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dadurch der eine Teil des Offiziereorps als minderwertig bezeichnet wird und so die Zweiteilung, die wir beim Berufsoffizier konstatierten, auch hier, fast künstlich, erzeugt wird. Diese Thatsache ist um so einschneidender, da sich das französische Reserveoffiziereorps nicht nur aus den einstigen Freiwilligen, sondern auch ans den verabschiedeten Offizieren der aktiven Armee, hauptsächlich auch solchen, welche diese wegen erreichter Altersgrenze verließen, ergänzt. Die Gerechtsame der Reserveoffiziere in dieser Weise zu beschneiden, erscheint unnötig, weil die Aufgaben der Snbaltcrnvfsiziere im Kriege sämtlich derart sind, daß zur Erfüllung derselben eine solche Vertrautheit mit den Reglements genügt, wie sie der Reserveoffizier im Durchschnitt besitzt. Die Thätigkeit, welche ein größeres Maß des Wissens von dem Linienoffizier verlangt, liegt besonders in der Friedenszeit dort, wo er als Lehrer und Erzieher wirkt. Seine Thätigkeit in der Ausbildung der Truppe, welche sicher, wie eine gute Maschine, funktionieren soll, ist die des Maschinen- banens, und hierzwischen und dem Maschinenführen ist doch wohl ein Unterschied. Ans allem, was wir gesagt haben, erhellt, daß die Überlegenheit des deutschen Heeres gegenüber dem französischen von 1800 — wir schließen ans einem Teil, dein Offiziereorps, ans das Ganze — in seinen militärischen Institutionen, welche in Fleisch und Blut des ganzen Volkes übergegangen sind, in einer durch zwei Geschlechter bewährten Organisation, in einer gewissenhaften Ausbildung besteht. Diese Überlegenheit wird Deutschland noch lange über Frankreich haben, um so länger, je mehr den Franzosen durch fortgesetzte politische Wirren unmöglich wird, ans ihrer Armee ein wirklich homogenes Ganzes zu machen, wie es das Deutsche Reich unter Führung seines obersten Kriegsherrn in seinem Heere besitzt.
Gedichte iu Kross.
Boil
<Dtcr Kcrnksori. (Schlus;.)
4.
(Mch war gewandert vom frühen Morgen. Es sing an zu --.H dämmern, die Gegend war öde und ich sah keine mensch-
liehe Wohnung. Die Nacht kam, schwarz und ohne Sterne.
Ich blieb stehen, da der Weg sich abzweigte. Ich war in Ungewißheit, welchen ich gehen sollte; da sah ich ein Licht ganz in meiner Nähe schimmern. Bei seinem Schein erkannte ich einen alten Mann, der ans einem gefüllten Baumstamm saß. Sein Bart war so lang, als wäre er Jahrtausende gewachsen, und sein Haupthaar so weiß, als wäre es gebleicht im Schnee der Eiszeit.
„Kannst du mir sagen, alter Mann," fragte ich, „welchen dieser beiden Wege ich gehen muß, um Herberge zur Nacht zu bekommen?"
Der Greis sah ans und seine Angen, die mir aus einer unendlichen Tiefe und ans einer Ferne wie die des Abendsterns hervorznblicken schienen, betrachteten mich aufmerksam.
„Geh nach rechts, junger Mann. Siehst du das Licht dahinten, das große Licht, das so groß ist, weil es so nahe ist? Folg' dem Weg zu diesem Licht; er führt dich vor Mitternacht zu einem Wirtshaus, wo ein warmes Bett ans dich warten wird, ein gutes Abendessen und muntere Gesellschaft."
„Aber sage mir auch," versetzte ich, „alter wunderlicher Mann, der du so weise anssiehst, wohin führt der Weg zur Linken und was ist das für ein kleines Licht, das ganz schwach in der Ferne blinkt?"
„Das Licht sieht so klein ans, weil es so unendlich fern ist," antwortete der Alte. „Aber es ist das größte und klarste Licht, das jemals in der Welt geleuchtet hat. Lasse dich aber nicht von ihm verlocken, denn du erreichst es niemals.
„Ich selbst stand einmal an diesem Scheidewege, ganz wie du, junger Mann, zweifelnd, welchen Weg ich gehen solle. Es ist lange her, damals war ich jung wie du. Ünd es war an einem Abend wie dieser; aber das Dunkel war tausendfach dunkler. Und die Stunden wurden Jahre und Jahrhunderte, und es blieb Nacht um mich her und das Licht vor mir schimmerte immer gleich undeutlich. Da wurde ich müde und kehrte um; und jetzt sitze ich hier und weiß nicht, wohin ich gehen soll.
„Geh zur Rechten, junger Mann, dorthin, wo das große Licht leuchtet, das so groß scheint, weil es so nahe ist. Du findest da ein warmes Bett, gutes Abendessen und muntere Gesellschaft."
„Aber du selbst, alter Mann, sehnst du dich nicht auch nach Wärme und nach einem Dach über dem Haupt, nun da es kalt wird und die Nacht hereinbricht?"
Da erhob der Alte seine Leuchte und das Licht siel hell auf sein Gesicht und es hatte einen Ausdruck, stumm und rätselhaft, wie die Winternacht. Und er erhob sich und fing an vor mir zu wachsen, bis er dastand wie ein Berg mit ewigem Schnee auf seinem Scheitel, und ich selbst fühlte mich kleiner als der kleinste Wurm ans dem Felde.
„Für mich giebt es keine Nacht und keinen Tag und keinen Raum in den Häusern der Menschen; und gäbe es auch Raum, die Menscheil ließen mich nicht hinein. Denn sie kennen mich nicht."
o.
Mitten ans dem Oeean, der sich in seiner Unendlichkeit zwischen der alten und neuen Welt ansbreitet, sah ich eines Vormittags vom Deck meiner Lnstjacht einen schwarzen Punkt an dem fernen leeren Horizont. Erst glaubte ich, es sei ein Schiss, aber als er näher kam, zeigte es sich, daß er ein Tier war von unbekannter Gestalt, doch ähnlich einem Ochsen, der wie eine Eidergans ans dem Wasser springt. Schon ans weiter Ferne brüllte er mir entgegen: „Wer bist du, Wurm?"
„Wurm selbst!" entgegnete ich. „Ich bin Jnng-Ofep; wer bist du?"
„Ich bin der große Bos Hnmanitatis, um welchen die Völker tanzen. Auf die Kniee vor mir!"
„Ich bete keine unbekannten Götter an. Entblöße deines Wesens Rückenmark und die Nieren deiner Seele, daß ich erkenne, wer du bist."
Da sprang aus dem Mund des Ungetüms ein Pergamentstreifen, wie auf mittelalterlicheil Bildern, lind ans ihm standen die Worte: „Das Wohl der meisten ist das höchste Wohl."
Und der Koloß polterte: „Das ist die große Wahrheit, die einzige Wahrheit, die es je in der Welt gegeben hat und geben wird. Ans die Kniee! Diese Wahrheit betet alles Volk an und in allen Zungen wird ihr Lob gesungen. Bor ihr soll alles ans sein Angesicht fallen. Alles soll ans dasselbe Niveau gebracht werden, das Dnrchschnittsnivean: was drunter ist, soll hinanfgehoben werden, was drüber ist, soll hinabgedrückt werden. Hinunter, ans die Kniee!"
„Ich glaube dir nicht. Ich glaube nur an den Einen. Ich glaube an mich selbst. Der Gott, vor dem ich knieen kann, wohnt in meiner eigenen Brust, wo ich ihm eine Kammer bereitet. Ich nähre ihn mit meinem besteil Wein, ich fülle das Zimmer mit selteneil Gewächsen, meine Seele freut sich, wenn ich sehe, wie mein Augapfel sich täglich größer wächst. Ist er einmal flügge, so soll er frei über den blauen Räumen schweben und poch über dem Sumpf, in dem deine Kriechtiere sich tummeln.
„Ihn willst du töten. Im Augenblick, wo ich dich an- betete, Ungeheuer mit dem stumpfen Blick, müßte mein stolzer Gott sterben."
Da schnaubte das Untier, daß das Wasser Wellen schlug und Schanmslocken umhersprangen.