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Deutschland.
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Unglücke Frankreichs und seines Königshauses nie zur Regierung gekommene, weil schon 1765 vor seinem Vater verstorbene ! Dauphin, der Sohn Ludwigs XV. und der wegen ihrer Sanft- ! mnt und Sittenreinheit verehrten Maria Leszcynska, ein Mann ! war, auf welchen wegen seiner hervorragenden Charaktereigen- ! schäften nicht nur die „fromme" Partei, zu welcher er sich zählte, sondern auch alle diejenigen ihre Hoffnung setzten, welche für das Parlament und gegen die Pompadour waren. Man kann sich, wenn man diese Kämpfe verfolgt, nicht des Gedankens erwehren, daß vielleicht die ganze große Revolution von 1786 hätte vermieden werden können, jedenfalls in ganz andere Bahnen geleitet sein würde, wenn das Parlament von Paris in seinem konservativen Kampfe gegen die neuen Gedanken des ! Zeitalters nicht durch das Königtum selbst gebrochen worden i wäre, sondern in der Unterstützung durch einen thatkräftigen und entschlossenen Herrscher allmählich selbst den Weg zu den zeitgemäßen Reformen hätte finden und ebnen helfen können.
So hat denn auch eine in den höchsten Kreisen des Staates verzweigte und selbst „Prinzen von Geblüt" zu ihren Leitern zählende Verschwörung im Jahre 1756 — kurz vordem erst auf das Versprechen der Beihilfe Frankreichs an diesem „Revanche"-Krieg von Österreich begonnenen siebenjährigen Kriege — in Frankreich bestanden mit dem ausgesprochenen Zwecke, Ludwig XV. zu zwingeu, sich feruerhiu ausschließlich den Vergnügungen des „Hirschparks" zu widmen und die Regierung seinem Sohne, dem Dauphin, zu überlassen. Was uns nun aber an diesem, durch eine zum größten Teil noch unaufgeklärte Verkettung von Umständen nicht zur Ausführung gelaugten Plane von unserem Standpunkte als Deutsche und von dem heutigen Stande der Geschichte ans am meisten interessieren kann, das ist nicht nur die Erwägung, daß das Gelingen dieser Verschwörung den dritten schlesischen Krieg, in welchen ja Österreich nicht ohne Verbündete gehen wollte, da es die Kraft des kleinen Preußen und des großen Friedrich in den beiden ersten hinlänglich kennen gelernt hatte, hinaus- geschvben, vielleicht für immer beseitigt Hütte, sondern noch mehr die überraschende Thatsache, daß Österreich ohne Schwertstreich das Elsaß mit Straßbnrg für sich und dem Deutschen Reiche hätte wiedergewinnen können. Es spricht für die nüchterne und realpvlitische Anschauung der Leiter jener Bewegung, die ja unzweifelhaft in erster Linie dem von ihnen schon erkannten inneren gesellschaftlichen Verfall Frankreichs entgegcnznarbeiten bestrebt waren, daß sie, statt der Sucht nach äußerer „Gloire" zu fröuen, wie dies Ludwig X V. unaufhörlich durch das Anstreben neuer Erwerbungen in den Niederlanden n. s. w. that, kein Bedenken trugen, dem Deutschen Reiche für eine wohlwollende Unterstützung der inneren Neubesestigung des französischen Staates die friedliche Rückgabe aller derjenigen Gebietsteile anzubieten, welche im westfälischen Frieden von Deutschland an Frankreich abgetreten waren. Lächerlich können wir diese Thatsache dem heutigen Frankreich, soweit es ernstlichen geschichtlichen Erwägungen zugänglich ist, Vorhalten als einen Beweis dafür, wie lebendig in jener Zeit noch selbst in dem den Vorteil genießenden Volke das Bewußtsein davon gewesen sein muß, daß mit jener etwa hundert Jahre vorher durch den Friedensschluß bestätigten Eroberung dem anderen Volke ein Unrecht zngefügt, etwas ihm von Rechts wegen Gehörendes entrissen worden war.
Natürlich würde es uns, da unseres Wissens diese Thatsache in den allgemeinen Geschichtswerken, die ja der Regel nach nur mit znm Abschluß gelaugten Ereignissen sich beschäftigen, keinen Platz gefunden hat, hier obliegen, die Unterlagen dieser Behauptung zu beweisen. Hierfür liegen nun allerdings nur wenige und spärliche Einzelpnnkte vor. Diese sind aber so bestimmt und beglaubigt, daß sich ans ihnen der ganze oben entwickelte Zusammenhang mit Sicherheit rückwärts wieder zn- sammenstellen läßt.
Es ist bekannt, daß der diplomatische Verkehr Frankreichs im Anslande in jener Zeit ein dicht verbreitetes dreifach es-Netz darstellte. Die offiziellen Geschäftsträger der Regierung wur
den wieder überwacht von geheimen Agenten, welche Ludwig XV. zur persönlichen Berichterstattung an ihn in allen Hauptstädten Europas unterhielt: ein Verhältnis, mit welchem, beiläufig gesagt, heutzutage ungefähr dasjenige verglichen werden könnte, nach welchem die österreichische Regierung in den irredentistisch gesinnten und verwalteten Städten Welsch-Tirols eine eigene geheime Polizei unterhält, welche keine andere Ausgabe hat, als die offizielle.Polizei der autonomen Stadtverwaltung zu überwachen. Jene persönlichen Geheim-Agenten Ludwigs XV wurden nun aber wieder von denjenigen überwacht, welche die Marquise von Pompadour für sich persönlich hielt und, wenn auch nicht aus ihrer Tasche, doch aus dem ihr jederzeit zugänglichen Staatssäckel besoldete. Man kann sich denken, daß diese dreifache diplomatische Vertretung dem Staate erkleckliche Summen kostete; und außerdem hatte sie da§ Mißliche, daß sehr häufig die Thätigkeit des einen Kreises die des anderen vollständig lahm legte.
Um so durchgreifender war dann allerdings der Erfolg, wenn alle drei Kreise nach einem Plane vvrgingen. Der damals allmächtige Lenker der Staatsgeschäfte Österreichs, Fürst Kaunitz, benutzte die Angehörigen aller dieser drei Kreise in Wien, um auf die Entschließung Ludwigs X V, oder vielmetzr, was diese bedingte, die der Marquise von Pompadour im Sinne der Teilnahme an dem gegen Preußen zu beginnenden Kriege hinzuwirken. Es ist bekannt, daß sich auf sein Drängen sogar Maria Theresia, die sittenstrengste aller Herrscherinnen, dazu hergab, mit der Pompadour in einen das Gepräge der Herzlichkeit annehmenden persönlichen Briefwechsel zu treten ein Schritt, der der späteren Begründerin der „Keuschheits Kommissionen" einer anerkannten Maitreffe eines verheirateten Königs gegenüber schwer genug gefallen sein mag. Aber diese Selbstüberwindung war endlich von Erfolg gekrönt; Anfang l756 wurde, allerdings ganz im geheimen noch, aber für beide Teile bindend, das Bündnis mit Frankreich abgeschlossen, welches diesem später Roßbach einbrachte und Österreich trog des späteren Beitritts von Rußland, Sachsen und Schweden doch nicht wieder zu Schlesien verhalf. Gerade um diest Zeit wurde nun der oben bezeichnte Vorschlag von der französischen Verschwörer-Partei dem Kanzler Kaunitz in sozusagen offizieller Form unterbreitet. Bei den oben geschilderten Spionage-Verhältnissen in Wien konnte jene Partei nicht daran denken, ihre Abgesandten direkt nach Wien an das kaiserliche Hoslager gehen zu lassen. Sie wählte daher in höchst geschickter und versteckter Weise den Umweg über Mainz, wo damals der geistliche Kurfürst Johann Friedrich Earl, des Heil. Stuhls zu Mapnz Erz-Bischofs, des Heil. Römischen Reichs durch Germanien Erz-Canzler n. s. w., wie damals der offizielle Titel lautete, Hof hielt. Im Jahre 175«; trafen die beiden Abgesandten dort ein. Es waren der königliche Oberst Regard und sein Schwager Le Begne de Pons. Regard hatte Frau und Tochter mit sich. Die letztere, ein schönes und hochgebildetes Mädchen von siebzehn Jahren, welche die lateinischen Klassiker ihrem Vater in der Ursprache vvrzulesen pflegte, war von dem Geiste der alten Römerinnen so durchdrungen, daß ihr Vater kein Bedenken getragen hatte, sie in die ganze Verschwörung einzu weihen. Die beiden Abgesandten waren nicht nur mit den geheimen Vollmachten und Beglaubigungen der Leiter der Partei versehen, sondern auch, was beweist, daß sie in den amtlichen Regiernngskreisen Frankreichs eine Stellung einnahmen und die Verschwörung auch dort Zusammenhang hatte, mit für die Öffentlichkeit bestimmten Beglaubigungen, welche ihrer Sendling einen ganz unverfänglichen offiziellen Zweck beilegten. Sie sollten hiernach nämlich im Aufträge des französischeil Münzamtes den damals gerade sehr häufigen Fälschern des französischen Goldes in Deutschland nachspüren. Erst mit der offiziellen und sodann mit der geheimen Beglaubigung führten sie sich bei dem Oberhofmeister des Kurfürsten, Herrn von Stadion, ein. Dieser, um möglichst unbeobachtet Zusannnenkünfte mit dem Kurfürsten herbeisühren zu köuueu, verschaffte ihnen eine Privatwohnnng in dem Hanse des kurfürstlicheil Kammerdieners