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Im Hotel hatten sie die Bekanntschaft eines' sangen Ehepaares gemacht, das seit zwei Jahren vermählt war. Asta erinnerte sich, den Namen Stillfried bereits gelesen zn haben. Er war Schriftsteller, Novellist und Dramatiker. Das Theater hatte sich ihm zwar bisher spröde verschlossen, aber novellistische Arbeiten seiner Feder waren in vornehmen Familienzeitschriften erschienen. Man sing an, ihn zn nennen. Stillfrieds machten in Berlin ein großes Haus, da die junge Frau sehr vermögend war, wie ein Berliner Herr, ein alter Bekannter Ullenins', diesem erzählte. Sie sei seit ihrem zehnten Jahre Waise und habe ihren zahlreichen Bewerbern den jungen Dichter vorgezogen, den sie ganz gegen den Willen des ehemaligen Vormundes endlich heiratete. Sie betete ihn an und glaubte mit unerschütterlicher Gewißheit an seine große Zukunft. Als selbstverständlich sprach sie davvn. Wendungen wie: „Wenn mein Mann erst durchgedrungen ist . . . wenn er erst einen großen Namen hat . . ." entschlüpften ihr fast täglich.
Der junge Dichter schrieb hier seinen ersten Roman — natürlich aus dem Leben der Reichshauptstadt. Um den: gesellschaftlichen Treiben zu entflieheu, hatte er sich nach Florenz zurückgezogen.
Einige deutsche Künstler, die in der Arnostadt ihren Studien oblagen, fanden sich dazu. Es war eiu anregender Kreis, in dem Asta den Mittelpunkt bildete.
Ullenius drängte endlich zur Abreise, da sie doch wenigstens noch Rom sehen wollten, ehe die heiße Jahreszeit sich einstellte.
„Wir werden im nächsten Winter nach Rom gehen!" meinte Asta. „Wir sind doch keine Hochzeitsreisenden, die Italien mit dem Baedeker in der Hand in vierzehn Tagen durchfliegen wollen, um «alles» gesehen zu haben!"
Sv blieben sie denn. Einem engeren Kreise las Stillfried zuweilen das eben beendete Kapitel seines Romans vor. Er machte Eindruck damit; das Werk versprach wirklich bedeutend zu werden. Asta nahm den lebhaftesten Anteil daran. Der Dichter trug, ungleich den meisten seiner Kollegen, meisterhaft vor. Es durchbebte sie seltsam, wenn er mit seiner warmen, tiefen Stimme die Gestalten seiner Phantasie belebte, wenn sie dieselben immer runder und plastischer herauswachsen sah. Wie anregend war das, und wie stolz machte es sie, der Entstehung eines so bedeutenden Werkes beizuwohnen!
Und auch Stillfried fühlte sich angeregt. Asta besprach die Entwickelung der Charaktere, die Ausgestaltung des Planes mit ihm; ja, sie opponierte ihm sogar, gab ihm neue Gedanken und machte ihn auf Lücken und psychologische Fehler aufmerksam, während seine eigene Frau alles gut hieß, was er ihr erzählte. Das ewige „Ja" wurde ihm auf die Dauer langweilig, wenn es dem eitlen Dichter auch bereits zum Bedürfnis geworden war, sich beständig von seinem Weibe bewundern zu lassen.
Ullenius fühlte sich dagegen nicht mehr ganz wohl in diesem Kreise, dessen Interessen er nur sehr oberflächlich teilte. Er wäre lieber mit seiner jungen Frau allein gewesen. Auch eine gewisse Langeweile an der „Reihe von schönen Tagen" überkam ihn, Sehnsucht nach seiner gewohnten Thütigkeit, nach den Freunden und dem lauschigen Heim. Aber er hatte Asta so fest versprochen, den größten Teil des Sommers in der Schweiz zu verleben, daß er diese Gedanken ängstlich in sich verschloß.
Eines Tages gab es den ersten Zank zwischen ihnen. Sie saßen wieder einmal allesamt auf der Terrasse und schlürften roten Chiantiwein. Eine Diskussion über russische Littera- tur hatte sich eutspouuen. Plötzlich wurde auch der Name „Raskolnikow" geuauut. Ullenius eriuuerte sich dunkel, der: Roman einmal gelesen und eine tiefe Wirkung empfunden zu haben, llm auch ein Senfkörnchcn zur Unterhaltung beizutragen, sagte er schnell: „Raskolnikow ist Puschkin's bestes Werk!"
Der Dichter lachte hell auf. Das Schweigen der anderen belehrte ihn, daß er eine Dummheit gesprochen. Asta funkelte ihn so eigentümlich an; dann erwiderte sie mit etwas bebender Stimme: „Du verwechselst es im Moment, mein Lieber, es ist von Dostojewski! Du weißt es ja, denu wir sprachen erst neulich davon!"
Als sie später allein waren, machte sie ihm eine heftige Scene. Er Hütte sich und sie „blamiert;" denn wenn auch ein Bankier nicht Kenner der russischen Litteratur zu sein brauche, jeder gebildete Mensch, der in der Gesellschaft lebe und mit Künstlern Verkehre, müsse doch mindestens wissen, daß dies Buch nicht von Puschkin sei, der lange vorher gestorben. Sie behandelte ihn zwei Tage lang kühl, und durch allerlei Aufmerksamkeiten mußte er sich erst wieder ihre Gunst erkaufen.
Stillfrieds beabsichtigten nach Luzern zu gehen. Dort, im Anblick der großen Natur, umtost von einen: internationalen, weltstädtischen Leben und Treiben, hoffte der Dichter die Stimmung zu finden, deren er zur Vollenduug, zur letzten und schwersten Arbeit an dem Werke bedurfte.
Man verabredete also, sich in wenigen Wochen am Ufer des Vierwaldstädter Sees wieder zn treffen. Ullenius hatte zuerst an Jnterlaken gedacht, aber Asta zog Luzern vor. Es war doch angenehm, die reizende Bekanntschaft fortzusetzen.
Vorher gingen sie nach Rom. Asta drängte bald wieder zur Abreise. Es sei ihr zu heiß, uud sie wolle der ewigeu Stadt eineu ganzen Winter widmen.
Im „Schweizer Hof" zn Luzern fanden sie die Freunde wieder. Stillfried hatte eine zusammenhängende Wohnung gemietet, die er mit mehreren Schreibtischen ansstaffierte: Zimmer nach vorn. Zimmer nach hinter:, um je nach seiner Stimmung und nach dem Gang der Handlung seines Werkes schweigsame Gartenparties: oder das bunte, bewegte Treiber: des Weltkurortes auf den: Quai vor Augen zu Haber:. Beides rege ihn an, behauptete er. Das Buch näherte sich mit Riesenschritten seiner Vollendung. Um so mehr bedurfte er des Rates, überhaupt eiues Menschen, dem er seine Gedanken entwickeln konnte, wie es seine Art zu arbeiten mit sich brachte. Sie machten lauge Promenaden längs des Sees. Eifrig
sprechend schritt der Dichter mit Asta voran, langsam folgten ihnen die beiden anderer:. Ullenius fühlte sich sympathisch vor: der kleinen, liebenswürdig-heiteren Frau Stillfried berührt, mit der er über Küche und Haus, über ihre Umgebung, selbst über Politik uud Litteratur, aber frei vor: jeder Prätention und jeden: gelehrter: Hintergründe plaudern konnte, ohne befürchten zu müssen, zurechtgewieseu zu werden. Doch mußten der Dichter und Frau Asta auch oft allein gehe::. Ullenius hatte sich dicke Aktenstöße und ein reichhaltiges, gedrucktes Material nach Luzern kommen lasser:. Die Finanzierung jenes großen Unternehmens stand nun bevor, und eifrig studierte er die