Heft 
(1898) 25
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Aeöer Land und Meer.

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glauben Sie, daß dieser gelbe Vogel noch leben kann? Mir sieht er sehr asthmatisch aus."

Ewig, gnädige Frau," gebe ich resigniert zurück.

Nun, jede Naturgeschichte müßte Sie eines Bessern belehren..." Und dann fügt sie mit be­zaubernd kühler Liebenswürdigkeit hinzu:Gut verschmähen Sie die Welt, doch verschmähen Sie nicht uns! Ich habe nun einmal ein Faible für Sie ich stehe damit bei uns keineswegs allein: Ethels Schwäche für Sie ist vielleicht noch größer. Sie lamentiert den ganzen Tag, daß Sie nicht kommen. Sie ist eben ein großes Kind."

Soll das ein plumper Köder für meine Gräf- lichkeit sein oder ist das Weib so unheimlich klug, um zu wissen, daß ich thatsächlich für Ethel nicht schwärme, daß aller Jugendreiz, alle Herzensgüte dieses holden Wesens doch für mich verloren ist? Von Asta schweigt Madame. Aber gerade darum zwickt es mich ordentlich, ganz leicht ironisch zu fragen:Fräulein Asta Le Fort befindet sich wohl?"

Madame wird kühl, spricht wieder laut:So Wohl, wie man sich mit neunzehn Jahren überhaupt fühlen kann..." Diese Art Gesundheit interessiert mich nicht. Madame, Sie sind schlau, so jesuitisch schlau! Warum machen Sie eine lange Pause und erwähnen dann als etwas ganz Nebensächliches: Ihr Freund Graf Serner kommt oft. Ich glaube, nur aus Geschäftsinteresse. Er wird wohl aus seinem Gelde noch mehr heraushaben wollen. Das ist der Zug der Zeit." Ist er das wirk­lich? Sind das deine ganzen Gedanken, gnädige Frau? Dein Gesicht ist völlig undurchdringlich eigentlich ist es so durchsichtig wie die Atmosphäre, von der man auch weiß, daß Milliarden kleiner Körper sie füllen man sieht nur leider von diesen Milliarden nichts. Aber Louis Caren ist kein Narr. Er sieht, wenn du es wünschest, durch alle die Häusermanern, die uns von der Händelstraße hier trennen. Graf Serner verkehrt bei euch täglich und nur wegen eurer Tochter Asta. Ihr wißt das so gut wie ich. Aber das frühreife Karlchen beißt noch nicht an und es soll anbeißen! Zu diesem Zwecke wollt ihr mich ihm als Pacemacher ins Rennen geben. Graf Serner Graf Caren: wir sind denn doch von sehr verschiedenen Vollblütern gefallen. Der Serner mag's halten, wie er will, das Rennen aber, das ich reite, das will ich führen vom Start bis Zum Ziele, und keiner darf mir vor die Eisen. Freilich der Preis muß auch danach sein und der Preis ist nicht danach!

Des weiteren überhebt uns die Tante. Sie ist erträglich gegen mich. Daß ich bei Le Forts Besuch gemacht habe, hält sie für ihr Werk und den ersten Schritt zu meiner Besserung. Madame muß ihr das mit diplomatischer Feinheit beigebracht haben, und deshalb war sie auch nicht zu Hause, als ihr die Schildkröte neulich Gegenbesuch machte. Sie wird nie für die Schildkröte zu Hause sein oder nur ganz allein! Und da verstehe ich wieder die Zarte Neigung der Gnädigen für mich nicht. Etwas hat sie für mich übrig. Aber warum hat sie das?

Die beiden Damen beginnen sich sofort von der gelben Bestie zu unterhalten. Bei der Schildkröte ist es Manie, genau dieselbe gräßlich detaillierte Hingabe, wie bei Müttern an die Kinder. Wenn zwei ausgezeichnete Mütter zusammen sind, dann regnet's gleich Brei-Umschläge und Keuchhustenrezepte, und meine Nase wittert die furchtbarsten Kinder­stubendüfte. Madame unterhält sich mit einer Sach­kenntnis, die mich verblüfft; sie muß Brehm und Ruß und alle Vogelfreunde studiert haben. Oder sollte sie wirklich selbst einen heimlichen, unerlaubten Vogel besitzen?

Dabei habe ich schrecklich Langeweile. Es ist überhaupt ein so schrecklich langweiliger Salon. Das ist alles uraltes Mahagoni, in heimtückischem Schwarzbraun schimmernd. Auf den Schränken, in den kleinen, häßlichen Gittergalerien unmögliche Schäferinnen aus Porzellan. Ganz stiere dito Hennen auf braunen Nestern, ein kopfwackelnder Chinese, dem beide Hände angeleimt sind und Glas- tellerchen, bunte Badegläser mit Ansichten was weiß ich. Auf dem Schreibtische mit den geschmack­los geschweiften Schwindsuchtsbeinen ein wahres Sodom von Kindheitserinnerungen in Nippes, und als Krone ein richtiger Gänsekiel man denke im Jahre des Heils achtzehnhundertundneunzig! Und

zwischen diesen Raritäten schlurft die Alte schon ein halbes Jahrhundert herum. Am Schreibtische schneidet sie mit zitternder Hand Coupons, dann entlockt sie dem plumpen Klimperkasten dünne Jugendlieder. Hat sie davon genug, nickt sie liebevoll den verblaßten Familienbildern zu. den Carens, die sich steif und würdevoll über dem steifen Sofa breitmachen. Das ganze erlauchte Geschlecht vom Urgroßvater her ist hier vollzählig versammelt, nur meine Mutter fehlt und ich. Die Gute war schön, katholisch und weil ich darum auch katholisch erzogen wurde, das ist der Tante eine Empfehlung weniger für mich. Ich gönne auch der Alten die allabendliche Unter­haltung mit ihren evangelischen Erbauungsschriften, während Lola im verhängten Bauer neben ihr schlummert. Zum Glück hängt gerade das Bücher­brett, von dem ZschokkesStunden der Andacht" schimmern, schief, und ich nütze die Thatsache sofort gegen die Ordnungsliebe des Dicken aus. Ist die Frömmigkeit solch alter Menschen echt, oder ist sie nur eine leere Gewohnheit, wie wenn ich das Kreuz schlage? Das eine jedenfalls weiß ich: wenn die Schildkröte kopfwackelnd und gottergeben sich auf ihren Himmel vorbereitet, so würde die sanft nickende Bewegung sofort in ein energisches Schütteln über­gehen, wenn ein Bettler von ihr zehn Pfennig ver­langen würde.

Das ist nicht etwa Verleumdung meinerseits nein, es ist die Natur meiner Tante! Wenn ich sie nicht zu genau kennte, würde ich heute irre an ihr werden, denn die Schildkröte ist von einer Honig­süße, einem Charme, daß Madame es längst auf­gegeben hat, auch nur eine Sekunde nicht zu lächeln. Es ist die Maske des Lächelns, und so seelenlos­gleichgültig, daß mir graut. Ja, mir graut! Was will diese Frau hier? Sie hält bei dem blödsinnigen Gespräche schon drei Stunden aus; ich bin kaum eine halbe da, und der Gähnkrampf tötet mich fast.

Ja, gnädige Frau, wenn man sich in das Seelenleben dieser lieben Geschöpfe vertieft was sieht man da nicht alles! Ich versichere Sie, bei meinen furchtbaren gichtischen Schmerzen genügt ein einziger Blick auf Lola und ich bin nicht mehr alt, allein, unglücklich." Seelenleben, Schild­kröte? Ebensogut könntest du von deinem eignen Seelenleben sprechen!

Aber Madame versteht.Ganz gewiß, gnädigste Gräfin, ganz gewiß! Das kann ich Ihnen so nach­fühlen ..."

Doch wie selten sind solche Seelen wie Sie, Madame Le Fort!" flötet die Tante.Und das ist um so wunderbarer, weil Sie selbst zwei reizende Töchter haben. Ich habe immer bei Müttern einen kleinlichen Egoismus gefunden auch die Mutter meines Neffen . .. Sie war eine Lasis-Taetz ..." Diesen Zwischensatz kann sich die Schildkröte nicht verkneifen, da sie bei aller Vogelliebhaberei von einem wahnsinnigen Adelsstölze ist. Sie haßte meine Mutter, sie haßt mich Aber eine Lasis, eine echte Lasis, das beste blaue Blut ohne Fürstenkrone, das vielleicht existiert... das muß ja Madame Le Fort die Achtung vor dem gräflich Carenschen Namen einflößen, mit dem selbst solche Geschlechter sich mischten!

Und Madame hat Achtung, sieht mich freundlich an:Das haben Sie mir noch gar nicht gesagt, Herr Graf."

Die Schildkröte fühlt, daß sie, statt Stimmung für Comtesse Jeannette Caren zu machen, Stimmung für den leichtfertigen Neffen gemacht hat, und ver­abfolgt mir dieserhalb:Nun nun . . . deine Mutter hatte auch ihre Fehler . . . ihre großen Fehler. Louis, du kannst nicht leugnen..." Louis leugnet gar nichts. Louis ist ganz feige denn diese Art der Verschwendung, die stammt von den Lasis und nicht von den Carens, lieber Neffe..."

Na, na, Tantchen! Der Großvater war doch ein Lebemann, wie's nur je einen gegeben hat."

Louis, du sprichst da Dinge, die du nie ver­antworten kannst."

Ich erzähle nur, was Papa mir ein Halb­hundert Mal erzählt hat. Denke doch an die Pa­riser Jeugeschichte..."

Die Tante plustert sich hoheitsvoll auf und ist dadurch Lola so ähnlich, wie eine Schildkröte einem Kanarienvogel überhaupt ähnlich sein kann. Ich

werde also ganz links liegen gelassen...Es ist schwül, gnädige Frau," sagt die Tante.

O, wir waren lange in Indien, Frau Gräfin." DieFrau Gräfin", das ist das Schmerzenspflaster! Die Schildkröte sucht mit ihren wässerigen Augen die ganzen Tapeten ab. Ich glaube, auf ihre alten Tage bildet sie sich wirklich ein, daß sie auch einen Mann unbeschreiblich glücklich gemacht hat und jetzt den Geist ihres Seligen an den häßlichen Schweizer Tüllgardinen entlang schweben sieht. Endlich bietet Lola einen Ruhepunkt für die irrenden Augen. Lola Liebling, du bist müde?" Der Gelbe, der sich anfangs durch heftiges Hüpfen zustimmeud an der Debatte beteiligt hatte, sitzt jetzt vollständig unbeweglich auf feiner Stange.Lola, willst du schlafen?" Und mit mütterlichen Gefühlen erhebt sich die Schildkröte, um für den Käfig ein seidenes Tuch zu holen.

Ich weiß, daß Lola ein Tyrann ist, zuweilen durch fortgesetztes Piepsen Wahnvorstellungen in der Seele meiner Tante erzeugt. In solchen Augen­blicken kann sie springen wie ein Wiesel.Lola, willst du frisches Wasser?" Lola hüpft auf seiner Stange wild zurück, bis er die Käfigstäbe berührt und nicht weiter kann. Lola sperrt den Schnabel auf. Die Tante ist entzückt:Ah, Lola will frisches Futter . . . Wie klug das Tierchen ist!" Aber kaum kommt die liebevolle Pflegerin mit dem übervollen Näpfchen näher, da beginnt Lola zu flattern, piepst empört auf.Lola, mein Liebling, was ist dir? Karl! . . . Anna!" Der Hofstaat versammelt sich. Bedauernde Gesten, besänftigendes:Sei doch gut, Lolachen!" Lola wird davon ganz nervös hüpft wie eine hysterische Jungfrau . . . Der Dicke, der wohl nach seinen Kaffeeschnäpsen immer ein Stündchen nickt, kommt endlich auf den genialen Gedanken, daß Lola wahrscheinlich zu schlafen wünscht. Das gelbseidene Tuch naht. Lola wird ruhiger, piepst noch einmal befriedigt auf und dann ist er für zwei Stunden nicht zu sprechen. Solche Scenen sind in der Tiergartenvilla häufig, nur daß Lola stets andre Wünsche hat, und daß er sich offen­bar daran vergnügt, die Fettfalten meiner Tante in qualvolle Zuckungen zu versetzen.

Lola, komm!" sagt die Schildkröte jetzt schmei­chelnd. Aber Lola sitzt so sonderbar ruhig auf seiner Stange mit noch halboffenen Augen, und die Pupillen sind so merkwürdig klein.Lola!" flötet die Tante wieder, und da der Gelbe sich nicht rührt, tippt sie mit dem dicken Finger nach ihm. Jetzt kommt Leben in den bewegungslosen Körper, ein vibrierendes Leben, ein leichtes, krampfhaftes Zittern, das aber jede Feder bewegt. Das ist kein vorüber­gehender Anfall das Zittern wird stärker, immer stärker, die Augen haben einen unglücklich gequälten, fast menschlichen Ausdruck, während die Pupillen immer mehr zusammenzuschrumpfen scheinen.

Lola ist doch müde!" beruhigt sich endlich die Tante, aber sie zögert dennoch mit dem Bedecken.

Madame und ich sind auch aufgestanden, um­stehen das Bauer. Ich mit sehr geteilten Gefühlen, denn das gehaßte Tier leidet das stumme Leiden habe ich nie gern gesehen. Madame steht neben mir ich muß sie ansehen! Noch schwebt das Lächeln der Maske um die Lippen, aber es ist so grausig öde, inhaltslos, und die Augen, die blauen, leeren Augen schimmern jetzt in einem harten Glanze. Madame ist gespannt, auch die Maske deckt das nicht. So mag ein Vivisektor seinen zuckenden Frosch ansehen mit der mitleidslosen Schärfe, die nach dem Symptome sucht. Auch die Augen der Tante suchen angstvoll die derFreundin". Ma­dame lächelt stärker es soll eine Art Wehmut darin liegen, doch da ist die Grenze: wehmütig lächeln kann Madame Le Fort nicht!

Es wird sich schon wieder geben, Frau Gräfin," beruhigt sie,es ist sicher etwas ganz Vorüber­gehendes."

Vielleicht, wenn ich einen Tierarzt holen ließe" überlegt die Tante.

Ich bin auf dem Sprunge, für Lolas sanften Tod alles mögliche zu thun. Madame jedoch wünscht das nicht.Wozu denn, Frau Gräfin? Diese Leute haben keine Ahnung, töten Ihnen das Tier­chen mit ihren Pferdekuren. Es wird ganz gewiß nichts Schlimmes sein."

Das entscheidet. Ich aber werde von zwiefältigen