Heft 
(1889) 07
Seite
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Deutschland.

.TZ 7.

hinein bei seiner Tochter sitzen zu bteiben. Er werde von nun an Deine Besuche des genaueren kontrollieren und überwachen. Er wetterte, wie wenn er eifersüchtig wäre. Es schmeichelte mir ordentlich; aber, Herzensheinrich, unser Verkehr wird uns nicht mehr so himmlisch leicht gemacht werden wie bisher.

Doch Du wirst Mittel finden, denn Du liebst mich. Und unter allen Umständen, wenn Dil Dich nur bis zu uns schlep­pen kannst oder tragen lassen mußt, komm heute noch zu lins. Heute noch! Hörst Du? Ich vergehe vor Angst.

Ein Übelstnnd ist freilich noch dabei. Denn um Dich ganz außer Schuld und frei von allein Vorwurf zu stellen, sagt' ich, Du wärest gestern krank gewesen. Um mm seiner Verzeihung sicherer zu sein, Hab' ich Papas Mitleid wohl etwas zu stark angeregt. Nun hat er Sorge, Du möchtest ihm die Cholera ins Hans schleppen. Verlaß Dich darauf, wenn er es möglich machen kann, Deinem Besuche vvrznbengen, so läßt er Dich nicht über die Schwelle.

Also sei listig aus Liebe und vorsichtig ans Sehnsucht und beharrlich ans Erbarmen, denn ich sterbe, wenn ich Dich nicht noch heute wiedersehe.

So ungefähr lautete Seraphinens Brief. Ich habe, ganz berauscht von ihrem Herzens-Erguß, seine Worte so oft ge­lesen, daß ich sie heute noch auswendig weiß. Ich ward nicht müde, mir den Brief immer und immer wieder vorzusprechen, und trug ihn, obwohl ich ihn lang' auswendig wußte, noch monatelang auf dem Herzen, bis er vom langen Tragen in der Uniform an den Einbügen brüchig wurde lind nnsein- anderfiel.

Doch das kam später; vorderhand hatt' ich nichts Eiligeres zil thun, als mich gesund zu melden und den zür­nenden Vater meines Liebchens wegen der gestrigen Hast lind Gedankenlosigkeit in zehn aufrichtigen Zeilen um Entschuldi­gung zu bitten.

Da dies schriftlich geschah, hofft' ich, daß er nicht auch noch ans einen Entschuldigungsbesuch gefaßt sein werde. Die Überrumpelung am Nachmittage gelang denn auch vollständig

Als mich der alte Herr, der noch ganz voll war von den gestern am Sterbebett seines Freundes empfangenen Eindrücken, aus einmal in seinem Salon auftanchen sah, mich, den ihm die Tvchter als unzweifelhaft von der Seuche befallen und in sicherer Lebensgefahr schwebend geschildert hatte, macht' er aus seiner Überraschung wie aus seinem Unbehagen wenig Hehl.

Ulli ihm den peinlicher: Verdacht zu benehmen und mir das Ansharren in der Nähe der Geliebten zu ermöglichen, könnt' ich nichts Gerateneres thun, als meine Gesundheit mög­lichst zu betonen und zu beweisen, mich über die Maßen ver­gnügt, beweglich und eßlnstig zu zeigen und eins übers aridere Mal zu versichern, wie wohl mir in meiner Haut wäre.

Den Vater Seraphinens überzeugt' ich nun nach und nach wirklich von der leiblichen Ungeführlichkeit meines Daseins, seine Tochter aber ward von meinem übermütigen Gebaren, das ohne jede und die geringste schädliche Nachwirkung der furcht­baren Probe sich erwies, ii: ihrem Gedankengang empfindlich gestört und in ihrem Gefühl grausam verletzt.

Ich merkt' es ihr bald an, wie es kälter und kälter in ihr wurde; ich war froh, als uns endlich der Alte, wenn auch nur mehr für kurze Zeit, allein ließ und ich des Prahlens mit meiner Gesundheit überhoben war.

Mir war übrigens wirklich ganz wohl, und als mich mm

Seraphine, sobald der Alte die Klinke hinter sich ins Schloß gedrückt hatte, mit Heller Besorgnis aufs Gewissen fragte: Wie fühlst Du Dich?" sah ich keinen Grund ein, etwas anderes als die reine Wahrheit zu antworte:::Selig!"

Wie, was, selig fühlst Du Dich?" fragte sie über alle Maßen erstaunt.

Ja, gewiß! Himmlisch!" gab ich zur Antwort.Wie anders sollt' ich nach in Deiner nächsten Nähe fühlen als beseligt, meine Geliebte!"

Ich meine physisch!" versetzte sie mit Nachdruck.

Physisch?" sagt' ich.Wunderbar!"

Ein Ausruf des größten Erstaunens, der nicht anders wie ein Ausruf unverhohlenen Bedauerns klang, war alles, was sie zunächst entgegnete.

Sie betrachtete mich mit gespannter Aufmerksamkeit von: Scheitel bis zum Knöchel. Dann sagte sie:Ich dachte, Du verstelltest Dich vor Papa ans Liebe. Ich glaubte, Du lächeltest aus Vorsicht mit den Lippen, während der Tod in Deinen Eingeweide:: wühlte. Ich bewunderte Dein Heldentum, Deine Selbstbeherrschung. Ich fand-sogar, daß Du ein wenig über­triebst und mit Deiner Verachtung von Gefahr und Schmerz ein wenig posiertest. Und nun hast Du nicht einmal einen Schmerz zu verwinden, hast gar keine Gefahr zu verleugnen? Du fühlst Dich wirklich ganz wohl?"

Pudelwohl!" antwortete ich, und da ich merkte, daß ihr der etwas ungebundene Ausdruck mißfiel, setzt' ich hinzu:Freu Dich doch, daß alles so gut abgetanst:: ist."

Ich freue mich auch darüber," antwortete sie, aber mit einer Stimme, der man die Freude nicht angemerkt Hütte. Sie versank in Nachdenken und sagte dann plötzlich, mich wie­der anblickend:Merkwürdige Natur, die Du hast!"

Gott sei Dank, daß ich sie habe!" rief ich.

Und sie erwiderte, wie nach stummem Grübeln laut fort- fahrend:Bei einer solchen Bärennatur, bei einem solchen Straußenmagen, wie Du einen hast, da war es, genau betrach­tet, gar kein so großes Kunststück, meine gestrige Schüssel ans- zuessen; da war es eigentlich gar keine schwierige, geschweige denn bedenkliche Probe, die ich Dir anferlegte, da waren meine furchtbaren Gewissensbisse eigentlich gar nicht au: Platz, denn mit dieser feuerfesten Verdanungsmaschine liefst Du eigentlich nicht die geringste Gefahr. ..."

Na, ich danke!" sprach ich.Diese letzte Nacht war entsetzlich!"

Nicht so entsetzlich, wie die meine!" entgegnete sie rasch.

Ich glaubte weiß Gott nicht mehr, Dich wiederzu- sehen," versicherte ich.

Ich war ans den Tod gefaßt. Sieh hier den Beweis!" antwortete sie und zog aus einer verborgenen Tasche ihres Kleides ein zierliches Pistölchen belgischer Arbeit hervor, eine richtige Nipptischwaffe, einen eleganten Taschentöter, dessen kur­zer Kolben ans schwarzen: Ebenholz geschnitzt, dessen finger­langer Lauf aus blauem, ciseliertem Stahl war.

Laß doch sehen!" rief ich in der natürlichen Neugier des Wasfenliebhabers.

Sie aber verbarg das Gewehrchen sofort wieder in den Falten ihres Rockes, indem sie sagte:Ich geb' es nicht wie­der von mir! Keinen Augenblick!"

Es hat ja doch keinen Zweck mehr," sagt' ich,da ich nicht die geringste Lust habe, so bald das Zeitliche zu segnen!"