Heft 
(1889) 28
Seite
467
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ÜW 28.

Deutschland.

Seite 467.

Schneegestöber stellten sich plötzlich ein. Die Menschen zogen sich in die warmen Stuben zurück; nur in dicken Pelzen und Winterkleidern wagten sie sich noch heraus. Auch Stillfried und Asta, die sich wie zwei leichtbeschwingte Sommervöglein nur auf die bessere Jahreszeit eingerichtet, mußten ihre Gar­derobe vervollständigen. Allerlei unvorhergesehene Nebenaus­gaben ergaben sich daraus, und mit Schrecken blickte der sonst so sorglose Dichter auf seine fast geleerte Kasse. Er rechnete jetzt stark auf die Annahme seines Romans, die sich trotz wie­derholter Mahnungen ungewöhnlich lange verzögerte. Es war daher ein Donnerschlag für ihn, als er denselben mit einem vernichtenden Briefe zurückerhielt. Seine schwächste Arbeit wurde er darin genannt. Er raste erst gegen den Heraus­geber der Zeitschrift, dann gegen Ullenius, der jenen bestochen habe. Man wolle wegen des Vorgefallenen seine Carrisre unmöglich machen; es sei ein Komplott. Er witterte Ullenius hinter allein und jedem, was ihm hindernd in den Weg trat. Asta mußte ihm mühsam das Kindische und Alberne solcher Einbildungen klar machen. Da versank er in tiefe Apathie und Mutlosigkeit. Seine Phantasie sei erloschen; er müsse jetzt als Schreiber sein Brot verdienen oder ein Handwerk er­lernen, wenn er nicht Hungers sterben wolle. Vergeblich ver­suchte sie, gegen diesen Wahn anznkämpfen. Endlich machte sie ihm den Vorschlag, er möge eine Stellung als Redakteur annehmen. Bei seinen Verbindungen müsse es ihm ein Leichtes sein, irgendwo unterzukommen. Da richtete er, der noch eben ein Handwerk erlernen wollte, sich stolz auf. Er wolle nicht seine kostbare Zeit, die ganz der Muse gewidmet sein müsse, im Tagelohn einer Zeitung vergeuden. Aber diese kostbare Zeit widmete er jetzt nicht der Muse, sondern dem Müßiggang. Zweck- und ziellos schleuderte er in den Straßen umher, spielte im Kurhaus mit einem alten Pensionär, den er dort kennen gelernt, Schach, oder lies Schlittschuh auf dem Kurweiher. Wenn ihn Asta an die Arbeit mahnte, erwiderte er unwirsch: Morgen ich bin heute nicht in der Stimmung!"

Eines Tages wurde ihn: eine freudige Überraschung zu teil. Er traf auf dem Korso der Stadt, in der Wilhelmstraße, die er ein paarmal auf und ab spazierte, um sich vor Tisch Appetit zu machen, seinen alten Schulkameraden und Freund Delarive. Dieser, Mitglied der französischen Kolonie, war im übrigen eip echter Berliner. Der preußische Reserveoffizier guckte an allen Ecken und Enden hervor, von dem durchge­zogenen Scheitel und dem nach oben gedrehten Schnurrbärtchen bis zu den schmalen Stiefeln und den engen Beinkleidern mit Sprungriemen. EinigeSchmisse," die er sich in Heidelberg zugelegt, machten schon von weitem auf den alten Corpsstuden- teu aufmerksam. Nachdem er einige Zeit dasJus" nicht studiert, war er plötzlich zur großen Überraschung seiner Freunde Mitglied der Redaktion einer bedeutenden konservativen Zeitung geworden, für die er schneidige, regierungsfreundliche Leitartikel schrieb. Auch für den Unterstock des Blattes arbeitete er zu­weilen. Seine Militärhumoresken und seine Skizzen aus dem Ball- und Gesellschaftsleben Berlins wurden überall gern ge­lesen und hoch bezahlt. Im übrigen war er ein sogenannter guter Kerl" und Stillfried besonders zugethan, denn beide hatte ein seltsames Schicksal von der Schulbank an, von wo sie dieselben schlechten Zeugnisse nach Hause gebracht, immer wieder zusammcngeführt.

Haha, da ist er!" grüßte der andere schon von wei­tem und streckte ihm die rotbraun behandschuhte Rechte ent­gegen.Dachte mir doch, hier würde ich Dich treffen! Pro­menadenzeit eleganteste Straße Eure Wiesbadener «Lin­den!» Na, Bengelchen, wie siehst Dn denn aus? 'n bißchen bleich! Ist ja ein ganz vergnügtes Leben hier mal was anderes!"

Wo kommst Du her?" fragte Stillfried schnell.

Aus Berlin!"

Aber um diese Jahreszeit?!"

Großes Manöver mitgemacht und fabelhaften Rheuma­tismus geholt! Dazu das verfluchte Bummelleben Nerven verstimmt total zusammengeklappt! Voilü tont! Der Doktor hat mich weggeschickt, ich soll hier baden und massiert werden! Wird wohl den ganzen Winter dauern! Na, freust Du Dich?"

Das kannst Du Dir denken! Wann bist Du denn ge­kommen?"

Erst gestern abend; ich wohne im «Nassauer Hof!» Ich wollte Dich heute aufsuchen! Na, sage mal, wie gehlls Dir denn eigentlich? Du siehst aber gar nicht vergnügt aus!"

Unsinn! Ich bin glücklich!"

Du hast uns schön überrascht. Ich war baff, alle waren baff!"

Wahrhaftig?"

Zum erstenmal schlich sich - ein leises Lächeln über des Dichters ernste Züge. Eine zarte Röte der Erregung färbte die blassen Wangen, seitdem ihn der Freund angesprochen. Seine Nüstern blähten sich, als atme er die heimatliche Luft Berlins, die den eleganten, jungen Mann förmlich umwitterte.

Man hat also viel von mir gesprochen?" fragte er weiter.

Na, das kannst Du Dir denken! Eine ganze Woche lang hat man über Deinen dummen Streich gezetert!"

Sie waren in die Anlagen des sogenanntenWarmen Dammes" eingebogcn, die sich längs der eleganten Straße hin­ziehen. Hier gingen um diese Zeit wenig Menschen, und man konnte die Stimme lauter erheben. Unter ihren Füßen knirschte der festgetretene Schnee; auf den Bäumen funkelte und glitzerte er im Sonnenschein.

Natürlich alle Philister und die sogenannten ehrbaren Frauen, die nur heimlich sündigen, verurteilen uns!" erwiderte Stillfried mit erhobener Stimme, als wenn er seiner zurück­gebliebenen Zeit den Fehdehandschuh hinwerfe.

Na, weißt Du ... hm, Du bist etwas aufgeregt! . . . Lassen wir das Thema für heute!"

Aber meine Freunde, alle frei denkenden Menschen müssen doch begreifen? . . . Würdest Du an meiner Stelle, wenn Du ein Weib so liebtest wie ich Asta, nicht ebenfalls so handeln?"

Wie Dn weißt, bin ich kein Freund von Gewaltschritten! Es Hütte sich wohl auch auf gütlichem Wege eine Scheidung ermöglichen lassen. Freilich, bei Euch Poeten! ... Und dann es ist mir zwar sehr unangenehm, aber ich muß Dir sagen, wenn Du es durchaus wissen willst: man begreift nicht recht, daß Du Dein liebes, hübsches Frauchen wegen . . . wegen Frau Asta im Stiche ließest! Weißt Du, von der Moral will ich gar nicht sprechen, das würde mich sehr komisch klei­den! Über die Eheschranken könnte ich wohl auch 'rübervvlti- gieren! Aber dann müßte es eine Schönheit sein, eine eine wirkliche kxmuts oder . . .! Pardon, aber Du drängst