Heft 
(1889) 16
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Deutschland.

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das übrige Europa recht darau thnt, durch seiue mit Rllßtaud abgeschlossenen weitgehenden Ansliefernngsvertrüge jenes un­menschliche, aller Civilisation spottende Strassystem des Zaren­reichs indirekt zu unterstützen. Damit aber das Interesse an den ungesetzlichen und widergesetzlichen Zuständen in Rußland etwas länger anhält, dürfte es sich schon einmal empfehlen, die sibirischen Zustände etwas genauer ins Auge zu fassen. Man lernt dann Greuel kennen, wie man sie im neun­zehnten Jahrhundert selbst bei den barbarischsten Verhältnissen, selbst unter dem Kantschn des heili­gen Zarenreiches nicht für möglich gehalten hat.

Es ist fast ein bloßer Zufall, dem die civilisierte Welt jetzt eine genaue Kenntnis der sibirischen Zustände verdankt dem Zufall nämlich, daß der amerikanische Reisende Ge­orge Kennan durch die Bekanntschaft mit einigen nach Ame­rika gekommenen Anarchisten zu dem Glauben verleitet war, die Nihilisten und politischen Verbrecher Rußlands seien gleich­falls nur querköpfige und gefährliche Fanatiker, Sibirien und sein Verbannungssystem sei nicht so schrecklich, wie es Step- niak und Fürst Krapotkin geschildert. Kennan hat dieser seiner Meinung in Wort und Schrift Ausdruck gegeben, und als er nun in der vorgefaßten Meinung, seine Ansichten be­stätigt zu sehen, seine Reise nach Sibirien antrat, wurde er von der russischen Regierung, die in ihm einen namhaften und beachtenswerten Verteidiger ihrer Maßnahmen und ihres Sy­stems erblickte, nach Möglichkeit unterstützt und mit Empfeh­lungsbriefen an die Gouverneure versehen. Die Negierung that sogar noch ein übriges und benachrichtigte alle Behörden auf der Route, die Kennan einznschlagen beabsichtigte, von sei­nem Kommen. Der Amerikaner aber, dem nicht sonderlich daran liegen konnte, die Gefängnisse und Verbannten-Etappen zu finden wie Dörfer ü ln Potemkin, schlug die entgegenge­setzte Route ein, kam überall unerwartet. Seine Empfehlungs­briefe öffneten ihm die Gefängnisse, ermöglichten ihm den Ver­kehr mit den Verbannten - und so kam es, daß Kennan, der ansgezogen war, um Material für die Verteidigung des russi­schen Systems zu finden, zu einem unwiderleglichen Ankläger desselben Systems geworden ist.

Jene Pariser Times-Meldung spricht von administra­tiv Verbannten - das müssen arge Verbrecher sein, sollte man meinen. Thatsächlich aber sind administrativ Verbannte einfach Leute, welche man von einem Ende des weiten Reiches nach einem andern verschickt hat, ohne daß irgend welche gesetzliche Formalität beachtet worden oder gar eine wirkliche Verurteilung vorliegt. Es genügt zur.administrativen Verbannung, daß eine Person nach der ans irgend welchen Moti­ven gefaßten Ansicht einer Lvkalbehördefür die gesellschaftliche Ordnung nachteilig" erscheint der Betreffende wird mit Zu­stimmung des Ministers des Innern gewaltsam irgendwohin nach Sibirien geschafft, oft ohne je zu erfahren, ans welchen Gründen man ihn fürnachteilig" hält, oft ohne daß seine Familie weiß, wohin der Unglückliche geschleppt worden. Ohne einem Verhör, einer Untersuchung unterzogen zu feilt, wird er für fünf Jahre der civilisierten Welt entzogen und dem un­würdigsten, elendesten Leben mail kann hier immer nur in Superlativen sprechen preisgegeben. Ans den vielen Bei­spielen entsetzlicher Willkür bei der administrativen Verbannung sei ein Fall besonders hervorgehobelt, nicht als ob sonst die Verbannung in weniger rechtloser Form anftritt, sondern nur, weil durch die bekannt gewordenen Einzelheiten dieses Falles gleichzeitig klar wird, was eine Verbannung und eilt Trans­port nach Sibirien bedeutet.

, In Jwangorod lebte ein geschickter, sich von der Politik völlig fernhaltender junger Arzt, 1)r. Beloi. Zn ihm kamen eines Tages zwei Studentinnen der Medizin, welche wegen an­geblicher politischerUnzuverlässigkeit" voll der Petersburger Universität entlassen waren. Sie wollten ihre Studien bei Beloi fortsetzen. Ihre häufigen Besuche bei dem Arzte erreg­ten die Aufmerksamkeit der Polizei. Man fand, daß das eine Mädchen einen falschen, das andere gar keinen Paß hatte

das genügte, um ans den Besuchen der Mädchen bei Beloi auf einepolitische Verschwörung" zu schließen und am 10. Mai 1870 den Arzt und die Studentinnen auf administrativem Wege nach Sibirien zu verbannen. I)r. Beloi wurde nach dem arktischen Dorfe Verchojansk unterm 07,20. Breitegrade in der Provinz Jakntsk geschafft die Überlebenden des Nordpol- ExpeditionsschiffesJeannette" haben ihn 1882 dort noch gesehen. Als er fortgeschleppt wurde, sah seine Frau ihrer naher: Entbindung entgegen. Sie konnte ihr: nicht begleiten. Erst nach Geburt des Kindes, das sie ihren Verwandten an­vertrante, konnte sie die Reise antreten, nur ihren Gatten zehn tausend Kilometer weit, jenseits des nördlichen Polarkreises anfzusuchen. Sie erhielt die gnädige Erlaubnis, sich einem VerbanntentranSporte anznschließen. Bis nach Tomsk werden die Verbannten in Schiffen und Eisenbahnzügen befördert, von dort auf Wagen. Sie legen etwa sechsnndneunzig Kilometer in der Woche zurück, jeder: dritter: Tag rasten sie in einen: Etappengefängnis, deren menschenmörderische Beschaffenheit wir noch kennen lernen werden. Frau 1)r. Beloi hätte sechzehn Monate gebraucht, um auf diese Weise ihren Gatten zu er­reichen. Die junge, zarte Frau ertrug monatelang den er­stickenden Staub, die versengende Hitze, die kalten Stürme der Landstraße, die schlechte Nahrung, das Ungeziefer, die Pest der Etappengefängnisse. Nach monatelangen Entbehrungen, in wachsender Sorge um Mann und Kind, kam sie endlich in die Nähe von Irkutsk und erfuhr nun, daß ihr Gatte nicht, wie man ihr gesagt, nach Vercholansk, sondern nach Verchojansk geschasst, daß noch fünftausend Kilometer Steppe, Wald und Gebirge sie von ihn: trennten sie hätte noch mehrere Wo­chen allein auf Hunde- und Renntierschlitten bei eisiger Kälte durch die arktische Einsamkeit des nordöstlichen Asiens reisen müssen. Diese Nachricht warf die Frau nieder, sie wurde wahnsinnig und starb nach einigen qualvollen Monaten im Gefängnishospital zu JrkntSk . . .

Die Verbannten, die diese und ähnliche Tragödie:: dem Amerikaner erzählten, berichteten sie wie etwas Alltägliches und Selbstverständliches, wie etwas Altgewohntes. Und doch sind es Tragödien erschütterndster Natur, die sich vor ihren Angen abspielen. Den: verbannten Manne folgt Weib und Kind,

wenn es ihnen möglich ist, den Verbannnngsort des Mannes zu erfahren. Eine»: Berbanntentransporte hat sich eine Frau mit einem jungen Kinde angeschlossen. Es ist eisiger Winter. Vergebens bittet die Mutter um Decken für ihr Kind. Im offenen Schlitten, in stundenlanger Fahrt erfriert das Kind. Die Mutter wird wahnsinnig. Als der Zug der Verbannten in: nächsten Etappengefängnis eintrifft, wiegt die Wahnsinnige ihr totes Kind auf den Armen und singt ihn: ein Wiegenlied ... Die großen Leiden jedes einzelnen Verbannten sind so anhal tend, daß jeder mit vollstem Gleichmut von seinem und der andern Schicksal spricht. Wird das Maß der Leiden und Er­niedrigung zu groß, so bleibt den Unglücklichen eine Rettung, der Selbstmord. Einer der politischen Verbannten zeigte Herrn Kennan sein'Album und erklärte mit geschäftsmäßiger Ruhe:

Dies ist Fräulein A.; sie war Lehrerin in einer Banernschnle und starb vor drei Jahren in Kiew an der Gefängnisschwindsncht. Der Alain: mit den: Vvllbart ist ein ehemaliger Friedensrichter in H.; er wurde 187!) in Petersburg gehängt. Das Mädchen mit dem schmalen Gesichte ist eine der sogenannten Propagandistinnen: sie wurde wahnsinnig, während sie in Untersuchungshaft saß. Die hübsche junge Frau mit den: Kreuz auf dem Ärmel hat während des letzten russisch-türkischen Krieges als Schwester von: roten Kreuz in den Feldlazaretten gepflegt; zu zwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt, befindet sie sich gegen­wärtig in den Bergwerken von Kara. Die Daine ihr gegenüber studierte Medizin in der Beztntschefschule in Pe­tersburg und schnitt sich nach zweijähriger Einzelhaft in der Festung mit einen: Stück zerbrochenen Glases die Kehle durch."