Heft 
(1898) 18
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Ueber Land und Meer.

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eingeführt worden. Der Papua von Kaiser-Wilhelmsland scheint sich nur sehr schwer zur Arbeit bequemen zu wollen. Auf die weitere dem Tabak zu teil werdende Pflege können wir hier nicht näher eingehen. Es genügt, zu bemerken, daß je nach der Witterung der Tabak ungefähr in 60 bis 90 Tagen nach dem Auspflanzen reif zum Schnitt ist und dann in die langgestreckte Fermentierscheune gebracht wird, die im Hintergründe eines der Bilder vor den Vorbergen des Finisterre-Gebirges sichtbar wird. Der Arbeiterbestand von Stephansort, einschließlich Erimahafens, stellt sich auf etwa 300 Chinesen, 250 männliche und 160 weibliche Javanen und 600 Melanesen, zusammen rund 1300 Köpfe. Die Chinesen sind, wie wir noch nebenbei bemerken, auch als Kaufleute und Fischer thätig, und es kommt oft genug vor, daß sie auch gefährliche Bewohner der Tiefe, wie den Schwertfisch und den Hammerhai, zur Strecke bringen.

Außer den Chinesen und Javanen wird ein großer Prozentsatz der Arbeiterschaft von andern Inseln der Südsee eingeführt, da sich ein richtiges System der Anwerbung und eine Art Sachsengängerei herausgebildet hat. Die unteren drei Bilder stellen Eingeborene aus Kaiser-Wilhelmsland dar, die oberen zwei solche aus dem Bismarck-Archipel. Für die große Arbeiterschaft ist in vorzüglicher Weise gesorgt worden, besonders in Krankheitsfällen. Da^giebt es ein Jsolierhaus, Männer- und Weiberkrankenhäuser, getrennt, eins für innere und eins für äußere Krankheiten. Die Leute, welche den Fisch betrachten, gehören wohl den leichten Kranken an, die ambulant behandelt werden, denn im Hintergrund wird das Krankenhaus sichtbar, zu dem eine Allee von jungen Kokospalmen führt, deren prächtige Wedel aus dem Boden herauszuwachsen scheinen. Diese Kokos­palmen sind der eigentliche typische Baum der Südsee-Jnseln und geben der Küstenlandschaft ein eignes Gepräge. Ihre Frucht dient den Eingeborenen zur Nahrung, die Blätter werden als Dachbedeckung verwendet, die Blattrippen zu allerlei Flechtwerk, der harte Bast um die Frucht wird zu Stricken verarbeitet, und schließlich wird noch der Palm­wein, ein in gegorenem Zustande kräftig berauschendes Getränk, gewonnen. Die Kokospalme, die glücklicherweise mit einem mageren Boden fürliebnimmt, ist in der That einer der nützlichsten und dabei schönsten Bäume der Tropen.

Die Königliche biologische Anstalt auf Helgoland.

Von

vr. Muk Kermann.

ie Gründung der Biologischen Anstalt auf Helgoland fällt in das Jahr 1892. Laboratorien an der Meeresküste, die die wissenschaftliche Erforschung des Meeres zum Zweck haben, bestehen an mehreren Punkten, besonders der englischen, französischen und italienischen Küste, schon seit längerer Zeit und wurden gemeinhin als zoologische Stationen bezeichnet, weil zur Zeit ihrer Entstehung gerade die Untersuchung über die Entwicklungsgeschichte der marinen Tiere im Vordergründe des Interesses stand. Die be­rühmteste und am vollkommensten eingerichtete Station, die zu Neapel, verdankt vorzüglich der Energie eines deutschen Gelehrten, A. Dohrn, und der verständnisvollen Unter­stützung der deutschen Regierungen ihr Aufblühen; ihre Lage an einem außerdeutschen Küstenpunkt ist dem Um­stande zuzuschreiben, daß die Fauna der deutschen Gewässer, der Ost- und Nordsee, als eine weniger reichhaltige be­zeichnet werden muß, und daß überdies die Universität Kiel bereits die Erforschung dieser Meeresabschnitte als ihre natürliche Aufgabe erkannt hatte und darin von der 1870 begründeten Kommission zur wissenschaftlichen Unter­suchung der deutschen Meere, die ihren Sitz in Kiel nahm, auf das Thatkräftigste unterstützt wurde. Ein Punkt aber im deutschen Meeresgebiete war es, der von jeher das Interesse der deutschen Zoologen und Botaniker auf sich gezogen hatte, die kleine, im englischen Besitze befindliche Insel Helgoland, die an Mannigfaltigkeit und Reichtum der Tiere und Pflanzen alle andern Punkte weit übertraf. Wenn trotzdem alle Pläne, hier eine ausschließlich wissen­schaftlichen Meeresuntersuchungen dienende Station ins Leben zu rufen, immer wieder beifeite gelegt werden mußten, so hatte dies vornehmlich seinen Grund in den Schwierig­keiten, die in der Zugehörigkeit zu einem fremden Staate lagen. Als daher Helgoland im Jahre 1890 in deutschen Besitz kam, wurde der alte Plan sofort wieder ausgenommen und mit Unterstützung der Berliner Akademie der Wissen­schaften, der Deutschen zoologischen Gesellschaft und des Deutschen Seefischereivereins von der preußischen Regierung glücklich durchgeführt.

Die der Biologischen Anstalt zugeteilten Aufgaben zer­fallen in solche der reinen Biologie des Meeres und solche der angewandten Meereskunde, das heißt praktisch-wissen­schaftliche Untersuchungen im Dienste der deutschen See­fischerei. Die ersteren, die rein biologischen Aufgaben bestehen allgemein in der Untersuchung der Lebensverhältnisse in den deutschen Meeren, fürs erste in der Nordsee. Dieser Zweck, in dem weitgehenden und umfassenden Sinne, der

in den Worten liegt, von ihr als Programm angenommen, umfaßt eine Reihe besonderer Aufgaben. Zunächst wurde die systematische Erforschung der Fauna und Flora des Helgoland umgebenden Meeresabschnittes in Angriff ge­nommen und, soweit es die zur Verfügung stehenden Mittel bisher erlaubten, auch auf die Tier- und Pflanzenwelt der benachbarten Küstenstriche ausgedehnt. Nach der systematischen Bearbeitung des Materials, gleichermaßen der Inventar­aufnahme, die entsprechend dem geringeren Formenreichtum hier weniger Zeit in Anspruch nehmen wird wie in Neapel, kann dann jenes unerschöpfliche Gebiet betreten werden, das die Fragen der speziellen Morphologie und Anatomie, der Entwicklungsgeschichte, der allgemeinen Biologie, der Physiologie und des Artbegriffes in sich saßt. Um von der Mannigfaltigkeit dieser Aufgaben eine Vorstellung zu geben, sei nur erwähnt, daß eine allgemeine Biologie die Fortpflanzung, die Entwicklung und Ernährung, die Ab­hängigkeit von äußeren Bedingungen, die Lebensdauer, die Wanderungen von Tieren und Pflanzen, den Wechsel der Fauna und Flora in den verschiedenen Jahreszeiten, die Anpassung der Organismen und vieles andre zu berück­sichtigen hat. Zu der Erforschung der marinen Lebens­verhältnisse gehören aber auch die Fragen nach der physi­kalischen und chemischen Beschaffenheit des Meerwassers, nach den Meeresströmungen und dem geologischen Bau des Meeresbodens. Zu den bemerkenswerten Aufgaben der Biologischen Anstalt ist ferner die Beschaffung von lebenden und konservierten Seetieren und Pflanzen für wissenschaft­liche Institute, Museen, Schulen und so weiter zu rechnen. Der Versand von solchem wissenschaftlichen Material hat in den letzten Jahren einen recht bedeutenden Umfang erreicht.

Der zweite und in Zukunft immer wichtiger werdende Teil der Arbeiten der Biologischen Anstalt liegt, wie be­reits gesagt wurde, auf dem Gebiet der praktisch-wissen­schaftlichen Arbeiten im Dienste der Seefischerei. Es ist bekannt, welchen ungeheuren Aufschwung die Hochseefischerei in der Nordsee in den letzten fünfzig Jahren genommen und welchen erfreulichen, von Jahr zu Jahr steigenden Anteil auch Deutschland an ihr gewonnen hat. Die Mög­lichkeit einer Uebersischung der Nordsee als Folge dieser kolossal gesteigerten Befischung namentlich mit dem großen Grundnetz oder Trawl liegt nach dem Urteil zahlreicher Sachverständiger sehr nahe, und schon beschäftigt man sich in den interessierten Küstenländern, namentlich in England,

drohenden Gefahr vorgebeugt werden kann. Dabei erkennt man immer deutlicher, daß eine der ersten und unerläß­lichen Vorbedingungen für einen gedeihlichen Betrieb der Hochseefischerei eine genaue, wissenschaftlich begründete Kenntnis der Naturgeschichte der nutzbaren Seefische ist, ihrer Ernährung, ihrer Wanderungen und ihrer Abhängig­keit von den physischen Bedingungen des Meeres. Die Notwendigkeit, solche Kenntnisse zu sammeln, rechtfertigt voll­auf die Errichtung wissenschaftlicher Seefischerei-Laboratorien am Meere. Die Helgoländer Anstalt nimmt unter diesen speziell auf dem Seefischereigebiet arbeitenden Laboratorien jedenfalls eine der ersten Stellen ein.

Die Anstalt wird von einem Direktor, dem bekannten Ichthyologen Professor Heincke, geleitet, der zugleich Mit­glied der Kieler Kommission ist und sich durch seine Unter­suchungen über die Naturgeschichte des Herings und seine Arbeiten auf dem Gebiete der Seefischerei einen Namen erworben hat. Er wird in seiner Aufgabe von drei Assi­stenten unterstützt, die gleichsam als Abteilungsvorstände fungieren und von denen der erste, Dr. Hartlaub, die wissenschaftliche Zoologie, der zweite, Or. Ehrenbaum, die Seefischerei, und der dritte, Or. Kuckuck, die Botanik ver­tritt. Diese vier wissenschaftlichen Beamten arbeiten dauernd an der Durchführung des oben dargelegten vielseitigen Programms der Anstalt. Aber abgesehen davon, daß ihre Kräfte für ein so reich verzweigtes Gebiet, wie es die moderne Zoologie und Botanik ist, und bei dem die Arbeits­teilung so weit vorgeschritten ist, nicht ausreichen würden, soll die Helgoländer Station gleich ähnlichen Instituten an andern Küstenpunkten auch den Gelehrten des Binnen­landes eine Arbeitsstätte bieten, wo sie bequem und mit allen Hilfsmitteln eines größeren Universitätsinstituts aus­gerüstet, ihren Studien obliegen können. Es sind deshalb an der Anstalt siebenArbeitstische" für fremde Gelehrte eingerichtet und mit allem Zubehör reichlich ausgestattet.

Die wissenschaftlichen Arbeitszimmer und die zu ihnen gehörigen Räumlichkeiten befinden sich in einem früheren Logierhause, das vom Staate zu diesem Zwecke angekauft und umgebaut wurde, an der Ostspitze des Unterlandes in sehr günstiger Lage unmittelbar an der See. Auch das daneben liegende, früher der Post dienende Gebäude ist für die Zwecke der Biologischen Anstalt eingerichtet worden, seitdem die Post ihr sehr stattliches Heim in der Kaiser­straße bezogen hat.

Ein neues, mit allen modernen wissenschaftlichen Ein­richtungen versehenes Jnstitutsgebäude fehlt der Anstalt leider noch. Die jetzigen Gebäude und Erweiterungen der­selben können nur als Provisorium angesehen werden, teils wegen der Kleinheit der Räume, teils und vor allem des­halb, weil die unentbehrlichen größeren Aqnarieneinrichtungen mit direkter Seewasserleitung fehlen und ohne umfassenden

Neubau nicht eingerichtet werden können. Gerade die Be­obachtung lebender Tiere und Pflanzen muß ja zu den wichtigsten Aufgaben eines maritimen Laboratoriums ge­rechnet werden, das allgemeine biologische Probleme lösen will und unter andern: auch die künstliche Aufzucht von Seetieren, speziell Nutzfischen in: Interesse der Seefischerei anstrebt.

Im übrigen kann die innere Ausstattung der Biologi­schen Anstalt eine befriedigende und für die gegenwärtigen Verhältnisse durchaus genügende genannt werden. Es fehlt nieder an den nötigen optischen und technischen Instrumenten, wie Mikroskopen, Mikrotomen, mikro- und makrophotographi­schen Apparaten und all den speziellen Vorrichtungen und Werkzeugen, die bei der sehr entwickelten Technik der Unter­suchungsmethoden erforderlich sind, noch an den zahlreichen Reagentien und Konservierungsflüssigkeiten; vor allen: ist aber bereits jetzt eine reiche Bibliothek von etwa 2400 Bänden und zahlreichen Broschüren vorhanden, die außer einer Reihe allgemeinerer und speziellerer Einzelwerke auch 125 verschiedene Zeitschriften umfaßt. In dieser Hinsicht hat die Helgoländer Anstalt manches ältere Laboratorium überflügelt.

Ein guter Schritt vorwärts wurde in ihrer Entwicklung gethan, als das Streben nach Erweiterung der Räumlich­keiten zur Einrichtung eines Museums führte. Das frühere Konversationshaus, ein stattliches Gebäude an der Siemens­terrasse, wurde der Biologischen Anstalt von der Gemeinde zur Begründung einesNordseemuseums" überlassen. Dieses Museum soll mit der Zeit eine vollständige wissen­schaftliche Sammlung der Tier- und Pflanzenwelt der Nord­see umfassen, also ein Lokalmuseum der Nordsee und der benachbarten Meere werden, zugleich aber auch als Schau­sammlung dem zahlreich Helgoland besuchenden Badepublikum anschauliche Belehrung über das Leben des Meeres bieten. Freilich, ohne die Hochherzigkeit eines deutschen Ge­lehrten, des namhaften Botanikers Pringsheim, der 25 000 Mark für diesen Zweck stiftete, würde der Plan auch heute noch aus seine Ausführung warten. Nachdem im Jahre 1896 mit diesem Geld der Umbau des Hauses, zu dem auch ein hübscher Garten gehört, bewirkt und mit Hilfe eines weiteren staatlichen Zuschusses die erste Ein­richtung bewerkstelligt worden war, konnte im vorigen Sommer der untere Saal dem öffentlichen Besuch übergeben werden. In ihm hat zunächst die berühmte und wissenschaftlich höchst wertvolle Sammlung Helgoländer Wandervögel Platz ge­sunden, die der verstorbene Regierungssekretär Gätke durch fünfzig Jahre hindurch gesammelt hat und die 1890 vom Reiche angekaust wnrde. Voraussichtlich wird schon in diesem Jahre auch der obere große Saal dem Publikum zugänglich sein.

Sehr vorteilhaft ist die natürliche Lage der Station, mitten in einer Meeresbucht und ohne die Nachteile einer großen Stadt, deren Abwässer für das Tier- und Pflanzen­leben sehr nachteilig sind. So ist es möglich, nicht nur gut entwickeltes Material zu sammeln, sondern dasselbe auch auf das rascheste, oft innerhalb einer Stunde, nachdem der Wunsch danach geäußert wurde, zu beschaffen. Es sind hier keine langen Dampfer- und Bootsfahrten nötig, wie beispielsweise in Kiel oder auch in Triest, wo durch große Hafenanlagen die nahegelegenen Tier- und Pflanzenbestände beeinträchtigt oder gar zerstört worden sind, das Arbeits­material findet sich hier vielmehr im wahrsten Sinne des Wortes vor der Thür.

Die Beschaffung des frischen Untersuchungsmaterials, überhaupt die ganze wissenschaftliche und praktische Fischerei auf der See, wird von dem Fischmeister der Anstalt, Uve Jens Lornsen geleitet, unter dem die dauernd von der Station beschäftigten und vortrefflich geschulten Fischer arbeiten. Als Exkursionsfahrzeuge dienen zwei Ruderboote, zwei Segelboote und ein seetüchtiger Petroleummotor, mit dem auch weitere Fahrten nach den friesischen Inseln und der Elbemündung unternommen werden.

Zum Schluß bitten wir den Leser, uns in: Geiste auf einigen Exkursionen zu begleiten. Eines der interessantesten Terrains, sowohl in zoologischer wie botanischer Hinsicht, ist die sogenannte Westseite, das heißt jenes bei niedrigem Wasserstand trocken fallende Klippengebiet, das der senkrecht aufsteigenden Felswand im Südwesten vorgelagert ist. Be­sonders im Frühjahr, zur Zeit der tiefen Ebben, ähnelt es einem frischgepflügten Ackerfelde, das von zahlreichen, mit Wasser gefüllten Rillen der Länge und Quere nach durch­zogen wird. Die Hauptmasse der Vegetation wird hier durch den Sägetang, serrutus, gebildet, der in

malerischen dunkelbraunen Büscheln die Felsen bekleidet, um nach den tiefer gelegenen Riffen allmählich von den bis vier Meter langen, hellbraunen, prächtig gewellten Bändern des Zuckertanges (tbiuminaria saeellarina.) oder den riesigen, palmenähnlichen Wedeln des Fingertanges

ckiZituta und O. ll^perdoreu) abgelöst zu werden. In den tieferen, auch bei Ebbe mit Wasser gefüllten Rillen gewahren wir das zierlich geteilte, dunkelbraune Laub der Meereiche (Haliär^s), das besonders im Frühsommer von den freudiggrünen Büscheln einer Cladophora reizend ge­schmückt wird. Der oben erwähnte Sägetang wird nebst den Laminarien und andern Fucaceen an der norwegischen, schottischen und französischen Küste zu Asche (Kelp) ver­brannt, die dann zur Jodgewinnung weiter verarbeitet wird.