Heft 
(1889) 16
Seite
273
Einzelbild herunterladen

l-

>

16. Deutschland.

Pestel. Und während sie nnn in Verfolg ihrer znm Anshänge­schild dienenden amtlichen Sendung mit den Beamten der kur­fürstlichen Münze häufig verkehrten, auch beiGeldwechslern und Inden" sich alle umlaufenden französischen Goldstücke vor­legen ließen, auch sogar eine Reise nach Frankfurt am Main zu dem Münzwardein des heiligen römischen Reiches machten, vermittelten von Stadion und Herr La Roche, nachdem sich beide von dem Ernst und der Bedeutung ihrer geheimen Sendung überzeugt hatten, erst eine geheime Zusammenkunft mit dem Kurfürsten und sodann unter dessen Billigung mit dem österreichischen Gesandten am kurfürstlich mainzischen Hofe, Grafen Pergen. Um zu verstehen, wie der Kurfürst von Mainz sich diesem Plane verhältnismäßig so schnell geneigt zeigen konnte, darf man nicht vergessen, daß er ein geistlicher Fürst war, und daß der Dauphin, zu dessen Gunsten ja der Regie­rungswechsel in Frankreich herbeigesührt werden sollte, wenn er auch durch sein würdevolles und energisches Wesen allge­mein geachtet war, doch das Vertrauen der Geistlichkeit in ganz besonderem Maße für sich hatte. So wird es erklärlich, daß die Urheber des Planes, diesen an die Stelle des die Ency- klopädisten und Freigeister durch die Pompadour beschützenden Ludwigs XV. zu setzen, von vornherein ans eine geneigte Ge­sinnung bei allein rechnen konnten, was geistlich hieß. Nach­dem die französischen Abgesandten dem Grafen Pergeu nnn den ganzen Plan vorgetragen, ihm auch die Garantiecn dafür vorgelegt hatten, daß Österreich für seine gewünschte wohl­wollende Haltung dem Unternehmen gegenüber und demnächstige sofortige Anerkennung der neuen Regierung für sich und das Deutsche Reich die Abtretung aller im Frieden zu Osnabrück 1648 von Deutschland au Frankreich abgetretenen Laudesteile einschließlich Straßburgs erhalten solle, hielt Pergen die Sache für zu wichtig, um sie einem Kurier anznvertrauen, und be­schloß, sie selbst Persönlich dem Kanzler, damals noch Grafen Kaunitz vvrzutragen. Er fuhr also in eigenem Reisewageu ohne Aufenthalt nach Wien. Natürlich nahm die Reise von Mainz nach Wien damals einige Tage in Anspruch; um so wenig Zeit wie möglich zu versäumen, fuhr Graf Pergeu, der frühmorgens aukam, sofort bei dem Staatskanzler vor. Bei diesem, der nicht früh aufzustehen liebte, mußte er einige Zeit warten, wurde aber dann von dem über seine unerwartete An­kunft nicht wenig erstaunten Minister sofort empfangen. Als er ihm die ganze Sache vorgetragen, ging Kaunitz lange still­schweigend mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Endlich wandte er sich an den Grafen mit dev Frage:Weiß Ihre Majestät die Kaiserin von Ihrer Ankunft?" Der Ge­sandte beeilte sich zu erwidern, daß er noch niemanden in Wien gesehen habe.Nnn gut," fuhr Kaunitz fort,es darf Sie auch niemand sehen; ich gebe Ihnen zwei Stunden Zeit znm Ausrnhcn; dann setzen Sie sich wieder in den Wagen und fahren sofort nach Mainz zurück. Die Sache ist von der äußersten Wichtigkeit: aber sie kommt zu spät; vor viernnd- zwanzig Stunden habe ich die Nachricht erhalten, daß der Allianztraktat mit Frankreich unterzeichnet ist." Es war dies die am 1. Mai 1756 zwischen Stahremberg und Bernis abgeschlossene Abmachung, welche den König von Preußen zum Marquis von Brandenburg zu degradieren bestimmt war.

Graf Pergeu folgte natürlich dem Befehle des Kanzlers. Seine Rückkehr mit diesem negativen Erfolge, den er natürlich dem Kurfürsten sofort mitteilte, war das Todesurteil für das Unternehmen selbst, wie auch für einen der beiden Abgesandten. Jeder offizielle und private Verkehr seitens der Hofgesellschaft mit den unglücklichen Abgesandten war mit einem Schlage ab­gebrochen. Niemand wollte sie mehr kennen, niemand mehr mit ihnen zu thun gehabt haben. Der Hof ging sogar, seinen gewöhnlichen Sommcrnufenthalt um einige Wochen vcrfrüheud, nach Aschaffenburg, und die Gesandten sahen sich bald von aller Welt ängstlich gemieden mit der ausgesprochenen, Zvie Ansteckung befürchtenden Scheu, welche ausgesprochene öffent­liche Ungnade in allen abhängigen Kreisen und Köpfen erzeugt. Dazu kam noch durch ein unglückliches Zusammentreffen, daß

Seite 273.

gerade um diese Zeit die sonst regelmäßigen Briefe und Nach­richten von den Leitern der Verschwörung aus Frankreich aus­blieben. Oberst Regard nahm in vielleicht etwas übereilter Schwnrzseherei an, daß alles verraten und verloren sei. Er fürchtete von Kurmainz an Frankreich ausgeliefert zu werden; er sah sich schon im Geiste in der gefürchteten Bastille, am meisten aber fürchtete er, daß die Folter gegen ihn zur Er­pressung von Geständnissen über die Leiter der Verschwörung zur Auweuduug kommen würde. Er beschloß also, alledem durch einen freiwilligen Tod zuvorzukommen, und teilte diesen Entschluß unter Darlegung seiner Befürchtungen seiner Tochter mit. Das schöne, siebzehnjährige Mädchen umarmte den Vater und bat ihn, mit ihm sterben zu dürfen. Während die Mutter schon in demselben Zimmer schlief, brachte die Tochter die Degen ihres Vaters und von Le Begne de Pons hinein, ließ sich von dem Vater zeigen, wohin sie treffen müsse, und beide stießen sich gleichzeitig den Degen durch die Brust. Regard war so­fort tot; die Tochter, bei welcher der Stoß an einer Rippe abgeglitten war und nur Fleischverlctzungeu hervorgebracht hatte, fand die durch ihr Röcheln am nächsten Morgen geweckte ent­setzte Mutter iu ihrem Blute schwimmend. Mau schickte sofort nach Gericht uud Polizei. Vou dem ersten nahm der spätere Assessor am Reichskammergericht vou Leskart den Thatbestand ans. Als er das junge Mädchen fragte, wo es den Mut zu einer solchen Thal gefunden, antwortete cs stolz:Im Plu- tarch." Dann aber bat sie schluchzend um einehrliches Be­gräbnis" für ihren Vater. Er ist ans dem damaligen Militär­kirchhof in aller Stille begraben worden. Das bald wieder hergestcllte junge Mädchen ist später von dem englischen Lord Golderneß als Erzieherin seiner Töchter angenommen worden uud hat noch beinahe vierzig Jahre nach diesem Vorfall, im Jahre 1795, zu Rolle im Waadtlande gelebt, und zwar von einer ihm von dem Lord ausgesetzten Jahrespension vou fünf­zig Pfund Sterling, wie in den bei I. G. Cotta erscheinenden Europäischen Annalen" vom Jahre 1806 unter Erwähnung des ganzen Vorfalls mitgeteilt wurde.

Russisch-sibirische Zustände.

Von

HPiLipp Stein.

Pariser Nachricht derTimes" vom 18. Dezember berichtet vou einer Niedermetzeluug administra- tiv Verbannter iu Sibirien. Der Gouverneur vou Jakutsk hatte durch ein neues Transport-Reglement die ohne­dies schon entsetzlichen Leiden der durch die Polarregionen Transportierten noch vermehrt. Die Unglücklichen hatten sich zu einer Petition an den Gouverneur um Verbesserung ihrer Lage aufgerafft. Infolge widersprechender Anordnungen des Gouvernements und der Polizei zauderten die Verbannten, dem Befehle eines Polizisten zu gehorchen; daraus schossen Poli­zisten und Soldaten auf die Verbannten. Sechs der letzteren wurden getötet, die andern teils zu langjähriger Zwangsarbeit, teils kriegsgerichtlich znm Tode durch den Strang verurteilt.

Ob dieser Bericht in allen Einzelheiten auf Wahrheit be­ruht, ist noch nicht zu übersehen. Die offiziellen Erklärungen über den zu Grunde liegenden Vorfall werden natürlich anders lauten; aber wie auch die Dinge in diesem Einzelfalle lie­gen mögen, jedenfalls entspricht die Meldung in allen Teilen dem in Sibirien herrschenden System. Brutalitäten uud Aus­schreitungen ärgster Art gegen sibirische Verbannte gehören zu den täglichen Erscheinungen, sie sind die notwendigen Konse­quenzen des ungeheuerlichen Systems der Vergewaltigung, welches jährlich Tausende vou Existenzen vernichtet. Jene Times-Meldung wird für einige Zeit vielleichtauch in Deutsch­land die Gemüter etwas aufrüttelu, wird für einige wenige Tage vielleicht auch zur Diskussion der Frage führen, ob