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Deutschland.
25.
Berichte und Kostenanschläge. Frau Stillfried kränkelte dagegen oft, so daß ihr der Arzt größere Fußtouren verboten hatte.
Eines Tages — sie unternahmen gerade ihren gewohnten Spaziergang am Ufer — blieb der Dichter plötzlich überrascht stehen. Asta hatte ihm klar und logisch eine dem Werke durchaus nötige Episode entwickelt, über die er sich seit einer Woche den Kopf zergrübelte, ohne das Richtige zu treffen.
„Aber mein Gott, Sie sind ja selbst eine Dichterin!"
Eine Glntwelle stieg ihr bis in die Schläfe.
„Sie scherzen!"
„Mein völliger Ernst! Wer das kann, kann auch noch mehr!"
Sie starrte ihn ungläubig an; der Gedanke war ihr noch nie gekommen, daß sie selbst — ah, Thorheit!
„Haben Sie es denn noch nie versucht?" fragte Stillfried, der dem Ruhm des Dichters noch gern den des Entdeckers hinzugefügt Hütte.
„Nein!"
„Haben Sie nie etwas geschrieben?"
„Ja, allerdings," stotterte Asta verlegen; „aber durchaus nicht mit dem Gedanken an die Öffentlichkeit!"
„Das ist oft das Beste, weil das Unbefangenste und Ehrlichste! Was ist's denn?"
„O, nnr Tagebuchblütter — Erinnerungen an die Reise — abgerissene Gedanken — Beobachtungen von Menschen und Dingen!"
„Geben Sie es mir!"
Sie schritten weiter. Gleich darauf sprach er wieder von seinem Werk. Ringsumher Hütten die schneebedeckten Berge znsammenbrechen, die Franzosen Hütten in die Schweiz einfallen können: solange seine persönliche Sicherheit und Ruhe nicht bedroht waren, Hütte er von seinem Roman gesprochen, der alles andere aus seinem Kopfe verdrängte.
Asta gab ihm das Tagebuch, entfernte jedoch vorher einige Blätter, die sich mit ihm beschäftigten. Mit fröhlicher Sorglosigkeit und treffender Sicherheit waren ihre Flvrenzer Frennde darin skizziert. Sie hatte scharf und deutlich die Eigentümlichkeiten eines jeden getroffen; ein starker Hang zur Satire machte sich außerdem darin bemerkbar. Auch hatte sie verschiedene komische Reise-Episoden vortrefflich geschildert.
Stillfried riet ihr, das Beste ans diesen Blättern abgerundet zusammenzustellen. Er wolle es als „Reiseskizzen einer Weltdame" an die befreundete Redaktion einer Zeitschrift übermitteln.
Asta machte sich zitternd und freudestrahlend an die Arbeit. Der Gedanke an einen litterarischen Erfolg berauschte sie geradezu.
Als der Sommer sich seinem Ende näherte, waren die „Reiseskizzen" fertig, der Roman Stillfrieds auch.
Man rüstete sich zur Heimkehr. Ullenius, den wichtige Geschäfte riefen, und der sich mehr als je nach seinem Heim sehnte, konnte die Zeit bis zur Abreise kaum noch erwarten.
Man nahm Abschied. Der Bankier versprach, seine Frau auf einige Wochen nach Berlin mitzubringen, da ihn die Geschäfte im Laufe des Winters öfters dort hinführen würden. Asta dachte sich heimlich, daß ans den Wochen schon Monate werden sollten.
Als sie ihr vornehmes, lauschiges Heim betrat, das nach seiner Vollendung alle ihre Erwartungen weit übertraf, wurde
sie wankend in diesem Entschluß. Der Komfort und gediegene Luxus, der sie hier umgab, und den sie ihr Eigentum nennen durfte, entzückten sie.
Außer einem Boudoir hatte ihr der Gatte ein Arbeitszimmer mit einem großen Schreibtisch einrichten lassen, über den sich eine von Blattgrün umsponnene, kleine Laube wölbte. Asta hatte einmal flüchtig etwas derartiges angedeutet. Sie fiel ihm jubelnd um den Hals. Wie wollte sie hier dichten und schassen! Sie wollte nicht bloß die reiche, sie wollte auch die gefeierte Frau sein. Stillfried hatte ihr Mut gemacht; sie stürzte sich jetzt in die Arbeit. Zum erstenmal versuchte sie sich frei schaffend an einem erfundenen, novellistischen Stoff. Es war doch schwerer, als sie glaubte. Ihre Phantasie arbeitete trüge; die Erzählung wollte nicht voranrückcn; die Charaktere sah sie nicht lebendig und farbenfrisch, nnr wie bleiche Schemen standen sie vor ihr. Sie fühlte den Unterschied zwischen dem Dichter, der wie ein Gott aus dem Nichts schafft, und dem Schriftsteller, der ein Gegebenes nur klar und prüeis anszu- gestalten hat. Aber sie schob es ans ihre Anfüngerschaft, der die Technik und die Übung mangelten.
Ullenius war es zufrieden, daß sie ihre Zeit so ansfüllte. Es schmeichelte ihm, eine Frau zu besitzen, der bald die Welt huldigen, die den Lorbeer ans ihre Stirn drücken würde. Die Wirtschaft lag wohlgeborgen in den Händen seiner alten, verläßlichen Haushälterin, über die Astas Mutter jetzt eine Art Oberaufsicht führte. Sein Weib war zu klug, um an Küchen- und Haussorgen allein ihr Genügen zu finden. Das hatte er ja vorher gewußt. Wenn sie nnr glücklich war und dies Glück in ihrem Benehmen auch auf ihn ansstrahlte. Sie war wieder so liebenswürdig wie in den ersten Zeiten ihres Brautstandes. In ihrem herrlichen Heim fühlte sie zu tief, was sie ihm zu verdanken habe.
Wenn er aus seinem Comptoir nach Hanse kam, eilte sie ihm freudig entgegen und las ihm vor, was sie geschrieben und ersonnen. Ihm war es eine Erholung von der trockenen Zahlenarbeit; er nickte schmunzelnd und bewundernd und fand alles bedeutend.
Verkehr hatten sie wenig. Gleich im Anfang gaben sie einige große Abfütternngsgesellschaften, in denen sie ihren Reichtum und ihr behagliches Heim dem Neide zur Schau stellte. Nachdem dies notwendige Opfer gebracht war, zog sich Asta von allen zurück, da ihr diese Art von Geselligkeit nicht mehr genügte. Auch Ullenius war es zufrieden. In seinen wenigen Mußestunden hatte er sein Weib gern für sich.
Von Stillfrieds empfingen sie nur spärliche Nachrichten. Der Dichter war wieder in den gesellschaftlichen Strudel hineingerissen worden. Sein Roman war erschienen, hatte aber nicht das von ihm erwartete Aufsehen erregt, jedenfalls war es nicht der ersehnte «oou^ äs touärs.» Er klagte über die Kritik und das Publikum, das nnr die Fabrikmarke schon berühmter Autoren schütze. Als ob sich diese Dichter nicht ebenfalls in schwerem Kampfe gegen ihre berühmten Vorgänger diese „Fabrikmarke" Hütten erwerben müssen.
Eines Tages kam ein Brief von der Redaktion der Zeitschrift, welcher Stillfried das Manuskript der „Neiseskizzen" übergeben hatte. Kaum getraute sie sich, das Couvert zu öffnen. Man hatte den Beitrag angenommen, und ein höchst schmeichelhafter Brief forderte sie zur ferneren Mitarbeiterschaft auf