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Deutschland
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vom Papste die Gewalt, daß er dir alle deine Sünde abnehme um einen Hülbling (Heller). Und er lügt, daß man damit ledig sei gegen Gott, und er krönt den Teufel alle Tage mit viel tausend Seelen. Ihr sollt ihnen nichts geben; dann müssen sie abstehen von: Betrug. Dieweil ihr ihnen gebt, verkauft ihr euch in den ewigen Tod. Und sie ermorden euch und weisen euch weg von der rechten Buße, die Gott geheiligt hat, daß ihr nicht mehr büßen wollt." Dazu gehörte sicherlich ein größerer Freimut, eine größere Rücksichtslosigkeit, als mit der Pro- oinzialwürde bekleidet von der Kanzel der Wiener Augustinerkirche sich an Kollegen zu reiben, mögen sie auch die Wahrheiten, die Abraham ihnen entgegendonnert, vollauf verdienen. — Vollste Gerechtigkeit hingegen läßt er dem Stande der Ärzte widerfahren, die der Seele zerfallen Hans ausflicken. Ein heilender Mann ist gleich vielen zu achten, sagt irgendwo Vater Homer, und eine etwa gleiche Wertschätzung läßt sich auch aus Berthold erweisen. Vor Kurpfuschern und Quacksalbern wird gründlich gewarnt. Für des Leibes Siechtum sei manches Kraut gegeben, welches die Meister wohl kennen. Die mit einer Wunde jedoch nur umzugehen verstünden, sollten sich nicht die innere Kunst anmaßen und den Leuten Tränke geben. Sei solch Bönhasen wirklich einmal eine Kur gelungen, so sei es der pure Zufall. „Es sind Mörder ohne dich genug, die da die Leute töten, A'auo mit üinoii vmukon nmsio (wirke als Heilgehilfe)." Sollte einmal eine Hygiene des deutschen Mittelalters geschrieben werden, so bietet der Franziskaner, wie ich noch kurz bemerken will, nicht geringe Ausbeute.
Wir eilen zum Schlüsse.
Köstlich sind seine Worte über Ehe, Kinderzucht und Haushalt, Weibereitelkeit, Franbasengeschwätz, und wie derb setzt er die nnkenschen Eitelmacherinnen (die den Geldbeutel leer machen) zurecht! Eine wahre Fundgrube für deutsche Kultur- und Sittengeschichte! „Pfi, wie sitzest du da vor meinen Augen, Malerin? Willst du dich baß malen, denn dich der liebe Gott hat geschaffen?" herrscht er einmal ein geschminktes Weib an; und zu wiederholten Malen züchtigt er die öuotrllmiürmmi (llll vaolltellxün clos teut'sls, ckaroit er rimirolle 8eele üiiiaty die junges Blut um Gut und Leben bringen, dieweil sie die Jugend anffordern zu Tanz, Spiel und zum mürlum raun toruev (Klingsche Ansg. 421). Den Verlorenen selber aber (dis UXou üäute <lie unk' (lein prallen Zellen) ruft er voll sittlicher Entrüstung zu: Weh euch, daß euch die Hunde nicht fraßen eurer Mutter an der Brust, wie verfallet ihr in Hauptsünde. Einst ergriff er eine Buhlerin so gewaltig durch sein Stachelwvrt, daß sie ihrem sündlichen Leben entsagen will. Berthold fragt seine Zuhörer, wer sie zum Weibe nehmen wolle. Er wolle für die Mitgift sorgen. Es meldet sich jemand. Berthold verspricht zehn Pfund Pfennig Mitgift. Einige Männer veranstalten auf sein Geheiß eine Sammlung. Plötzlich ertönt seine Stimme: Krlllloit, ini8 llalxmum )i6<millmu, giuun <Maniu.8. Es waren just zehn Pfund, nicht mehr und nicht weniger gesammelt. — Ich nehme Anstand, weitere Proben ansznheben, bedeutsam für den Kultnrznstand jener Zeit, doch das moderne Schicklichkeitsgefühl verletzend. Bruder Bertholds Deutsch konnte wie Skorpione züchtigen und traf in das innerste Herz. Stahlblanke, nrkrüftige Worte und dabei eine -mini-, oaockicka.
Ist es nicht auffallend, daß erst in diesem Jahrhundert seine gewaltigen Reden bekannt wurden? Wieviel Schundliteratur ist nicht aus deutscher Presse hervorgegangen, die in die Stampfe von Rechts wegen gehört Hütte! Der große Franziskaner war verschollen. August Neander, der aus den Schlinggewächsen des Talmud nicht wie manch anderer in den Irrgarten der Mystik geflüchtet, fondern ein gläubiger Christ ward, wie seine Mutter, Frau Mendel, eine gläubige Jüdin gewesen, hat zuerst die Aufmerksamkeit auf Berthold gelenkt und seinen Freund und Schiller C. W. Kling zur Herausgabe der Predigten des Franziskanermönches ermuntert. Den drei großen „volkstümlichen" Germanisten Jakob Grimm, Franz Pfeiffer, Will). Wackernagel, die nunmehr der grüne Rasen
deckt, war er ans Herz gewachsen und sie mochten von ihm nicht lassen, seit sie ihn erkannt. Auch den Theologen, Protestanten wie Katholiken, hat es Berthold angethan. Ein Ver- deutscher ist ihm in dem katholischen Priester Franz Göbel erstanden, doch Bertholds kräftige Sprache voller Natur und Erdgeruch ist geschwunden. Eine Monographie vom kulturgeschichtlichen Standpunkte, die doch manchem Unbedeutenderen schon zu teil geworden, ist eine Schuld, die die deutsche Litteraturgeschichte noch abzutragen hat. Ist kein Scherer da? Dankbar genug ist der Stoff. Zahlreiche Bausteine hat aus mittelalterlichen Predigten der Franziskaner und Mystiker vor einiger Zeit I)r. Heinrich Rinn im Osterprogramm der Hamburger Gelehrtenschule zusammengetragen. Seine Arbeit spricht für sich und bedarf meines Lobes nicht.
Nur noch ein Wort über den großen „minderen Bruder" selber.
Dem Ordenshause der Franziskaner zu Regensburg angehörig, erscheint er zuerst auf dein Schauplatze um das Jahr 1246. Ein Vierteljahrhnndert die .Kreuz und Quer besonders die Donaugelünde durchziehend, stirbt er am 13. Dezember 1272. Noch lange lebte das Alldenken an den unvergleichlichen Volksredner und Lentepriester in der Deutschen Herzen fort. Seine weitgreifende Wirksamkeit wird von zeitgenössischen und späteren Chronisten gewaltig gerühmt. Meister Frauenlobs Ruhmeszeile (ckuroll sinen munt rott Aot vom llimaliüollo) streift schon an eine Apotheose. Ist Berthold auch in der Lehrform der katholischen Kirche eingewurzelt — dem Priesterstand räumt er den Vorzug ein, die Lehre von der Verwandlung, von dem Werte der guten Werke, von der höheren Heiligkeit des ehelosen und jungfräulichen Lebens bekennt er ans innerstem Grunde — so hatte er doch Kopf und Herz auf dein richtigen Flecke, und in der Zeit des aristokratischen und hierarchischen Feudalismus ist eine so knorrige, eigenartige Persönlichkeit schier ein Wunder. Entspricht Wohl das Prunkstück, ein die Gebeine Bertholds umschließender, in Gold und Silber gefaßter Reliquienschrein, der — p 08 t tot ckmoriminn roram — der Schatzkammer des Regensburger Domes einverleibt worden, dem anspruchslosen Sinne des Minoriten? Erwähnt sei noch, daß Labaud in Straßburg in ihm den Verfasser des berühmten mittelalterlichen Rechtsbuchs „Der Schwabenspiegel" vermutet hat; doch die neuesten Untersuchungen, die die Frage zum Abschluß gebracht, haben die Hypothese als irrig hingestellt (Pfeiffer II, XXVII.). Schließen wir mit den Worten Franz Pfeiffers, der ihm ein dauerndes Denkmal durch seine große kritische Ausgabe (Bd. II ock. Strobl) gesetzt hat. „Möchten auch seine Gebeine gleich denen so vieler großen Männer vor und nach ihm zu Staub verfallen und mit den Winden verweht sein, sein besseres unsterbliches Teil nennte die Nachwelt gleichwohl und für immer ihr Eigentum: ans seinen Reden weht sein Geist uns entgegen und schlägt sein Wort an unser Ohr mit all der Gedankenfülle und Gemütstiefe, mit all der frischen, belebenden und ergreifenden Kraft, die vor (über) 600 Jahren Deutschland mit Bewunderung und Entzückei: erfüllten." Sieht er nicht staunend zu ihm auf, wie zu einem Riesenwerke der gotischen Baukunst?
Zu Mur Uordaus „Evoliltisnistischer Ästhetik."
Von
vl. Paul Otto Schmidt. (Fortsetzung.)
(o<^as „Was" und „Warum" des Ästhetischen in Natnr- und Menschenleben dürfte nach den vorhergegangenen Erörterungen bereits mit solcher Klarheit und Unzweideutigkeit in die Äugen springen, daß darüber kaum noch etwas zu sagen übrig bleibt; um so weniger, als in diesem Falle mit