Heft 
(1889) 07
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Wer weiß!" antwortete sie finster.In dieser Zeit muß inan ans entsetzliche Überraschungen nnd aus schnelle Entschlüsse gefaßt sein!"

Ich begriff, daß es mir in ihrer wunderlichen Anschauung nicht gedient hätte, wem: ich ihr auch noch die letzten Sorgen um mein Befinden mit der Wurzel aus dem Siun gejätet hätte. Das Verdienst meiner jüngsten, wahrhaft schauerlichen Liebesprobe war mir ohnehin durch die brillante Widerstands­kraft meines alten Adams geschmälert in Seraphiuens maß­gebenden Augen. Ich war aber doch schon soweit vernünftig geworden, daß ich trotz aller Verliebtheit und Eitelkeit diesen Ausgang des gefährlichen Spiels mit Leben und Gesundheit nicht zu bedauern vermochte. Die Hand aufs Herz, war mir's doch ungleich lieber, daß ich mit heiler Haut lachend in die Sonne sah, als daß Seraphine in der Verzweiflung innigster Liebe sich an meiner blau angelaufeneu Leiche die Haare nus- rauste. Und ich zog es mit bewußtem Behagen vor, das her­zige Gesicht etwas unbefriedigt schmollen zu sehen, als daß ich es lebendigen Leibes gar nicht mehr hätte sehen können.

Leider ward es uns, wie Seraphine richtig vorausgeahnt hatte, nicht mehr so bequem gemacht, uns zu sehen und zu sprechen. Ihr Vater hatte Verdacht geschöpft und ließ, so oft wir zusammen kamen, ein forschendes Auge auf uns ruhen, das nichts weniger als Arglosigkeit verriet, sondern zur Vor­sicht mahnte.

Einen offenen Antrag, sein Schwiegersohn zu werden, hütt' er, das wußten wir gewiß, lachend mit dem Hinweis auf meinen noch bevorstehenden zwanzigsten Geburtstag abgelehnt. So waren wir zum Geheimnis und zu verstohlener Verliebt­heit verurteilt, wenn wir uns überhaupt noch begegnen nnd lieben wollten. Und das wollten wir noch. Und unter dem Zwang des Argwohns entschiedener denn je.

Wenn ich bei den ersten Zeichen, daß der Gesundheits­zustand in Stadt und Land sich besserte, mich mit der Hoff­nung trug, daß das Mißtrauen meines Väterlichen Freundes sich mit dem allmählichen Verschwinden der Seuche gleicher­weise verringern werde, so erwies sich diese Hoffnung als eitel.

Je fröhlicher die Menschen an ihr sonstiges Tagewerk gingen, je mehr die Sorge vor Ansteckungsgefahr im Verkehr mit den Nächsten schwand, je freier der Blick, je zuversichtlicher das Herz wurde, desto mehr wuchs in dem alten Herrn die Lnst, sich ganz nnd gar seiner Familie und vor allem der körperlichen und geistigen Ausbildung seiner einzigen Tochter zu widmen. Alan merkte es ihm an, daß er nichts ernstlicher erwog, als wie er seine Seraphine glücklich nnd standesgemäß mcker die Haube brächte. Und wenn ich ihn die jungen Herren mit den Angen des zukünftigen Schwiegervaters mustern sah, war ich zu meinem Kummer ganz gewiß, daß er dabei den jüngsten Lieutenant in der Garnison, meine annoch so unschein­bare Wenigkeit, gar nicht in Betracht zog.

Es ward mir bald klar, ans welcher Blume der Ritter­schaft sein suchendes Auge mit Wohlgefallen und Hoffnung verweilte. Im Herbste war der Sohn eines unserer höchst­gestellten Staatsbeamten nach etwa vierjähriger Abwesenheit in unsere Residenz heimgekehrt. Damals war er als ein lang­ausgeschossener, unbedeutender, unbeachteter junger Mensch nach bestandenem Abiturientenexameu aus Universität gezogen. Die großen Ferien mochte er meist aus dem Gute seines Vaters verbracht haben: jedenfalls war er mir in all der Zeit nicht

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wieder begegnet. Nachdem er es zum Referendar gebracht hatte, war er für einige Monate auf Reisen geschickt worden. Nun war er wieder da, ein schlanker, strammer, eleganter Kerl, den: das Selbstbewußtsein aus jedem Quadratcentimeter seines Wesens guckte, und von dessen glänzender Zukunft alle Vettern nnd Basen überzeugt waren. Seine Kleider waren nicht in unserem Städtchen gemacht nnd saßen ihm wie angegossen. Er hatte so eine sprungfedermäßige, muskulöse Art zu gehen, die mir unliebsam ausfiel, von anderen Leuten aber gerade hübsch gefunden wurde. Er sprach nicht viel, bewegte sich aber ebenso höflich wie geschmeidig in Gesellschaft. Über sein gan­zes Wesen war eine gewisse Schneidigkeit nusgegossen, doch sein Gesicht, das ein ganz kleiner, lichter Schnurrbart kaum beschattete, Hütte man mädchenhaft nennen können, wären nicht vier oder fünf große Schmisse darüber kreuz und quer gelaufen. Mir waren zwei Eigentümlichkeiten an diesem Ge­sicht besonders fatal. Fürs erste ein stehendes, wenn schon kaum sichtbares, doch unglaublich überlegenes Lächeln in den Mundwinkeln, dabei er sich immer etwas zu denken schien, was die aufdringliche Dummheit seiner Mitmenschen vor seiner ebenso verschwiegenen als gerechten Beobachtung entschuldigte. Fürs zweite ärgerte mich die Gewohnheit, ein Einglas ohne Einfassung, ohne Baud, ohne andern Halt in die Höhle des rechten Auges zu kneifen, wenn er etwas genauer in Betracht ziehen wollte.

Hatte er das Glas vor dem Auge, wenn ihn ein Be­kannter ansprach, so ließ er, wie die Höflichkeit gebot, es mit einer kurzen Bewegung von Lid und Backe fallen; weil es aber an nichts befestigt war, fiel es zur Erde und ging dort regelmäßig in Scherben, was der Eigentümer nicht weiter beachtete, als indem er ein anderes Exemplar aus der Westen­tasche zog und sich dieses bei nächster Gelegenheit vors Ge­sicht klemmte.

Ich hack ihn an einem Nachmittage also nicht weniger denn zehn Stück solcher Augengläser hintereinander verbrauchen sehen. Ich konnte gar nicht begreifen, wie und wo er all das Glas bei sich trug, und mir kam diese Gewohnheit ebenso geckenhaft wie verschwenderisch vor. Die lieben Fräulein in der Stadt aber fanden sie ebenso chic wie originell und den ganzen Herrn Regierungsreferendar einfach reizend. Miß Par­ker sagte: «chmt loveZ-!»

Übrigens muß ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er in seinem Auftreten niemand kränkte, gegen jeden von uns artig und, wo es hinpaßte, zuvorkommend war, in seinen Urteilen über andere eine kluge Zurückhaltung und in all seinem Thun nnd Lassen eine vornehme Ruhe an den Tag legte, die nicht zu tadeln war.

Hätte nur Miß Parker ihr Wohlgefallen an dem Neuan­gekommenen so schmeichelhaft geäußert, der edle Jüngling wäre mir vielleicht nicht so verhaßt erschienen. Da aber eingestan­denermaßen auch meine Seraphine für seine Vorzüge nicht blind war, so erregte er mir die Galle, wo immer er mit seinem überlegenen Lächeln mir in die Quere kann

Wenn ihn Seraphinens Vater als hoffnungsvollen Be­amten und perfekten Gentleman rühmte, so Hielt ich es für klüger, ihm nicht zu widersprechen. Wenn mir aber die Ge­liebte selber auf meine dringenden Fragen zugestand, daß der Vater allen Ernstes eine Verlobung seiner Tochter mit dem Sohne seines alten Freundes im Schilde führe, da brodelte

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