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Zur Geschichte des Marts.
(Mit 15 Jllustr. auf S. 752 u. 758.)
Nachdruck verboten. Ges. v. 11./VI. 7».
Man kann unserer Zeit vieles vorwerfen, sie hat aber immerhin auch Vorzüge, welche ihr hoch angerechnet werden müssen. Einer der größten ist, unserer Auffassung nach, in der Rückkehr zur Natur zu erblicken. Unnatürliche, sogenannte „affektirte" Menschen sind heute zu Tage sehr selten. Wir geben uns in der Gegenwart einfacher und natürlicher, als man es wahrscheinlich in irgend einer anderen Kulturperiode that.
Man wird fragend auf die modernen Frauentrachten Hinweisen. Gewiß, in dieser Beziehung hat noch viel zu geschehen, aber da wir Männer uns von der Mode so ziemlich emanzipirt haben, so kann man hoffen, daß auch die Frauen allmählich unserem Beispiel folgen werden. Unsere männliche Tracht ist ja nicht schön, aber sie ist schlicht und einfach. Dasselbe gilt von unserem Haupt- und Barthaar. Auch hier sind wir vielfach zur Natur zurückgekehrt. Wie männlich sieht unser Kronprinz im Schmuck seines Vollbartes aus!
Eine kurze Geschichte des Bartes wird uns zeigen, welche Wandlungen der Bart im Laufe der Jahrhunderte durchgemacht hat.
Die Aegypter waren nicht ohne den Bart. Ihre älteste Tracht war die des Strähnengeflechts, wie es die heutigen Fel- lahs tragen. Bald rasirte inan aus Rücksichten der Reinlichkeit Haar und Bart (1 Mos. 41, 14) und zwar allgemein seit Vertreibung der Hhksos durch Thutmosis III. Aber das Bedürfniß nach Schmuck erfand oder nahm von Asien auf die Perrücke, welche von beiden Geschlechtern oft doppelt getragen wurde. Eben so wurde der Bart, und zwar nur als steifer Kinnbart, wieder künstlich ersetzt, bei den Pharaonen am Ende oft schneckenförmig gewunden. Später scheint er dann bei den Königen mehr zur Festtracht gehört zu haben, wie sic ihn denn wohl auf Monumenten, aber auf Schlachten- und anderen Bildern nicht (Nr. 1) tragen.
Den Israeliten verbot das Gesetz die ägyptische Tracht. An dem weiblichen Haar wurde besonders Ileppigkeit und Schwärze geschätzt. Abschneiden von Haar und Bart galt als Zeichen der Trauer oder der Beschimpfung. Bekannt ist die völkerrechtswidrige Behandlung der Gesandten Davids durch Hanan, König der Ammoniter, in deren Folge einige abgeschnittene Bärte nicht blos diesen, sondern auch den Syrern ihre Unabhängigkeit kosteten. Besonders bei feierlichen Gelegenheiten und als Ehrenbezeugung wurde Haar und Bart gesalbt. Als letztere galt es auch, den Bart zu küssen.
Eine ganz besondere Sorgfalt verwandten die Assyrer und Babylonier nach den Bildwerken von Nimrud, Chorsabad und Kujundschick auf Haar und Bart. Ersteres wurde mitten gescheitelt, hinter die Ohren gekämmt und am Ende in kleine Löckchen gekräuselt. Der lange volle Bart wurde um Lippen und Wangen ebenfalls zierlich gekräuselt, dann ein Stück weit senkrecht geflochten und wagrecht gekräuselt, hierauf wieder geflochten u. s. f. So treffen wir oft drei bis fünf Etagen nacheinander (Nr. 2). Krieger und Arbeiter trugen den Bart natürlich.
Homer redet zwar nur von „hauptumlockten Achaiern", allein nicht blos bei Priamos lesen wir von „der Gräne des Hauptes und der Gräne des Barts", sondern auch von Odysseus heißt es: „Und sein Kinn umsproßte der finstern Locken Ge- kräusel." Ja auch von Telemach sagt die Schaffnerin Eurynome zu Penelope: „Ist doch bereits Dein Sohn ein Erwachsener, welchen Du herzlich vor den Unsterblichen wünschest im Jünglingsbarte zu schauen." Das Erstlingshaar wurde von den Jünglingen einem Gott geweiht. Das älteste auf uns gekommene Werk griechischer Plastik, etwa um 550 v. Ehr. entstanden, ein Metopenrelief von Selinunt, stellt Perseus und Herakles bartlos dar. Auf der berühmten Giebelgruppe zu Aegina, so wie dem herrlichen Parthenonfries erscheinen die Krieger bartlos. Die Griechen haben auch in dieser Art der äußeren Erscheinung sich als das stilvollste Volk gezeigt. Die Kraft und Würde des Mannesalters erforderte ihnen den gewichtigen Vollbart (Nr. 3), die sich in Schönheit entwickelnde Jugend ein bartloses Angesicht.
XIV. Jahrgang. 47. d.
Der erste Mann, welcher bartlos erscheint, ist Aristoteles (384—322). Auch Alexander d. Gr. wie sein Vater Philippus- huldigen der gleichen Sitte. Von der Schlacht von Gaugamela ' und Arbela (331) soll Alexander seinen Soldaten befohlen haben, die Bärte abzunehmen, damit sie nicht dem Feind zur Handhabe dienen. Der Macedonier großer Gegner, Demosthenes, blieb aber väterlicher Sitte treu und mit ihm alle ernsteren Männer. Bald gehörte der Bart nur noch zur Auszeichnung der Philosophen, besonders der Stoiker, sowohl in Griechenland als Rom, so sehr, daß oft in diesem die ganze Weisheit des Trägers lag, woher das Sprichwort: „Der Bart macht den Philosophen nicht." (Nr. 4.)
Die Römer von geringerer Herkunft trugen Vollbart und längeres Haar, behielten auch diese Sitte bis zur Glanzzeit der Republik bei. Da, zur Zeit der größten Ausbreitung römischer Weltherrschaft, ward die Bartlosigkeit plötzlich zum Vorzug römischen Wesens erhoben, nur von unbärtigen Lippen konnte das stolze Wort: „6ivis Uomanus mim!" (Ich bin ein römischer Bürger) ausgesprochen werden, und mit den siegreichen Adlern der Legionen und Fascen der Liktoren trugen die Römer auch die Rasirmesser der Tonsoren hin in die Welt.
Erst unter Hadrian (117 n. Ehr.) trat, ohne Zweifel durch asiatischen Einfluß, der Vollbart wieder auf und blieb einhundert Jahre lang bis zu dem grausamen Wollüstling M. Aurelins Eleogabalus, der, erst siebenzehn Jahre alt, in die goldstaubbestreuten Straßen mit allen Lastern des Baalsdienstes einzog. Ihm sproßte kaum ein Bart an der Wange, und so wurde derselbe wieder verbannt. Gleich der erste Barbarenkaiser, Caj. Jul. Ver. Maximinus Thrax (235—238), beeilte sich, seine athletische Gestalt durch Ablegen des Barts zu romanisiren, obwohl der rohe Mann römische Bildung grimmig haßte. Sein Nachfolger Gordianus I jedoch nahm den Vollbart in bescheidener Weise wieder auf, und so blieb er, bald größer bald kleiner, mit wenigen Ausnahmen bis zu Constantin d. Gr.
Da sollte mit dem Auferstehen neuer römischer Herrlichkeit aus dem Dunkel des Barts auch wieder das glatt rasirte Gesicht des Römers aufgehen. So leuchtete es bis Justinian (527—565). Es ist ein für unsere Anschauungsweise eigentümlicher Anblick, wenn wir z. B. auf einem Mosaik den Kaiser und seine Leibgarde bartlos, den Bischof und Geistliche dagegen im Bart sehen. Letztere tragen denselben regelmäßig bis ins siebente Jahrhundert (Nr. 5). Das Konzil in Trullo verbot 691 diese Sitte; allein sie ist trotzdem bis heute der griechischen Kirche geblieben.
Bekannt ist, daß nach Tacitus bei den Germanen der Verlust des Haares für schimpflich galt, nach Claudian ihnen langes Haar und Bart ein Zeichen des freien Mannes war. Von den Chatten erzählt Tacitus, daß sie Haar und Bart wachsen lassen und erst, wenn sie einen Feind erschlagen haben, das Angesicht von diesem angelobten Pfände der Tapferkeit befreien. Wohl ist anzunehmen, daß die Sitte der „Barbaren" sich mit römischer mischte, und je mehr das Römerthum und mit ihm das Christenthum vordrang, das Scheermesfer über den nun auch „heidnischen" Bart siegte. Doch überwand es ihn nicht gleich. Bis ins achte Jahrhundert kam es vor, fürstliche Kinder durch Abschneiden des Haars und Barts als Kinder, Fürsten als Brüder geistlich zu adoptiren. Bis ins zwölfte Jahrhundert treffen wir vereinzelt die Sitte, in das Siegel von Urkunden drei Barthaare als Bekräftigung einzn- fügen. Eginhard sagt von den Merovingern, daß sie sich mit „fliegenden Haaren und langem Bart" auf den Thron gesetzt hätten. Eine Statue am Dom zu Corbeil aus der Zeit Chlodwigs, welche nach alter Tradition ihn selbst vorstellen soll, zeigt den Vollbart. Karl der Große suchte bekanntlich volksthüm- liches Wesen mit römischer Bildung zu vereinigen. Er selbst trägt auf gleichzeitigen Siegelbildern römisch kurz geschnittenes Haar und kurzen Vollbart, eben so auf einem Mosaik im Lateran. Von ihm soll auch das Sprichwort Herkommen: „Sich um des Kaisers Bart streiten." Da er auf einigen Siegeln