Heft 
(1898) 26
Seite
409
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7g. Band, vierzigster Jahrgang. Oktober )§g7pg§. Preis vierteljährlich 3 M. 50. Mit Postaufschlag 3 M. 55 .

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Gegenwart, von W. M. Moderne Lyrik, Gedichte von Elisa­beth Messerschmidt, Robert Waldmüller, Maximilian Bern un^Lili b^ska. ^ D i e^V i o l in - K l^v^i e ^ - S o n a t^e, von C.^Wi^-

Won zarter Kanö.

Roman von

Johannes Richard zur Megede.

VII.

will nichts mit der Frau zu schaffen haben auch nichts mit der Familie. Dennoch thue ich, was sie befiehlt.

Ich gehe sogar mit nach der Händelstraße. Nicht etwa, weil der königliche Nacken den Sklaven doch immer wieder zur Em­pörung reizte! auch der kühle Wille in Ma- dames blaßblauen Augen ist die Macht nicht.

Nein, sie nimmt mich einfach mit wie malt einen Schuljungen mitnimmt, zu dem man freundlich sagt:

,Du bist ein eigensinniger Junge aber ein netter Junge und so ver­nünftig! Nicht wahr, du thust der Tante den Ge­fallen, die es so gut mit dir meint N

Diese Dame mit der charakterlosen Linie und Peau d'Espagne über­redet mich nie über­zeugt mich stets. Und es fehlte auch jetzt nur we­nig, und ich sagte ihr ehr­lich:Ja, Gnädigste, ich bin ein dummer Junge.

Nehmen Sie sich auch künftig meiner an ..."

Aber, daß ich mich gerade gern vor dieser über­legenen Vernunft beugte?

O nein! Ich gehe neben ihr wie ein langhaariger russischer Windhund, lie­benswürdig, ergeben und immer auf dem Sprunge, heimtückisch nach der schma­len, Weißen Hand zu schnappen, die mich gängelt.

All der Korridorthür müssen wir lange klingeln.

Der tadellose Diener hat Gentlemansgepflogen­heiten, ist niemals da,

wenn man ihn braucht, und erscheint nur, um Trink­gelder in Empfang zu nehmen. Das Nilpferd ist sicher zu Hause, würde aber auch ans die Posaune des jüngsten Gerichts nicht reagieren, geschweige

denn aus diese sanfte elektrische Mahnung. Endlich erscheint die Kornblumenfee etwas verlegen, be­hauptet, nichts gehört zu haben. Ich werfe Ma­dame einen halben Blick zu, der sagen soll: ,Das ist also die Riesensehn­sucht?'

Die Gnädige versteht auch sofort. Ein gleich­falls halbes, etwas ge­kniffenes Lächeln:Ethel wird Besuch haben. Nicht wahr, Ethel?"

Serner, denke ich; er ist ja jetzt enkant ZLte. Madame, die den weichen Herrenhut auf dem Spiegel­tisch keines Blickes ge­würdigt hat, weiß das besser.Es wird wahr­scheinlich eine von den zweifelhaften Bekannt­schaften meiner Tochter sein ich fürchte, die zweifelhafteste." Sie sagt es ruhig, fast liebens­würdig. Hier ist es nicht der Ton, der die Musik macht.

Der Kleinen ist das Blut in die Wangen ge­schossen. Sie zittert nicht vor Furcht. Auch diese Unschuldsaugen kön­nen in kalter Feindschaft blitzen. Ob sich Mutter und Tochter so sehr lieben? Aus der vibrierenden spröden Mädchenstimme höre ich ganz andre Ge­fühle heraus vielleicht noch schlummernd, un­bewußt ... Blonde Ethel, wenn du mehr Rasse hättest als deine schöne Schwester!Jnmeinem Zimmer empfange ich, wen ich will, Mama," sagt sie kurz.

Das charakteristische leichte Achselzucken der gewisse leere, liebens­würdige Blick die Gnädige wünscht keine häuslichenScenen.Dann wirst du uns zu deinem Unbekannten führen, lie­bes Kind . . . Vielleicht ein Freund von Ihnen,

JürflL Wismcrvck. (Zrmr 1. April.)

1898 (Bd. 79),

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