Heft 
(1878) 43
Seite
680
Einzelbild herunterladen

Er warf sich aufs Sopha und barg sein Gesicht in beide Hände. Katherine hörte ihn dann noch stundenlang in seinem Zimmer rastlos auf und nieder schreiten, endlich wurde cs still. Ein geheimer Beobachter hätte wahrgenommen, wie Römer das Kästchen herausnahm, Louisens Porträt schnell verdeckte, als thne es ihm weh, und das Bild seines Kindes mit tausend Küssen bedeckte.

V.

Am andern Morgen erschallte lein fröhliches Lied in Buchenhaide. Katherine hatte nur einen Blick in die Stube ihres Hevrn geworfen und an seiner finsteren verschlossenen Miene erkannt, daß es heute gerathener sei, ihn ruhig seine Wege gehen zu lassen.

Römer stand am Nachmittag an seinem Schreibtisch. Die Feder in der Hand, blickte er gedankenvoll vor sich nieder. Die Papierschnitzel, die zerstreut neben ihm auf dem Fußboden lagen, zeigten, welch ein hartes Schicksal schon einen Brief ge­troffen und der, den der junge Mann jetzt vor sich liegen hatte und mit gefurchter Stirn überflog, schien auf kein besseres hoffen zu können, denn er zerknitterte ihn ungestüm in seiner Hand, indem er ausrief:Unsinn, Ernst! Bist Du nicht ein Mann? Und hast Du nicht Dein ganzes Leben lang bewiesen, daß Du kein Rohr bist, welches sich vom Winde hin und her schaukeln läßt? Was soll der Oberförster, was soll Gertrud von Dir denken, wenn Du mit einem Male fortbleibst? Du Haft ver­sprochen, heute zu kommen gehe mich!"

Er griff nach Hut und Stock, nickte Katherine freundlich zu und verließ Buchenhaide. So viel Gewalt er sich aber auch anthnn mochte, sein Herz klopfte immer stärker, je näher er Lichterfelde kam. Da lag das Oberförsterhaus wieder vor ihm und wie von brennender Sehnsucht getrieben, eilte er ihm entgegen.

Es war ein Glück für ihn, daß Herr Weiher, ein Besitzer aus der Umgegend, zum Besuch da war und die Herren sich früh an den Kartentisch setzten, sonst wäre es ihm schwer gewesen, sein leidenschaftlich aufwallendes Gefühl ganz zu beherrschen. Er blickte, sobald er es unbeobachtet thun konnte, zu Gertrud hinüber. Sie erschien ihm heute lieblicher als je.

Der Oberförster neckte ihn mit seiner Einsilbigkeit und seiner Unaufmerksamkeit beim Spiel. Er entschuldigte sich mit heftigen Kopfschmerzen und verließ das gastliche Hans früher als gewöhnlich. Auf dem Heimwege faßte er den festen Ent­schluß, es künftig so viel als möglich zu vermeiden. Ach, dem Hause konnte er entfliehen, nicht aber den Gedanken, den Wünschen seines Herzens, die ihn allezeit begleiteten. Er liebte zum ersten Mal in seinem Leben das fühlte er, und doch mußte er sich sagen, daß er nicht lieben durfte, daß die Ver­gangenheit ihn für immer von der ersehnten Zukunft scheide.

'-ft ft.:

Römer war seinem Vorsatz treu geblieben. Seit vier Wochen hatte er die Oberförsterei in Lichterfelde nicht mehr betreten. Um sein Ausbleiben nicht gar zu auffällig zu machen und Baum, dem er herzlich zugethan war, nicht zu betrüben, hatte er es in der ersten Zeit so einzurichten gewußt, daß er ihn auf dem Felde traf, um dort mit ihm alles Geschäftliche zu besprechen. Baum war auch mehrere Male auf ein Stünd­chen in Buchenhaide gewesen, da aber Römer jede Einladung ablehnte, so hatte nach und nach der freundliche nachbarliche Ton bei dem Alten einer piquirten Reizbarkeit Platz gemacht. Er hatte dann deutlich gezeigt, daß er Römer aus dem Wege gehe, und seit acht Tagen hatten sie sich weder gesprochen noch gesehen.

Ernst litt mehr darunter, als er sich eingestehen wollte, und wenn er seine geliebte Violine, die treue Gefährtin aller Stürme der letzten Jahre, nicht gehabt hätte, wer weiß, ob er nicht doch einmal wieder nach Mütze und Stock gegriffen und nach Lichterfelde gepilgert wäre. So aber half sie ihm das ungestüme Herz beschwichtigen.

Als er eines Abends von einem langen Spaziergang heimkehrte, fand er Katherine und Franck eifrig damit be­schäftigt, Holzpfähle zu einer Laube einzuschlagen. Erstere er­innerte ihn dabei an die versprochene Frau Oberförsterin. Es

680 -

fiel ihm schwer auf die Seele, wie für die nüchterne prosaische Louise eine solche gedrechselte Laube wohl paffe, während Gertrud sich nur in einem duftigen freien Fliederbosquet wohl fühlen könne. Es faßte ihn eine so große Sehnsucht nach einem ähnlichen Plätzchen, daß er am nächsten Tage selbst Hacke und Spaten hervorsuchte, die Bank und das Tischchen zimmerte, selbst zum Gärtner nach der Stadt fuhr und herr­liche hochstämmige Rosen anssuchte.

An diesem Plätzchen konnte man ihn abends stundenlang auf seiner Violine spielen hören.

Die Zukunft hatte fast jeden Reiz für ihn verloren, nur wenn Louisens Briefe kamen, die wie immer bogenlang von dem gemeinsamen Liebling handelten, flog ein freudiger Zug über sein Antlitz. Er selbst schrieb jetzt öfter als je an sie, wollte er sie doch nicht entgelten lassen, was sie unschuldig zu ertragen haben würde, denn wenn er ihr auch in den letzten Jahren nie von Bräutigamsliebe geredet, so hatte sie doch, das fühlte er wohl, noch vor einigen Wochen eine viel innigere Zuneigung besessen, als er ihr jetzt zu geben im Stande war. Aber die Briefe an Louise waren ihm mehr eine Qual als ein Genuß. Indem er fühlte, daß er jedes Wort auf die Goldwage legen müsse, um ihr sein Geheimnis; nicht zu ver- rathen, kam es ihm doppelt Mm Bewußtsein, wie geistig fern ihm das Mädchen stand, welches er doch in wenigen Wochen als seine Gattin heimzuführen gedachte.

Solche Gedanken gingen dem jungen Manne durch den Kopf, als er an einem etwas regnerischen Junitage durch den Wald schritt. Sie mußten ihn sehr in Anspruch genommen haben, denn er hörte den Hnfschlag eines Pferdes erst, als Baum unmittelbar neben ihm hielt.

Halloh, Nachbar Römer, findet man Sie so! Nun, nichts für ungut, ich wollte nur sagen meine Alte schickt mich her. Wissen ja, wie so Frauen sind, die ihren Mann unterm Pan­toffel haben! Die Alte hat sich nun einmal eingebildet, Sie hätten uns damals beim Kartenspiel etwas übel genommen und glaubt mir nicht, wenn ich ihr auch tausendmal sage: Alte, ich wette zehn zu eins, das ist nicht der Fall! Der Nachbar hat Familiengeschichten und Amtsärger im Kopf, darum ist er so finster!" Nun heraus mit der Sprache! Nicht mit den Familiengeschichten," fügte er freundlich hinzu, als er Römers verlegenes Gesicht bemerkte,da menge ich mich nicht hinein, nein, die Kartengeschichte! Gingen Sie deshalb so früh fort und sind Sie deshalb solch ein Griesgram, weil ich ein Wort zu viel gesprochen habe?"

Aber, Herr Oberförster, wo denken Sic nur hin! Von Ihnen und Ihrem Hause ist mir nichts als Liebes und Gutes widerfahren."

Nun, warum kommen Sie denn nicht mehr, he? Warum lassen Sie Freunde entgelten, was andere dumme Menschen Ihnen angethan haben? Nun, nichts für ungut, kommen Sie heute Nachmittag zu einer Whistpartie; es regnet ohnehin so stark, daß man das Bischen Heu doch nicht cinfahren kann. Nachbar Weiher kommt auch, und dann bleibt alles beim Alten, he?"

Er streckte dem jungen Manne treuherzig seine Hand vom Pferde entgegen.

Römer konnte nicht anders, er mußte einschlagcn, und als Baum nach einer halben Stunde zurückritt, schieden sie wieder als die besten Freunde.

Also heute sollte er Gertrud Wiedersehen? Als er nachmittags vor dem Spiegel stand, um seine Toilette zu machen und ihm sein verändertes Aussehen, die Blässe seiner Wangen so recht zum Bewußtsein kam, strich er sich heftig mit der Hand über die Stirn:Fort, Ernst, mit allem, was da­hinter hämmert und zuckt! Denke daran, daß Du ein Mann bist, und daß ein solcher sein Wort halten muß.

Er ließ anspannen und fuhr nach Lichterfelde. Er wollte ihr ruhig gegenübertreten, und doch schlug sein Herz so mächtig, als wenn es springen wollte.

Er stand vor ihr schaute wieder in ihre Angen wie damals zum ersten, einzigen Mal an dem verhängnißvollen Nachmittag auf der Veranda. Jetzt blitzte ihm kein freudiges Erschrecken