einen solchen getragen, auf anderen nicht, sei der Streit darüber entstanden, ob die betreffenden Urkunden unecht seien. Doch scheint diese Erklärung mehr eine gemachte.
Im großen Ganzen war das Mittelalter bartlos und zwar durch römischen Einfluß. Anfangs freilich behauptete die germanische Individualität ihr Recht, allein es war eben nur das niedere Volk, welches das Natürliche und Angestammte einem fremden unbewußt nicht zum Opfer brachte, und die höchsten Würdenträger, denen das Alte ehrwürdig und das Ungewöhnliche als Auszeichnung erschien. Eben so hielt das Alter meist den Bart für seiner Würde angemessen. Bei diesen Klassen der Gesellschaft trifft man im Mittelalter den Bart. Aber der eigentliche Ritter- resp. Bürgerstand, der „Gebildete" im allgemeinen trug ihn mit vereinzelten Ausnahmen nicht. Auch der „letzte Ritter", Kaiser Maximilian I (1493—1519), hatte keinen Bart. Von Kaiser Otto I wird bei seiner Krönung 936 ausdrücklich berichtet, daß er gegen die Sitte seiner Zeit den Bart nicht schor (Nr. 6). Sein Sohn, Otto II, durch die Vermählung mit der griechischen Kaisertochter Theophanu orientalischer Sitte näher gerückt, trug den Vollbart. Ebenso trug Heinrich II einen Bart (Nr. 7).
Die Bartlosigkeit der Zeit erklärt die Beinamen eines Friedinch Rothbart (st 1190), Ludwig des Bärtigen von der Pfalz (st 1436), Eberhards im Bart von Württemberg (st 1496) u. a. Wie die Geistlichkeit sich oft bemühte, der „heidnischen" Sitte des Barts entgegenzuwirken, erfahren wir von Heinrich I von England, bei dem es 1105 Serlon, Bischof von Stenz, durch eine energische Predigt bei der Messe am Pfingstfest dahin brachte, daß er sich mit seinem ganzen Gefolge den Bart abnehmen ließ. Eben so legte ihn Karl VII von Frankreich (1422—1461) auf Antrieb der Geistlichkeit ab (Nr. 8). Auch sonst werden ähnliche Bemühungen erzählt. Die Bartlosigkeit wurde unterstützt durch die Rüstung. Die Kettenhemden (Jserkelze) legten sich hart an das Kinn an und gingen oft auch über den Kopf. Als etwa vom fünfzehnten Jahrhundert an der Visirhelm aufkam, war die Kinnkappe eher dem Vollbart hinderlich (Nr. 9). Wir treffen daher namentlich in der Periode der Kettenhemden hier und da den bloßen Lippenbart. Die böhmische Chronik des Hajek erzählt schon zum Jahre 1329: „Nun auch begann die Ritterschaft ihre Bärte lang wachsen zu lassen, da man sich vordem glatt trug; auch trugen einige Knebelbärte gleich Hunden und Katzen nach heidnischer Art." Doch wurde das jedenfalls in Deutschland nicht allgemein, denn bis 1500 trugen nur einzelne Ritter und ältere Männer den Bart. Während der Kreuzzüge lag der Gegensatz zwischen christlichen und sarazenischen Rittern auch in diesem Schmuck des Angesichts. Wie würde zu dem Kirren und Kosen, Seufzen und Wimmern des Minnegesangs von Mitte des zwölften bis über das vierzehnte Jahrhundert hinaus, in dem wenige tüchtige Stimmen wie eines Walthers von der Vogelweide erschallen, etwas anderes gepaßt haben, als ein glattes Gesicht und langes Haar, das im fünfzehnten Jahrhundert mit Wickeln, Brennen, Pomadisiren, Frisiren in seiner ganzen weibischen Länge behandelt wurde? War es je möglich, daß ein Ulrich von Lichtenstein die ganze Ritterschaft von Venedig bis Böhmen in Bewegung setzte durch eine Fahrt, welche er, als Minnekönigin Venus verkleidet mit Weiberzöpfen und Weiberröcken, that? Der Aufschwung der Stickerei gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts brachte in „höfischen" Kreisen gleich die Gewohnheit mit sich, Haare zweier Liebenden oder, meist nur angeblich, von dem Ritter erschlagener Feinde als Material zu benutzen. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts sehen wir den deutschen jungen Mann in möglichst engen Tricot- beinlingen mit den französischen „braAnsItss", langen Schnabelschuhen, einer kurzen Jacke mit verkürzten Aermeln, schnippischem Schultermäntelchen, alles in bunten Mustern, entblößtem Hals und Schultern, ausgestopfter Brust, glattem Gesicht und langem gelockten, geölten, bis über die Schulter reichenden Haar, auf dem oft ein Kranz, Federn, eine Spange glänzte, oft auch noch mit Schellen behängen (Nr. 10).
Zwanzig Jahre später begegnen uns Gestalten in dem bis unter die Knie reichenden faltenreichen, meist dunkelfarbigen, Pelzverbrämten Gewand, der „Schaube", enganliegenden Bein
kleidern und Schuhen mit breiter natürlicher Spitze. Das Haupthaar ist meist einfach unter den Ohren rund und auf der Stirn kurz verschnitten (die Kolbe). Auf demselben sitzt das Barett. Es sind die ehrsamen Bürger des Zeitalters der Reformation (Nr. 13. 14). Seit dem Ende des fünfzehnten Jahrhunderts ist mit einer Wandlung der Zeit auch eine solche der Tracht vorgegangen und Deutschland wieder selbstständig geworden. Es hat damit auch den Vollbart ausgenommen, ohne von Frankreich oder von Spanien beeinflußt zu sein (Nr. 11). Aber bei der Neigung des Deutschen zum Phantastischen begnügte er sich nicht mit dem einfachen Vollbarte. Gailer von Kaisersberg sagt in seinen Predigten über Brants Narrenschiff um 1498: „Es sein da
nach andere Narren, die tragen halbe Bärt als statte, sein uff einer Seiten geschoren, etliche tragen Knebelbärte, etliche hond ein klein Stücklein an den Backen sten, es will jeglicher etwas besunders tragen." Den „halben Bart" erreicht man durch Abschneiden des Vollbarts unter dem Kinn bis zur Hälfte, so daß der Deutsche an dem früheren gegen die Mitte zugespitzten „Bocksbart" des Franzosen nicht genug hatte, sondern einen solchen einseitig trug, der gern auch noch zopfartig geflochten wurde (Nr. 12).
In Frankreich und damit für die ganze „civilisirte" Welt gab nun die Person des Königs den einzigen Impuls für die Tracht. So war Heinrich IV in üppiger Maitressenwirthschast vor der Zeit ergraut. Alsbald bemühten sich die Höflinge und seit 1594 alle Modischen durch Puder ihm nachzuahmen. Nach ihm nannte man den kurzen, spitz zulanfenden Kinnbart mit dem kleinen an den Spitzen nach spanischer Weise aufwärts gedrehten Lippenbart „Henri quatre".
In Deutschland wurde die französische Mode nachgeahmt, obgleich sich Stimmen dagegen erhoben. Im Jahr 1614 schrieb ein „M. Joannes Barbatius, ein besonderer Liebhaber der Bärte", ein Schriftchen: „Lai-bas luujsstas, das ist ein schön lustiges vnd außführliches Tractetlin von Würdigkeit deß Barts."
Besonders spricht er auch für die Priesterbärte. Es war nämlich eine der kleinlichen Controversen bei dem großen Schisma zwischen der morgenländischen und abendländischen Kirche im siebenten Jahrhundert, daß die griechischen Priester Bärte trugen, die römischen keine, und datirt die allgemeine Sitte in der griechischen Kirche wohl von daher. Allein auch in der lateinischen Kirche wurde die Bartlosigkeit nicht streng ein- gehälten. Selbst Päpste trugen den Bart, wie z. B. sicher Clemens VII (1378—1394). Ebenso beweisen dies Abbildungen aus dem dreizehnten und sechszehnten Jahrhundert. Wenn Gregor VII 1073 schreibt, es sei von jeher im Abendland bei den Klerikern Sitte gewesen, keinen Bart zu tragen, so ist das allerdings im Prinzip richtig. Aber es ging auch wie mit der Priestertracht im gewöhnlichen Leben. Sie sollte ebenfalls eine besondere sein. Doch erscheinen im Mittelalter gar häufig die Priester in weltlicher Tracht bis zur Jagd- und Kriegsausrüstung. Jur Verhältniß haben im Mittelalter die Kleriker den Bart mehr getragen als die Laien, eben weil er eine Auszeichnung der höchsten Würdenträger und ein Attribut des ehrwürdigen Alters war, obwohl verschiedene Synoden ihn verboten. So groß war die Macht der Mode schon damals, daß dem Beispiel Franz I, den Bart wieder stehen zu lassen, gleich der Papst Julius II nachahmte und mit ihm der Klerus. Die Regierung suchte darin ihren Vortheil und legte eine Steuer auf den Bart, wodurch ein Streit unter den Gelehrten über das Recht der Geistlichkeit, einen Bart zu tragen, entstand. Papst Paul III (1534—1549) befahl, denselben zu entfernen, ohne daß gerade die hohe Geistlichkeit folgte.
Eine ergötzliche Scene spielte sich im Dom zu Clermont ab. Guillaume Duprat, Sohn des Kanzlers Franz I, der den anerkannt schönsten Bart trug, erhielt den reichen Bischofssitz daselbst. Als er die erste Messe lesen wollte, war der Chor abgeschlossen und es erschienen drei Geistliche, der eine mit einer großen Scheere, der andere mit einem Rasirmesser, der dritte mit dem Statutenbuch des Kapitels, aus die Verordnung deutend: „IIurbiZ rasis". Als Duprat auf alle Gegenvorstellungen immer nur diese schweigende Antwort erhielt, wandte er der