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Deutschland.
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Mutter und zwei ulte Tauten; dazu der Pastor, sein Arzt und sein Prokurist! Ader lustig waren sie darum nicht minder, wenigstens er und seine Freunde — etwas stiller die junge Frau! Er degriss es wohl. Für ein Weib der wichtigste Schritt des Lebens! Dazu die Angst vor den: unbekannten Etwas, vor dieser Ehe, über die die jungen Mädchen so viel sprechen, und von der sie so wenig wissen!
Er fühlte sich so glücklich, so glücklich!
Gerade als ihm dieser Gedanke durch den Kopf schoß — er hatte eben sein Champagnerglas an das seines Weibes . . . „seines" Weibes angeklirrt — erhob sich der Sanitätsrat und gab demselben lauten Ausdruck.
„In unserer materiellen Zeit, in der nur der Besitz den Besitz freit, endlich wieder eine auf der ideellen Grundlage der Liebe basierte Ehe!" so ungefähr begann der joviale, alte Herr- Innerlich dachte der schalkhafte Gonrmand und Weinkenner, daß zum Glück auch die materielle nicht fehle und sich hoffentlich in zahllosen, guter: Diners offenbaren würde.
Er schloß mit einer Aufzählung der beiderseitigen Vorzüge. „Auf der einen Seite der gefestete Sinn, der erfahrene, durchs Leben gereifte Gatte, der die zarte Blume, die der Sonne bedürfe, der Sonne der Liebe und des Geistes, in seinem Garten hegen und Pflegen würde . . . ."
Der Pastor und die Mama zerdrückten eine Thräne der Rührung; Ullenins zuckte und kribbelte es bedenklich in der Nasenspitze, aber er bezwang sich; die anderen lächelten oder dachten gar nichts; alle aber fielen sie in das brausende Hoch ein und stießen jubelnd mit den Gläsern zusammen.
Und Asta? Sie hatte es ja selbst so gewollt, sie hatte seine bald deutlicher werdende Neigung ermutigt, sie hatte ohne Zögern eingewilligt, die Seine zu werden. Der Mutter, die von der schnullen Witwenpension leben mußte und von den geringen Einnahmen, die einige Kommentare zu lateinischen Klassikern aus der Feder des verstorbenen Gatten nbwarfen, war der wohlhabende Schwiegersohn höchst willkommen. Dennoch hatte sie der Tochter die Frage vorgelegt, ob sie denn die Neigung dieses Mannes erwidere.
„Ich kann ihn ganz gut leiden!" hatte Asta darauf entgegnet.
„Asta, das genügt nicht!"
„O doch, Mama! Wer glaubt heute noch an die alles verzehrende Flamme? Das ist unmodern! Die meisten Ehen werden ja überhaupt nur aus Berechnung und ans Standesrücksichten geschlossen. Es ist schon eine Ausnahme, wenn man sich gern hat. Und ich habe ihn gern, er ist mir angenehm, sympathisch!"
Wie hätte er ihr auch nicht gefallen sollen, der sie bewunderte wegen ihres Geistes, verehrend zu ihr anfschante wegen ihres reichen Wissens, das seiner Dnrchschnittsbildnng bedeutend überlegen war! Wie das wohl that! Sie hatte das spöttische Achselzucken der jungen Herren, das Kichern der jungen Mädchen, wenn sie in einer Gesellschaft von ihnen forttrat, wohl bemerkt; sie hörte ordentlich das Wort: „Blaustrumpf!" Als sie sich darauf ganz in sich selbst znrückzog, da nannte man sie unliebenswürdig und grillenhaft. Daß sie nicht schön war, wußte sie auch; nur auf ihre dunkelbraunen dingen, die klug und feurig in die Welt blickten, war sie ein wenig eitel. Übrigens hatte sie sich bereits mit dem Gedanken vertrant gemacht, eine alte Jungfer zu werden, wenn auch erst nach schweren
Kämpfen. Eine brennende Sehnsucht nach dem Glück und den Gütern des Lebens verzehrte sie. Ans dem Einerlei ihres engen Daseins sehnte sie sich in die große Welt, in deren Künstler- nnd Gelehrten kreise. Auch der Reichtum an sich schien ihr begehrenswert; ein angeborener Schönheitssinn trieb sie zu Glanz und Luxus. Sie verkam in dieser Atmosphäre bürgerlicher Nüchternheit und Kleinlichkeit, in der geistigen Enge der Mittel- stadt. Nur ein Mann vermochte sie hinansznführen. Aber selbst diejenigen, die ihr nur eine behaglich-sichere Existenz bieten konnten, verschmähten sie. Wie hätte sie da jemals ans Erfüllung ihrer Träume hoffen tonnen! Und UlleninS bot ihr das alles. Was noch fehlte, wollte sie sich schon erkämpfen. Sie verschwieg es ihm wohl, aber sie war entschlossen, es dnrch- znsetzcn: daß er ganz oder wenigstens für die Wintermonate in die Hauptstadt des Deutschen Reiches übersiedelte.
Ullenins hatte seine Villa in der gartenreichen Vorstadt nach ihren Wünschen neu einrichten lassen. Was sie davon zu Gesicht bekommen — es war noch nicht alles vollendet — hatte ihr vor Freuden das Herz klopfen gemacht. Das Nest ihrer Träume!
Es war Anfang Mürz. Sie gingen zunächst nach Italien. Sobald es dort zu heiß wurde, wollten sie in die Schweiz flüchten.
Und während oben die Gäste lachten und dem Champagner Ansprachen, schlüpfte sie unter Beihilfe der Mutter und der Tanten in ihr Reisekleid. Dann fuhr der Wagen vor. Endlich hinaus in die Welt!.
In Florenz machte das junge Paar die erste längere Station. Asta sprach von mindestens drei Wochen, die sie hier den Knnstschützen widmen müßten. Es störte ihm eigentlich seine Pläne. Wie lange würden sie dann erst in Rom verweilen! Er konnte sich zwar auf seinen Vertreter verlassen, aber es standen demnächst wuchtige finanzielle Transaktionen bevor, bei denen er beteiligt war. Er hatte es sich so schön ansgemalt, den Sommer an ihrer Seite in seiner lauschigen Villa zu verleben, wo jeder Komfort ihnen zur Verfügung stand. Aber Astas Wille war auch der seine; ihr überlegener Geist hatte den seinen geradezu hypnotisiert.
Mit Andacht lauschte er ihren Erklärungen, wenn sie Vörden ältesten Bildern in das größte Entzücken ansbrach und ihm nun spaltenlange Vorträge über den Maler, seine Zeit, seine Schule und seine Intentionen und über die Geschichte des Bildes hielt. Er stand verklärten Antlitzes neben ihr, auch wenn er kein Wort verstand, und unterdrückte standhaft das Gähnen. Hätte er nur ebenso seinen: Magen Schweigen gebieten können! dlls er sich einmal eine diesbezügliche Bemerkung erlaubte — sie trieben sich schon seit fünf Stunden in den Uffizien herum — hatte sie ihn starr angesehen, verächtlich mit den Achseln gezuckt und war dann schweigend neben ihm dem Ansgang zngeschritten. Den ganzen Tag konnte er ihr kein freundliches Lächeln mehr entlocken. Wenn er einmal seine Unwissenheit in Kunstdingen durch eine naive Bemerkung verriet, blickte sie ihn so seltsam an, als ob sie ihn fragen wollte: „Bist Du mein Mann?" Er hatte sich eigentlich seine Hochzeitsreise ganz anders vorgestcllt. Aber wenn sie dann wieder ihren Arm in dei: seinen schob und so lieb und gescheit zu plaudern wußte, dann fühlte er sich unendlich glücklich, einen solchen Schatz sein zu nennen.