7g. Band, vierzigster Jahrgang. Oktober )§g7—pg§. Preis vierteljährlich 3 M. 50. Mit Postaufschlag 3 M. 55 .
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Gegenwart, von W. M. — Moderne Lyrik, Gedichte von Elisabeth Messerschmidt, Robert Waldmüller, Maximilian Bern un^Lili b^ska. ^ D i e^V i o l in - K l^v^i e ^ - S o n a t^e, von C.^Wi^-
Won zarter Kanö.
Roman von
Johannes Richard zur Megede.
VII.
will nichts mit der Frau zu schaffen haben — auch nichts mit der Familie. Dennoch thue ich, was sie befiehlt.
Ich gehe sogar mit nach der Händelstraße. Nicht etwa, weil der königliche Nacken den Sklaven doch immer wieder zur Empörung reizte! — auch der kühle Wille in Ma- dames blaßblauen Augen ist die Macht nicht. —
Nein, sie nimmt mich einfach mit wie malt einen Schuljungen mitnimmt, zu dem man freundlich sagt:
,Du bist ein eigensinniger Junge — aber ein netter Junge — und so vernünftig! Nicht wahr, du thust der Tante den Gefallen, die es so gut mit dir meint N
Diese Dame mit der charakterlosen Linie und Peau d'Espagne überredet mich nie — überzeugt mich stets. Und es fehlte auch jetzt nur wenig, und ich sagte ihr ehrlich: „Ja, Gnädigste, ich bin ein dummer Junge.
Nehmen Sie sich auch künftig meiner an ..."
— Aber, daß ich mich gerade gern vor dieser überlegenen Vernunft beugte?
O nein! Ich gehe neben ihr wie ein langhaariger russischer Windhund, liebenswürdig, ergeben und immer auf dem Sprunge, heimtückisch nach der schmalen, Weißen Hand zu schnappen, die mich gängelt.
All der Korridorthür müssen wir lange klingeln.
Der tadellose Diener hat Gentlemansgepflogenheiten, ist niemals da,
wenn man ihn braucht, und erscheint nur, um Trinkgelder in Empfang zu nehmen. Das Nilpferd ist sicher zu Hause, würde aber auch ans die Posaune des jüngsten Gerichts nicht reagieren, geschweige
denn aus diese sanfte elektrische Mahnung. Endlich erscheint die Kornblumenfee etwas verlegen, behauptet, nichts gehört zu haben. Ich werfe Madame einen halben Blick zu, der sagen soll: ,Das ist also die Riesensehnsucht?'
Die Gnädige versteht auch sofort. Ein gleichfalls halbes, etwas gekniffenes Lächeln: „Ethel wird Besuch haben. — Nicht wahr, Ethel?"
Serner, denke ich; er ist ja jetzt enkant ZLte. Madame, die den weichen Herrenhut auf dem Spiegeltisch keines Blickes gewürdigt hat, weiß das besser. „Es wird wahrscheinlich eine von den zweifelhaften Bekanntschaften meiner Tochter sein — ich fürchte, die zweifelhafteste." Sie sagt es ruhig, fast liebenswürdig. Hier ist es nicht der Ton, der die Musik macht.
Der Kleinen ist das Blut in die Wangen geschossen. Sie zittert — nicht vor Furcht. Auch diese Unschuldsaugen können in kalter Feindschaft blitzen. Ob sich Mutter und Tochter so sehr lieben? — Aus der vibrierenden spröden Mädchenstimme höre ich ganz andre Gefühle heraus — vielleicht noch schlummernd, unbewußt ... Blonde Ethel, wenn du mehr Rasse hättest als deine schöne Schwester!— „Jnmeinem Zimmer empfange ich, wen ich will, Mama," sagt sie kurz.
Das charakteristische leichte Achselzucken — der gewisse leere, liebenswürdige Blick — die Gnädige wünscht keine häuslichenScenen. „Dann wirst du uns zu deinem Unbekannten führen, liebes Kind . . . Vielleicht ein Freund von Ihnen,
JürflL Wismcrvck. (Zrmr 1. April.)
1898 (Bd. 79),
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