Frau seine Ziele und Bestrebungen nicht verstehen kann. Ich trat für eine ähnliche Bildung ein, nicht für eine gleiche."

Darin liegt eben Dein Jrrthum," eiferte Frau Baum, je unähnlicher eine Frau dem Manne ist, um so besser. Will eine Frau ihren Mann glücklich machen, so muß sie vor allen Dingen häuslich und still sein. Erfüllt sie ihre häuslichen Pflichten, kocht sie ihm gerade herausgesagt eine gute Suppe und hält sie ihm Hans und Wäsche in Ordnung, so wird sie ihm lieber sein, als wenn sie ihn mit vielleicht sehr geistreichen Gesprächen Plagt, die er ja mit seinen Freunden zur Genüge führen kann."

Nein, Mutter," rief Gertrud erregt,darin gebe ich Dir nun und nimmermehr Recht. Nie wird ein wahrhaft bedeu­tender Mann sich damit zufrieden geben, daß seine Frau in eng beschränktem Sinne glücklich ist, wenn sie seine leib­liche Pflege besorgen kann. Er wird verlangen, daß sie auch seine geistige Gefährtin sei, daß sie befähigt sei, theilzu- nehmen an allem, was seinen Geist bewegt und sein Herz er­füllt. Stößt er in den Dingen, die sein Interesse erst ganz in Anspruch nehmen, die den besten Theil seines Seins bilden, bei ihr auf stumpfe Gleichgiltigkeit, so wird er zugleich mit seinem Interesse auch seine Liebe von ihr abwenden. Um seiner Suppe und seiner Wäsche willen braucht er kein Weib, denn die eine kann ihm die Köchin bereiten und die andere eine Näherin in Stand halten. Das, was er sucht, ist die gleichgestimmte Gefährtin, die ihm in allen Dingen zur Seite stehen kann und will, und wehe ihr, wehe auch ihm, wenn er das nicht findet!"

Gertrud hatte gesprochen, wie es ihr der erregte Sinn ein­gab. Erst als sie geschlossen hatte, fiel es ihr ein, daß ihre Worte auch noch von einem Fremden gehört worden waren, und sie blickte verwirrt zu ihm hinüber. Aber wie erschrak sie, als sie bemerkte, daß er kreidebleich geworden war. Und doch lag auch wieder in seinen groß auf sie gerichteten Augen ein Ausdruck, der sie mit innerster unerhörter Wonne erfüllte. Sie erhob sich rasch und eilte davon. Sie mußte allein sein mit ihrem Schreck und ihrer Wonne.

Römer gab sich die größte Mühe, seine Erregung zu be­herrschen, aber seine Antworten waren kurz und zerstreut und befriedigten Frau Baum nur wenig. Nach einiger Zeit stand

er auf und wollte sich verabschieden, aber die alte Dame ließ das nicht zu.

Mein Mann würde es mir nie verzeihen," sagte sie, wenn ich Sie vor seiner Rückkehr fortgehen ließe."

Wohlan," erwiderte er,so will ich an die Gartenpforte gehen und nach Herrn Baum ansschauen."

Von der Gartenpforte ans ließ sich nichts sehen, Römer bog daher in die Buchenallee ein und schritt langsam zwischen den ergrünenden Bäumen dahin. Vor einer lustigen kleinen Fliederlaube blieb er stehen. Er cntsann sich, vom Oberförster gehört zu haben, daß dieselbe Gertruds Lieblingsplätzchen sei, und die hochstämmigen Rosen, die die Laube umgaben, von ihr eigenhändig gepflanzt seien. Hierher also zog sich Gertrud zu­rück, wenn sie allein sein wollte! Römer nahm auf der kleinen einfach gezimmerten Holzbank Platz, stützte den Kopf in die Hand und versank in tiefes Sinnen.

Wahrhaftig, ich glaube, ich schwärme!" rief er plötzlich aus und griff, um seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, mechanisch nach dem Buche, das auf dem kleinen viereckigen Tische vor ihm lag. Es mußte ein Zeichenbuch von Gertrud sein, denn als er den Deckel aufschlug, gewahrte er ans der ersten Seite die getreue Copie des Oberförsterhauses in Lichter­felde und darunter die Verse:

Du kleiner Ort, wo ich das erste Licht gesogen,

Den ersten Schmerz, die erste Lust empfandj Sei immerhin unscheinbar, unbekannt,

Das Herz bleibt doch vor allem dir gewogen,

Fühlt überall zn dir sich hingezogen.

Das zweite Blatt zeigte eine Fichte. War es nicht die­jenige, welche dort oben stand, von deren Fuß ans er hinaus geschaut hatte auf die lachende Welt?

Unter der Fichte stand das bekannte Heinesche Gedicht vom Fichtenbanm und der Palme.

Er verweilte länger bei diesem Bilde als beim ersten. Das Gedicht schien ihm viel zu denken zu geben.

Wäre es möglich," flüsterte er kaum hörbar,daß ihr Herz in der Ferne gefesselt ist?"

Fast gewaltsam mußte er sich zum Umschlagen zwingen. Da ein leiser Ausruf entfuhr seiuen Lippen war das nicht das Haus seines Försters? Er hatte sich so oft über das Glück dieser Familie gefreut, und cs rührte ihn, daß auch Gertrud die warme Liebe, die aus diesen Menschen sprach, richtig erkannt hatte. Die beiden Eheleute und das zappelnde Kind waren dargestellt, wie sie leibten und lebten.

Römer blätterte weiter. Ein Bouquet Schneeglöckchen, zierlich mit grünen Blättchen umgeben, lachte ihm entgegen. Unter dem Bilde standen die Anfangsworte eines Verses:

Der Strauß, den ich gepflücket,

Grüß'

Ernst kannte seinen Goethe zu gut, um nicht zu wissen, daß dies der Anfang von einem seiner Gedichte war, aber er konnte, so viel er auch nachdachte, sich nicht auf den Schluß besinnen.^ Er erhob sich endlich und kehrte in das Haus zurück.

In der Veranda fand er nur Frau Baum; er verab­schiedete sich schnell, versprach morgen wieder zu kommen, um mit ihrem Mann das Geschäftliche zu besorgen, und hemmte seinen eiligen Schritt nicht eher, als bis er bei der Fichte an­gelangt war. Dort wandte er sich um und sandte tausend innige Grüße nach dem lieben Oberförsterhause hinüber.

Als er spät abends nach Hause kam und die alte treue Katherine erschreckt vor seinem verstörten Aussehen zurückwich, achtete er ihrer nicht, schritt hastig in sein Zimmer, holte Goethes Gedichte aus dem Bücherschrank und las immer und immer wieder:

Der Strauß, den ich gepflücket, Ach, wohl eintausendmal, Grüß' dich vieltansendmal. Und ihn ans Herz gedrücket,

Ich habe mich oft gebücket Viel hnnderttansendmal!

Dachte ich es mir doch!" rief er aus, und es war schwer zu unterscheiden, ob es nicht doch wie Jubel in seiner Stimme lag:Sie hat mich geliebt vom ersten Augenblick an, da sie mich gesehen hat! Der Schneeglöckchenstrauß ist das Bild dessen, den ich damals so unhöflich zurückwies! O, wo habe ich nur meine Angen gehabt! Gertrud, Gertrud!"