Seite 280.
Deutschland.
pps t<>.
die gefundenen Resultate mit großem Eifer anfgegriffen. Oierade in den letzten Jahrzehnten hat die Anwendung der Elek- trirität großartige Triumphe gefeiert. Aber jede neue Entdeckung auf diesem Gebiete mußte dem denkenden Geiste immer wieder die Frage vorlegcn: Was ist denn eigentlich die Elck- trieität? Das ist eine große Frage.
Es giebt eine alte Theorie, welche zwei elektrische Flüssigkeiten annimmt, die sich trennen und wieder vereinigen und dadurch die elektrischen Erscheinungen hcrvorbringen. Sie steht noch überall in den Büchern, der Lehrer tragt sie seinen Schülern vor, der Professor seinen Studenten. Gewöhnlich wird dabei hinzugefügt, daß diese unklare und in vieler Beziehung mangelhafte Theorie dem heutigen Standpunkte der Physik nicht mehr genüge, daß sie nur ein Notbehelf sei, da man keine bessere Erklärung gefunden habe. Leider müssen wir gestehen, daß bis ans diesen Tag das wunderbare Geheimnis der beiden verschiedenen Elektrieitäten noch nicht in genügender Weise aufgeklärt worden ist. Aber an eine andere interessante Frage können wir uns ans Grundlage der Forschung heranwagen, nämlich an die folgende: Wie sind die Fernwirkungen der Elek- trieität möglich?
Diese Frage soll uns jetzt beschäftigen. Zunächst wollen wir uns darüber klar werden, was die Wissenschaft unter Fernwirknngen versteht. Fernwirknngen nennt man solche Wirkungen, welche an einer anderen Stelle anftreten als da, wo die erregende Kraft ist, und bei welchen man den Übergang der Kraft von ihrer Quelle zur Stelle der Wirkung nicht wahrznnchmen vermag. Die allgemeine Massenanziehung, die Gravitation, ist ein Beispiel für eine Kraft, welche Fernwirknngen erzielt. Doch gebraucht man das Wort Fernwirknng auch da, wo viel kleinere Entfernungen in Betracht kommen. Die Wirkung, die ein Magnet ans einen andern oder ans eine schwebende Magnetnadel ansübt, ist eine Fernwirknng, da ja der Übergang zwischen Kraft rind Wirkling ein unvermittelter ist. Auch die Elektrieität zeigt Fernwirknngen verschiedener Art. Haben wir zwei elektrisierte Körper, so findet zwischen ihnen Anziehung oder Abstoßung statt. Die beiden Körper wirken dabei nicht durch Berührung aufeinander ein, sondern die anziehenden oder abstoßenden Kräfte wirken aus der Ferne. Allerdings dürfen wir die Entfernungen nicht allzu groß wählen, wenn wir sichtbare Wirkungen erzielen wollen. Nähert man einen elektrischen Körper einem unelektrischen, so findet in dem letzteren die unter dem Namen der Influenz bekannte elektrische Verteilung statt. Auch hierbei haben wir es mit einer Fernwirknng zu thnn. Noch interessanter und nützlicher sind die Fernwirknngen der galvanischen Elektrieität. Ohne eine sichtbare Vermittelung wirkt der galvanische Strom ablenkend auf die Magnetnadel und macht den Weichen Eisenkern, welchen er in spiraligen Windungen umfließt, zu einem plötzlichen Magneten.
Es ist eine schwere Sache für den menschlichen Verstand, sich über die Fernwirknngen von Kräften klare Rechenschaft zu geben. Je tiefer mau darüber uachdenkt, um so mehr kommt man auf den Standpunkt, daß Fernwirknngen im strengsten Sinne des Wortes wohl geglaubt, aber niemals wirklich erklärt werden können. Alle Versuche, die Fernwirknngen begreiflich zu machen, müssen darauf hinanslaufen, zwischen der Kraft und der Wirknngsstelle irgend etwas Vermittelndes cinzuschieben. Können wir mit unseren Sinnen nichts derartiges wahrnehmen, so muß der auf eine Erklärung dringende Verstand sich etwas den Sinnen nicht direkt Wahrnehmbares denken, was die Rolle der Vermittelung spielt. Ein solcher Versuch, die Fernwirknngen zu erklären, ist zuerst beim Licht gemacht worden. Glänzender Erfolg hat diesen Versuch begleitet. Die Annahme des Lichtäthers macht die Erscheinungen, welche das Licht darbietet, in ihrer ganzen großen Mannigfaltigkeit begreiflich. Für denjenigen, der die theoretische Optik mit Ernst und Eifer studiert hat, ist die Existenz des Lichtüthers nicht nur etwas Wahrscheinliches, sondern etwas Zweifelloses. Also der Äther ist es, der das Licht von der Quelle zu seiner oft Millionen von Meilen entfernten Wirknngsstelle trägt. Wo auch immer Licht
vorhanden ist, werden die zunächst liegenden Ätherteilchen in eine zitternde oder, wie die Wissenschaft sagt, schwingende Bewegung versetzt. Jedes bewegte Ätherteilchen wirkt ans das unmittelbar folgende ein und verleitet dasselbe zu einer schwingenden Bewegung von ganz derselben Art. So pflanzt sich die Bewegung von Teilchen zu Teilchen fort. Daher sind die Fernwirknngen des Lichtes zurückgeführt auf die Nahwirkungen zweier bei einander liegender Ätherteilchen. Die Äthertheorie ist schon fast zweihundert Jahre alt. Sie hat sich bei jeder neuen Entdeckung auf dem Gebiete der Optik bewährt. Mit Freuden wurde sie benutzt und erweitert, als man bei den Untersuchungen über strahlende Wärme erkannte, daß es Wärmestrahlen giebt, welche den Hanptgesetzen der Lichtstrahlen unterworfen sind. Da konnte denn gesagt werden, daß auch die Wärme vom Äther durch den leeren Raum getragen wird. Ans Grundlage verschiedener Thatsachen wurde dann erklärt, daß die Verbreitung der strahlenden Wärme sich von der Verbreitung des Lichtes nur dadurch unterscheidet, daß bei der ersteren die Ätherteilchen langsamer schwingen als bei der letzteren.
So hatte also der Lichtäther schon die Fernwirkungen zweier verschiedener Kräfte erklärt. Da lag es nahe, sich die Frage vorzulegen, ob der Äther vielleicht auch fähig sei, die Elektrieität zu tragen und so ihre Fernwirknngen begreiflich zu machen. Der berühmte Physiker Faraday, der Entdecker der Jndnklionsströme, hat dies zuerst als eine Vermutung ausgesprochen. Er hat sich viele Mühe gegeben, seine Vermutung zu beweisen, aber cs sollte ihm nicht gelingen. Die Schwierigkeiten waren zu groß, und es war zu wenig vorgearbeitet worden. Wenn der Gedanke der Verbreitung der Elektrieität durch den Äther allgemein anerkannt werden sollte, so galt es namentlich, zwei Ziele zu erreichen. Es mußte experimentell gezeigt werden, daß die Fortpflanzung der Elektrieität bei ihren Fernwirkungen durch eine Wellenbewegung geschieht, welche den Gesetzen der Lichtwellen folgt. Zweitens war zu beweisen, daß die Fernwirknngen der Elektrieität nicht absolut gleichzeitig mit der Ursache anftreten oder, was dasselbe ist, daß die Elektrieität Zeit gebraucht, um sich durch den leeren Raum zu verbreiten. Es war vorausznsehen, daß diese beiden Resultate uieht leicht zu gewinnen sein würden. Die Versuche, welche mau über die Geschwindigkeit der Verbreitung der Elektrieität anstellte, ergaben zunächst, daß diese Geschwindigkeit, falls wirklich die Elektrieität Zeit gebrauche, außerordentlich groß sein müsse, so groß, daß die eingestellten Versuche nicht genügten, um dieselbe auch mir anuähernugsweise zu ermitteln. Der Engländer Max- well, ein Jünger Faradays, wies darauf hin, daß die Ge- ! schwindigkeit der Elektrieität im leeren Raume wahrscheinlich i dieselbe sein würde, wie die Geschwindigkeit des Lichtes. Dies i geschah in einer gediegenen wissenschaftlichen Arbeit, die im ^ Jahre 186i> veröffentlicht wurde. Ju derselben versuchte Max- ^ well durch geistvolle theoretische Betrachtungen zu erweisen, daß i derselbe Äther die elektrischeil Kräfte ebenso wie das Licht iiber- i mittele. ' Einige Physiker wurden von Maxwell überzeugt und ^ glaubten an seine Anschauung über die Verbreitung der Elek- ^ tricität, andere fanden dieselbe wenigstens wahrscheinlich. Aber ! es fehlte immer noch die Bestätigung durch das Experiment.
' Einem deutschen Gelehrten war es kürzlich vergönnt, die j Bestätigung zu finden. Dies ist Heinrich Hertz, Professor der ! Physik an der Universität Bonn. Ju mehreren Abhandlungen,
! welche in den beiden letzten Jahren veröffentlicht wurden, hat z Hertz die Resultate seiner Forschungen der wissenschaftlichen Welt bekannt gegeben. Auf der letzten Natnrforscherversammlnng ! in Heidelberg faßte der geniale Forscher diese Resultate in einem gedrängten Vortrag zusammen, welcher mit großem Bei- ! fall ausgenommen wurde. Hertz hat die beiden schon vorher ! gekennzeichneten Hauptziele erreicht, nämlich den Nachweis von Elektricitütswellen und eine auf die allgemeine Wcllenlehre gegründete Messung der Verbreitnngsgeschwindigkeit von Elek- tricitätswellen. Wir wollen nun znsehen, durch welche Mittel ein so bedeutender Fortschritt in der Elektricitätslehre gemacht werden konnte.