Seite 350. Deutschland. ^ 2t.
Hanse gab es nicht viel davon (sie sind alle stolz und hart, und seine Mutter ist seine Stiefmutter), und dann hat er Kameraden und Vorgesetzte gehabt und hat gehört, wie seine Kameraden und seine Vorgesetzten sprechen; aber wie Menschen sprechen, das hat er nicht gehört, das weiß er nicht recht. Ich denke mir das nicht ans, ich Hab' es von ihm, es sind seine eigenen Worte. Ja, Panline, daran liegt es. Das ist der Grund, daß ich armes Ding ihm gefalle; nichts weiter. Er ist unglücklich in seinem Hans und seiner Familie. Bor- allem aber denke nur nicht, er sei mein Anbeter oder Liebhaber, oder wie Dn's sonst noch nennen willst. Ich sehe wohl, daß er mich lieb hat, aber das ist doch was andres, und das kann ich Dir sagen, noch ist kein Wort über seine Lippen gekommen, dessen ich mich vor Gott und Menschen oder vor mir selber zu schämen hätte."
„Glaub' es," sagte die Pittelkow. „Glaub' es alles. Aber, meine liebe Stine, das ist es ja eben. Ich Hab' es mir so gedacht, gerade so. Gleich als ich ihn das erste Mal sah, als die beiden Alten mit da waren und Wanda Holofernessen köppte, da wnßt' ich es. Sieh, Kind, es sind mir so viele Mannsleute zu Gesichte gekommen, nn wenn ich welche sehe, na, so kenn' ich sie gleich durch un durch nn kann sie ans- snchen wie Handschuh nach der Nummer, nn weiß gleich, was los is. lln mit dem jungen Grafen is nich viel los. Er is man schwächlich, nn die Schwächlichen sind immer so nn richten mehr Schaden an als die Dollen."
Stine sah die Schwester an.
„Ja, Du siehst mich an, Kind. Aber es is wahr nn wahrhaftig so. Du denkst wunder, wie Du mich beruhigst, wenn Du sagst: «Es is keine Liebschaft.» Ach, meine liebe Stine, damit beruhigst Du mich gar nich; konträr im Gegenteil. Liebschaft, Liebschaft. Jott, Liebschaft is lange nich das Schlimmste. Heut' is sie noch, nn morgen is sie nich mehr, nn er geht da hin, und sie geht da hin, nn den dritten Tag singen sie wieder alle beide: «Geh Du nur hin, ich Hab' mein Teil.» Ach, Stine, Liebschaft! Glaube mir, daran stirbt keiner nn auch nich mal, wenn's schlimm geht. Was is es denn groß? Na, dann läuft 'ne Olga mehr in der Welt 'rnm, nn in vierzehn Tagen kräht nich Huhn nich Hahn mehr danach. Nein, nein, Stine, Liebhaft is nich viel, Liebschaft is eigentlich gar nichts. Aber Wenns hier sitzt «und sie wies aufs Herz), dann wird es was, dann wird es eklig."
Stine lächelte.
„Du lachst, und ich weiß auch warum. Du lachst, weil Du denkst, Pauline weiß nichts davon und kann auch nichts davon wissen, denn es hat ihr nie hier gesessen. Un das hat auch seine Richtigkeit damit. Ich bin noch so drum 'rnmge- kommeu. Aber, meine liebe Stine, man erlebt nich bloß an sich selbst, man erlebt auch an andern. Un ich sage Dir, von ^ so was, wie Du mit dem Grafen vorhast oder der Graf mit ^ Dir, von so was is noch nie was Gutes gekommen. Es hat un mal jeder seinen Platz, nn daran kannst Du nichts ^ ändern, nn daran kann auch das Groschen nichts ändern. Ich puste was am die Grasen, alt oder jung, das weißt Du, hast es ja oft genug gesehen. Aber ich kann so lange pusten wie ich will, ich puste sie doch nich weg, und den Unterschied auch nich; sie sind nn mal da, und sind wie sie sind, und sind anders anfgepäppelt wie nur, und können ans ihrer Haut nicht
'raus. Un wenn einer mal 'raus will, so leiden es die andern nich und ruhen nich eher, als bis er wieder drin steckt. Un denn kannst Du hier so lang' in die Sonne kucken, bis sie morgens bei Polzins oder bei der Frau Privatsekretär wieder 'ranskommt, er kommt doch nich, er sitzt erster Klasse mit Plüsch nn hat noch ein Luftkissen bei sich, un sie hat 'nen blauen Schleier an'n Hut, un so geht es heidi! nach Italien. Un das is denn, was sie Hochzeitsreise nennen."
„Ach, Panline, so kommt es nich."
„Ja, so kommt cs, mein armes Stineken. Un wenn es nich so kommt, na, denn kommt es noch schlimmer, denn is er ein Eigensinn nn will partout mit'n Kopp durch die Wand, nn da hast Du denn den Kladderadatsch erst recht. Glaube mir, Kind, von 'ne unglückliche Liebe kann sich einer noch wieder erholen un ganz gut 'rnnsmansern, aber von's unglückliche Leben nich."
kl. Kapitel.
Baron Papageno (niemanden über sich) wohnte von alter Zeit her drei Treppen hoch, teils weil er das seiner Meinung nach erst in etwa Dachhöhe beginnende Dzon auch in seiner Berliner Abschwächung nicht missen wollte, teils weil er einen Widerwillen hatte, bei jeder über ihm stattfindenden Mahlzeit ein halbes Dutzend Menschen und Stühle hernmpoltern zu hören. Namentlich war ihm das Hin- und Herschrammen in den Tod verhaßt, das seiner in früheren Wohnungen gemachten Erfahrung nach überall da blühte, wo Kinder mit zu Tische saßen, Kinder, die noch nicht alt genug waren, ihren Stuhl manierlich heranzustellen und sich deshalb anshilfeweise zum Schieben gezwungen sahen. Neben dem Griffelgequietsch ans Schiefertafeln gab es nichts, was ihn so nervös gemacht hätte, wie solche Stuhl- und Rntschfahrten ihm zu Hünpten.
Aber freilich, seine der gesamten Wohnungsfrage geltenden Svrglichkeiten beschränkten sich nicht ans Luftschicht und Hans- rnhe, sondern zeigten sich beinah inehr noch in dem Raffinement, mit dem er bei der Wahl der Stadtgegend verfahren war und Zietenplatz und Mohrenstraßen-Ecke gewählt hatte. Wie sich denken läßt, hielt er diese seine Kastell-Ecke für nicht mehr und nicht weniger als den schönsten Punkt der Stadt und lag darüber mit dem alten Grafen in einer beständigen Fehde. Dieser seinerseits zog die Behrenstraße weit vor, unterlag aber bei den sich darüber entspinnenden Streitigkeiten jedesmal, weil er in der üblen Lage war, mit bloßen legitimistischen Sentiments gegen Thatsachcn fechten zu müssen. „Ich bitte Sie, Graf," sagte dann Papageno mit einer von vornherein überlegenen Miene, „was haben Sie, Hand aufs Herz, in der Behrenstraße? Sie sehen nun schon sieben Jahre lang in das Portal der kleinen Manerstraße hinein, ohne je was anderes heranskommen zu sehen, als eine Kutsche mit einer alten Prinzessin oder einer noch älteren Hofdame. Das ist nur aber, offen gestanden, trotzdem die Kutschen zu sind, als Uoint <lc> vu<- nicht anziehend genug. Und nun vergleichen Sie damit meine Mohrenstraßen-Ecke? Sag' ich z» viel, wenn ich behaupte, daß mir, von meinem Ausguck ans, ganz Berlin, soweit es mitspricht, zu Füßen liegt? Was ich jeden Morgen zuerst zu begrüßen in der Lage bin, ist der alte Zielen ans seinem Postament. Als er noch weiß war, war er mir freilich noch lieber und wenn ich ihn damals so marmorblank in der Morgensonne