Heft 
(1897) 10
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Atelier Land und Meer.

ist hübsch. Aller aufgesteister Patriotismus ist mir ein Greuel, aber wenn er diese Formen annimmt und sich in Humor und selbst in Ironie kleidet, dann ist er das beste, was man haben kann. Ein Mann, der solchen Beinamen hat, der lebt, der ist in sich eine Geschichte." Dubslav küßte ihr die Hand, Adelheid aber wandte sich demonstrativ ab; sie wollte nicht Zeuge dieser ewigen Huldigungen sein. ^ Wenn man ein alter Major ist, ist man eben ein ! alter Major und nicht ein junger Lieutenant. Dubs­lav ist zwanzig, aber zwanzig Jahr a. D."

Es war gegen zehn, als man aufbrach, um Zu­nächst auf den Aussichtsturm zu steigen, und nachdem man da von der obersten Etage her die Waldland- ! schast, die sich auch in ihrem Schneeschmuck wundervoll ! ausnahm, gebührend bewundert und dann den Ab- ^ stieg glücklich bewerkstelligt hatte, passierte man den Schloßhof mit der Glaskugel, um über den Dorfplatz j fort in die nach dem See hinunterführende große I Straße einzubiegen. Aus dem Dorsplatze war alles ^ winterlich still, nur vor dem Kruge standen drei Menschen: Engelke, der die Schneeschipper voraus- ^ geschickt hatte, mit seinen Plaids über dem Arm, neben ihm Schulze Kluckhuhn und neben diesem Gendarm llncke, das Karabinergewehr über die Schulter gehängt. ^

Da treffen wir ja die ganze hohe Obrigkeit," sagte Dubslav.Engelke kann ich auch mitrechnen, der regiert mich, is also eigentlich die Feudalitäts- spitze."

Während dieser Worte waren die Herrschaften ! an die Gruppe herangetreten.

Freut mich, daß ich Sie treffe, Kluckhuhn. Ich denke, Sie begleiten uns. . . Frau Gräfin, darf ich Ihnen hier unfern Dorsherrscher vorstellen? Schulze Kluckhuhn, alter Vierundsechziger."

Und nun ordnete sich der Zug. Dubslav und Uncke schlossen ab, Woldemar, Armgard und Tante Adelheid hielten die Mitte; Melusine schritt voran, Rolf Krake neben ihr.

Ich bin froh," sagte Melusine,Sie bei dieser ! Partie mit dabei Zu sehn. Der alte Herr von Stechlin hat ! mir schon von Ihnen erzählt und daß Sie vierund- ! sechzig mit dabei gewesen. Und ich weiß auch Ihren ! Namen; das heißt den zweiten. Und ich darf sagen, ich freue mich immer, wenn ich so was Hübsches höre." ^

Ach, Rolf Krake," lachte Kluckhuhn.Ja, Frau Gräfin, wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Das heißt, von ,Schaden' darf ^ ich eigentlich nicht reden, den Hab' ich nicht so recht davon gehabt; ich bin nicht mal angeschossen worden. ! Und doch is so was billig, wenn's erst losgeht."

Ja, 'nem armen Frauenzimmer ich mag mich ! Ihnen, Schulze Kluckhuhn, hier nicht als Dame vor- ! stellen, als armem Frauenzimmer ist einem so was - verschlossen oder, wie die Leute hier sagen, verpurrt. ! Und doch ist das das eigentliche Leben. So immer bloß einsitzen und ein bißchen Charpie Zupfen, das ist gar nichts. Mit dabei sein, das macht glücklich. Es war aber doch wohl ein eignes Gefühl, als Sie da so nach Alsen 'rüberfuhren und der Rolf Krake dicht daneben lag."

Ja, das war es, Frau Gräfin, ein ganz eignes Gefühl. Und mitunter erscheint mir der Rolf Krake noch im Traum. Un is auch nicht zu verwundern. Denn Rolf Krake war wie ein richtiges Gespenst. Und wenn solch Gespenst einen packt, ja, da ist man weg. Und dabei bleib' ich, sechsundsechzig war nicht viel und siebzig war auch nicht viel."

Aber die großen Verluste..."

Ja, die Verluste waren groß, das ist richtig. Aber Verluste, Frau Gräfin, das is eigentlich gar nichts. Natürlich wen es trifft, für den is es was. Aber ich meine jetzt das, was man dabei so das Mora­lische nennt; und darauf kommt es an, nicht auf die Verluste, nicht aus viel oder wenig. Wenn einer eine Böschung 'raus klettert und nn steht er oben und schleicht sich 'ran, immer mit 'nem Pulversack und 'nem Zünder in der Hand und nu legt er an und nn fliegt alles in die Lust und er mit. Und nu ist die Festung oder die Schanze offen. Ja, Frau Gräfin, das ist was. Und das hat unser Pionier Klinke gethan. Der war moralisch. Ich weiß nicht, ob Frau Gräfin mal von ihm gehört haben, aber dafür leb' ich und sterb' ich: immer bloß das Kleine, da zeigt sich's, was einer kann. Wenn ein Bataillon 'ran muß un ich stecke mitten drin, ja, was will ich da machend Da muß ich mit. Und baff, da lieg' ich. Und nn bin ich ein Held. Aber eigentlich bin ich keiner. Es ist alles bloß .Muß- und solche Mußhelden giebt es viele. Das is, was ich die großen Kriege nenne. Klinke mit seinem Pulversack, ja, der war bloß was Kleines, aber er war doch groß. Und ebenso (wenn er auch unser Feind war) dieser Rolf Krake."

So ging historisch-retrospektiv das Gespräch an der Tete, während Dubslav und Uncke, die den Zug abschlossen, mit ihrem Thema mehr in der Gegenwart standen.

Is mir lieb, Uncke, Sie mal wieder zu treffen. Seit Rheinsberg Hab' ich Sie nicht mehr gesehn. Ich denke mir, Torgelow is nn wohl schon im besten Gange. So wie Bebel. Ich kriege natürlich jeden Tag meine Zeitung, aber es is mir immer zu viel und das große Format und das dünne Papier. Da kuck' ich denn nich immer ganz genau zu. Hat er denn schon gesprochen?"

Ja, Herr Major, gesprochen hat er schon. Aber nich viel. Un war auch kein rechter Beifall. Auch nich mal bei seinen eignen Leuten."

Er wird wohl die Sache noch nicht recht weg haben. Ich meine das, was sie jetzt das Parla­mentarische nennen. Das schadt aber nichts und ist eigentlich egal. Wichtiger is, wie sie hier in nnserm Nuppiner Winkel, in nnserm Rheinsberg-Wutz über ihn denken. Sind sie denn da mit ihm zufrieden?"

Auch nicht, Herr Major. Sie sagen, er sei zweideutig."

Ja, Uncke, so heißt es überall. Das is nn mal so, das is nicht Zu ändern. In Frankreich heißt es immer gleich .Verrat' und hier sagen sie .Zweideutig'. Da war auch einer von uns, den ich nich nennen will, von dem hieß es auch so . . ."

Von dem hieß es auch so. Ja, Herr Major.