Heft 
(1898) 26
Seite
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Ueber Land und Meer.

Herr Graf." Wie falsch können Sie lächeln, Madame!

Ethel mit ihrer ungesuchten Grazie führt. Heute ist's das erste Mal, daß ich ihr Zimmer betrete ausgenommen, als es zur Herrengarderobe degradiert war. Es giebt noch Allwissende. Madame gehört zu ihnen. Es ist thatsächlich Ethels zweifelhafteste Bekanntschaft: Herr von Jaromir. Etwas chokiert bin ich auch. Aber das ist ja der Segen des Monocles: jede Bewegung sieht dahinter gezwungen aus.Na, wie geht's, Herr von Jaromir? Famos, daß man Sie mal wieder sieht!" sage ich. Absichtlich lege ich mehr Herzlichkeit in diese Be­grüßung, wie ich fühle, der blonden Ethel zu­liebe. Auch Madame soll merken, daß Graf Caren, der halbe Lasis-Taetz, der wahre Aristokrat ist. Wenn man jemand überhaupt auf dem Parkett begrüßt, so begrüßt man ihn als seinesgleichen, und je herzlicher, je tiefer er steht. Hat Madame diese Lehre nötig? Es giebt Parketts, die so spiegel­glatt sind, daß auch ich darauf ausrutschen könnte für Madame giebt es diese Parketts nicht.

Sie reicht ihm die Hand genau so höflich, wie sie mir gereicht wird; sie lächelt sogar, zeigt eine liebenswürdige Ueberraschungsmaske.Aber wer hätte gerade Sie vermutet, Herr von Jaromir! Meine Tochter hat so merkwürdige Anwandlungen, daß ich auf etwas Unglaubliches gefaßt war den Kaiser von China oder den Scharfrichter von Berlin; beide Bekanntschaften würde Ethel mit demselben Hochgenuß kultivieren. . . Nicht wahr, Sie sind auch etwas unfreiwillig hier?"

Aber, gnädige Frau!" Jaromir dienert verlegen.

Doch die Kornblumenfee springt sofort rechts in die Verlängerung.O, sagen Sie es nur ruhig, Herr Lieutenant, wie es war! . . . Denken Sie, Herr Graf, ich begegne ihm in der Leipzigerstraße ganz zufällig... er mußte sich lange besinnen, ehe er mich wieder erkannte. Und da mußte er mir einige Schaufenster zeigen. Dann war er so liebens­würdig, mich bis zu unsrer Wohnung zu begleiten. Mit herauf wollte er allerdings nicht! Und das wollte ich nun wieder. . . Nicht wahr, Herr von Jaromir?"

Der gute Junge verneigt sich bei jedem Worte aus diesem Rosenmunde, ihm ist's Wahrheit, selbst wenn es die tollste Lüge wäre, weil er sich an dem Klang schon so berauscht, daß er den Sinn gar nicht mehr versteht. Die Kornblumenfee übertreibt ein weniges nach unten. Wie ich sie kenne, hat sie ihn in der Leipzigerstraße von irgend einem Omnibus­verdeck gebieterisch hernntergewinkt. Daß er nicht sofort im Kopfsprung auf dem Asphalt ankam, ist mir unerklärlich. Und darauf hat sie wahrscheinlich den leichtsinnigen Wunsch geäußert, auch mal so hoch oben durch Berlin zu rattern und von da die Hüte der Menschheit verächtlich zu kontrollieren. Aber leider ist er ohnmächtig gegen die Verkehrs­ordnung. Verzweifelt genug mag der kleine Kerl ausgesehen haben, als er den sündigen Wunsch ihres Herzens nicht befriedigen konnte. Das that ihr wiederum leid, darum ist sie mit ihm durch Berlin gebummelt, hat ihm allerlei unberechtigte Freund­lichkeiten gesagt und ihn damit wieder so verliebt gemacht, daß er sich bis hierher in die Höhle des Löwen traute. Er hatte einen eisigeren Empfang erwartet, ist angenehm enttäuscht. Frau Ethel von Jaromir scheint ihm keine sehr ferne Möglichkeit.

Wenn du vorhin mit mir im Korridor gestanden hättest, mein Lieber, würde dir die Möglichkeit etwas vager Vorkommen. Du würdest dann auch vielleicht er­kennen, daß Madame Le Fort, die mit so hinreißend falschem Lächeln sagt:Meine Herren, entschuldigen Sie mich einen Augenblick, ich muß noch einmal ans Telephon. Sie bleiben doch selbstverständlich Zu Abend?" nur die Einladung auf mich gemünzt hat und im Grunde über die mißratene Tochter stöhnt, weil ihretwegen der kleine Mann mit dem Atom Glanz an den Ellbogen das Haus mit seiner un­erwünschten Gegenwart beehrt.

Warum dem Kleinen die Illusion rauben? Ist's wieder nur die liebenswürdige Schwäche, die nieine Lippen zu einem herzlichen Lächeln kräuselt? Oder ist's diesmal mehr die wirkliche Güte einer nicht gewöhnlichen Natur, die auch nicht durch mein Lotterleben zu Grunde gerichtet werden kann? Ich bin keine zwei Jahre älter als Jaromir (er wird wohl auch seine Kommißerfahrungen

in xuneto keminae hinter sich haben); aber ich komme mir so alt, so verbraucht diesen beiden gegen­über vor. Ich habe Onkelgefühle für sie, auch etwas Neid ist dabei. Warum zerstörte bei all meinen Liebeleien die häßliche Absicht immer den schönen Traum? Warum strecke ich nicht noch in der zwölften Stunde die Hand nach dieser Perle hier aus? Für mich wär's ein Griff. Und der Versicherungsagent? . . . Ihm dünkt die Perle so nahe, sie glänzt ihm so hell! Du täuschest dich, mein Lieber, sie liegt in bodenloser Meerestiefe; so verwegen du auch danach tauchtest, du könntest nur bei dem Tauchen untergehen. Das ist ja das Selt­same, das unsagbar Dumme in fast jedem Schicksal, daß die Perle, die jeder sucht, jedem auf bodenloser Meerestiefe glänzt. Sieh mal, Agent, die Blonde ist so entzückend! Und doch nutzt diese Erkenntnis weder dir noch mir etwas.

Es ist ein Kleinod von einem Jungfernzimmer, in das uns die Kleine geführt hat, hellblau, alles weich, die Fauteuils niedrig, bequem, einladend zu reizendem Traum. Auf dem Puppensofa liegt noch zerknautscht, süß verdrückt der Terracottapuff, in den sich das Goldhaar einzuwühlen liebt. Und eine so köstliche Unordnung herrscht in dem Raum, eine bizarre Laune, die den englischen Schreibtisch mit Legionen von Meißener Figürchen bevölkert und dann, die galanten Schäfer, die schmachtenden Schäferinnen zu zerstreuen, ein Elfenbeinfalzbein zwischen diese Rokoko­spielereien geschleudert hat. Die dicken Troddeln der Brokatdecke des Mitteltisches schleifen bis auf den Boden Ethel hat sich gemüßigt gefühlt, sie stundenlang zu malträtieren, daß man ganz deutlich die Spuren des reizenden Fußes auf dem ab­gescheuerten Stoffe gewahrt. Sie hat einen Ver­gißmeinnichtstrauß achtlos über dem Smyrnateppich zerblättert, und hinter der Gardine schaut ein Saffian­pantoffel sehnsüchtig nach seinem andern Kameraden auf dem Nipptisch; Ethel hat mit ihm einen schiefen Bildernagel noch schiefer geklopft.

Pedanten würden aus dem allen eine vernichtende Kritik über den Charakter der jungen Dame fällen. Hier bin ich der schärfere Beobachter und thue nicht desgleichen. Die Kornblumenfee hat die Laune der Anmut und der überqnellenden Jugend, sie ver­lacht die jüngferlich zimperliche Ordnung, die Eigen­art sein soll und nur Nivellement ist. Sie ist weder unordentlich noch kokett noch flatterhaft sie hat nur eine unüberwindliche Abneigung gegen die kalte Pose des Reichtums und der Korrektheit überhaupt.

Und das ist es, was dieses kleine Zimmer so pikant duftig und charakteristisch macht. Ich bin so gern in diesem Raum! . . . Thatsächlich bin ich aber gar nicht drin. Das Zimmer der Grünäugigen schwebt mir vor, das kalte Boudoir, wo der könig­liche Nacken seine Eigenart zu zeigen verschmäht. Eigentlich ist es ein häßliches Boudoir, und die Gedanken, die ich darin gedacht, waren auch immer häßlich. Ich liebe die Grünüugige nicht, ich hasse sie wohl auch nicht. . . dennoch sehe ich gerade jetzt auf dem silberglänzenden Eisbärenfell die schöne Gestalt ohne Hülle und wie feinen Nebel darüber flutend den Adel, die kalte Vornehmheit, die den grünen Augen entströmt und mir die Sinne kühlt. Der rote Rachen des Polartiers dräut, die riesigen Zähne fletschen: Rühre sie nicht an! . , .

So ein Mensch bin ich nun. Der Zauber keuscher Jugend, der die Kornblumenfee umgiebt, vermag mich nicht zu halten, ich bin weiter ich will mehr ich will etwas Schlechtes.

Der kleine Versicherungsagent, der die Gegen­wart so voll genießt und das Boudoir wie den bizarren Rahmen eines kostbaren Bildes betrachtet, thäte besser, kühl zu sein wie ich, an die achtzig Mark Monatseinnahme zu denken und sein elendes Chambre- garnie. Die blonde Fee ist ja doch nicht für ihn da.

Das Schicksal beschert ihm auch die nötige Er­nüchterung. Die elektrische Glocke schrillt. Eine längere Zwiesprache zwischen dem Tadellosen und einem Fremden scheint vor sich zu gehen, in die sich zuletzt mit süßen Tönen die Gnädige mischt:Ah, Herr von Bomulunder ... das ist ja reizend!"

Der Schuapsbaron," sage ich kühl. In dem Augenblick ist aber auch schon die kleine Ethel auf­gesprungen.

Meine Herren, wollen wir nicht lieber in den Salon gehen? ... Es ist hier zu eng."

Und schon ist sie weg. Jaromir ist etwas be­treten; denn die Kornblumenfee ist stark rosig an­gehaucht. Wir folgen langsam, indem ich den Kleinen unter dem Arm nehme.Keine Angst, Jaromir! Sie haben in der Affaire keinen besseren Pacemacher als den Schnapsbaron."

Auch ich sehe Herrn Bomulunder zum erstenmal wieder, markiere völliges Unbekanntsein, bin fabel­haft erstaunt, daß er mich wiedererkennt.Aber ich bitte Sie, Herr Graf... 6. Garde-Ulan. . ."

Ah so! 23. Husar . . . Herr Bomulunder, nicht wahr?"

Jaromir wurde bei der Vorstellung vergessen. Es war zufällig, ganz zufällig, wenigstens versichern das Madames blaßblaue Augen, als ich das Ver­sehen nachhole und sage:Herr Lieutenant von Jaromir. . Ich füge leichthin:ein Freund von mir" hinzu.

Die Gnädige sah mich dabei von der Seite an, aber die Blonde rief mich kurz darauf in eine Ecke und sagte in ihrer reizenden Naivität:Sie sind so feinfühlig, Herr Graf... Und mich konnten Sie so lange allein lassen?"

Was soll ich darauf sagen? Ich lüge von Be­rufs wegen oft hier habe ich keine Lust dazu und verbeuge mich nur. Etwas übel nimmt es mir die Kleine doch, daß ihr Zauber so machtlos ist an mir. Und so ganz ohne Zauber vergeht mir der Abend.

Wir essen kalt, vorzüglich, die Delikatessen ohne Aufdringlichkeit, die Weine ü äiseretion, der Thee von Madame selbst zubereitet. Das gesellschaftliche Nie-zu-viel ist, was die Le Fort so famos heraus hat. Das Nilpferd läßt sich mit Arbeitsüberbürdung ent­schuldigen.

Ach wie schade!"Ihr armer Herr Gemahl!" Wenn das ehrlich gemeint war, so giebt's überhaupt keine Lügner mehr.

Ich sitze neben der Gnädigen, Bomulunder neben Ethel. Wenn Jaromir sich unter den Tisch begeben würde, thäte er Madame Le Fort einen Gefallen. Aber er thut es nicht. Er bewegt sich ganz frei und sicher. Bomulunder mit seiner Talmifeinheit kann dem früheren Aktiven natürlich nicht imponieren.

Darf ich mir gestatten, Herr Graf!"...Prosit, Herr Kamerad!" Dabei inspiziert der Schnapsbaron Jaromirs schwarzes Jackett wie ein Tuchreisender. Die Neigung zur Malice spielt auf seinem klugen, habsüchtigen Gesichte. Aber in Ethels Augen ist ein so eigentümliches feindliches Leuchten, und von mir ahnt er, daß auch nur die Andeutung einer solchen Taktlosigkeit ihm die Frage nach dem Schnaps seines Vaters eintragen würde. Ich würde es ganz sicher thun! Ich habe nun einmal Achtung vor­dem kleinen Kerl, dein Jaromir. Wie er es fertig brachte, in einer Gesellschaft von Gardekavalleristen, Diplomaten und Nichtsthuern von der ehrlichen Arbeit selbst bei der Straßenreinigung als etwas gentlemanlikem zu sprechen, ohne herausgewimmelt zu werden, ja ohne ein Atom von Achtung einzubüßen

so spricht der Mensch hier ganz ungeniert von seiner Carriere, von seiner Wohnung, von seinen! Gehalt von achtzig Mark.Es ist blutwenig. . . immerhin ... ich komme damit doch aus. Und das ist sehr dankenswert."

O, ganz gewiß, sehr dankenswert!" Madame sitzt auf Kohlen wegen dieser Bekanntschaft.

Mehr ist jedenfalls besser," erklärt mit vor­sichtiger Ironie Bomulunder.

Ehrliche Arbeit wird selten gut bezahlt." Diese Reprimande sprechen Graf Caren aus. Gräfliche Gnaden haben ein durch Sachkenntnis ungetrübtes Urteil.

Halten Sie es für anständiger, nur von seinen Renten zu leben?" Die blonde Ethel kann sehr- maliziös sein! Noch eine Bemerkung derart vom Schnapsbaron, und sie interpelliert ihn statt meiner wegen der Verdienste seiner Vorfahren um die Volkswohlfahrt.

Madame kennt ihre Tochter und lenkt ein:Sie arbeiten in einem großen Hause, Herr von Jaroniir?

Feuerversicherung?"

Nein, gnädige Frau, Leben. Wir sind eine Art Humanitätsinstitut, und wenn alle Menschen ewig lebten, hätten wir nichts dagegen ... Ich spreche immer von mir, ich selbst bin vorläufig nur ein Stück Kopist, und auch das nur (Sie gestatten,