14
Ueöer Lau
„Schicksal, nimm deinen Lauf" sofort resigniert. Woldcmar aber war immer wieder und wieder bemüht gewesen, einen Themawechsel eintreten zn lassen, worin er vielleicht auch reüssiert hätte, wenn nicht Koseleger gewesen wäre. Dieser — entweder weil er als ästhetischer Feinschmecker an Adelheids Auslassungen ein aufrichtiges Gefallen fand oder aber weil er die von ihm selbst angeregte Frage hinsichtlich „Natur und Sitte" (die sein Steckenpferd war) gern weiter spinnen wollte — hielt an England fest und sagte: „Die Frau Domina scheint mir davon aus- zugehn, daß gerade der natürliche, mitunter schon an den Wilden grenzende Mensch drüben in vollster Blüte steht. Und ich will das auch nicht in jedem Punkte bestreiten. Aber daneben begegnen wir einem Lebens- und Gesellschafts-Raffinement, das ich, trotz manchem Anfechtbaren, als einen höchsten Kulturausdruck bezeichnen muß. Ich erinnere mich unter andern: eines gerade damals geführten Prozesses, über den ich, als ich im Haag lebte, meiner Kaiserlichen Hoheit täglich Bericht erstatten mußte (Higll Ute-Prozesse gingen ihr über alles), und der Gegenstand, um den sich's dabei handelte, war so recht der Ausdruck eines verfeinerten oder meinetwegen auch überfeinerten Kulturlebens. So recht das Gegenteil von bloßem Naturburschentnm. Es ist freilich eine ziemlich lange Geschichte . . ."
„Schade," sagte Dnbslav. „Aber trotzdem, — wenn überhaupt erzählbar..."
„O, gewiß, gewiß; das denkbar Harmloseste..."
„Nun denn, lieber Superintendent, wenn wirtlich harmlos, so mach' ich mich ohne weiteres zum Anwalt unsrer gewiß neugierigen Damen, meine Schwester, die Domina, mit eingeschlofsen. Wie war es? Wie verlief die Geschichte, für die sich eine Kaiserliche Hoheit interessieren konnte?"
„Wenn es denn sein soll," nahm Koseleger langsam und wie bloß einer Pression nachgebend, das Wort: „Es war da also zn jener Zeit eine schöne Herzogin in London, die's nicht ertragen konnte, daß die Jahre nicht spurlos an ihr vorübergehen wollten. Fältchen und Krähenfüße zeigten sich. In dieser Bedrängnis hörte sie von ungefähr von einer Plastischen Künstlerin), die durch Auftrag einer Wachspaste die Jugend wieder herzustellen wisse. Diese Künstlerin wurde gerufen, und die Wiederherstellung gelang auch. Aber nun traf eines Tages die Rechnung ein, Pie Bill', wie sie da drüben sagen. Es war eine Summe, vor der selbst eine Herzogin erschrecken durfte. Und da die Künstlerin auf ihrer Forderung beharrte, so kam es Zu den: angedeuteten Prozeß, der sich alsbald zu einer eauso eelebre gestaltete."
„Sehr begreiflich," versicherte Dnbslav, und Melusine stimmte Zu.
„Zahlreiche Personen traten in der Verhandlung auf, und als Sachverständige wurden zuletzt auch Konkurrentinnen auf diesem Spezialgebiete der Plastischen Kunst' vernommen. Alle fanden die Forderung erheblich zu hoch, und der Sieg schien sich rasch der Herzogin zuneigeu zu wollen. Aber in eben diesem Augenblicke trat die sich arg bedrängt sehende Künstlerin an den Vorsitzenden des Gerichts-
uuö Meer.
Hofes heran und bat ihn, an die erschienenen Fachgenossinnen einfach die Frage nach der Dauer der durch ihre Kunst wiederhergestellten Jugend und Schönheit richten zn wollen, eine Bitte, der der Oberrichter auch sofort nachkam. Was darauf geantwortet wurde, lautete hinsichtlich der Dauer sehr verschieden. Als aber, so verschieden die Zeitangaben waren, keine der Konkurrentinnen mehr als ein Vierteljahr zu garantieren wagte, wandte sich die Verklagte ruhig an den hohen Gerichtshof und sagte nicht ohne Würde: ,Meine Herren Richter, meine Mitkünstlerinnen, wie Sie soeben vernommen, helfen auf Zeit; was ich leiste, nennt sich PoautihinA kor evew. Alles war von diesem Worte hingerissen, der hohe Gerichtshof mit, und die Herzogin hatte die Niesensumme zu zahlen."
„Und wäre dergleichen Hicrlandes möglich?" fragte Melusine.
„Ganz unmöglich," entgegnete der für alles Fremde schwärmende Koselegcr. „Es kann hier einfach deshalb nicht Vorkommen, weil uns der dazu nötige Knltnrznstand und die dem entsprechende Anschauung fehlt. In nnserm guten Preußen, und nun gar in der Mark, sieht man in einein derartigen .Hergange nur das Karikierte, günstigsten Falls das Groteske, nicht aber jenes Hochmaß gesellschaftlicher Verfeinerung, aus dem allein sich solche Dinge, daran man im übrigen das Raffinement belächeln oder verurteilen mag, entwickeln können."
Die meisten waren einverstanden, alten vorauf Dnbslav, dem dergleichen immer cinlenchtete, während die Domina von „Horrenr" sprach und sichtlich unmutig den Kopf hin und her bewegte. Woldemar erneme natürlich seine Versuche, die der Tante so mißfällige Konversation auf andres überznlenken, bei welcher Gelegenheit er nach dem Berühren verschiedenster Themata zuletzt auch auf den Eovent- gardenmarkt und den englischen Gemüsebau zu sprechen kam. Das paßte der Domina.
„Ja, Gemüsebau," sagte sie, „dasist eine wunderbare Sache, daran hat man eine wirkliche Freude. Kloster Wutz ist eigentlich eine Gartengegend; unser Spargel ist denn auch weit und breit der beste, und meine gute Schmargendorfs hat Artischocken gezogen, so groß wie 'ne Sonnenblume. Freilich, es will sie keiner so recht, und alle sagen immer: ,es dauert so lange, wenn mau so jedes Blatt nehmen muß, und eigentlich hat man nichts davon, auch wenn die Sauce noch so dick ist.' Viel mehr Glück hat unsre alte Schimonski mit ihren großen Erdbeeren — ich meine natürlich nicht sie selber, sie selber kann gar nichts, aber sie hat eine sehr geschickte Person um sich —, und ein Berliner Händler kauft ihr alles ab, bloß daß die Schnecken oft die Hälfte der Erdbeere wegfressen. Alan sollte nicht glauben, daß solche Tiere solchen feinen Geschmack haben. Aber wenn es wegen der Schnecken auch unsicher ist, Dubslav, du solltest solche Zucht doch auch versuchen. Wenn es einschlägt, ist es sehr vorteilhaft. Die Schimonski wenigstens hat mehr davon als von ihren Hühnern, trotzdem sie gut legen. Denn mal sind sie billig, die Eier, und dann wieder verderben sie, und die